Thomas Reiter – Eine überirdische Karriere

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2016

Thomas Reiter im Fluganzug kurz vor dem Start der Space-Shuttle-ISS-Langzeitmission Astrolab im Jahr 2006 (Foto: ESA/S. Corvaja)

Thomas Reiter im Fluganzug kurz vor dem Start der Space-Shuttle-ISS-Langzeitmission Astrolab im Jahr 2006 (Foto: ESA/S. Corvaja)

Wenn ich nicht wüsste, dass Thomas Reiter gebürtiger Hesse ist, wäre ich versucht, von ihm als einem Preußen zu sprechen. Jedenfalls besitzt er alle Tugenden, die man mit dieser Landsmannschaft verbindet. Er ist ruhig, kontrolliert, objektiv bis zur Selbstverleugnung, in allem, was er tut, konsequent leistungsorientiert. Freilich verbietet sich die Verortung als Preuße bei jemand, der in Frankfurt geboren wurde und neunzehn Jahre später sein Abitur am Goethe-Gymnasium im benachbarten Neu-Isenburg bestand. Und doch beschriebe den mit 350 Tagen im All erfahrensten deutschen Astronauten nichts besser als diese Attribute. Gleichwohl erlebe ich auch einen Thomas Reiter, der die Herzen der Menschen durch seine ungekünstelte Natürlichkeit tief berühren kann. Zwar bin ich mir sicher, dass er die Frage nach seinen Emotionen während der Flüge 400 Kilometer über der Erde schon viel zu oft beantworten musste. Ich stelle sie dennoch. „Man wünscht sich, dass das Zusammenleben auf der Erde so friedlich wäre, wie es sich aus dieser Höhe anschaut“, gibt er seinen Gefühlen freien Lauf und lässt keinen Zweifel, dass es genauso gemeint wie formuliert ist.

Was aber bringt einen gerade einmal Achtjährigen zum Berufswunsch Astronaut? Mehr noch, was lässt einen Jugendlichen und später jungen Mann, dem die Exotik dieses Zieles immer deutlicher wird, unbeirrt daran festhalten? Immerhin flog mit Ulf Merbold der erste bundesdeutsche Astronaut erst 1983 ins All. Da war Reiter bereits 25 Jahre alt. Nur der aus der DDR stammende Sigmund Jähn verfügt über noch frühere Orbiterfahrungen. 1978 umrundete der Sachse in einer sowjetischen Sojuskapsel 7 Tage lang die Erde. Vom Astronauten als einem Nischenberuf zu sprechen, ginge angesichts der Tatsache von bislang lediglich elf deutschen Raumfahrern also völlig an der Wirklichkeit vorbei. Die Wahrscheinlichkeit, diesen Berufswunsch realisieren zu können, ist immerhin um mindestens mehrere Zehnerpotenzen geringer, als einen Millionen schweren Jackpot knacken zu können. In der von der Bundesagentur für Arbeit betriebenen Datenbank BERUFENET sucht man diesen Beruf jedenfalls vergeblich. Thomas Reiter ist in der Reihenfolge erst der achte Deutsche, der 1995 ins All fliegen durfte. Elf Jahre später folgte eine zweite Mission.

In der Tradition der Entdecker

Thomas Reiter im ESA-Kontrollzentrum (Foto: ESA/J. Mai)

Thomas Reiter im ESA-Kontrollzentrum (Foto: ESA/J. Mai)

„Seit dem ich denken kann, habe ich eine enge Verbindung zur dritten Dimension“, lautet seine wichtigste Erklärung für solche ausgefallene Berufsplanungen. Die dritte Dimension bestimmt Reiters Leben bis heute. Kein Wunder, waren seine Eltern doch beide begeisterte Segelflieger, saß die Mutter noch wenige Wochen vor seiner Geburt in der Kanzel hinter dem Steuerknüppel. Und wuchs Thomas Reiter anschließend in einer Zeit auf, in der sich die politischen Systeme aus Ost und West im Kalten Krieg unversöhnlich gegenüberstanden. Und schon bald den Wettlauf für den ersten Flug zum Mond als Feld entdeckten, auf dem der eine wie der andere seine Überlegenheit unter Beweis stellen wollte. Und wo deshalb im Gegensatz zu heute die Geldquellen unbegrenzt sprudelten. Die politische Dimension blieb dem Zehnjährigen zwar verborgen, die Technik faszinierte ihn umso mehr. „Mit meinen Schulfreunden zusammen bastelte ich aus Pappe oft Nachbildungen der amerikanischen Gemini-Raumschiffe und deren Titan-Trägerraketen“, erinnert sich Reiter. Er fühlte sich wie der moderne Nachfolger des mittelalterlichen Entdeckers Christoph Columbus. „In unseren Träumen spielten wir nach, wie es sich wohl anfühlt, als erster Mensch einen fremden Planeten zu betreten“, beschreibt er den heute kaum noch nachvollziehbaren Rausch jener Zeit.

Was Thomas Reiter seine ganze Berufskarriere lang auszeichnen soll, bestimmte sein Handeln schon während der Schulzeit sowie in den beruflichen Anfängen. Seine Devise lautet nicht „Augen zu und durch“, sondern „Augen auf und mit beiden Füßen fest auf der Erde“. Bereits der neunzehnjährige Abiturient Reiter ist viel zu klug und zu nüchtern, als dass er nicht um die geringe Chance zur Verwirklichung seines Herzenswunsches Astronaut wüsste. Da macht er sich keine Illusionen. Im Übrigen verfügt er über die Fähigkeit, sich berufliche Genugtuung auch in anderen Tätigkeiten zu erarbeiten. Gleichzeitig ist er jedoch enthusiastisch und hartnäckig genug, das Ziel Astronaut nicht aus den Augen zu verlieren, mögen ihn auch Gott und die Welt belächeln. Hier wie dort treibt ihn eine unstillbare Neugier. „Ich wollte bei allem, was ich tue, stets wissen, was kommt noch hinter dem uns bereits Bekannten“, formuliert er die Triebfeder all seines Handelns. „Als Astronaut wähnt man sich der Unendlichkeit natürlich etwas näher.“

Das Ziel heißt Fliegen

Die ISS aufgenommen im Jahr 2011 Aus dem Space Shuttle Discovery (Foto: Wikipedia/NASA

Die ISS aufgenommen im Jahr 2011 Aus dem Space Shuttle Discovery (Foto: Wikipedia/NASA)

Doch bis zum ersten Flug in einem russischen Sojus-Raumschiff werden noch nahezu zwanzig Jahre ins Land gehen. Eine strategische Berufsplanung im engen Sinn, gibt Reiter zu, habe er nie besessen. Wie auch bei einem Beruf, den es in Deutschland zu jener Zeit noch gar nicht gibt. Er habe nur gewusst, sein Job sollte etwas mit dem Fliegen zu tun haben. Konkreter aber sahen die Überlegungen am Ende der Schulzeit nicht aus. Reiter hofft auf die Erleuchtung durch den Grundwehrdienst. Der war damals für ihn wie für alle jungen Männer im Alter ab achtzehn Jahren obligatorisch. Am Ende dieser Zeit ist er sich dann tatsächlich sicher, gefunden zu haben, was seinen Wünschen nahe kommt und, ebenso wichtig, was sich zeitnah realisieren lässt. Der flugbegeisterte junge Mann aus dem Windschatten der Frankfurter Bankentürme entscheidet sich für die Offizierslaufbahn bei der Luftwaffe. Es sei eine gute Vorbereitung auf seine Einsätze als Astronaut bei der European Space Agency (ESA) gewesen, urteilt er nach kurzer Bedenkzeit rückblickend über diesen Lebensabschnitt. Tatsächlich kommen viele Astronauten aus der Militärfliegerei und/oder verfügen über eine ingenieurtechnische Ausbildung.

Ich will es gerne genauer wissen und bitte den Mann, der ein Jahr seines Lebens im All verbrachte, um Aufklärung. Als Kampfjet-Pilot, erklärt Thomas Reiter, lerne man, hoch komplexe technische Systeme zu verstehen und möglichst fehlerfrei zu bedienen. Reiter flog den Alpha Jet und später auch den Tornado. Darüber hinaus sei hier so intensiv wie kaum anderswo Teamarbeit erforderlich. Ohne Vertrauen in die fachliche Kompetenz wie die persönliche Zuverlässigkeit der Kollegen im technischen Support als auch der Einsatzplanung wäre der Job nicht machbar. Als Offizier wiederum müsse man sowohl führen wie entscheiden können. Und anders als viele noch immer denken, keineswegs mit Befehl und Gehorsam wie zu Kaisers Zeiten, sondern nur mit fachlichen Argumenten und persönlicher Überzeugungskraft. Die Überschneidungen mit der Raumfahrt sind schnell hergestellt. Das gilt für die technischen Systeme, die Dichte der Kommunikation mit den mitfliegenden Kollegen und den zahlreichen Spezialistenteams am Boden, aber natürlich auch den eigenständigen Entscheidungen bei Störungen an Bord.

Engagement und Leistung werden belohnt

Thomas Reiter (Foto: NASA)

Thomas Reiter (Foto: NASA)

Die Ausbildung in der Luftwaffe beginnt für den jungen Thomas Reiter in der Offiziersschule Fürstenfeldbruck. Hier lernt er das Führungshandwerk eines militärischen Vorgesetzten. Ein Jahr später wechselt er planmäßig an die Universität der Bundeswehr in Neubiberg nahe München. Dort studiert er erwartungsgemäß natürlich Luft- und Raumfahrttechnik. 1982 schließt er als Diplom-Ingenieur ab. Aber noch immer muss Reiter seine Ungeduld zügeln, noch hat er sein Ziel, selbst zu fliegen, nicht erreicht. Denn die zwölfmonatige Ausbildung zum Kampfjet-Piloten auf der Sheppard Air Force Base in Texas beginnt erst im Mai 1983. Ab diesem Zeitpunkt allerdings wird die Fliegerei seinen Berufsalltag vollständig bestimmen. Bis 1990 ist er beim Jagdbombergeschwader 43 auf dem Fliegerhorst Oldenburg stationiert. Und Reiter bleibt sich treu. Wie immer, zeigt er auch hier vollen Einsatz. Seinen Vorgesetzten bleibt das nicht verborgen. Bald schon wird er zum Flugeinsatzoffizier, später zum stellvertretenden Staffelkapitän befördert. Er beteiligt sich an der Entwicklung eines rechnergestützten Flugplanungssystems.

Doch Reiters Herz schlägt weiter zu allererst für das Fliegen. Die Ausbildung zum Testpiloten ist deshalb ein folgerichtiger Schritt. Die Qualifikation als Testpilot 2. Klasse erfolgt in Manching südöstlich von Ingolstadt, die als Testpilot 1. Klasse an der britischen Empire Test Pilot School auf der Royal Air Force Station in Boscom Down, nicht weit entfernt von der prähistorischen Kultstätte Stonehenge. Reiters neue Aufgabe war klar. Testpiloten beobachten das Verhalten der Flugzeuge und deren verschiedene Systeme beim Fliegen in Grenzbereichen. Und genau deswegen hatte er sich dafür entschieden. Damit war Thomas Reiter seiner beruflichen Erfüllung ein Stück näher gekommen. Zwar war die Tür wieder einen Spalt weiter aufgegangen, zum Durchgehen aber noch immer nicht weit genug. Jahre zuvor, im Herbst 1985, nach der Rückkehr von einem Routineeinsatz wünscht ihn der Chef zu sprechen. Reiter geht seinen Flug noch einmal durch. Ist er zu schnell geflogen, hat er die vorgegebene Flughöhe unterschritten, was hat er falsch gemacht?

Das Erfolgsrezept heißt Thomas Reiter

Thomas Reiter in der Sojus-Kapsel kurz vor dem Umstieg in die ISS (Foto: NASA)

Thomas Reiter in der Sojus-Kapsel kurz vor dem Umstieg in die ISS (Foto: NASA)

Mit der Karte und der daraus zu entnehmenden Flugroute unter dem Arm meldet er sich beim Kommandanten. Reiter ist sich zwar keiner Schuld bewusst, gleichwohl auf alles gefasst. Der Kommandant indes hat ein ganz anderes Anliegen. „Wollen Sie Astronaut werden“, fragt er ihn ohne Umschweife. Reiter verschlägt es den Atem. Und ob er will! Am liebsten sofort, gleich am nächsten Tag. Aber so schnell geht das alles natürlich nicht. Und im Übrigen gibt es für die europäisch-russische Mission „Euromir 95“ noch ganz viele andere Interessenten. 22.000 sind es insgesamt. Vor den Einstieg in das Raumschiff Sojus hat die ESA eine Vielzahl von Tests und Tauglichkeitsprüfungen gestellt. Wird Reiter sich da durchsetzen können? Für den Bundeswehrpiloten ist das weder eine Frage und schon gar nicht ein Problem. Sich Leistungsvergleichen zu stellen, ist für ihn die natürlichste Sache der Welt. Er nimmt die Herausforderung an. Und wird nach einem aufwendigen Auswahlverfahren einer von sechs Auserwählten sein.

Hatte er ein Erfolgsrezept? Ja, hatte er. Es hieß Thomas Reiter. Im Klartext: auf die eigenen Stärken besinnen. An den Schwachstellen arbeiten und sich, wenn nötig, mit viel Fleiß durchbeißen. Niemals aufgeben, stattdessen kämpfen, auch wenn die Chancen gering scheinen. An den Erfolg glauben. Ein eventuell abschlägiges Votum nicht zum persönlichen Werturteil stilisieren, sondern nehmen als das, was es ist, nämlich als Hinweis auf ein derzeit (noch) nicht ausreichendes Potential. Wie oft der Offizier Reiter dennoch zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Gewissheit und Zweifeln schwebte, das macht der heute 58-Jährige gegenüber Journalisten nicht zum Thema. Überhaupt fehlt es ihm an der Fähigkeit zum Klagen. Disziplin bedeutet für Reiter vor allem, die eigene Person nicht in den Mittelpunkt zu stellen, auch sich in die Abläufe einer großen Organisation einfügen zu können. Neben seinen fachlichen Kompetenzen und beruflichen Erfahrungen waren es wohl vor allem diese Fähigkeiten, die Reiter am Ende den Erfolg sicherten.

Mannschaftsspieler und Einzelkämpfer

Thomas Reiter bei der Arbeit am Computer in der ISS (Foto: NASA)

Thomas Reiter bei der Arbeit in der ISS (Foto: NASA)

Aber noch immer saß Reiter nicht im Raumschiff. Was er lange schon ahnte, bestätigt sich. Geduld und überdurchschnittliches Stehvermögen avancieren für alle Astronauten zu zentralen Charakterstärken. Denn nirgends sonst erweist sich die Volksweisheit „Nach der Prüfung ist vor der Prüfung“ zutreffender als hier. Über zweieinhalb Jahre erstreckt sich das Trainingsprogramm, davon die ersten fünf Monate im Kölner Astronautenzentrum, der längere Rest im berühmten Moskauer „Sternenstädtchen“. Reiter ist dankbar, dass ihn seine Familie begleitet und mit ihm zusammen in die Moskauer Peripherie zieht. Unterricht und praktische Trainings, vor allem aber die Prüfungen, alles erfolgt in Russisch. Diese Sprache zu erlernen, wurde für Thomas Reiter zu einer ganz neuen Grenzerfahrung. Doch deswegen jetzt kurz vor dem Ziel aufgeben, kam für den deutschen Weltraumkandidaten nicht infrage. Umso mehr ihm bewusst wird, wie nahe er mit seinen Begabungen, Fähigkeiten und Interessen dem Anforderungsprofil des Astronautenberufes kommt.

„Als Astronaut“, sagt Reiter, „ist man Operator auf allerhöchstem Anforderungsniveau, weniger innovativer Wissenschaftler.“ Gleichwohl benötigen Astronauten überdurchschnittliche wissenschaftlich-technische Kompetenzen. Schließlich haben sie bei jedem Flug eine Vielzahl wissenschaftlicher Versuche durchzuführen. Deren Abläufe aber haben lange zuvor die Fachwissenschaftler festgelegt, die auf der Erde zurückgeblieben sind. Daran hat sich der Astronaut zu halten. Dennoch sind Astronauten nicht lediglich ausführendes Organ. „Es gibt immer wieder unvorhersehbare Situationen, wo einem auch die Bodenkontrolle nicht mehr helfen kann“, lässt Reiter einen Blick hinter die Raumfahrtkulissen zu. Er selbst stand beispielsweise vor der Aufgabe, ein Gerät für die Analyse des Gasaustauschs in der Lunge von Astronauten, das sechs Wochen vor Ende seiner Weltraummission ausfiel, wieder flott zu bekommen. Andernfalls würde die Aussagefähigkeit der Messreihe leiden.

Fairer Wettbewerb

Thomas Reiter arbeitet in der ISS eine Checkliste ab (Foto: NASA)

Thomas Reiter arbeitet in der ISS eine Checkliste ab (Foto: NASA)

Die Bodenkontrolle wusste keinen Rat. Reiter war auf sich allein gestellt. In der Hoffnung, so dem Fehler auf die Spur zu kommen, entschied sich der deutsche Astronaut, das Gerät zu demontieren. Schnell fand sich ein Ventil, das klemmte. Aber wie es wieder frei bekommen, ohne die Düse zu beschädigen? Der dafür notwendige Draht musste genau so geschmeidig wie stabil sein. Bei der Zusammenstellung des Reparaturdepots hatte man eine solche Konstellation nicht vorhersehen können. Deshalb fand sich dort nichts. Was also tun? Reiter hatte eine Idee. Er opferte ein Stück der hohen E-Saite seiner Gitarre. Die verbleibenden Wochen versah das Gerät seinen Dienst wieder fehlerfrei. Spätestens jetzt versteht der geneigte Betrachter, weshalb es bisher noch kein Geistes- und Sozialwissenschaftler in die engere Auswahl für eine Weltraummission geschafft hat.

Doch ist an dieser Stelle noch einmal ein Schritt zurück zu tun. Reiter absolvierte die Flugvorbereitung gemeinsam mit dem schwedischen Physiker Christer Fuglesang, mit dem ihn noch heute eine enge Freundschaft verbindet. Doch im Moskauer Sternenstädtchen sind sie Konkurrenten. Beide wissen, am Ende wird nur einer für den Flug nominiert werden. Was für eine Situation. Beide einigen sich auf Zusammenarbeit statt spitzer Ellenbogen. Fairness ist für Reiter kein bloßes Schlagwort, sondern Lebensmaxime. Für den Tag der Entscheidung vereinbaren sie ein gemeinsames Essen unabhängig davon, wer den Zuschlag erhält. Genau so tun sie es dann. Reiter freut sich, für den Flug nominiert zu sein. Aber er empfindet zugleich mit seinem schwedischen Partner, der bei diesem Flug unten bleiben muss. Und ist erleichtert, als dieser zehn Jahre später dann doch noch fliegen wird. Kameradschaft, nicht Kameraderie, ist für den ehemaligen Offizier Reiter nicht erst seit diesem Tag ein Wert mit positivem Vorzeichen. Das gilt bis heute.

Raumfahrt unter neuen beruflichen Vorzeichen

So eng ging es in der Sojus-Raumkapsel auch für den US-amerikanischen Astronauten Daniel W. Bursch zu (Foto: Wikipedia/NASA)

So eng ging es in der Sojus-Raumkapsel auch für den US-amerikanischen Astronauten Daniel W. Bursch zu (Foto: Wikipedia/NASA)

Als erstem Nichtrussen wird Reiter die Ehre zuteil, die Steuerung des Sojus-Raumschiffes in der Rückkehrphase zur Erde zu übernehmen. Vielleicht mögen in dieser Entscheidung der russischen Weltraumagentur auch politische Überlegungen eine Rolle gespielt haben. In erster Linie aber ist es eine Anerkennung der Fähigkeiten des deutschen Astronauten. Der unausweichliche Übergang ins zivile Leben nach Abschluss der Missionen gelingt nicht allen Astronauten gleich gut. Reiter indessen kehrt ohne Murren zur Luftwaffe zurück, nun als Kommandeur der fliegenden Gruppe des Jagdbombergeschwaders 38 auf dem Fliegerhorst Jever. Vergessen ist er bei der ESA freilich nicht. Zu sichtbar die Fußabdrücke, die er als Astronaut hinterlassen hat. Von April 1999 an steht er der ESA wieder zur Verfügung. Ab 2001 bereitet er sich auf den ersten ISS-Langzeitflug eines ESA-Astronauten vor. Am 4. Juli 2006 startet Thomas Reiter mit der NASA-Raumfähre Discovery zur russischen Raumstation ISS. Wie schon beim ersten Flug absolviert Reiter einen Weltraumausstieg. Die damit verbundene Faszination entzieht sich allen verbalen Formulierungskünsten. Doch seine Mimik und seine Augen verraten das Einmalige dieses Erlebnisses.

Zehn Monate später stellt Thomas Reiter die beruflichen Weichen noch einmal neu. Er wechselt als Vorstand für das Ressort Raumfahrtforschung und –entwicklung zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) nach Köln. 2011 ernennt ihn die ESA zum Leiter ihres Direktorats für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb mit Sitz in Darmstadt. Seit einem halben Jahr ist er an gleicher Stelle ESA-Koordinator für das ISS-Programm und Berater des ESA-Generaldirektors. Damit ist er in der Weltraumpolitik angekommen. Nun muss er Raumfahrt aus der Perspektive derer denken, die das Geld dafür bereitstellen. Die unterschiedlichen Interessen von elf Geberländern, die allen bekannten ebenso wie die nur in den Hinterzimmern offenbarten, unter einen Hut zu bekommen, dürfte kaum weniger schwierig sein, als einen Sack Flöhe zu hüten. Besonders für einen Mann, für den ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein ist. Besonders für jemand, der es als Offizier und Ingenieur gewohnt ist, Unübersichtlichkeit zu ordnen und transparent zu machen. Doch Reiter ist viel zu loyal, das zum Gesprächsthema werden zu lassen.

Freude am Erfolg der anderen

Thomas Reiter bei einem wissenschaftlichen Versuch in der ISS (Foto: NASA)

Thomas Reiter bei einem wissenschaftlichen Versuch in der ISS (Foto: NASA)

Ein letztes Mal öffnet er sein Inneres für einen  Blick von außen. „Was ich beruflich jetzt tue“, höre ich ihn mit einem Anflug von Wehmut in der Stimme sagen, „ist Plan B.“ Und ich verstehe, dass früher oder später jeder Astronaut vor einer solchen Entscheidung steht. Weil die körperliche Fitness den hohen Anforderung der Raumfahrt nicht mehr genügt. Weil mit knappem Geld zukunftsfähige Personalressourcen aufgebaut werden sollen und die alten Kämpen deshalb ins Glied treten müssen. Weil junge Kollegen neue Ideen mitbringen. Ich habe eine letzte Frage. Ob er traurig ist, nicht mehr im aktiven Astronautenkader zu sein und wie sein junger Kollege Alexander Gerst 2018 in einer neuen Mission die Funktion des Kommandanten auf der ISS übernehmen zu dürfen. „Nein“, sagt er und schüttelt den Kopf. Stille. Ich verstehe. Der Verstand hält den Ehrgeiz im Zaum, auch in Thomas Reiters Leben gibt es unerfüllte Wünsche. Dass er sich gleichwohl ehrlich mit und für Gerst’s einmalige Chance  freut, entzieht sich allen zweifelnden Einwänden. Da ist der Hesse dann wohl doch zu sehr Preuße, zu geradlinig und, wenn dieser altmodische Begriff erlaubt ist, zu aufrichtig.

 

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