Technischer Produktdesigner – Konstruieren, berechnen, dokumentieren

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2013

Technische Produktdesigner bei der Vorbesprechung (Foto: EDAG)

Technische Produktdesigner bei der Vorbesprechung (Foto: EDAG)

Côte d’Azur, Nizza. Hunderte von Automobiljournalisten sind gekommen, das neue Premiummodell in Augenschein zu nehmen. Es ist ein Traum von einem Auto: 350 PS unter der Motorhaube, elegantes Styling, eine edle Innenausstattung. Kein Zweifel, dieser Wagen wird Absatz und Gewinn auf Erfolgskurs halten! Zusammen mit allen Entwicklern ist auch Sebastian Sonntag zur Präsentation eingeladen. Er hat die Mittelkonsole einschließlich Schaltknauf und Handbremshebel konstruiert. Er ist stolz. Er ist zum ersten Mal dabei. Dann der Höhepunkt: der Vorstandsvorsitzende steigt in den Wagen, startet und will für die Fotografen eine erste Runde drehen. Doch was ist das? Der Mann im feinen Nadelstreifen kann den Gang nicht einlegen. Der Schaltknauf lässt sich nicht bewegen, denn er ist viel zu nah am Armaturenbrett angeordnet. Ein Konstruktionsfehler, eine Katastrophe! Wütend steigt er aus und spricht einige Worte mit den Bodyguards. Sein ausgestreckter Arm zeigt auf Sebastian. Der will weglaufen, aber seine Füße scheinen wie fest geschweißt. Das ist das Todesurteil. Sekunden wie Ewigkeiten. Dann die Erlösung. Wach gekitzelt von den Strahlen der durchs Fenster blinzelnden Sonne richtet er sich schweißgebadet in seinem Bett auf – und realisiert, es war Gott sei Dank nur ein Albtraum.

Sebastian Sonntag gibt es wirklich. Der gebürtige Dresdner arbeitet als Technischer Produktdesigner beim Entwicklungsdienstleister EDAG in Wolfsburg. Sein Traum aber ist frei erfunden. Richtig daran ist nur, für Auftraggeber aus der Automobilindustrie konzipieren und entwickeln Technische Produktdesigner tatsächlich Teile wie auch komplette Systeme eines Fahrzeugs, die sie in 3D-Programmen am Computer erzeugen, modellieren, wie es in der Fachsprache heißt. Es könnten allerdings ebenso gut die Landeklappe eines Flugzeugs oder die Trommel einer Waschmaschine sein. Also gar nichts mit Zeichnen und künstlerischer Gestaltung, wie die Berufsbezeichnung suggeriert? Sebastian Sonntag lacht gequält, denn er kennt diese Frage. Jedes Mal, wenn das Gespräch auf seinen Beruf kommt, muss er erklären, was ein Technischer Produktdesigner macht. „Natürlich zeichne ich auch“, sagt er, „allerdings nur mit CAD-Programmen am Computer und ausschließlich technische Fertigungsvorlagen.“ Langsam spricht sich das bei den Bewerbern herum, aber noch immer gibt es in den Vorstellungsgesprächen so manches Aha-Erlebnis.

Mathe, Physik und 3D

Cindy Heinrichs – Modifikation eines Bauteils/Handskizze (Foto: EDAG)

Cindy Heinrichs – Modifikation eines Bauteils/Handskizze (Foto: EDAG)

Nicht so bei Cindy Heinrichs, Auszubildende bei EDAG im zweiten Jahr. Zwar hat die Fachoberschule Gestaltung, die sie zuletzt besuchte, einen eher künstlerischen Anspruch. Durch ihre Praktika während der 11. Klasse in einer Fahrzeuglackiererei sowie im Modellbau aber wusste Cindy über Aufgaben und Tätigkeiten ihres jetzigen Berufes genau Bescheid. „Auf die hohen Anforderungen in Physik und Mathe war ich deshalb vorbereitet“, erzählt sie. Auch, dass ein Technischer Produktdesigner mindestens achtzig Prozent seiner Arbeitszeit am Rechner zubringt und dabei sehr exakt arbeiten muss. „Schon ein klitzekleiner Flüchtigkeitsfehler“, weiß sie, „kann höllisch viel Nacharbeit bedeuten.“ Im schlimmsten Falle fange man sogar wieder von vorne an. Wenn dadurch die Termine für das Projekt ins Wanken geraten, werde es echt schlimm. Und wenn eine falsch gesetzte Bohrung zu spät erkannt wird, kann das viel Geld kosten. Deshalb braucht jeder Technische Produktdesigner eine überdurchschnittliche Konzentrationsfähigkeit. Cindy Heinrichs kommt das ganz offensichtlich sehr entgegen. Knifflige Probleme  bringen sie jedenfalls nicht aus der Fassung.

Bernd Leupold, bei EDAG Wolfsburg Teamleiter Rohbau und Ausbilder, wünscht sich von den künftigen Technischen Produktdesignern darüber hinaus unbedingt eine gute Selbstorganisation verbunden mit einem gewissen Weitblick. Denn den guten Technischen Produktdesigner zeichne aus, ein Problem in all seinen vielfältigen Details erfassen zu können. Wie ein neues Teil entsteht, das bestätigen Sebastian Sonntag und Cindy Heinrichs nachdrücklich, ist ein hoch komplexer Prozess. Da sind die Funktion, die das Bauteil erfüllen muss, und das Material, aus dem es gefertigt werden soll, ebenso zu berücksichtigen wie seine Größe, Anordnung als auch die optimale Verbindungstechnologie, heißt Schrauben, Nieten, Schweißen oder Kleben. Sebastian Sonntag gibt zwei Beispiele. Am Anfang der Konstruktion eines Innenspiegels stehe eine sogenannte Bauraumuntersuchung. Es wird also geprüft, wie groß der Innenspiegel sein darf, ohne das Blickfeld des Fahrers nach vorne einzuschränken, andererseits aber auch wie groß er sein muss, ihm zugleich ausreichend Sicht nach hinten zu gewährleisten. Daraufhin werde ein Konzeptschnitt in 2D erstellt. Mithilfe dieses Schnittes wird unter anderem die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben, etwa das Sichtfeld des Fahrers, überprüft. Daran anschließend würden aus den Konzeptschnitten erste 3D-Daten erstellt. Die dienen dazu, das Zusammenspiel der Bauteile und die optimale Ausnutzung des vorhandenen Baumraums zu bewerten. Bei der Neukonstruktion eines Außenspiegels, so Sebastian Sonntag, sei die Aufgabenstellung meist eine andere. Es stünden da lediglich die Designflächen, also 3D-Flächen, zur Verfügung, die das äußere Erscheinungsbild wiedergeben. Zu diesen Flächen habe der Technische Produktdesigner dann herstellbare Bauteile zu entwickeln.

Technikbegeisterung ist Grundvoraussetzung

Test für das Einpassen einer Verkleidung (Foto: EDAG)

Test für das Einpassen einer Verkleidung (Foto: EDAG)

„Bei diesem Prozessschritt muss ich Dinge wie Materialeigenschaften und Herstellbarkeit in meine Überlegungen einbeziehen, muss für das Fügen und Verbinden mit weiteren Teilen sowie eine wirtschaftliche Montage Lösungen erarbeiten“, skizziert Sebastian Sonntag vereinfacht die unterschiedlichen Anforderungen, denen Technische Produktdesigner gerecht werden müssen. Die Anforderung, sich ausreichende Kenntnisse über die Eigenschaften der jeweils verwendeten Materialien zu verschaffen, begleitet Technische Produktdesigner deshalb ein Berufsleben lang. Ein Werkstattpraktikum während des ersten Ausbildungsjahres mit Fräsen, Drehen und Bohren verschafft dafür erste vertiefte Einblicke. Da soll es schon manche Blutblase gegeben haben. „Diese Erfahrungen sind wichtig“, erklärt Sebastian Sonntag, „denn oft haben wir auch die Werkzeuge zu entwickeln, mit denen das Bauteil später gefertigt werden soll.“ Und das müsse dann Millionen von Produktionsvorgängen aushalten – in immer der gleichen Qualität und Toleranzen von einem Hundertstel Millimeter. Zwar nicht durch die Ausbildungsverordnung vorgeschrieben, gehört bei einigen Unternehmen auch eine Einführung in die Elektronik zur Ausbildung. Fazit: technische Begeisterung zählt zu den unbedingten Voraussetzungen dieses modernen Berufes.

Es mag vielleicht überraschen, doch trotz leistungsfähiger CAD-Programme kommen Leute wie Sebastian Sonntag und Cindy Heinrichs noch immer nicht ohne ein ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen aus. Der Rechner leiste schließlich nur das, was der Technische Produktdesigner konstruktiv vordenke, lasse ich mir erklären. Ganz am Anfang der dreieinhalbjährigen Ausbildungszeit steht deshalb auch weiterhin das althergebrachte technische Zeichnen auf dem Ausbildungsplan. Dann allerdings füllt CAD die Zeit, lückenlos und vollständig. Diese Gewichtung der Ausbildungsinhalte des erst 2005 entstandenen und 2011 nochmals überarbeiteten Berufsbildes geht auch auf die EDAG zurück. Die hatte sich als einer seiner Geburtshelfer genau dafür stark gemacht, denn die Qualifikation der bisherigen Technischen Zeichner entsprach den veränderten Anforderungen eines Entwicklungsdienstleisters immer weniger. Technische Produktdesigner lernen schließlich nicht nur zu zeichnen, sondern auch zu konstruieren, zu dokumentieren und zu präsentieren.

Den Fortschritt konstruktiv gestalten

Diskussion über ein neues Konzept: v. l. Sebastian Sonntag, Bernd Leupold, Cindy Heinrichs (Foto: EDAG)

Diskussion über ein neues Konzept: v. l. Sebastian Sonntag, Bernd Leupold, Cindy Heinrichs (Foto: EDAG)

Bei der Auswahl ihrer künftigen Azubis schaut sich die EDAG wie alle anderen Betriebe auch die Bewerber sehr genau an. „Selbständigkeit und zielorientiertes Handeln sind für den Beruf des Technischen Produktdesigners unverzichtbare Voraussetzungen“, formuliert es Heike Kunde, Ausbilderin bei EDAG. Sebastian Sonntag liefert die Begründung. „Das Teil, was entwickelt werden soll, gibt es so ja noch nicht.“ Tatsächlich haben Technische Produktdesigner in jedem Einzelfall immer und immer wieder die Ideallösung neu zu (er)finden. Könnte man das Teil vom letzten Modell verwenden, brauchte es der Technischen Produktdesigner nicht. So gilt es, bei jedem Arbeitsauftrag neu nachzudenken. Dabei ist viel Rechenarbeit zu leisten. Trigonometrie, Mechanik und Wärmelehre sollten also keine allergischen Reaktionen auslösen. Da die Arbeit stets im Team mit anderen Technischen Produktdesignern, mit Technikern und Ingenieuren erfolgt, sollte man auch nicht auf den Mund gefallen sein. „Teamkollegen oder gar dem Kunden sein Ergebnis mit allen technischen Parametern präzise präsentieren zu können, gehört zum Beruf dazu“, weiß Sebastian Sonntag.

Zum Schluss möchte ich von Sebastian Sonntag und Cindy Heinrichs noch wissen, was es ist, das sie an ihrem Beruf so fasziniert. Beide scheinen über diese Frage überrascht und überlegen einen Augenblick, wie jemand überlegen muss, was denn der Grund fürs eigene Glücklichsein ist, wo doch das Glück für sich schon völlig ausreicht. Dann die unabgestimmte, dennoch gleichlautende Antwort, konkret und eindeutig, wie von Technischen Produktdesignern nicht anders zu erwarten. „In diesem Beruf sind wir stets an der Entwicklung von etwas Neuem beteiligt“, formulieren sie es. Und Sebastian Sonntag ergänzt: „Ich kann meinen persönlichen Anteil daran jedem zeigen, jeder kann es anfassen und berühren!“ In der Tat, dieses Privileg haben nicht mehr viele Berufe. Sebastian Sonntag möchte noch tiefer eintauchen und hat deshalb vor kurzem eine berufsbegleitende Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker begonnen. Cindy Heinrichs indessen konzentriert sich erst einmal auf das letzte Ausbildungsjahr.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 30.04.2013)
Berufstätige Technische Produktdesigner: ca. 3.500 (in diesem Beruf wird erst seit 2005 ausgebildet)
Ausbildungsplätze: ca. 350 – 400 pro Jahr
Ausbildung: die Ausbildung erfolgt in den Fachrichtungen Produktgestaltung und –konstruktion sowie Maschinen- und Anlagenkonstruktion (Ausbildungsdauer jeweils 3,5 Jahre)
Bildungsabschlüsse aller Auszubildenden:
4% Hauptschüler, 41% Realschüler, 53% Abiturienten, 2% andere Abschlüsse
Berufsbild: http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/resultList.do?resultListItemsValues=90586_90576&duration=&suchweg=begriff&searchString=%27+technischer+Produktdesigner*+%27&doNext=forwardToResultShort
Fortbildungsmöglichkeiten: Geprüfter Konstrukteur, staatl. gepr. Techniker Fachrichtung Maschinentechnik, Technischer Fachwirt, staatl. Gepr. Gestalter Fachrichtung Produktdesign
Gehaltsspiegel:
http://www.gehaltsvergleich.com/gehalt/technischer-Produktdesigner-Technische-Produktdesignerin.html.

 

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