Thomas Middelhoff – Ganz oben, ganz unten und was wirklich zählt im Leben

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2018

Es wurde eine Karriere in Überschallgeschwindigkeit und eine, die bis auf den höchsten Gipfel führte. Bereits mit 45 Jahren war Thomas Middelhoff Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG als dem mit 120.000 Mitarbeitern größten und einflussreichsten Medienkonzern Deutschlands, ein Global Player dazu. Zwischen dem Einstieg in Gütersloh und dem Wechsel auf den Chefsessel lagen da gerade einmal zwölf Jahre. Es war 1998. So viel Erfolg ist nur wenigen beschieden. Bertelsmanneigentümer Reinhard Mohn lud aus diesem Anlass zur großen Party. 2.000 Personen standen auf der Gästeliste. Darunter alles, was in Politik und Wirtschaft Rang und Namen hatte. Wenn er später für wichtige Entscheidungen ein Gespräch mit Ministern der Bundesregierung oder gar dem Kanzler/der Kanzlerin suchte, musste Thomas Middelhoff nicht lange warten. Für einen wie ihn gab es zeitnah immer noch eine Lücke in derem Terminkalender. TM, so nannten ihn die Bertelsmänner respektvoll, nahm es als Normalität. Schließlich gestaltete er wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft an vorderster Stelle.

Kein einladender Ort – In der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne verbüßte Thomas Middelhoff seine Haftstrafe (Foto: privat)

2014, nur sechzehn Jahre später, dann das ruhmlose Ende. Wegen Untreue und Steuerhinterziehung verurteilt das Landgericht Essen den einst mächtigen Thomas Middelhoff zu drei Jahren Haft. Die besondere Schmach: Vor den Augen seiner Familie und unzähligen laufenden Kameras wird er noch im Gerichtssaal verhaftet. Die Begründung des Richters lautet auf Fluchtgefahr. Tatsächlich war Middelhoff, wie in den obersten Managementkreisen üblich, im Besitz zweier Reisepässe – und aktuell eines Visums für China. Der Richter traute ihm offensichtlich alles zu. Zuvor schon gab es das unwürdige Schauspiel zweier Taschenpfändungen. Dabei war Middelhoff in jener Zeit bereits ein finanziell schwer geprüfter Mann. 2015 musste der ehemalige Topmanager und Millionär Privatinsolvenz beantragen. Längst zuvor verloren die Villa in Saint-Tropez, die 33-Meter-Yacht mit dem geradezu programmatischen Namen „Medici“ und andere Statussymbole des Management-Jetsets. Heute lebt Thomas Middelhoff getrennt von seiner Frau, mit der er fünf Kinder hat, an der Seite einer neuen Lebensgefährtin in Hamburg, hält Vorträge und schreibt Bücher – und ist ein glücklicher Mensch, wie er betont.

Management neu denken

Welche Fähigkeiten haben den gebürtigen Düsseldorfer Middelhoff in solche Höhen aufsteigen lassen? Warum ist er anschließend so tief gefallen? Und was kann der Managementnachwuchs von diesem Mann lernen? Eine Menge, wie mir nach unserem intensiven Gespräch scheint. Weniger taktische Winkelzüge als die Grundfesten in einem (Berufs)Leben. Zuallererst Demut, Kritikfähigkeit und die Bereitschaft zum Innehalten. Dazu das Nachdenken über sich selbst, die Wichtigkeit einer wirklichen Charakterbildung, das Einhalten von Werten, selbst wenn es den nächsten Karriereschritt gefährden sollte. Alles Dinge, die das Managementtalent Middelhoff während seines eigenen Aufstiegs weitgehend unbeachtet ließ, manches intuitiv, manches wissend, weil die Konsequenzen fürchtend. Was er damals ahnte, ist ihm heute Gewissheit. „Mit meinen jetzigen Erkenntnissen“, ist er überzeugt, „würde mich kein Aufsichtsrat mehr zum Vorstandsvorsitzenden berufen.“ Soll heißen, die soeben genannten Dinge zu verdrängen und zu ignorieren, ist der Tribut für den Aufstieg in den Managementolymp. Und zugleich der Keim für das unabwendbare Scheitern.

Um den Weg des Thomas Middelhoff zu verstehen, muss man den Blick zunächst auf die Anfänge richten. Er wächst als drittes von fünf Kindern in einem Unternehmerhaushalt auf. Sein Vater besitzt und führt in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf ein mittelständisches Textilunternehmen. Seine Eltern sind praktizierende Katholiken. Das Verhältnis zu den Kindern beschreibt Thomas Middelhoff als liebevoll. Sein Vater sei überdies nicht bloß Vater, sondern sogar bester Freund gewesen. Bei seinen ersten Gehversuchen im Management habe er ihm ganz entscheidend geholfen. Geprägt haben ihn besonders das väterliche Arbeitsethos und die Freude am Unternehmertum. Trotz aller Liebe zur Familie stand das Wohl und Wehe der Firma für seinen Vater vor allem Anderen. „Da unterbrach er sogar das Mittagessen“, erinnert sich der Sohn. Nicht aus Gier auf Umsatz und Gewinn, sondern aus Verantwortung um die Arbeitsplätze seiner Beschäftigten und deren Familien, wie er es in der Rückschau formuliert. Middelhoff übernahm diese Reihenfolge, nicht aber die puristische Erdung, die seinen Vater bei alldem lebenslang auszeichnete.

Seinen Weg finden

Bei der Arbeit nicht auf die Uhr zu schauen, leistungsmäßig stets ans Limit zu gehen, das waren für Thomas Middelhoff Selbstverständlichkeiten seit frühesten Tagen. Ebenso wie er den zu ihm passenden Weg, mochte er auch anstrengend sein, dem leichten vorzog. Das humanistische Gymnasium verließ er mit der mittleren Reife, um an die Fachoberschule Wirtschaft zu wechseln. Den Ausschlag gab der größere Anwendungsbezug der Lehrinhalte verbunden mit praktischer Arbeit in einem Betrieb. Anschließend studierte er an der heimischen Fachhochschule Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing. Deren Diplom nach nur sechs Semestern nutzte er als Eintrittsbillet zur Universität. Er schrieb sich an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster ein. Wieder war es Betriebswirtschaft und wieder entschied er sich für die Vertiefung Marketing. Und wieder schloss er das Studium in der Regelstudienzeit ab. „Zum Bummeln war mir die Zeit zu schade“, lautet die Begründung. Sie ist typisch für seine Sicht auf die Welt.

Thomas Middelhoff (Foto: privat)

Schon während des Studiums engagiert Middelhoff sich im elterlichen Unternehmen mit beständig wachsender Verantwortung. So leitet er bereits während seiner Promotion den Aufbau einer Produktionsstätte in Griechenland. „Nach Arbeitsschluss an der Uni flog ich Freitagmittag nach Thessaloniki“, erzählt er, „kam am Sonntagabend zurück und stand am Montagmorgen wieder pünktlich, wenn auch nicht immer ganz ausgeschlafen, im Institut von Professor Meffert in Münster auf der Matte.“ Woche für Woche. Man mag Thomas Middelhoff so manches vorwerfen. Mangelnder Arbeitseinsatz und fehlender Leistungswille aber gehören gewiss nicht dazu. Ob solche Terminpläne der Beziehung zu seiner Freundin und späteren Frau Cornelie, von Beruf Architektin, gut getan haben, möchte ich wissen. „Meine Frau kannte das. Wie ich kam sie aus einer Unternehmerfamilie“, blickt er in jene Jahre zurück. Aber weshalb unterzog sich der Macher und Pragmatiker Middelhoff überhaupt der Mühe einer Promotion? „Ich sah meine Zukunft in einem Großkonzern und dachte, dass dafür ein Dr. vor dem Namen karriereförderlich wäre.“ War es, weiß er heute.

Persönlichkeit wagen

Doch bevor Thomas Middelhoff 1986 bei der Bertelsmann AG als Assistent der Geschäftsleitung der Graphischen Betriebe Mohndruck anheuerte, übernahm er im väterlichen Unternehmen für kurze Zeit die Leitung von Marketing und Vertrieb. Dabei stellte er alle Antennen auf Empfang, besonders bei den Marktaktivitäten in Fernost. Zu verstehen, warum Geschäftspartner gerade so und nicht anders entscheiden, sollte sich als wichtige Grundlage für seine späteren beruflichen Erfolge erweisen. Die Sozialisation in einer Großfamilie hatte ihn darüber hinaus die Kunst gelehrt, zwischenmenschlich auszugleichen ebenso wie sich fachlich durchzusetzen, wenn es denn erforderlich wurde. Tatsächlich fand sich auch nach seinem tiefen Fall keiner von den ehemaligen Weggefährten, der zu übler Nachrede bereit gewesen wäre. Das erklärt sich mit einem seiner ehernen Grundsätze, gewachsen aus dem Fundament elterlich christlicher Prägung. „Du darfst einem Menschen nie die Würde nehmen oder seine Ehre verletzen, selbst dann nicht, wenn du als Vorstandsvorsitzender gezwungen bist, harte und schmerzliche Entscheidungen zu treffen“, ist er überzeugt.

Dessen ungeachtet scheute sich Thomas Middelhoff zu keiner Zeit, an alle seine Mitarbeiter hohe Anforderungen zu stellen. Der Erreichung der Unternehmensziele hatte sich jeder unterzuordnen. Das ist für den ehemaligen Manager bis heute unverhandelbar. Vor diesem Hintergrund scheint es wohl auch keinen mehr als ihn selbst zu überraschen, dass diese Haltung stets mit Anerkennung toleriert wurde. Sogar in den verworrenen Arcandor-Zeiten mit Einschnitten bis in die tiefsten Tiefen des Unternehmens bat ihn der Betriebsratsvorsitzende zu bleiben. Die Begründung für so viel achtungsvolle Akzeptanz ist eine doppelte und Managementeleven tun gut daran, sie nicht achtlos zu übergehen. „Die Mitarbeiter müssen deine Affinität zum Produkt ihrer Arbeit spüren“, sagt er. Eine Schokoladenfabrik gleich gut wie ein Krankenhaus oder einen Automobilkonzern führen zu können, hält er deshalb für eine Mär. Die zweite Erklärung liegt in Middelhoffs Persönlichkeit. Er ist charmant, manche sagen auch charismatisch. Er kann begeistern und mitreißen. Eine graue Maus, wie es viele seiner Zunft sind, war Thomas Middelhoff nie.

Bodenhaftung behalten

Ebenso wenig scheute er fachliche Auseinandersetzungen. Mit Reinhard Mohn stritt er um die Frage eines Börsengangs. Middelhoff war von dessen Notwendigkeit überzeugt. Er meinte, nur so an das für die Neuausrichtung des Konzerns aufs digitale Zeitalter notwendige Kapital gelangen zu können. Mohn war dagegen. Es kam zum Zerwürfnis der beiden Männer. Jeder ein Alphatier. Einen faulen Kompromiss aus Angst vor dem Verlust von Privilegien lehnte Middelhoff ab. Er musste gehen. Er ging. Die Abfindung in Millionenhöhe soll zweistellig gewesen sein. Dennoch schwante ihm zum ersten Mal, dass Manager nur Gutsverwalter, aber keine Gutsbesitzer sind, und ihre Macht bloß eine geliehene ist, jederzeit zu entziehen. Zum ersten Mal dämmerte ihm auch die Erkenntnis, dass Misserfolge sich nicht alleine in persönlicher Unfähigkeit begründen, sondern genauso in den Strukturen eines Wirtschaftssystems liegen, in dem er bisher auf der Sonnenseite stand. Heute weiß er, Manager ähneln in vielem dem Riesen Gulliver, mit hunderten Seilen gefesselt, oft genug mehr ohnmächtig Getriebene als unumschränkte Herrscher. Er tut, was Söldnern bleibt, tragen sie nun Uniform oder Nadelstreifen: Das Beste aus der Situation machen. „Du betäubst die Einsicht mit dem nächsten wichtigen Termin, du suchst dir eine noch größere Herausforderung.“

Das unfreiwillige Ende Thomas Middelhoffs bei Bertelsmann war dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin „FORTUNE“ eine Titelstory wert (Foto: privat)

Genau so tat er es. Als Mitglied in den Boards von AOL und der New York Times hatte Middelhoff immerhin einen Namen und Renommee. Die Private-Equity Beteiligungsgesellschaft Investcorp wurde sein neuer Arbeitgeber, London ab sofort zu seinem Arbeitsplatz. Der Job machte ihm Spaß. Das ausgehandelte Salär überstieg das von Bertelsmann deutlich. Was Thomas Middelhoff in der Retrospektive genau zu diesem Punkt inzwischen zu sagen weiß, empfiehlt sich Nachwuchsmanagern zum Nachdenken. Immerhin geht es um ein in der Community weit verbreitetes Missverständnis mit nicht selten desaströsen Folgen. „Die Höhe der Gehälter und Boni sind keine Maßeinheit für die Anerkennung einer persönlichen Leistung“, begriff Middelhoff erst (zu) spät, „es ist lediglich Indikator für deinen zeitlich begrenzten Nutzwert im System von Kostenreduzierung und Gewinnmaximierung.“ Und dessen Verfall geht manchmal rasend schnell. „Jetzt weiß ich, man kann auch mit viel weniger auskommen.“

Anerkennung nur durch Leistung?

Dass man aus Fehlern zu lernen vermag, dafür steht die Person des Thomas Middelhoff wie kaum eine zweite. Dafür, dass das schmerzhaft, im Extremfall sogar lebensbedrohend werden kann, freilich auch. Doch die Versuchung kommt auf leisen Sohlen und der Teufel weiß nur zu gut um die wunden Punkte, in die er seine Finger legen muss. Man schrieb das Jahr 2004 und Madeleine Schickedanz warb mit Engelszungen um ihn. Er sei der einzige, der das schlingernde Schiff wieder auf Kurs bringen könne. Es ging um die KarstadtQuelle AG. So oder so ähnlich muss sie es wohl formuliert haben. Alle, die die Strukturveränderungen des Einzelhandels beobachteten, die etwas vom Siechtum und dem sich ausbreitenden Elend des alten Versandhandels verstanden, rieten ihm ab. Auch seine Familie, die soeben beschlossen hatte, nach London als ihrem neuen gemeinsamen Wohnsitz kommen zu wollen. Doch Thomas Middelhoff fühlte sich geschmeichelt. Und er hatte wohl auch noch eine heimliche Rechnung offen. Es war die Gelegenheit, allen seinen Kritikern zeigen zu können, was in ihm steckt und dass er auch die Restrukturierung eines Unternehmens beherrscht.

Heute weiß er es besser. „Wenn du beginnst, dein eigenes Bild zu lieben“, formuliert er zurückhaltend aber deutlich, „verlierst du das letzte Korrektiv.“ Anders ausgedrückt, die Echokammer wird zur geschlossenen Zelle ohne Kontakt zur Außenwelt. Thomas Middelhoff war gleichwohl immer noch Profi genug, um nach seinem Einzug in die Essener Zentrale schnell zu erkennen, auf was für ein Himmelfahrtskommando er sich eingelassen hatte. Die Bilanzen und Leistungsdaten des Unternehmens waren eine Katastrophe, viele Mitarbeiter resigniert, der Kampfeswille der Führungsmannschaft nur noch gering, die Absetzbewegungen der Leistungsträger unübersehbar. Er zog noch einmal alle Register, die einem Vorstandsvorsitzenden in solch einer Situation bleiben. Doch KarstadtQuelle, von ihm umgetauft in Arcandor, war schon ein Fall für die Intensivstation. Die umgehend eingeleitete Notoperation kam jedoch zu spät. Umso mehr, als auch eigene Fehler in diesem Chaos nicht ausblieben, etwa der in purer Verzweiflung gründende Verkauf der Liegenschaften samt Rückmietung.

Kritik als Fundament für Entwicklung

Thomas Middelhoff bei einer seiner zahlreichen öffentlichen Auftritte – Hier während einer Podiumsdiskussion in der österreichischen Wirtschaftshochschule Management Center Innsbruck (Foto: privat)

Thomas Middelhoff kämpft mit dem Mut der Verzweiflung einen Mehrfrontenkrieg – nach außen, aber kaum weniger intensiv nach innen. Der von ihm empfohlene Befreiungsschlag, die Thomas Cook Group zu verkaufen und damit die Eigenkapitalquote zu stärken, wird von seinem Nachfolger, bis dahin Finanzvorstand der Deutschen Telekom AG, blockiert. Dessen Vorstandszeit gleichwohl bereits nach sieben Monaten wieder endet. So rücken die Insolvenz und das Ende einen entscheidenden Schritt näher. Die Einsamkeit des Thomas Middelhoff nimmt von Tag zu Tag zu. Bald schon ist sie mit Händen zu greifen. Eine Erkenntnis aus jener Zeit: „Die größten Managementfehler sind falsche Personalentscheidungen.“ Das gilt auch für die, die man von seinem Vorgänger ererbt. Weshalb diese Allerweltsweisheit nicht in jedem Standardwerk der Personalwirtschaft auf der ersten Seite zu finden ist, darüber sollte man nachdenken. Umgekehrt gilt indessen auch, dass kritisch-analytische Köpfe den nötigen Rückhalt brauchen. „Du musst sie aushalten können“, bringt es Middelhoff auf den Punkt. Aushalten und sie ihrer Wichtigkeit vergewissern.

Noch etwas. Die Hektik des Tagesgeschäftes lässt ihm kaum mehr Zeit zum Luftholen. Middelhoff hat Entscheidungen wie am Fließband zu treffen. Selbst Herkules, Heros aus der altgriechischen Mythologie, wäre dem nicht gewachsen gewesen. Am Ende erhalten Dinge eine ungeahnte Dynamik, die bis dahin in niemandes Fokus standen. Jahre vor seinem Eintritt bei KarstadtQuelle war Middelhoff eine persönliche Beteiligung am Oppenheim-Esch-Fonds eingegangen. Wegen dessen Geschäftsbeziehungen zum Hause KarstadtQuelle und den Ansprüchen an Good Governance hatte er die Geschäftsleitung von Arcandor darüber in Kenntnis gesetzt. Die hatte daran nichts auszusetzen. Die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Cypries begründete ihre Anzeige, die sich auf Untreue richtete, später freilich genau damit. Am 9. Juni endlich der letzte Akt im Drama Arcandor. Thomas Middelhoffs Nachfolger beantragt die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. „Es war eine Plan- und keine Zwangsinsolvenz“, ist es Thomas Middelhoff noch heute wichtig zu erklären. Soll heißen, Arcandor war zwar mit seinem unternehmerischen Latein am Ende, aber noch nicht zahlungsunfähig. Geholfen aber hat auch das nicht mehr. Am selben Tag wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Was folgte, ist bekannt. Arcandor ist heute nur noch Geschichte.

Ein Mann mit sich im Reinen

Das Scheitern als Manager, die Zeit der Haft, seine Arbeit als Freigänger mit behinderten Menschen in der Bodelschwinghschen Stiftung Bethel, das Zerbrechen seiner langjährigen Ehe haben Thomas Middelhoff zu einem Anderen werden lassen. Mit dem Beispiel seines Weges möchte er Mahnung sein. Ob es bei diesem Lauf ein Ziel gibt, eine endgültige Ankunft?  Wer weiß das schon. Wie Hochleistungssportler ist auch Thomas Middelhoff derzeit beim Abtrainieren. Bei ihm vielleicht weniger das Herz als vielmehr der Kopf muss sich an einen neuen, an einen alltagstauglichen Takt gewöhnen. Dabei weiß keiner besser als er, wie schwer es ist, jahrelang verinnerlichte Handlungsmuster zu verändern, selbst wenn die Kompassnadel nun in die vielleicht richtige Richtung weist. Sein Terminkalender ist jedenfalls wieder gut gefüllt. Seine Botschaft unters Volk zu bringen, nutzt er alle sich bietenden Gelegenheiten. Auch unser Magazin profitierte davon.

Thomas Middelhoff hat noch viel und Vieles vor. Es dürfte für ihn spannend sein herauszufinden, ob sich das Gute mit dem früher verwendeten Instrumentarium erreichen lässt. Oder ob ein Wertewandel und neue Ziele nicht auch einen Austausch des Werkzeugkoffers notwendig machen. Den Anfang des Fadens zur Beantwortung dieser Fragen hält er aber schon einmal in der Hand. Sein Lachen wirkt befreit und signalisiert Zuversicht. Beim Schreiben dieser Zeilen fällt mir ein, was ich den Mann, der die Welt ganz oben genoss und die Welt ganz unten durchlitt, noch gerne gefragt hätte. Zu spät. Ich wollte von ihm wissen, wie er zu der Lebensweisheit des marxistischen Guerillaführers Che Guevara steht, eines Mannes, mit den ihn wohl wenig mehr als nichts verbindet: „Du musst hart werden, ohne deine Zärtlichkeit zu verlieren.“ Und ob das wirklich geht oder doch nur ein frommer Wunsch ist?

 


Weiterführende Informationen

http://thomas-middelhoff.com/

 

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