Wasserverband Weddel-Lehre – Die Netzwerker

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2016

Bei ihr laufen alle Fäden zusammen – Geschäftsführerin Viktoria Wagner (Foto: WWL)

Bei ihr laufen alle Fäden zusammen – Geschäftsführerin Viktoria Wagner (Foto: WWL)

Wasser wird nicht in Tüten geliefert, sondern kommt aus der Leitung. Das Rohrnetz ist deshalb eines der wichtigsten Produktionsmittel jedes Wasserversorgers. Keiner weiß das besser als die Wassermeisterin Heike Runge. „Unser Vermögen liegt unter der Erde“, formuliert sie treffend. Der Wasserverband Weddel-Lehre (WWL), Heike Runges Arbeitgeber, verfügt über ein Leitungs- und Kanalnetz von insgesamt 1.400 Kilometer Länge mit einem Vermögenswert von knapp 80 Millionen Euro. Das Versorgungsgebiet erstreckt sich vom östlichen Stadtrand Braunschweigs bis kurz vor Helmstedt und von der Samtgemeinde Sickte im Landkreis Wolfenbüttel bis zu den südlichen Stadtteilen Wolfsburgs im Norden. Die Fläche misst 353 km². Und jedes Jahr fließen 3,8 Millionen m³ Trinkwasser von den Hochtanks zu den Kunden in 51 Ortschaften. Noch größer ist die Menge an Schmutz- und Niederschlagswasser, das von den Verbrauchern zu den Kläranlagen zurück geleitet werden muss. Nur einen geringen Teil des Trinkwassers fördert der WWL aus eigenen Brunnen.

95 Prozent des Trinkwassers bezieht er dagegen aus externen „Quellen“, allen voran von den Harzwasserwerken. Im Fachjargon heißt das Fremdbezug. Das Netz zu warten, wenn notwendig zu erneuern und für die zahlreichen Neubaugebiete zu erweitern, ist eine der  wichtigsten Aufgaben des WWL. Denn nur dann kann er seinen Kunden Trinkwasser in bester Qualität bereitstellen und das anfallende Abwasser gefahrlos entsorgen. Beides ist nicht selbstverständlich, wie beispielsweise ein Blick nach London zeigt. Dort scheinen die Wasserleitungen so löchrig wie ein Nudelsieb. Tag für Tag versickern in der internationalen Finanzmetropole nicht weniger als 665 Millionen Liter Wasser! Anders formuliert, von 100 Litern, die Thames Water dort in die Leitungen pumpt, kommen nur 75 Liter bei den Kunden an. Doch nicht nur das. Durch die in die Leitungen eindringende Luft wird das Wasser schnell schal und unterliegt zum Ärger der Verbraucher auch der Druck erheblichen Schwankungen. Was das Duschen gar nicht so selten zur Geduldsprobe werden lässt.

Nachhaltig arbeiten

Die Zentrale in Cremlingen ist modern und funktional (Foto: WWL)

Die Zentrale in Cremlingen ist modern und funktional (Foto: WWL)

Dagegen erreicht die Provinz aus Cremlingen, wo der 1949 gegründete Wasserverband seit zwei Jahren in einem lichtdurchfluteten, hellen funktionalen Bürogebäude seinen Sitz hat, mit Werten im unteren einstelligen Bereich ein Spitzenergebnis. Dafür haben die 70 Mitarbeiter allerdings auch hart gearbeitet, vor allem aber klug, vorausschauend und nachhaltig geplant. Immerhin werden Rohre für Frisch- und Abwasser viele Jahrzehnte lang genutzt. Korrekturen wegen fehlerhafter Entscheidungen über Material, Trassen und/oder Volumen kämen erst dem WWL und dann seinen 25.000 Anschlussnehmern, hinter denen sich immerhin 80.000 Einwohner verbergen, teuer zu stehen. Wie der WWL sind die meisten kommunalen Versorger in der Unternehmensform einer Körperschaft des öffentlichen Rechts organisiert und arbeiten nicht gewinnorientiert. Die Kunden haben im WWL-Verbandsgebiet keine Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Anbietern. Gerade deswegen aber steht das Kundenwohl über allem.

Viktoria Wagner, gelernte Bauingenieurin für Siedlungsbau und Wasserwirtschaft, muss als Geschäftsführerin dem aus 17 Vertretern der Mitgliedsstädte und -gemeinden bestehenden Vorstand jeden Monat Rede und Antwort stehen. Da geht es dann um Preise, Kosten, Investitionen und Planstellen. Man ahnt die Größe der Herausforderung. Geschäftsführerin Wagner führt den Verband mit technischem und unternehmerischem Sachverstand. Die Politiker im Vorstand denken zum Wohle des Verbandes und der Kunden zum Glück nicht in kurzfristigen Wahlperioden. Schließlich ernten bei einem Wasserverband, ähnlich wie in der Forstwirtschaft, erst die Kinder und Enkel die Rendite richtiger Entscheidungen von heute. Und wer meint, so ein paar Rohre zu verlegen, wäre ja nun nichts Besonderes, irrt gewaltig. Wasser ist ein Lebensmittel und ein sensibles dazu. 120 Liter beträgt der tägliche pro-Kopf-Verbrauch hierzulande, macht 44 m³ im Jahr. Information am Rande, in den USA liegt der Verbrauch um das Vierfache höher.

Zur Verantwortung bereit sein

Azubi Moritz Metag – Im zweiten Jahr der Ausbildung zur Fachkraft für Wasserversorgungstechnik (Foto: WWL)

Azubi Moritz Metag – Im zweiten Jahr der Ausbildung zur Fachkraft für Wasserversorgungstechnik (Foto: WWL)

Was die Wassermeisterin Heike Runge schon lange weiß, lernt Moritz Metag gerade. „Wasser muss fließen“, erklärt Runge, „und das möglichst kontinuierlich.“ Steht es zu lange in den Leitungen, erwärmt es sich und vermehren sich unerwünschte Keime. „Deshalb sind Stichstraßen unser größter Feind“, formuliert es Heike Runge salopp. Besonders dann, wenn an deren Enden Abnehmer mit einem nur geringen oder sporadischen Verbrauch liegen. „Da muss im Sommer schon mal ein Kollege raus und den Hydranten öffnen, um wieder für frisches Wasser in den Rohren zu sorgen.“ Der Abiturient Moritz Metag entschied sich nach einem Kurzpraktikum für eine Ausbildung zur Fachkraft für Wasserversorgungstechnik. Bis dahin kannte er den Beruf, in dem es deutschlandweit nur etwa 150 Ausbildungsplätze pro Jahr gibt, nicht. Jetzt aber ist er Wasserfan und bereut seine Entscheidung nicht. „Um Rohwasser zu Trinkwasser aufzubereiten“, beschreibt er die wichtigsten Berufsanforderungen, „benötigt man umfangreiche naturwissenschaftliche Kenntnisse.“

In der Tat. Hartes Wasser, lasse ich mir erklären, müsse verfahrenstechnisch ganz anders behandelt werden als weiches Wasser. Auch die Entnahme von Proben sowie deren Analyse werden später zu Moritz Metags Aufgaben gehören. Zur Überwachung und Steuerung der modernen, automatisierten Wasseraufbereitungsanlagen braucht es darüber hinaus gutes handwerklich-technisches Geschick. Als sogenannte elektrotechnisch befähigte Personen installieren und reparieren Fachkräfte für Wasserversorgungstechnik nämlich auch elektrotechnische Systeme. Was Moritz Metag an seiner Ausbildung schätzen gelernt hat, ist die frühe Einbindung in die alltäglichen Arbeitsabläufe. „Unsere Arbeitsteams sind klein“, weist Viktoria Wagner auf eine Besonderheit des WWL, „da müssen auch Azubis schon früh Verantwortung übernehmen wollen. Bei uns kann sich niemand verstecken.“ Der Berufsschulunterricht findet in Blockform an der BBS Goslar statt. Kenntnisse für die Laborarbeit werden in Hildesheim vermittelt.

Zuverlässigkeit und Vertrauen

Die Klärteiche der Kläranlage Süpplingenburg (Foto: WWL)

Die Klärteiche der Kläranlage Süpplingenburg (Foto: WWL)

Moritz Metag gehört zu denen, die „hinter dem Zaun“, also im Wasserwerk arbeiten, wie es Heike Runge lachend formuliert. Die Rohrnetzmitarbeiter bilden die Fraktion „vor dem Zaun“. Was, um ein Bild aus der Fußballersprache zu benutzen, nach Rudelbildung klingt, täuscht allerdings. Trotz des imaginären Zauns ist das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitarbeiter des WWL groß. Moritz Metag jedenfalls fühlt sich wohl. „Ich hatte sehr schnell das Gefühl, hier etwas bewegen zu können“, sagt er stolz. Die Währung für die kollegiale Anerkennung heißt indessen Zuverlässigkeit. Das gilt für Schachteinstiege und der Gefahr giftiger Gase ebenso wie bei Netzreparaturen. „In unseren Leitungen fließen ja viele Tonnen“, erklärt Heike Runge. Ein Schalter zu früh umgelegt, ein Schott zu früh geöffnet, könnte verheerende Folgen haben. „Bei uns muss sich jeder auf jeden blind verlassen können“, lernte Moritz Metag früh.

Das schlägt sich auch in den Einstellungsvoraussetzungen der Azubis nieder. „Neben Bewerbern mit guten Zeugnissen und naturwissenschaftlichen Interessen“, sagt Geschäftsführerin Viktoria Wagner, „suchen wir junge Menschen, die bereits über ein gewisses Maß an Eigenständigkeit verfügen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, die fachlich vorausdenken können und die in der Lage sind, ihre Arbeit selbstkritisch zu reflektieren.“ Wichtig ist auch ein Führerschein. Die Rohrleitungen sowieso, aber auch die Anlagen sind über das gesamte Verbandsgebiet verstreut. Das erfordert Mobilität. Doch damit endet die Aufzählung notwendiger Ausbildungsvoraussetzungen noch immer nicht. Die Tätigkeit bei einem Wasserversorger unterliegt strengen Hygiene- und Arbeitssicherheitsvorschriften. „Dem muss man sich ohne wenn und aber unterordnen“, betont Wassermeisterin Runge. Das beginnt schon früh in der Umkleide. Dort gibt es einen „schwarzen“ und einen „weißen“ Bereich, dazwischen die Duschen. Der „weiße“ Bereich bleibt hygienisch immer einwandfrei, sodass kein Schmutz und keine Keime in Mitarbeiterräume, Fahrzeuge oder gar mit nach Hause getragen werden können.

Kundenzufriedenheit oberstes Ziel

Sorgt für Transparenz - Sabine Walz (Foto: WWL)

Sorgt für Transparenz – Sabine Walz (Foto: WWL)

Bleiben zwei Dinge. Viele Mitarbeiter des WWL haben Kundenkontakt, der Anlagenmechaniker genauso wie der Mitarbeiter in der Verbrauchsabrechnung. Beide arbeiten mit dem Ziel hoher Kundenzufriedenheit. Denn nur die schafft eine langfristige Kundenbindung. Doch geht es nicht allein um Kommunikation. Es geht auch um Kooperation, mit den verschiedenen Abteilungen im eigenen Unternehmen genauso wie mit Mitarbeitern der kommunalen Bauämter oder externer Baufirmen. Derzeit gilt es, den Betrieb von sieben Baustellen zu organisieren. Sabine Walz, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation und Medien, sorgt für die frühzeitige und umfassende Information der Gemeinden und Kunden. Die aufgeräumte und auch für den Laien gut strukturierte Webseite des Wasserverbandes Weddel-Lehre ist ihr Werk. Und auch das Online-Kundenportal, das seit einigen Jahren über die Webseite des WWL aufrufbar ist, bietet modernste Netzdienstleistungen: Nicht nur die Meldung der Zählerstände ist inzwischen online möglich. Mit dem Online-Kundenportal kann der Kunde auch seine monatlichen Abschlagszahlungen selbständig ändern und seinen Verbrauch und seine Rechnungen online einsehen.

„Der Kunde soll merken“, sagt Sabine Walz, „dass wir seine Anliegen ernst nehmen. Wir machen unser Handeln transparent – ohne Einschränkungen.“ Das gilt auch nach innen, auch für die Karriereplanung der Mitarbeiter. Wie könnte es für Moritz Metag und die anderen Azubis nach Ende der Ausbildung weitergehen? In jedem Fall mit einer ständigen Wissensaktualisierung, dem Erwerb zusätzlicher, gesetzlich vorgeschriebener Berechtigungsnachweise, aber auch der Übernahme des einen oder anderen anspruchsvollen Projektes. Darüber hinaus müssen sie sich im Bereitschaftsdienst, der jede fünfte Woche geschultert werden muss, beweisen. „Weder die Anlagen- noch die Verfahrenstechnik bleiben stehen“, sagt Viktoria Wagner mit Blick auf die Dynamik in den Unternehmen der Wasserver- und –entsorgung. Dass der WWL Einsatz belohnt, weiß der Azubi Metag. Immerhin schafften die Verantwortlichen für die Trinkwasserversorgung, für die Wartung der Trinkwasser- und der Abwasseranlagen den Sprung vom Azubi zur Führungskraft.

Beste Beschäftigungsperspektiven

Viktoria Wagner und ihre Azubis (Foto: WWL)

Viktoria Wagner und ihre Azubis (Foto: WWL)

Wer einen modernen Beruf mit guten Zukunftsaussichten sucht, findet kaum etwas Besseres als das, was die Wasserwirtschaft zu bieten hat. Gut 100.000 Beschäftigte zählte das Umweltbundesamt in den Unternehmen der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung. Ohne sauberes Wasser kein menschliches Leben. Das ist nicht nur in Regionen mit großer Wasserknappheit wie dem nahen und mittleren Osten ein Thema. Es betrifft auch unsere Breitengrade. „Die Sünden der Vergangenheit“, weist Wassermeisterin Heike Runge auf die Folgen von Überdüngung und Pestizidrückständen hin, „kommen nun peu à peu im Grundwasser an.“ Das wird den Wasserversorgern und ihren Mitarbeitern große Anstrengungen abverlangen. Und schon gibt es neue Gefährdungen. Darauf macht der Wasserexperte der Leibniz-Universität Hannover , Jürgen Leist, aufmerksam. „Der exzessive Maisanbau für die Gewinnung von Bioenergie“, beobachtet er, „führt zu einer erhöhten Nitratbelastung des Bodens und früher oder später auch des Grundwassers.“

Aber auch die Reinigung der Abwässer wird einen immer größeren technischen Aufwand und den Mitarbeitern entsprechende Qualifikationen abfordern. Es seien nur die Stichworte Mikroplastik und Medikamentenrückstände genannt. Die einfachen mechanischen Absetzbecken früherer Jahre haben schon lange ausgedient. Stattdessen kommen heute hoch moderne, energieeffiziente Anlagen zum Einsatz. Wie eng die Wasserwirtschaft mit der Ökologie verbunden ist, kann an den Klärteichen des WWL in Süpplingenburg besichtigt werden. An den Klärteichen dort ist inzwischen der Schwarzhalstaucher wieder heimisch geworden. Was die Beschäftigten der Wasserwirtschaft auszeichnet, ist ihr vernetztes Denken. Die 20. Weltwasserwoche in Stockholm zeigt es eindrücklich. Auch wenn nicht bei uns, so steigt der Wasserbedarf weltweit ungebremst. Das hat auch etwas mit den Lebensgewohnheiten zu tun. Hinter einem einzigen Paar Rindslederschuhen verbergen sich 8.000 Liter Wasser, in einem Hamburger 2.400 Liter, in einem Mikrochip noch immer 32 Liter, in einem einzigen DIN-A4-Blatt 10 Liter. Die Verfügbarkeit sauberen Wassers wird die Zukunft bestimmen. Viktoria Wagner, Heike Runge, Sabine Walz und Moritz Metag sind wie alle ihre Kollegen vom WWL daran beteiligt.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 15.10.2016)

Firmengründung: 1949.

Sitz der Unternehmenszentrale: Hauptstraße 2b, 38162 Cremlingen.

Mitarbeiter: 70

Umsatz: 16 Mio. Euro (2014).

Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Anlagenmechaniker/-in
  • Fachkraft für Abwassertechnik
  • Fachkraft für Wasserversorgungstechnik
  • Kaufmann/-frau für Büromanagement

Duales Studium: nein.

Schülerpraktika: ja. Kontakt unter: bewerbung@weddel-lehre.de

Studentenpraktika: ja. Kontakt unter: bewerbung@weddel-lehre.de

Kontaktmöglichkeiten: sabine.walz@weddel-lehre.de

Internet: www.weddel-lehre.de

 

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