Tourismuskaufmann – Urlaub, Sonne oder mehr?

Von Petra Piper-Freisem | 15. Februar 2014

Kundenberatung gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Tourismuskaufmanns (Foto: alltours)

Kundenberatung gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Tourismuskaufmanns (Foto: alltours)

Das Vorstellungsgespräch im nahe gelegenen Reisebüro war erfolgreich, der Ausbildungsvertrag ist unterschrieben. Ab August beginnt das neue Leben als Tourismuskaufmann. Für viele Schüler ist das die Erfüllung all ihrer Träume, entsprechend hoch sind die Erwartungen. Endlich die provinzielle Enge hinter sich lassen können, ferne Länder, viele Reisen, erstklassige Hotels, fremde Kulturen, allzeit glückliche Menschen. Doch dann, schon in den ersten Tagen, die Begegnung mit der Wirklichkeit. Für manch einen kommt dieses Erlebnis einer Schockwelle gleich. Denn der Berufsalltag ist eher nüchtern, lebt der Job statt vom eigenen Reisen vielmehr von der Kundenberatung, dem Verkauf, der Reservierung von Hotelzimmern  und Flugtickets, von den dafür erforderlich werdenden Buchungen, der Überwachung des entsprechenden Zahlungsverkehrs, ist der Beruf ein Dienstleistungsberuf par excellence. Nicht die eigenen, sondern die Wünsche des Kunden bestimmen den Arbeitstag.

Doch, doch, hin und wieder sind auch Tourismuskaufleute noch  beruflich unterwegs. Allerdings ist das Angebot von Informationsreisen zu Fortbildungszwecken in den letzten Jahren merklich kleiner geworden. Selbst Thorben Domas, ehemaliger Student des Tourismusmanagement  der Ostfalia Hochschule Salzgitter, packt als Einkäufer für den Bereich Mitteleuropa/Eigenanreise beim Reiseveranstalter Alltours in der Zentrale in  Duisburg dienstlich kaum öfter als zwei- bis dreimal im Jahr die Koffer. Das ist deutlich weniger, als er private Reisen unternimmt, für die er im Übrigen wie alle Beschäftigten von seinem Arbeitgeber üblicherweise attraktive Preisabschläge erhält. An der Tätigkeit bei seinem Arbeitgeber schätzt Thorben Domas besonders, dass er seiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Zweimal jährlich wickelt er vom Reiseeinkauf über die Gestaltung des Katalogs bis zur Erfassung der Unterkunft  im Buchungssystem, den Einkauf für Ziele mit Eigenanreise komplett ab. Domas ist zuständig für Deutschland und Polen.

Praxiskompetenz und Serviceorientierung

Thorben Domas, Einkäufer Mitteleuropa/Eigenanreise beim Reiseveranstalter alltours flugreisen gmbh in Duisburg (Foto: privat)

Thorben Domas, Einkäufer Mitteleuropa/Eigenanreise beim Reiseveranstalter alltours flugreisen gmbh in Duisburg (Foto: privat)

„Den neuen Katalog in den Händen zu halten, ihm die eigene Handschrift  verliehen zu haben, ist jedes Mal ein tolles Gefühl und entschädigt für den hohen Arbeitsdruck in der Endphase der Fertigstellung“, so der gelernte Reiseverkehrskaufmann, wie der Beruf früher hieß. Zwischen den heißen Phasen der Katalogerstellung beschäftigt er sich mit Einzelanfragen der Reisevermittlungsagenturen, wie die Reisebüros von den Fachleuten genannt werden. So etwa, wenn Kunden ein Haustier auf  die Reise mitnehmen möchten. In einem solchen Fall klärt er, inwieweit die mit der Unterkunft abgeschlossenen Verträge das ermöglichen. Da kennt er sich bestens aus. Immerhin schloss Thorben Domas vor dem Studium in einem kleinen Celler Reisebüro eine betriebliche Ausbildung ab. Anschließend organisierte er bei der Firma Costa Kreuzfahrten, Costa Crociere S.p.A. sechs Monate lang die Landausflüge auf dem Kreuzfahrschiff Costa Concordia, das 2012 bekanntlich vor der italienischen Insel Giglio auf einen Felsen lief und sank. Mit dem Tagesgeschäft der Agenturen vor Ort ist Domas also bestens vertraut.

So entpuppt sich der Handel mit der Ware Urlaub für  die rund 65.000 Beschäftigten in den Reisebüros vor Ort, bei Reiseveranstaltern und den Geschäftsreiseservices großer Unternehmen als ein hartes Stück Arbeit. Die Ansprüche der Kunden an die Gestaltung  der schönsten Zeit im Jahr sind groß und mitunter sehr individuell. Ein bekanntes Sprichwort sagt, „Ein Tourist ist ein Mensch, der wegfährt, weil es woanders anders ist. Um sich nach der Rückkehr zu beklagen, dass es so anders war“.  Die Konkurrenz der Internetreiseanbieter wächst und wirbt mit günstigen Preisen um die Gunst der reiselustigen Kunden. Das schlägt sich inzwischen auch in der Ausbildung nieder. Dort stehen die Kundenorientierung ebenso wie die Kundenbindung und das Geschäftsreisemanagement mittlerweile im Mittelpunkt. Außerdem üben die Auszubildenden ihre fachlichen Kompetenzen in vielen Projektarbeiten.

Nur Beratungsqualität zählt

Wirklich alles für den Kunden (Foto: alltours)

Wirklich alles für den Kunden (Foto: alltours)

Die Reisebüros vor Ort punkten gegenüber der Konkurrenz aus dem Internet hingegen mit der ausgewiesenen Beratungskompetenz ihrer Mitarbeiter sowie der verlässlichen und umfassenden Qualität ihres Dienstleistungspakets. Als  der Vulkanausbruch des  Eyjafjallajökull im Jahr 2010 wegen seiner Aschewolke den gesamten europäischen Flugverkehr zum Erliegen brachte, organisierten sie die zügige und unbürokratische Rückholung ihrer Kunden. Individualreisende aber waren auf sich allein gestellt und fanden für ihre Rückkehr in die Heimat eine oft nur ebenso teure wie umständliche Lösung.

Bei einer nicht unerheblichen Zahl von Reisenden gibt es allerdings inzwischen kein Entweder-Oder zwischen Reisebüro und Internet, sondern die Tendenz, Informationen  zu Urlaubsdestinationen und Hotels im Internet zu recherchieren, um später im Reisebüro die Buchung vorzunehmen. „Der Kunde ist durch das Internetangebot inzwischen deutlich preissensibler und besser informiert. Allerdings sind Onlineangebote selten auf die persönlichen Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten“, so Philipp Cantauw von der Reisebüro Schmidt GmbH in Wolfenbüttel. Lachend erzählt er von einem zufriedenen Kunden, der sich nach seiner Rückkehr überschwänglich mit einem riesigen Blumenstrauß bei ihm bedankte. Cantauw  gab ihm vor der Buchung den wichtigen Hinweis, dass er auf Madeira nicht das finden werde, was er suche: weiße lange Sandstrände. Die große Enttäuschung ersparte er ihm so. Solche Dinge sind es, die Cantauw ihn an die Zukunftschancen von Reisebüros glauben lassen.

Gute Chancen für den Nachwuchs

Philipp Cantauw, Prokurist bei Reisebüro Schmidt/Wolfenbüttel (Foto: privat)

Philipp Cantauw, Prokurist bei Reisebüro Schmidt/Wolfenbüttel (Foto: privat)

In dem Unternehmen, in dem er selbst Mitte der 90er Jahre seine Ausbildung begann und bei dem er von der Arbeit am Counter, als Reiseleiter, über die Büroleitung und später als Bereichsleiter für drei Reisebüros alle Facetten kennenlernte, entscheidet Philipp Cantauw inzwischen auch über die Personalauswahl der Nachwuchskräfte. Interessierte Bewerber sollten in jedem Fall neben soliden schulischen Leistungen in den Hauptfächern auf Niveau der Mittleren Reife  über sehr  gute Geographiekenntnisse verfügen. Gleichwohl nehmen in der späteren Berufstätigkeit administrative, also kaufmännisch-verwaltende Tätigkeiten einen großen Raum ein. Die Kundenberatung verlangt schließlich immer wieder neu, sich auf ganz unterschiedliche Menschen einstellen zu müssen, auf den, der auf eigene Faust die chilenische Attacamawüste durchqueren will, genauso wie auf den, der im 5.000 Kilometer entfernten Hotel das Jägerschnitzel ebenso wenig missen möchte wie deutsches Bier. Da sind vorurteilsloses Einfühlungsvermögen und ergebnisorientiertes Handeln gleichermaßen gefordert. „Dafür jedoch eröffnet der Beruf vielfältige Berufschancen in allen Bereichen des  Reisegeschäfts und die Möglichkeit, mit entsprechendem Einsatz auch ohne ein akademisches Studium  beruflich Karriere zu machen“, so der Wolfenbütteler Prokurist.

Obwohl die  Anzahl der sozialversicherten Tourismuskaufleute in den letzten 10 Jahren  um nahezu zehn Prozent zurückgegangen ist, befürchtet die Branche bereits jetzt einen drohenden Fachkräftemangel. Schließlich verringerte sich mit dem Rückgang der Beschäftigtenzahlen und mit dem Sterben vieler kleinerer Agenturen auch die Anzahl der Auszubildenden. Die Gründe für diese Entwicklung: die Anschläge des 11.September, zahlreiche Umstrukturierungen der großen Veranstalter, dazu die zunehmende Digitalisierung. Erstmalig sank die Anzahl der deutschen Reisebüros im letzten Jahr unter 10.000. Steigend hingegen ist die Anzahl der Hochschulabsolventen. Die treffen auf für Dienstleistungsberufe typische Unternehmensstrukturen. Und die sind bis auf die wenigen großen Veranstalter eher klein- und mittelständisch geprägt. Die Mehrzahl der Beschäftigten arbeitet in den Reisebüros vor Ort, die in der Regel  nur wenige Mitarbeiter zählen.

Beim Reiseveranstalter geht der Blick voraus

Der Sonne entgegen – Aufbruch mit den modernen Bussen vom Reisebüro Schmidt (Foto: Reisebüro Schmidt)

Der Sonne entgegen – Aufbruch mit den modernen Bussen vom Reisebüro Schmidt (Foto: Reisebüro Schmidt)

Im Vergleich zu den hohen Anforderungen des Studiums bewegen sich die Gehälter dort auf eher bescheidenem Niveau, bieten weiterreichende Karriereperspektiven nur die großen Arbeitgeber. Das allerdings häufig zum Preis der unmittelbaren Kundennähe. Der Weg in die Führungsetagen der Reiseveranstalter erfordert neben einem abgeschlossenem Studium oder einer Ausbildung als Tourismuskaufmann  gute Sprachkenntnisse, Mobilität, Belastbarkeit, interkulturelles Interesse, Teamfähigkeit  sowie ein hohes Maß an Weiterbildungsbereitschaft. Um am Markt bestehen zu können, müssen Trends rechtzeitig erkannt und die dafür passenden Produkte entwickelt werden. Der demographische Wandel hinterlässt jedenfalls tiefe Spuren. Zurzeit boomt das Geschäft mit  Kreuzfahrten aller Preiskategorien. Die kaufkräftige Gruppe der sogenannten Best-Ager ab fünfzig entwickelt sich zur wichtigsten Zielgruppe, denn sie vor allem sorgen für stabile Umsätze. Aber auch sogenannte Nischenprodukte wie Gesundheitsreisen und nachhaltiger Biotourismus werden immer stärker nachgefragt.

Für Bewerber noch ein Tipp: Der Beruf Tourismuskaufmann sollte bei einer Bewerbung in keinem Fall mit der Ausbildung als Kaufmann für Tourismus und Freizeit verwechselt werden. Der vermittelt die touristischen Produkte wie Dienstleistungen einer ganz bestimmten Region oder auch nur eines Ortes und ist überwiegend in Fremdenverkehrseinrichtungen beschäftigt. Wer nach weiteren Ausbildungsalternativen sucht, sollte sich die Ausbildungsberufe Veranstaltungskaufmann, Hotelkaufmann oder Servicekaufmann im Luftverkehr anschauen.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:02.12.2013)

Beschäftigte: 64.707 (Quelle: Deutscher Reiseverband, 2012)
Ausbildungsplätze: ca. 2.000 pro Jahr
Auszubildende: von den Auszubildenden verfügen 63% über das Abitur, ca. 30% besitzen den Mittleren Bildungsabschluss
Informationen zum Berufsbild:

Weiterbildungsmöglichkeiten:

  • Geprüfter Tourismusfachwirt/-fachwirtin
  • Betriebswirt/Betriebswirtin (Fachschule) für Touristik/Reiseverkehr Verkehr
  • Betriebswirt/Betriebswirtin (Fachschule) für Verkehr
  • oder Studienmöglichkeiten :
  • Hotel-, Tourismusmanagement (Bachelor)
  • Betriebswirtschaftslehre, Business Administration (Bachelor)
  • Verkehrsbetriebswirtschaft (Bachelor)

Einkommen: http://www.gehaltsvergleich.com/gehalt/Reiseverkehrskaufmann-Reiseverkehrskauffrau-Touristik.html
Weitere Infos: http://www.drv.de/presse/fakten-und-zahlen-zum-reisemarkt/jahresuebersichten.html
 
 

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