Universität oder Fachhochschule? – Die Suche nach dem passenden Trainingsplatz

Von Anja Richter, Leiterin der Zentralen Studienberatung an der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel | 15. Februar 2014

Wer sich für ein Studium interessiert, steht am Ende immer auch vor der Frage: Uni oder Fachhochschule? Wo sollte ich studieren? Gibt es da nach Bologna, also nach der Umstellung von den ehemaligen Fachhochschul- und Universitäts-Diplomen auf die nunmehr da wie dort  gültigen Bachelor- und Masterabschlüsse überhaupt (noch) Unterschiede? Die Antwort: Ja – auch wenn sie zunehmend verschwimmen. Unterschiede zwischen Universität und Fachhochschule existieren weiterhin und sind bei der Frage nach dem optimalen Rahmen für das eigene Studium im Einzelfall gar nicht einmal unwichtig.

In einigen Fällen stellt sich die Frage Uni oder FH allerdings weiterhin gar nicht. Denn bei bestimmten Studiengängen ist auch das Thema der Hochschulart bereits entschieden. Geistes- und sprachwissenschaftliche, medizinische, die klassischen rechtswissenschaftlichen sowie Lehramtsstudiengänge werden bis auf seltene Ausnahmen immer noch ausschließlich von Universitäten angeboten. Darüber hinaus wird für zunehmend mehr Studienanfänger inzwischen der Wohnort zum ausschlaggebenden Kriterium. Sie entscheiden sich pragmatisch für die am nächsten oder günstigsten gelegene Hochschule, gleich ob Universität oder Fachhochschule.

Anja Richter, Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel (Foto: Ostfalia Wolfenbüttel)

Anja Richter, Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel (Foto: Ostfalia Wolfenbüttel)

Lange Zeit und an einigen Stammtischen noch immer wurde bei Absolventen der beiden Hochschulformen gerne vereinfacht. Wer von der FH kommt, hieß es da, ist schneller mit dem Studium fertig und für die betriebliche Praxis besser gerüstet, hat dafür aber weniger Ahnung im Bereich der Forschung und Entwicklung. Umgekehrt brauchen Uni-Absolventen länger für ihr Studium, besitzen kaum Praxisbezug, verdienen später jedoch mehr aufgrund ihrer tiefergehenden theoretisch-forschenden Ausbildung.

Studienziel: Anwendung versus Forschung

Da ist durchaus etwas dran. Fachhochschulen bildeten traditionell eher für die Praxis aus, die Universitäten sahen ihren Auftrag schwerpunktmäßig im Heranbilden von Nachwuchsforschern und Wissenschaftlern. Doch spätestens seit der Bologna-Reform verwischen diese Unterschiede auf beiden Seiten. Auch Universitäten bemühen sich seitdem, berufsbezogener auszubilden, Fachhochschulen setzen immer mehr auf anwendungsorientierte Forschung und nennen sich deshalb auch seit kurzem Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Dennoch gilt weiterhin: Die Studiengänge an Fachhochschulen sind typischerweise immer noch anwendungsorientierter als ähnliche Studiengänge an Universitäten. Dafür ist die Regelstudiendauer bis zum Bachelorabschluss nun aufgrund des Praxissemesters nicht selten ein Semester länger als an Universitäten.

Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist ein Unterschied, der auch nach der Bologna-Reform unverändert geblieben ist. Universitäten besitzen aufgrund ihrer wissenschaftlich-forschenden Ausrichtung bislang das alleinige Promotionsrecht. Wer also bereits mit dem Gedanken spielt, auf einen Doktortitel hinzuarbeiten, der sollte besser im Bachelorstudiengang bei einer Uni einsteigen oder doch spätestens den Master dort machen. Allerdings gibt es auch an diesem Punkt bereits erste Veränderungen. Mit einigen Einschränkungen zwar können in Hamburg und Schleswig-Holstein Studierende nun auch an Fachhochschulen promovieren.

Studienorganisation: Struktur versus „Wahlfreiheit“

Auch beim Thema Lernkultur herrschen je nach Hochschultyp signifikante Unterschiede. Während an den Fachhochschulen die Lehre vor allem in den ersten Semestern stärker anhand von fertigen „Stundenplänen“ durchstrukturiert ist, besitzen Studierende an Universitäten erkennbar größere Freiräume bei der Wahl ihrer Lehrveranstaltungen. Hier ist deshalb der eigene Lerntyp gefragt! An dieser Stelle  muss sich jeder prüfen: Kann ich mir meinen Lernprozess gut selbst organisieren, meine Zeit gut selbst einteilen? Habe ich ein festes Ziel vor Augen? Schließe ich mich auch mal mit einem Haufen Bücher ein und lerne gerne mal nur für den Selbstzweck? Empfinde ich die Möglichkeit der Wahl als Freiheit oder als Qual? Empfinde ich einen Stundenplan als Freiheit, nicht selbst tätig werden zu müssen oder als „Freiheitsberaubung“?

Im Ergebnis gilt: Wer sich auf ein Studium auch nur des Studierens wegen freut, bisher unbekannte Dinge ausprobieren und sich seinen Stundenplan ganz nach eigenen Interessen zusammenstellen möchte, der ist an einer Uni sicher besser aufgehoben. Ist man indessen an klaren Vorgaben interessiert, die einen durch das Studium führen und gibt es ein konkretes berufliches Ziel, auf welches man mit Hilfe des Studiums zusteuern möchte, dann ist womöglich die Fachhochschule die bessere Wahl. An Fachhochschulen lässt sich das Studium gut über die vorhandenen Strukturen regulieren. Für die Uni sollten Studierende bereits gewisse Fähigkeiten zur Selbstregulierung mitbringen.

Studienumgebung: persönlich versus anonym

Wissen sollte man auch, dass sich das Lernumfeld an Universitäten auf der einen Seite und Fachhochschulen auf der anderen gewöhnlich deutlich voneinander unterscheidet. Lerngruppen an Fachhochschulen sind in der Regel sehr viel kleiner und Hörsäle weit weniger überfüllt als an Universitäten. Lehre ist hier persönlicher und man traut sich eher, dem Professor während der Vorlesung Fragen zu stellen. Aber nicht jeder mag eine schulähnliche Atmosphäre im Studium. Und nicht jeder mag es, dass der Professor ihn mit Namen kennt – und es sehr wohl registriert, wenn man schon zum dritten Mal im Semester in der Vorlesung fehlt. In jedem Fall ist es empfehlenswert, sich im Vorfeld möglichst einmal sowohl in Vorlesungen an einer Uni als auch an einer Fachhochschule zu setzen und selbst herauszufinden, was den eigenen Begabungen, Wünschen und Zielen besser entspricht.

Studienabschluss: schneller Berufseinstieg versus höheres Einkommen

Dass Fachhochschulabsolventen der Wechsel aus dem Studium in den Beruf problemloser und schneller gelingt als ihren Kommilitonen von der Universität, die stattdessen die höheren Gehälter einstreichen, das war einmal. Seit der einheitlichen Einführung der Bachelor- und Master-Abschlüsse gibt es ebenso einheitliche Vorgaben für die Regelstudiendauer als auch die zu erreichende Punktzahl an Credit Points für ein Studium. Als Folge davon haben sich auch die Studienzeiten an der Uni verkürzt. Selbst wenn sich hier aufgrund oben erwähnter Freiheiten Studierende immer noch eher das ein oder andere Semester mehr „gönnen“ als an Fachhochschulen. Dafür ist an Fachhochschulen das Studium wegen des integrierten Praxissemesters häufig schon per se um eben dieses länger als das an Universitäten.

Ebenso spielt es bei den Verdienstmöglichkeiten immer weniger eine Rolle, von welcher Hochschule ein Absolvent kommt. Wegen des Fachkräftemangels und des demographischen Wandels wird in der Wirtschaft immer seltener eine Unterscheidung getroffen. Ausnahmen bestätigen gleichwohl auch hier die Regel. Soll heißen, es gibt weiterhin Unternehmen, die nach wie vor ausdrücklich und bevorzugt Universitätsabsolventen suchen. Sie begründen das mit der universitär stärker ausgeprägten Fähigkeit zur Selbstorganisation. Zukünftig wird wohl die Art des Abschlusses (Bachelor, Master, Doktor) viel stärker und viel öfter über den Verdienst entscheiden als die Hochschulform, an der der Absolvent studiert hat.

Fazit einer Studienberaterin

Bei der Hochschulwahl gibt es kein pauschales „besser oder schlechter“. Denn die Antwort muss sich stets an der Person des Studienwählers orientieren. Was für den einen das Richtige ist, muss beim anderen noch lange nicht zum Erfolg führen. Ich persönlich habe sowohl ein Fachhochschul- als auch ein Universitätsstudium abgeschlossen – und mich an der Uni wohler gefühlt. Was freilich zu allererst im Studienfach begründet war. Auch auf dem Hintergrund dieser Erfahrung lautet deshalb mein ganz persönliches Fazit: Am Anfang steht die Wahl des passenden Studienfaches. Stimmen meine persönlichen Eignungen, Wünsche und Interessen mit dessen fachlichen Anforderungen ausreichend gut überein? Ist diese Frage entschieden und wird das Fach sowohl von Universitäten wie von Fachhochschulen angeboten, ist als zweites ein Blick auf die Besonderheiten des jeweiligen Hochschultyps ebenso ratsam wie hilfreich. Daher empfehle ich allen Studieninteressierten, sich rechtzeitig über die bestehenden Möglichkeiten zu informieren und die sehr vielfältigen Angebote der Hochschulen zum Kennenlernen von Institution und Studiengang in Anspruch zu nehmen.