Verena Bentele – Eine Frau geht ihren Weg

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2015

Verena Bentele - Paralympics-Siegerin von Vancouver (Foto: bmas)

Verena Bentele – Paralympics-Siegerin von Vancouver (Foto: bmas)

Verena Bentele hat ihren Dienstsitz im Gebäudekomplex des Bundeministeriums für Arbeit und Soziales. Das durch Bodo Ebhardt im neoklassizistischen Stil 1912 errichtete Kleisthaus in der Mauerstraße ist denkmalpflegerisch wertvoll, ohne freilich zu den architektonischen Highlights in Berlin zu gehören. Dafür sind das Brandenburger Tor, der Prachtboulevard Unter den Linden und die geschäftige Friedrichstraße nur eine Armlänge entfernt. Beste Berliner Innenstadtlage also. Die junge hübsche Frau ist seit letztem Jahr die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und die erste in dieser Funktion, die das Schicksal der ihr anempfohlenen Menschen teilt. Verena Benteles Sehvermögen lässt sie von Geburt an nur noch geringe Hell-Dunkel-Unterschiede wahrnehmen. Eine visuelle Kontaktaufnahme zu ihrer Umwelt ist der ehemaligen Leistungssportlerin dadurch verwehrt. Es bleiben ihr Stimme, Sprache und Gehör.

Doch diese Kommunikationsmittel beherrscht die studierte Germanistin meisterhaft. Keine Dissonanzen, nicht einmal die unausgesprochenen, bleiben ihr verborgen. Und wenn andere durch das Lächeln ihrer sehenden Augen Nähe herstellen, tut sie es mit der Freundlichkeit ihrer Stimme. Ich bin mir sicher, selbst bei frostklirrender Kälte gelänge ihr ein Klima wohliger Wärme. Wenn andere umgekehrt durch Bewegungen, Mimik und Gesten Ablehnung signalisieren, schafft sie allein mit der Klarheit und der Tonlage ihrer Worte Distanz. Dann kann sie schon einmal sehr energisch werden. Beides ebenso überlegt wie sorgsam zu dosieren, lernte sie in ihrer neuen Funktion schnell. Immerhin sind die Kommunikationspfade in den Hierarchien eines Ministeriums oft genug verschlungen. Und gar nicht selten spielen die Akteure dort über die Bande, wie man beim Billard sagt. Auch die Verantwortung als Vorgesetzte für 18 Mitarbeiter war neu.

Von Höhen und Tiefen

Verena Bentele (Foto: bmas)

Verena Bentele (Foto: bmas)

Das erlebte die politische Quereinsteigerin in ihrem vorherigen Sportlerleben anders. Da dominierten die direkten Ansagen. „Der Sport lebt von ehrlichem Feedback“, ist die Dreiunddreißigjährige überzeugt. Und hat diese Form des Miteinanders immer geschätzt, tut es auch heute noch. Schließlich ermögliche allein das eine realistische Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit, glaubt sie. Nein, weiß sie! Als Jugendliche startete sie in der Leichtathletik und im Skilanglauf. Bis ihr der Trainer eines Tages ohne große Umschweife sagt: „Das mit der Leichtathletik wird nichts. Deine Körpermaße passen nicht, vergiss es.“ Das sei zwar hart, aber die Wahrheit gewesen, blickt Bentele zurück. Nachdem die Tränen getrocknet waren, korrigiert sie ihre Ziele, konzentriert sie sich von da ab ganz auf den Skilanglauf und Biathlon.

Sie trainiert mit unbändigem Ehrgeiz, so wie sie stets alles mit vollem Einsatz tut. Am Ende wird sie vier Mal Weltmeisterin werden und bei den Paralympics zwölf Goldmedaillen gewinnen. Eine Erfolgsgeschichte, die ihres gleichen sucht und deren Höhepunkt 2010 die Paralympics im kanadischen Vancouver wurden. Doch bevor sie diesen Gipfel stürmte, führte sie ihr Weg durch die Hölle. In der Saison vor Vancouver stürzt Verena Bentele schwer. Die Diagnose lässt die Ärzte ihren Fragen nach Heilungsverlauf und nach der Fortsetzung ihrer Karriere beharrlich ausweichen. Sie befürchten das Schlimmste. Mit gerissenen Kreuzbändern, zwei gebrochenen Fingern, nur noch einer Niere, dafür aber einem Leberhämatom ist Vancouver in weiter Ferne. Im Autoverkehr hätte man wohl von einem Totalschaden gesprochen. Jetzt muss sie etwas lernen, worin sie bisher noch kein weltmeisterliches Niveau erreicht: Geduld, mit den Menschen in ihrem Umfeld, aber vor allem mit sich selbst.

Vertrauen als Basis allen Erfolges

Verena Bentele mit Begleitläufer (Foto: Sporthilfe)

Verena Bentele mit Begleitläufer (Foto: Sporthilfe)

Bentele verschließt die Augen nicht vor der Wirklichkeit. Doch sie macht das, was sie bis heute auszeichnet. Sie gibt nichts verloren, sie kämpft. Die Loipe verzweifelt, gar mit gesenktem Kopf verlassen, das ist nicht ihre Sache.  Wenn schon untergehen, dann wenigstens im Wettkampf und mit erhobenem Haupt. Es ist ja nicht so, dass ihr Weg bis dahin nur mit Siegen gepflastert gewesen wäre. „Wie jeder Sportler kannte ich den bitteren Geschmack von Niederlagen“, erinnert sie sich. Was sie daraus lernte? Nicht aufgeben, nicht im Selbstmitleid zerfließen, aufstehen, die Situation analysieren, eventuelle Fehler abstellen, noch intensiver trainieren, sich erneut der Konkurrenz stellen. Das sind Dinge, die ihr im jetzigen Berufsleben eine gute Basis geben, Hürden überwinden zu können. Und davon gibt es eine ganze Menge. Der Ruhm vergangener Tage, Verena Bentele weiß das, verblasst schnell und hilft je länger je weniger.

Das Comeback von Sportlern, die schon einmal ganz oben waren, gelingt bekanntlich nur selten. Sie kennt die Namen und Geschichten. Es sind weniger fehlende Kraft und mangelnder Einsatzwille als vielmehr die Blockaden im Kopf, die für das Scheitern im zweiten Anlauf verantwortlich sind. Um wie viel schwieriger gestalteten sich die Dinge für Verena Bentele. Denn blinde Skilangläufer laufen stets zusammen mit einem Begleitläufer. Der weist ihnen den Weg und erklärt durch seine kurzen Kommandos den Streckenverlauf. Wann kommt eine Steigung, eine Kurve, wann eine Abfahrt, wann muss das Tempo erhöht und wann gedrosselt werden. Sie sind seiner Führung ausgeliefert mit Haut und Haaren! Sie müssen zu dessen Schatten werden, erst dann können sie siegen. Fachleute bezeichnen das als synchrone Koppelung. „Bei hohem Tempo und den häufigen Richtungswechseln setzt das absolutes Vertrauen voraus“, erklärt Verena Bentele den alles entscheidenden Punkt. Und ergänzt: „Sonst kann das Gehirn dem Körper nicht die richtigen Bewegungsimpulse vermitteln.“

Unbekümmerte Kindheit wie im Paradies

Verena Bentele: „Zum Drama tauge ich eher nicht“ (Foto: bmas)

Verena Bentele: „Zum Drama tauge ich eher nicht“ (Foto: bmas)

Viel Freude an der Bewegung und noch mehr Vertrauen zu den Menschen um sie herum prägen ihre unbekümmerte Kindheit, sorgen für ein natürliches Selbstbewusstsein – und machen sie stark. Zusammen mit zwei älteren Brüdern, der eine davon, Michael, ebenfalls von Geburt an blind, später ebenfalls Paralympics-Teilnehmer, wächst sie im Tettnanger Ortsteil Wellmutsweiler auf dem Bauernhof ihrer Eltern unweit des Bodensees auf. „Ich bin meiner Familie dankbar, dass sie mir alle Freiheiten gelassen hat“, weiß sie, wie wichtig dieses Fundament für ihre weitere Entwicklung war. In der dörflichen Gemeinschaft mit den sehenden Kindern spielen, auf Bäume klettern, sogar Fahrrad fahren, niemand hatte etwas dagegen, niemand reglementierte sie. Und stieß sie sich eine Beule oder schlug sich das Knie auf, war immer jemand da, der sie in den Arm nahm und tröstete. Wichtiger noch, der sie ermunterte, es doch noch einmal zu versuchen. Und sich mit ihr freute, wenn es gelang.

Das Kinderparadies hielt, bis die Schule rief. Dann zerbrach die Bilderbuchidylle jäh. Gerade einmal sechs Jahre alt war das Mädchen mit den blonden Haaren. Die nächstgelegene Grundschule für Blinde befand sich viele Kilometer weit entfernt in Heiligenbronn im Schwarzwald. Das bedeutete Internat. Das bedeutete den Verlust des heimatlichen sozialen Umfeldes. Das mag sich angefühlt haben wie Freiheitsberaubung. Manchmal drohte das Heimweh übermächtig zu werden. Da half es, dass der um ein Jahr ältere Bruder Michael in dieselbe Schule ging und die beiden Kinder sich gegenseitig bestärken konnten. Heute ahnt sie, dass die Trennung für ihre Eltern kaum weniger schmerzhaft gewesen sein dürfte. Spüren lassen haben sie es das Kind jedoch nicht. Statt zu klagen lehrten die Benteles ihre Kinder die Kunst, seine persönlichen Potentiale aktivieren zu können. Das daraus gewachsene Urvertrauen blieb deshalb auch in diesen schwierigen Zeiten heil. Es begleitet Verena Bentele noch immer. Es gibt ihr eine unverwechselbare Aura.

Wissen ist Freiheit

Verena Bentele auf dem 5.895 Meter hohen Kilimandscharo/Tansania (Foto: Annika Wechner)

Verena Bentele auf dem 5.895 Meter hohen Kilimandscharo/Tansania (Foto: Annika Wechner)

Die nachmittäglichen Sportangebote nutzen die beiden bewegungsbegabten Bentele-Kinder geradezu exzessiv. Sie werden zum Ausgleich für den Unterricht vom Vormittag. „Sport hilft mir noch heute, den Kopf frei zu bekommen“, hat Bentele gelernt, tief in sich hinein zu hören. Gleichwohl waren ihr die Schule, von Heiligenbronn wechselte sie erst nach München zur Realschule und für das Gymnasium anschließend nach Marburg, sowie das spätere Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München wichtig. „Denn“, lautet ihre Erfahrung, „Wissen bedeutet Unabhängigkeit und Freiheit.“ Doch war das nicht das Einzige, was sie aus dieser Zeit mitnahm fürs Leben. „In der Internatsgemeinschaft musst du schnell selbstständig werden“, weiß sie. „Darüber hinaus lernst Du zu verhandeln und Kompromisse zu schließen.“ Der Sport schließlich lehrte sie, sich Ziele zu setzen, lehrte sie Stehvermögen, Selbstdisziplin, unbedingte Leistungsbereitschaft, dazu Fairness ebenso wie den Respekt vor dem Gegner.

Alle diese Dinge kommen ihr heute zugute. Wie die anderen Beauftragten der Bundesregierung auch, verfügt Verena Bentele weder über strukturelle Macht noch ein üppiges Budget. Ihre Macht ist die des besseren Argumentes. „Meine wichtigste Aufgabe sind Gespräche, Gespräche und immer wieder Gespräche, Verhandlungen, Verhandlungen und immer wieder Verhandlungen“, beschreibt sie lachend ihre Zeigefingerfunktion. Im eigenen Haus, aber auch in den anderen Ministerien hat sie bei allen Gesetzesvorhaben darauf zu achten, dass die Belange behinderter Menschen für die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben angemessen berücksichtigt werden. Eine Herkulesaufgabe! Da helfen dann ihre Offenheit, ihre schnelle Auffassungsgabe, ihre Spontaneität, ihr Fingerspitzengefühl für die Dinge zwischen den Zeilen, ihr Humor, ihre pragmatische Sicht auf die Welt. „Zum Drama tauge ich eher nicht.“

Verena Bentele als Buchautorin (Foto: Kailash)

Verena Bentele als Buchautorin (Foto: Kailash)

Verantwortung vor Karrieredenken

Verena Bentele weiß, die Funktion der Behindertenbeauftragten ist ein Mandat auf Zeit. Früher oder später wird sie sich beruflich neu orientieren müssen. Will sie dann, wie nach Ende ihres Studiums, wieder als freiberufliche Referentin für Personaltraining und –entwicklung arbeiten? Oder denkt sie an etwas ganz anderes? Ihre Antwort zeigt noch einmal die ganze Verena Bentele. „Ich habe mich damit noch nicht beschäftigt“, sagt sie, „denn ich brauche alle meine Kräfte für meinen jetzigen Job.“ Überhaupt sei sie kein Typ für den Plan B, denn das gehe immer zu Lasten von Plan A. Und Plan A sei ihre gegenwärtige Aufgabe. Man kann es auch anders formulieren. Das Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein gegenüber den ihr anvertrauten behinderten Menschen steht für Verena Bentele vor der eigenen Karrieresicherheit. Wäre es umgekehrt, wäre sie wohl Beamtin geworden. Doch das war ihr nie eine Überlegung wert. Im Übrigen ist sie zuversichtlich, zu gegebener Zeit das Richtige zu finden.

 


Weiterführende Informationen
http://verena-bentele.com/
und
http://www.behindertenbeauftragte.de/DE/DieBeauftragte/Lebenslauf/Lebenslauf_node.html;jsessionid=421C7B9548C6ED271A61CC6A25174557.2_cid320

 

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