Test für Medizinische Studiengänge (TMS) – Mehrkampf für Hochleister

Von Rainer Hoppe | 15. Februar 2015

Die alte Originalversion des TMS gibt es in jeder Buchhandlung zu kaufen (Foto: Hogrefe)

Die alte Originalversion des TMS gibt es in jeder Buchhandlung zu kaufen (Foto: Hogrefe)

Am 9. Mai ist es wieder so weit: Tausenden AbiturientInnen reicht der Stress des Abiturs nicht aus. Sie unterziehen sich an diesem Samstag freiwillig einer weiteren, für ihren künftigen Berufsweg nicht unbedeutenden Prüfung und absolvieren den Test für Medizinische Studiengänge (TMS). Dieser beinahe sagenumwobene Test hat eine mittlerweile schon sehr lange Historie, eine seit Jahrzehnten kaum veränderte Struktur und einen so langen Bart an Mythen und Geschichten, dass es lohnt, sich mit ihm ausführlicher zu beschäftigen.

Von 1986 bis 1997 musste jeder Bewerber um einen medizinischen Studienplatz am TMS teilnehmen. Denn der Notendurchschnitt im Abitur und das Testergebnis entschieden darüber, wer einen Studienplatz bekam und wer nicht. Wichtig dabei war, dass diejenigen, die zwar kein überragenden Abitur hatten, aber zu den besten zehn  Prozent der Testteilnehmer gehörten, eine sofortige Studienzulassung erhielten. Sie bekamen allein über das Testergebnis einen Studienplatz!

Die sieben Leben des TMS

Dass dieser Test 1997 abgeschafft wurde, hatte keineswegs den Grund, dass neueste wissenschaftliche Erkenntnisse die Ergebnisse des Tests in Frage stellten. Nein doch, die Gründe waren viel einfacher: Der TMS war zu teuer geworden und die Politiker glaubten, das Geld für den TMS sparen zu können. Offiziell erklärte man das so, dass die Zahl der an einem Medizinstudium Interessierten nicht mehr groß genug, die Kosten für den TMS aber um so höher seien, so dass Aufwand und Ertrag in keinem ausgewogenen Verhältnis mehr stehen würden. Na ja.

2006 war der TMS plötzlich wieder da, nahezu unverändert, nur nicht mehr für alle BewerberInnen verpflichtend. Die Universitäten in Baden-Württemberg führten die Ergebnisse eines Medizinertests als Vergabekriterium bei der Auswahl der Studienplatzbewerber als erste wieder ein. Doch es gab plötzlich gravierende Unterschiede: Während die Teilnahme zuvor kostenfrei war, werden nun Gebühren erhoben (ab diesem Jahr 73 € pro Teilnehmer). Es gibt – auch für die Universitäten, die die Ergebnisse des TMS berücksichtigen – kein einheitliches System bei der Studienplatzvergabe mehr, jede Universität bestimmt selbst, welches Gewicht sie dem TMS verleiht. Doch dazu später mehr.

Von Jahr zu Jahr wächst die Zahl der Universitäten, die die TMS-Ergebnisse berücksichtigten. Für dieses Jahr ergibt sich nun zum ersten Mal die Situation, dass eine Mehrheit der staatlichen Universitäten wieder beim Medizinertest dabei ist. Aktuell sind es 19 von 35 staatlichen Universitäten. Erstmalig werden in diesem Jahr die Universitäten Frankfurt/M. und Kiel dabei sein. Und mit der Kassel School of Medicine ist nun sogar auch eine private Universität am TMS beteiligt.

Der Tag der Wahrheit

 Der TMS wird an einem Tag im Jahr an fünfzig über ganz Deutschland verteilten Standorten durchgeführt, in diesem Jahr am 9. Mai. Und in der Tat ist man nahezu den ganzen Tag damit beschäftigt. Heuer muss man sich bis 9.30 Uhr am Testort eingefunden haben, wird registriert und eingelassen. Es ist genau geregelt, was man in den Testraum mitnehmen darf: Kulis und Bleistifte verboten, Textmarker und Fine-Liner erlaubt, Geldbörse erlaubt (nachdem es 2011 am Testort Cloppenburg beinahe schon vorher zu einem Eklat gekommen wäre, als man einen Teilnehmer zwingen wollte, seine Geldbörse an der Garderobe abzugeben – nur die Geldbörse!), Lineal verboten, Handy, Funkgeräte, Kameras sowieso verboten, leise Uhren erlaubt, Getränke, Süßigkeiten, Obst erlaubt, jegliches Papier verboten usw. Machen Sie sich auf entsprechende Kontrollen gefasst!

Der TMS selbst besteht aus insgesamt acht Untertests, die in zwei Blöcke (vormittags ca. drei Stunden und nachmittags ca. 2 ½ Stunden, unterbrochen durch eine 60minütige Mittagspause) aufgeteilt sind. Es beginnt morgens mit dem Test „Muster zuordnen“  (24 Aufgaben, 22 Minuten Bearbeitungszeit). Hier werden jeweils ein Bild (Muster) und fünf Musterausschnitte (Teilbereiche) gezeigt. Von den Musterausschnitten passt nur eines vollständig und deckungsgleich in das Muster. Dies gilt es zu bestimmen.

Tipp: Streichen Sie sofort immer alle Musterausschnitte weg, von denen Sie überzeugt sind, dass sie auf keinen Fall in das Muster passen können. So reduzieren sie die möglichen Alternativen. Arbeiten Sie zügig. Wenn Sie sich bei einer Aufgabe nicht sicher sind, gehen Sie, nachdem Sie vielleicht schon eine Streichauswahl getroffen haben, lieber erst zu den nächsten Aufgaben und verwenden Sie die verbleibende Zeit für den kniffeligen Rest.

Gute Vorbereitung ist die halbe Miete

Im anschließenden Untertest „Medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis“ (24 Aufgaben, 60 Minuten Bearbeitungszeit) wird Ihr Verständnis für medizinische und naturwissenschaftliche Fragen überprüft.

Tipp: Hier gibt es nur einen einzigen Ratschlag, beschäftigen Sie sich in der Oberstufe möglichst viel mit naturwissenschaftlichen Fragen – ha

Beim Test „Schlauchfiguren“ (24 Aufgaben, 15 Minuten Bearbeitungszeit) wird Ihr räumliches Vorstellungsvermögen geprüft. Hierfür werden Ihnen jeweils zwei Abbildungen eines Würfels, gefüllt mit einem oder zwei Kabeln, gezeigt. Beim ersten Bild sehen Sie den Würfel stets von vorne, das zweite Bild zeigt den gleichen Würfel entweder von oben, unten, hinten, links oder rechts. Sie müssen herausfinden, welche Ansicht angezeigt ist.

Tipp: Das menschliche Gehirn ist zwar zu bemerkenswerten Leistungen fähig, Sie können aber Ihr Gehirn zusätzlich unterstützen. Stellen Sie sich dazu vor, Sie hätten den jeweiligen Würfel in der Hand und drehen ihn. Sieht zwar bescheuert aus, hilft aber! Zuhause können Sie das vorher trainieren, indem Sie tatsächlich zunächst einen Würfel in die Hand nehmen und auch den Würfel betrachten, später einfach den Würfel weglassen, ihn aber trotzdem noch „sehen“. Und: Sehbehinderte, insbesondere die, die aufgrund unterschiedlicher Sehleistungen beider Augen Probleme mit dem räumlichen Sehen haben, haben es bei diesem Test (ggf. auch schon vorher bei den Mustern) sehr schwer. Auf jeden Fall auch hier sofort alle Alternativen wegstreichen, die unlogisch erscheinen!

Beim nächsten Untertest „Quantitative und formale Probleme“ (24 Aufgaben, 60 Minuten Bearbeitungszeit) geht es um mathematische Probleme. Es wird das Arbeiten mit Zahlen, Formeln, Größen und Einheiten überprüft. Na klar, hier sind die Teilnehmer im Vorteil, zu deren Lieblingsfächern Mathematik und Physik gehören.

Tipp (für die Nichtmathematiker): Bitte verzweifeln Sie nicht! Und planen Sie zum Ende dieses Untertests unbedingt Erholungszeit für den kommenden Untertest mit ein!

Konzentrationsfähigkeit ist trainierbar

Bis zu diesem Zeitpunkt hat das Testinstitut jedem Teilnehmer drei Schmierblätter zur Verfügung gestellt, die nach Belieben genutzt werden durften. Aber eben auch kein Blatt mehr! Beim nächsten Test können Sie das Papier nicht gebrauchen, in der Mittagspause wird es eingesammelt.

Beim letzten Untertest des Vormittags, „Konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten“ (40 Zeilen, 8 Minuten Bearbeitungszeit) wird überprüft, wie schnell Sie konzentriert und möglichst fehlerfrei  Routinearbeiten erledigen können. Böse Zungen behaupten, hiermit werde die klassische Arzttätigkeit überprüft. Dafür bekommen Sie ein DIN-A4 großes Blatt mit 40 prall gefüllten Zeilen verschiedener Buchstaben – also b, d, p und q oder o und c usw. – und Sie müssen jeweils einen bestimmten Buchstaben oder sogar nur einen bestimmten Buchstaben mit besonderen Markierungen wie etwa alle b, die mit zwei Querstrichen oben oder unten usw. markiert sind, ausstreichen.

Tipp: Kaufen Sie sich das vom Testinstitut ITB herausgegebene Vorbereitungsbuch für diesen Test und kopieren Sie verschiedene Tests in so ausreichender Menge, dass Sie diesen Test jeden Tag üben können, wirklich jeden Tag! Denn dieser Test ist trainierbar! Wichtig ist, dass Sie verschiedene Tests mit verschiedenen Buchstaben- oder Zeichenkombinationen üben, damit Sie sich nicht nur an eine einzige Aufgabenstellung gewöhnen. Sie werden staunen: Während Sie in den ersten zwei, drei Wochen immer bei dem in etwa gleichen frustrierenden Ergebnis (meistens 20 bis 22 Zeilen) hängen bleiben, verzeichnen Sie anschließend tägliche Zuwächse. Üben Sie solange, bis Sie tatsächlich alle 40 Zeilen schaffen!

Den Kurzzeitspeicher hoch fahren

Der nächste Test wird vom Testinstitut nicht als Test bezeichnet, ist aber sehr wohl einer, wenn auch ein besonderer, weil es dafür keine Punkte gibt. Die Rede ist von der Mittagspause. Für 60 Minuten müssen Sie den Raum verlassen und sind (wahrscheinlich) in einer fremden Stadt. Um Sie herum sind all Ihre Mitkonkurrenten, Sie kennen sich nicht aus und müssen die Zeit totschlagen, gegebenenfalls etwas essen (das würde Ihnen zumindest jeder schon ausgebildete Mediziner empfehlen), vielleicht auch ein Getränk zu sich nehmen, etwas entspannen und auf den Nachmittag vorbereiten.

Nach einer nochmaligen Einlasskontrolle folgen nun die Nachmittagstests. Es beginnt mit zwei Aufgaben der sogenannten „Einprägephase“. Während deren Bearbeitung dürfen Sie sich keine Notizen machen. Zunächst werden Lernhefte ausgeteilt und Ihnen 20 kleine „Figuren“ gezeigt. Die sind jeweils in fünf Teile untergliedert, von denen ein Teil schwarz markiert ist. Sie müssen sich die Figuren sowie die Lage der schwarzen Teile einprägen (Lernzeit: 4 Minuten). Anschließend bekommen Sie 15 „Patientengeschichten“ vorgestellt. Von jedem Patienten erfahren Sie Name, Alter, Beruf, ein persönliches Merkmal (aggressiv, kinderlos, verheiratet usw.) sowie eine Diagnose (Lernzeit: 6 Minuten). Ihre Aufgabe ist es, sich die Informationen der einzelnen Personen so einzuprägen, dass Sie später Fragen nach Details korrekt beantworten können. Anschließend werden die Lernhefte wieder eingesammelt.

Aufnehmen, verstehen, speichern und im richtigen Zusammenhang wiedergeben

Als nächstes folgt nun der Untertest „Textverständnis“ (24 Aufgaben, 60 Minuten Bearbeitungszeit). Sie erhalten vier längere Texte mit jeweils sechs Fragen sowie einer Auswahl vorformulierter Antworten (multiple choice). Die Texte beziehen sich mehrheitlich auf naturwissenschaftliche Themen.

Tipp: Überfliegen Sie unbedingt zunächst die jeweiligen Fragen und die jeweils möglichen Antworten zu jedem Text. Dann wissen Sie nämlich bereits, worauf Sie beim Lesen eines Textes achten müssen! Wenn Sie nun den Text lesen und wichtige Aussagen mit verschiedenfarbigen Textmarkern markieren, um sich bei der Beantwortung der Fragen noch einmal schnell rückversichern zu können, geben Sie jedem Text die für Sie nötige Struktur! Und wichtig: Keine Panik, nicht konfus werden! Sie haben pro Text 15 Minuten Zeit, zur Beantwortung jeder einzelnen Fragen also knapp 2 ½ Minuten. Das ist genug Zeit, um ganz kontrolliert und strukturiert arbeiten zu können!

Dann kommt die große Überraschung. Ihnen werden 20 mehr oder weniger bekannte Figürchen gezeigt, jedes unterteilt in fünf Flächen – doch keine ist schwarz! Selbstverständlich erscheinen die Figuren in einer anderen Abfolge als bei der ersten Vorlage unmittelbar nach der Mittagspause! Sie haben für jede Figur 5 Minuten Zeit zu bestimmen, ob diese Figur im Unterfeld A, B, C, D oder E schwarz war.

Tipp: Das geht! Wenn Sie es geschafft haben, in den 4 Minuten Lernzeit jeder Figur ein Synonym zu geben und für sich selbst zu bezeichnen, wo dieses Synonym schwarz ist, werden Sie sich erinnern. Beispiel: Eine Figur hat (in etwa) die Form der Schweiz. Der schwarze Flecken ist am mittleren rechten Rand. Sie sagen sich also (ja, unbedingt – leise – zwei, drei Mal sagen), „Der Osten der Schweiz ist schwarz!“ Kein Problem! Das wissen Sie noch drei, vier Tage später. Das Problem ist, dass Sie in vier Minuten 20 Synonyme finden müssen. Ohne Vorbereitung gelingt das nur schwer. Deswegen fangen Sie schon früh an, bei allem, was Sie sehen, zu sagen: „Das sieht aus wie …“ Je mehr Synonyme Sie zur Verfügung haben, desto einfacher wird der Untertest.

Vorteile durch strukturiertes Denken

Sie ahnen es wahrscheinlich schon. Beim nächsten (Unter-)Unter-Test „Fakten lernen“ wird nach Details aus den Patientengeschichten gefragt (7 Minuten Bearbeitungszeit). Die Frage könnte zum Beispiel lauten: „Wie alt ist der Patient mit Magenbeschwerden?“ Sie haben 5 vorgegebene Antwortalternativen.

Tipp: Sieht man sich die Patientengeschichten genauer an, stellt man fest, dass sich jeweils drei Patienten in einer Altersgruppe befinden (ca. 25, ca. 30, ca. 35, ca. 45, ca. 60 Jahre alt). Innerhalb dieser Altersgruppe haben die Patienten Namen, die immer etwas Gemeinsames haben (Berufsähnlichkeiten, Gebäudeteile, Natur o.ä.). Schließlich hat jede Altersgruppe immer einen Beruf aus der gleichen Berufsgruppe (Soziale Berufe, Handwerker, kreative Berufe usw.). Allein über diese Struktur lassen sich schon einmal sechs der gestellten 20 Fragen richtig beantworten. Die zwei anderen Merkmale muss man sich allerdings dazu einprägen. Viele empfehlen, sich in dieser Lernphase möglichst viele absurde Geschichten zu erzählen (wiederum wichtig: leise erzählen!).  Je absurder, manchmal vielleicht auch sinnzusammenhängender (Beispiel: „Der Lehrer hat ein Magengeschwür.“ Na, warum wohl?), desto größer die Chance, dass Sie sich erinnern. Manchmal wird auch empfohlen, diese Geschichte an eine Person aus dem eigenen Bekanntenkreis (mit ähnlichem Alter, Beruf usw.) zu binden.

Und nun winkt der Zieleinlauf. Mit dem Untertest „Diagramme und Tabellen“ (24 Aufgaben, 60 Minuten Bearbeitungszeit) ist man schon beim letzten Untertest angekommen. Wer es in der Schule gelernt hat, nicht nur zu spekulieren, sondern Daten aufgrund einer fundierten Basis zu interpretieren, dürfte bei diesem Untertest spielend die volle Punktzahl erreichen können! Dann ist es geschafft.

Vorteile für die, die wissen, wie es geht

 Üben Sie sich während des TMS nicht in Selbstbeschränkung! Alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt. Sie können in den Testmaterialien malen, markieren und auch schreiben. Sie können vermeintlich falsche Antwortalternativen durchstreichen,  Sie können Fragen, deren Beantwortung Sie zurückgestellt haben, markieren … Hier wird jeder seine individuelle Arbeitsmethodik zum Einsatz bringen.

Wichtigstes Hilfsmittel für einen erfolgreichen Test ist – eine Uhr! Insbesondere für die 60minütigen Teiltests brauchen Sie zwischendurch Informationen zur verbleibenden Zeit, denn Sie sollten unbedingt auch Pausen einplanen, die Sie eigenverantwortlich in die längeren Tests einbauen müssen. Zwischen den Tests werden Ihnen keine Pausen gewährt! Denken Sie daran, dass Ihre Energie nachlässt und Ihre Konzentration schwindet. Legen Sie beizeiten nach. Trinken Sie, denken Sie an Traubenzucker oder ähnliche Energiespender!

Je nach Begabungsschwerpunkt wird Sie nicht jeder Test bis zum Ende der vorgegebenen Zeit beschäftigen. Nutzen Sie diese Leerlaufzeiten für gezielte Entspannungsübungen, Träumereien und Erholungen! Sie dürfen auch den Raum verlassen. Allerdings liegt es allein in Ihrer Verantwortung, dass Sie rechtzeitig zum nächsten Test wieder anwesend sind! Hüten Sie sich allerdings davor, zu einem anderen Test vor- oder zurückzublättern! Das führt ohne jede Vorwarnung zum sofortigen Ausschluss!

Zum Schluss der wichtigste Tipp: Spielen Sie Lotto! Nein, nicht bei irgendeiner Klassenlotterie mit einer Gewinnchance von 1 : 140.000.000, sondern während des TMS! Außer beim Testteil „Konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten“ (bei dem das sowieso nicht geht) dürfen Ihre Antwortbögen keine Lücken enthalten! Falsche Antworten werden beim TMS nicht mit einem Punktabzug geahndet. Aber natürlich bringt Sie jede richtige Antwort ein Stück näher an den gewünschten Studienplatz. Also nutzen Sie bei jedem Untertest die letzten Minuten, um für die Fragen, die Sie nicht beantwortet haben beziehungsweise nicht beantworten konnten, eine Antwort zu markieren. Die Chance steht immerhin 1:5, dass Sie vielleicht doch die richtige Antwort treffen!

Nichts geht über ein zielorientiertes Training

 Um den TMS hat sich mittlerweile ein ganzer Markt entwickelt. Ganz vorne mit dabei: ITB Consulting, das Unternehmen, das den Medizinertest durchführt. ITB verkauft nicht nur Originalversionen älterer Tests – wovon man sich ein Exemplar kaufen sollte, damit man die Struktur des TMS verstehen lernen kann –, sondern vertreibt darüber hinaus für jeden einzelnen Untertest spezielle Materialien mit Erklärungen und Übungsaufgaben. Kaufenswert davon ist nach meiner Einschätzung lediglich die Broschüre „Konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten“. Aber schon meine Großmutter wusste: „Geld regiert die Welt.“

Noch viel mehr kosten allerdings die TMS-Vorbereitungsseminare, die im Internet und andernorts angeboten werden. Hier können Sie locker zwischen 300 € und 1.500 € los werden! Braucht man ein solches Seminar? Ja, auch wenn man hier nicht das Zaubern lernt. Doch man braucht es, um den Test schon einmal – unter Originalbedingungen, mit genauen Zeitvorgaben, ohne Störungen – gemacht und erlebt zu haben. Mehr aber noch benötigt man ein solches Training, um sich selbst während eines derart langen Tests zu erleben. Man tut gut daran herauszufinden, wann die eigene Konzentration nachlässt, wann man eine Pause benötigt … Nein, man braucht keine kommerziellen Angebote! Schließlich bieten mittlerweile zahlreiche Arbeitsagenturen kostenlose TMS-Simulationen an. Man kann sich eine Simulation natürlich auch selber organisieren, mit Freunden oder Familienangehörigen. Wichtig bei privat organisierten Simulationen ist vor allem, dass man mit hoher Selbstdisziplin die Bearbeitungshinweise und Zeitvorgaben strikt einhält. Der Zeitaufwand beträgt knapp sieben Stunden. ITB selbst übrigens gibt ca. 40 Stunden als Gesamtzeit der Vorbereitungen auf den TMS als notwendig an.

TMS-Termine: Wie es euch gefällt?

 Die Universität Heidelberg ist von der Kultusministerkonferenz auserkoren, die TMS-Termine festzulegen. Das Unverständliche daran: die Heidelberger Organisatoren orientieren sich ausschließlich an den Baden-Württemberger Abiturterminen. Es gibt dafür keine offizielle Begründung. Aber natürlich möchten auch Heidelberger Professorenkinder gelegentlich Medizin studieren! Die Terminplanung 2012 führte deshalb schon einmal zum Gau. Genau am Testtag des TMS schrieben die niedersächsischen Gymnasiasten ihre Abiturklausur in Chemie. Auch 2015 hält die Terminplanung wieder einige Herausforderungen für Teilnehmer von außerhalb des Ländle bereit, insbesondere die aus Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein. In diesen Bundesländern wird einen Tag vor dem TMS die wichtige Mathematikklausur geschrieben. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so hart, trifft es Bewerber aus Berlin, Hamburg und Sachsen-Anhalt. Ist das also gewollt: Ausgeruhte Schwaben gegen eine ausgelaugte Konkurrenz? Unter Chancengleichheit stellt man sich etwas anderes vor!

Studienplatzvergabe ähnelt einem juristischem Hauptseminar

Die schlechte Nachricht vorab: Durch eine TMS-Teilnahme hat man noch immer nicht die schlimmste Hürde hinter sich gebracht. Sie kommt erst noch! Bis zum 15. Juli (Altbewerber: bis zum 31. Mai) muss man sich um einen Studienplatz bewerben. Und dieses Verfahren hat es in sich! Die Bewerbung ist nicht an die Hochschule(n), sondern an die zentrale Bewerbungsplattform Hochschulstart zu richten. Dort dürfen Sie sechs Hochschulen in einer sogenannten Ortspräferenz listen. 16 der 35 staatlichen Universitäten berücksichtigen Ihre Bewerbung derzeit allerdings nur, wenn Sie diese Hochschule an die erste Stelle dieser Ortspräferenzen gesetzt haben. Konkret heißt das für eher nach Norddeutschland orientierte Bewerber: Wer die Medizinische Hochschule Hannover an erster Stelle nennt, schließt damit automatisch Berlin, Göttingen, Greifswald, Hamburg, Lübeck, Magdeburg, Münster, Oldenburg  und Rostock aus, da diese Universitäten ebenfalls nur Bewerbungen mit 1. Ortspräferenz berücksichtigen. Sechs weitere Universitäten müssen in der ersten bis zweiten bzw. ersten bis dritten Präferenz genannt sein.

Manche Universitäten vergeben Bonuspunkte (in der Kategorie „Auswahl der Hochschulen“; betrifft 60 % der Studienplätze) an Bewerber mit guten Leistungen in bestimmten Fächern (überwiegend Mathematik und Naturwissenschaften, teilweise auch Englisch und Deutsch). Andere Hochschulen gewähren Bonuspunkte auf eine beruflich einschlägige Berufsausbildung, manchmal auch nur Praktika, seltener schon für ein FSJ. Gelegentlich werden Bonus-Punkte auch für hervorragende Leistungen bei „Jugend forscht“, bei der Chemie-Olympiade oder für die Mitgliedschaft in einer Nationalmannschaft gewährt.

Zulassungskriterien an jeder Hochschule anders

19 der 35 staatlichen Universitäten ziehen 2015 die Ergebnisse des TMS bei der

Studienplatzvergabe heran, allerdings nach unterschiedlichen Maßstäben und Kriterien. Die Universität Lübeck etwa gab 2014 jedem Bewerber, der einen TMS mit einem Notenäquivalent von 2,5 oder besser vorweisen konnte, einen Abzug von 0,4 des Abiturnotendurchschnitts. Die Uni Freiburg wiederum zieht, abhängig vom TMS-Ergebnis, 0,3 oder 0,5 vom Abiturnotendurchschnitt ab. Die Universität Bochum ihrerseits lässt das Abiturergebnis mit einem Gewicht von 51 % und den TMS mit einem Gewicht von 49 % in die Zulassungsentscheidung einfließen. Die Universitäten Erlangen-Nürnberg, Marburg, München und Regensburg gewähren indessen maximale Abzüge von 0,8 für einen sehr guten TMS. Die Vielfalt an Auswahlkriterien und deren Kombinationen ist also riesengroß, damit die Verpflichtung zu akribisch genauer Planung des individuell am besten passenden Zulassungsszenarios ebenso.

Zwei wichtige Prinzipien gelten gleichwohl überall. Zuerst kann man seine Bewerbungschancen durch ein auch noch so unterirdisches TMS-Ergebnis nicht verschlechtern! Ein schlechtes TMS-Ergebnis bewirkt nämlich keine Maluspunkte. In diesem Fall hätte man lediglich die Chance vertan, seinen Abiturnotendurchschnitt zu verbessern. Es gibt einen zweiten Fall. Und hier schränken Bewerber ihre Zulassungschancen dann doch ein. Das gilt bei den Universitäten, die für eine zuvor festgelegte Quote ihrer Studienplätze die Teilnahme am TMS zwingend voraussetzen. Bewerber, die am TMS nicht teilgenommen haben, können sich zwar für eine Zulassung auch an diesen Hochschulen bewerben. Die Studienplatzquote, für die diese Hochschulen den TMS vorgeschrieben haben, aber bleibt ihnen verschlossen.

Ein Letztes: Allein ein sehr guter TMS reicht für den Studienplatzerhalt nicht mehr aus! Die Zeiten, in denen man über die sogenannte Testbestenquote einzig durch einen sehr guten Test einen Studienplatz bekommen konnte, auch wenn man das Abitur nur mit 3,7 bestanden hatte, sind seit 1997 endgültig vorbei! Selbst ein TMS mit einer Erfolgsquote von 98 % bringt bei einem Abiturnotendurchschnitt von 2,2 oder „schlechter“ bei gleichbleibendem Bewerberaufkommen gegenwärtig mit höchster Wahrscheinlichkeit keinen Studienplatz.

Eine persönliche Wunschliste

Die Anzahl der Studienplätze in den medizinischen Fächern ist seit Jahrzehnten zurückgegangen. 1990 gab es allein in den alten Bundesländern 12.000 Studienplätze pro Jahr gab. Durch das Hinzukommen der acht medizinischen Fakultäten in den neuen Bundesländern hätte diese Zahl auf 16.000 Studienplätze ansteigen müssen. Tatsächlich aber sind es heute nur noch 10.000 Studienplätze in allen Bundesländern! Es gab eine einzige Hochschule, die in dieser Zeit das Fach Medizin neu eingerichtet hat. Es ist die Universität Oldenburg mit jährlich freilich nur 40 Studienplätzen. Die Probleme zunehmenden Ärztemangels ließen sich mittelfristig aber nur lösen durch eine Mehrung der Studienplätze. Der Marburger Bund forderte deswegen im Mai 2014, deren Anzahl um mindestens 10 % zu erhöhen. Das würde ohne Frage eine Menge Geld kosten. In der Bildungspolitik hoffen deshalb viele, das durch die wohlwollende Duldung privater Anbieter mit oft genug fragwürdigen unternehmerischen Konstruktionen vermeiden zu können. Der Marburger Bund hält diese Entwicklung allerdings für bedenklich.

Weiter plädiere ich dafür, im Zulassungssystem willkürlichen und für die Bewerber schädlichen Bestimmungen unbedingt zurückzufahren. Damit meine ich vor allem die Einschränkung der Wahlfreiheit durch die Festlegung der ersten oder auch ersten und zweiten Ortspräferenz, mit denen der Bewerber seine Optionen verringern muss! Das macht das „Auswahlverfahren“ zur Farce! Wünschenswert wäre zudem, dass der TMS als Instrument zur Einschätzung von Studieneignung und Studienerfolg wieder verbindlich für alle Bewerber und alle Hochschulen eingeführt wird. Und dass durch eine Wiedereinführung einer Testbesten-Quote diejenigen Bewerber, die zwar kein 1,0er Abitur gebaut haben, aber durch den TMS doch eine ausreichende Eignung  für diese Studiengänge nachgewiesen haben, hierüber sofort einen Studienplatz erhalten können und nicht, wie derzeit, 12 Semester oder mehr auf die Studienplatzzulassung warten müssen!

 

Zum Autor: Rainer Hoppe, Berufsberater für Abiturienten in Vechta, führt seit vielen Jahren einschlägige TMS-Trainingskurse durch.

 


Weiterführende Informationen

 Informationen zum TMS: www.tms-info.org/

Test für medizinische Studiengänge, Originalversion I [oder II], 5., aktualisierte Auflage, Hogrefe, Göttingen 2008 (12,95 €)