Westermann Gruppe – Schulbuchschmiede mit langer Tradition

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2016

Der erste „Schulatlas über alle Teile der Erde“ von 1883 (Foto: Westermann)

Der erste „Schulatlas über alle Teile der Erde“ von 1883 (Foto: Westermann)

Der Diercke Weltatlas hat das Bild der Erde von ungezählten Schülergenerationen geprägt. Und tut es noch immer. Inzwischen gibt es ihn nicht nur in der dreihundertseitigen Printausgabe, sondern auch in digitaler Form und als Android-App. Sein Marktanteil liegt bei über 90 Prozent. Seit 1883 erscheint er und seit 1883 wird er vom Westermann Verlag herausgegeben, mittlerweile in der 185. Ausgabe. Seit seiner Gründung 1838 residiert der Westermann Verlag in Braunschweig und seit 1912 auf dem jetzigen Betriebsgelände in der Georg-Westermann-Allee im Südosten der Welfenstadt. Heute ist aus dem Westermann Verlag die Westermann Gruppe geworden, die zahlreiche Verlagsmarken unter ihrem Dach vereint. Das Produktportfolio des fünftgrößten deutschen Verlagshauses konzentriert sich auf Bildungsmedien in Print- und digitaler Form. Beide Produkte ergänzen sich. Fachleute sprechen von einem additiven Produktkranz. Rund 1.500 Mitarbeiter garantieren Lehrern, Schülern wie Eltern eine gleichbleibend hohe Qualität.

Shida Kiani ist eine von ihnen. Seit vier Jahren arbeitet die promovierte Politologin als Redakteurin bei Westermann und betreut Schulbuchprojekte für die Sekundarstufe. Shida Kiani ist in mehrfacher Hinsicht typisch für die Beschäftigten im Herzen des Verlages. Denn dort, wo Lehrbücher geplant, konzipiert und erstellt werden, verfügen die allermeisten Mitarbeiter über ein abgeschlossenes Studium, gar nicht selten auch sind sie promoviert. „Der perfekte Bewerber hat ein Lehramtsstudium abgeschlossenen, anschließend den unterrichtspraktischen Vorbereitungsdienst absolviert und das zweite Staatsexamen mit gutem Ergebnis bestanden“, beschreibt Reinhard Haase als Leiter Personal und Recht seinen Wunschkandidaten, der immer öfter eine Kandidatin ist. Auch wenn das alles keine unabdingbaren Voraussetzungen sind, wie sich am Beispiel der Redakteurin Kiani zeigt, bleibt doch die wichtigste Aufgabe aller Redakteure die zielgruppenspezifische Aufbereitung von Wissen.

Bildungsmedien für alle Altersstufen und Schulformen

Shida Kiani ist Redakteurin für das Fach Politik (Foto: Westermann)

Shida Kiani ist Redakteurin für das Fach Politik (Foto: Westermann)

Neben der fachlichen sind deshalb ausgewiesene didaktisch-methodische Kompetenzen oder, einfacher formuliert, Erfahrungen aus der Bildungsarbeit unerlässlich. Shida Kiani bringt sie aus der außerschulischen Bildungsarbeit mit. Wissen für Bildungsmedien aufzubereiten, wird bei Westermann aber schon lange nicht mehr auf den Schulsektor verengt. Nirgendwo dürfte das Schlagwort vom lebenslangen Lernen unternehmerisch auf so großen Widerhall gestoßen sein wie im Braunschweiger Verlagshaus. Nicht allein, weil man die damit verbundene wirtschaftliche Chance erkannte, sondern auch, weil man als Bildungsfachverlag von der Richtigkeit dieser These überzeugt ist. Mit ihren siebzehn Verlagsmarken bietet die Westermann Gruppe deshalb Bildungsmedien von der frühkindlichen und vorschulischen über die schulische bis zur beruflichen Bildung an.

Neben Westermann zählen für das allgemeinbilde Schulwesen die Verlagsmarken Schroedel, Schöningh und Diesterweg, in der beruflichen Bildung Winklers sowie der Bildungsverlag EINS zu den bekanntesten Namen. Für den vorschulischen und Primarbereich sind es die erst vor kurzem in der Westermann Lernspielverlage GmbH zusammengeschlossenen Schubi Lernmedien-Verlag, LOGO Lern-Spiel, Spectra Lehrmittel und schließlich Westermann Lernspiel. Alle bringen sie einen in vielen Jahren Geschäftstätigkeit aufgebauten Fundus an Erfahrungen in der Erstellung von Bildungsmedien mit. Anders als die Konkurrenten Klett und Cornelsen entschied sich die Geschäftsführung der Westermann Gruppe mit Erfolg, den übernommenen Verlagen ihre redaktionelle Eigenständigkeit zu lassen. Aus eigener Erfahrung mit solchen Unternehmensstrukturen weiß man, nur wer fachliche und unternehmerische Entscheidungsfreiheit besitzt, wird alle seine Potentiale aktivieren. Auch die Westermann Gruppe ist Teil eines Größeren. Sie gehört zur Medien Union GmbH.

Redaktionsarbeit ist Teamwork

Die Westermann Gruppe produziert die Schulbücher in hauseigenen Druckereien (Foto: Westermann)

Die Westermann Gruppe produziert die Schulbücher in hauseigenen Druckereien (Foto: Westermann)

Schulbücher zu verlegen, erweist sich für Redakteure wie Kaufleute im Verlagshaus Westermann als immer wieder große Herausforderung. Nicht nur ist Bildungshoheit Länderhoheit und müssen die Redakteure deswegen für jedes einzelne Unterrichtsfach sowie jede Klassenstufe die Vorgaben von 16 unterschiedlichen Lehrplänen berücksichtigen. Wichtiger noch, erst wenn die einzelnen Kultusministerien das mühevoll entwickelte Lehrbuch für den Unterricht in ihren Schulen genehmigen, kann ein Schulbuchverlag auf Absatz und Gewinn hoffen. Ein Schulbuch herauszugeben, ist stets Teamarbeit. Redakteure wie Shida Kiani sind hierbei in erster Linie Koordinatoren. Zunächst müssen sie entscheiden: Reicht die Überarbeitung der bisherigen Ausgabe oder ist eine völlige Neukonzeption erforderlich? Dann beginnt die Suche nach Autoren, in der Regel unterrichtserfahrenen Lehrern. In großen Unterrichtsfächern wie Mathematik, Deutsch oder Englisch kann deren Zahl durchaus 20 Personen und mehr erreichen, oft genug ergänzt durch zusätzliche regionale Autorenteams.

„Etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit entfällt deshalb auf organisatorische und koordinierende Tätigkeiten“, macht die Politologin Kiani deutlich. Dies umfasst zum Beispiel auch die Zusammenarbeit mit Grafikern, Illustratoren, Setzern sowie der Druckerei Doch sind die Schulbuchredakteure bei Westermann auch fachliche Experten, die tief in die Themen ihres jeweiligen Projektes einsteigen müssen. Immerhin gilt es, die Manuskripte unterschiedlicher Autoren inhaltlich wie sprachlich zu einer Einheit zu formen. Ein Buchprojekt nimmt sie schon einmal bis zu einem Jahr in Beschlag. Von größter Bedeutung erweist sich dabei die Terminplanung. Ein Schulbuch, das statt im Mai erst im November ausgeliefert werden kann, wäre eine Katastrophe. Shida Kiani ist deshalb froh, dass sie sich nicht auch noch um die Budgetplanung kümmern muss, sondern dies zum Aufgabenbereich der Redaktionsleitung und des Produktmanagements gehört. Das Gleiche gilt für das Marketing. Die vertriebliche Betreuung übernehmen unterdessen die Mitarbeiter der Schulberatung.

Lehrern das Unterrichten erleichtern

Der Leiter Personal und Recht Reinhard Haase (links) (Foto: Westermann)

Der Leiter Personal und Recht Reinhard Haase (links) (Foto: Westermann)

Zu letzteren halten freilich alle Redakteure engen Kontakt. „Die Schulbuchberater aus dem Vertrieb sind unsere Außenfühler“, beschreibt Kiani deren Bedeutung. Schließlich können Lehrer unter Lehrbuchangeboten mehrerer Verlage wählen. Da wird es wichtig, mit dem eigenen Buch zielgenau ins Zentrum unterrichtlicher Erfordernisse zu treffen. Dabei helfen unter anderem von den Schulberatern organisierte Veranstaltungen, auf denen die Autoren die Konzepte der Lehrwerke ausführlich vorstellen. In Zusammenarbeit von Schulberatung und Redaktion werden zudem auch Gesprächsrunden mit und Befragungen von Lehrern etwa zur Verwendungsfähigkeit des Buches sowie eventueller Verbesserungsmöglichkeiten durchgeführt. Freilich ist es genau diese Aufgabenvielfalt, die Shida Kiani an ihrem Beruf so schätzt. Aber auch die übrigen Redakteure scheinen es ähnlich zu erleben. „Die Fluktuation in diesem Geschäftsbereich“, erklärt der Leiter Personal und Recht Reinhard Haase, „bewegt sich auf ganz niedrigem Niveau.“

Die Einstellungschancen für Redakteure gestalten sich unterschiedlich. „Bis auf die Mangelfächer Mathematik und Physik verfügen wir derzeit über ein quantitativ wie qualitativ ausreichend großes Bewerberreservoir“, freut sich Haase. Das Handwerkszeug erlernen die Nachwuchsredakteure in einem Volontariat. Digitale Kenntnisse gewinnen inzwischen zunehmend an Bedeutung. Für größere Projekte hat die Westermann Gruppe sogar eine eigene IT-Gesellschaft gegründet, in der man mehr als 20 Informatiker beschäftigt. Bei gutem Erfolg erhalten die Redakteure im Anschluss an das Volontariat einen Festvertrag. Aufstiegsmöglichkeiten zum Gruppen- und Redaktionsleiter sowie in die Geschäftsleitung bestehen, erfordern bei flachen Hierarchien aber Geduld. Für schlechte Stimmung sorgt das indessen nicht. Die allermeisten Redakteure verstehen sich als fachliche Experten. „Ich möchte noch sehr lange als Redakteurin arbeiten“, spricht Shida Kiani für viele.

Persönlichkeit entscheidet

Westermann Verlag, Das Firmengelände im Südosten Braunschweigs (Foto: Westermann)

Westermann Verlag, Das Firmengelände im Südosten Braunschweigs (Foto: Westermann)

Das Personalwesen der Westermann Gruppe ist wie einige andere kaufmännische Bereiche auch interner Dienstleister für die Verlagsmarken, die drei zum Unternehmen gehörenden Druckereien in Braunschweig, Zwickau und Landau sowie den Auslieferungsservice und die Versandbuchhandlung. „Entsprechend der von den Fachbereichen erstellten Anforderungsprofile leiten wir die zentrale Suche ein und treffen eine erste Vorauswahl“, beschreibt es Reinhard Haase. „Die letzte Entscheidung für die Einstellung von Redakteuren liegt dann bei den jeweiligen Geschäftsführern.“ Anders die Dinge bei der Auswahl des kaufmännischen Nachwuchses. Bei Azubis und dualen Studenten hält Personalchef Haase selbst alle Fäden in der Hand. Während für die gewerblichen Ausbildungsberufe Bewerber mit dem Sekundarabschluss I gesucht werden, bevorzugt Haase bei den Kaufleuten das Abitur oder einen vergleichbaren Bildungsstand. Auch Studienabbrecher aus den ersten Semestern steht er offen gegenüber.

Filiz Karpaz, Sachbearbeiterin im Personalwesen, kam den Vorstellungen von Reinhard Haase an seinen Idealbewerber sehr nahe. Bereits als Schülerin besaß sie ein Faible für Zahlen und Wirtschaft. Da lag es nahe, das Abitur auf dem Beruflichen Gymnasium Wirtschaft abzulegen. Für die angestrebte Ausbildung zur Industriekauffrau besaß sie am Ende auch Angebote anderer Unternehmen. Sie entschied sich für Westermann, wo sie wenige Monate nach Ende ihrer Ausbildung bereits als Sachbearbeiterin in der Gehaltsbuchhaltung arbeitet. Nach einer ersten Vorauswahl anhand der Zeugnisse und einem erfolgreichen Auswahltest überzeugte sie auch im Vorstellungsgespräch. Das führt Reinhard Haase in aller Regel gemeinsam mit einem Azubi aus dem letzten Ausbildungsjahr. „Wir möchten etwas über den Menschen erfahren“, formuliert er das Ziel dieser Gespräche. „Wir wollen herausfinden, ob der Bewerber zum Beruf und in unser Unternehmen passt.“ Angst davor brauche niemand zu haben.

Eigeninitiative gefragt

Filiz Karpaz arbeitet nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau als Sachbearbeiterin im Personalwesen (Foto: Westermann)

Filiz Karpaz arbeitet nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau als Sachbearbeiterin im Personalwesen (Foto: Westermann)

Während ihrer Ausbildung durchlaufen die Azubis und künftig auch die dualen Studenten alle wichtigen Abteilungen. „Sie sollen den Verlagsprozess kennenlernen“, begründet Haase. Filiz Karpaz etwa war in der Arbeitsvorbereitung, der Produktion, dem Vertrieb, dem Wareneinkauf, der Buchhaltung und schließlich dem Personalwesen. „Das vermittelt einen guten Überblick über das Unternehmen und das Zusammenwirken der einzelnen Funktionsbereiche“, beschreibt sie ihre Erfahrungen. Für das erste Ausbildungsjahr setzt Westermann auf klare Vorgaben. Dann erwartet man zunehmende Eigeninitiative. Überhaupt kümmert man sich in der Georg-Westermann-Allee sehr intensiv um seine Nachwuchskräfte. Jahrgangsübergreifend und eigenverantwortlich organisieren die Azubis zwei Mal pro Monat innerbetriebliche Unterrichtseinheiten. Die Jüngsten erweitern ihr Wissen, die Älteren profitieren durch Präsentation und  Wiederholung für die Prüfungsvorbereitung.

Eine Übernahme kann Reinhard Haase nicht versprechen. Die setzt eine freie Planstelle voraus. Filiz Karpaz hatte das Glück der Tüchtigen. Eine Vakanz in der Gehaltsbuchhaltung, ihre guten Leistungen und ihr Interesse ließen ihre beruflichen Wünsche wahr werden. Sie ist über den ersten beruflichen Ansatz glücklich. „Die Kombination von kaufmännischen und rechtlichen Inhalten im Personalwesen“, erzählt sie, „entspricht genau meinen Vorstellungen.“ Einige Azubis entscheiden sich nach der Ausbildung für ein Studium, andere wechseln das Unternehmen. In Braunschweig und Umgebung hat man mit einer Ausbildung bei Westermann ein gutes Entree. Qualität spricht sich eben schnell herum. Filiz Karpaz will zunächst Berufserfahrung sammeln und dann eine Weiterbildung zur Personalkauffrau anstreben. Sie wie auch Shida Kiani stehen dafür, dass die Westermann-Gruppe auch weiter die besten Schulbücher verlegt.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.04.2016)

Firmengründung: 1838.
Sitz der Unternehmenszentrale: Georg-Westermann-Alle 66, 38104 Braunschweig.
Mitarbeiter: 1.500.
Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Industriekaufmann/-frau
  • Kaufmann/-frau für Büromanagement
  • Medienkaufmann/-frau Digital und Print
  • Kaufmann/-frau für Marketingkommunikation
  • Fachkraft für Lagerlogistik
  • Medientechnologe/-technologin Druck
  • Medientechnologe/-technologin Druckverarbeitung

Duales Studium (Welfenakademie Braunschweig):

  • Betriebswirtschaftslehre/Vertiefungsrichtung Dialogmarketing

Bewerbungen: nur online unter bewerbung@westermanngruppe.de bis zum 31.10. des Vorjahres.
Schülerpraktika: nein.
Kontaktmöglichkeiten: bewerbung@westermanngruppe.de
Internet: http://www.westermanngruppe.de/de/startseite.html?no_cache=1

 

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