Technische Universität Braunschweig – Die Universität bildet auch Lehrlinge aus

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2013

Zentrales Lehrsaalgebäude der TU Braunschweig (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

Zentrales Lehrsaalgebäude der TU Braunschweig (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

„Wo fängst Du denn jetzt an?“, ist auf Schooloutparties eine beliebte Frage unter frisch gebackenen Abiturienten. „An der Technischen Universität Braunschweig“, antwortet Schülerin X. Darauf Schüler Y erstaunt: „Und ich dachte, du wolltest nicht studieren.“ Schülerin X noch einmal: „Tue ich auch nicht. Ich beginne dort eine Lehre zur Biologielaborantin.“ So wie Schüler Y geht es vielen. Universität heißt für die meisten Studium und akademische Abschlüsse als Bachelor oder Master. Aber dass man dort auch eine praxisorientierte betriebliche Ausbildung mit Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer machen kann so wie in einem normalen Wirtschaftsunternehmen, das wissen die wenigsten. Auch Eltern und Lehrer sind angesichts dieser Tatsache häufig überrascht. Dabei ist die TU Braunschweig mit jährlich vierzig Ausbildungsplätzen einer der großen Ausbilder in unserer Region. Mit einer im Übrigen breit gefächerten Berufspalette, die vom Bauzeichner über den Buchbinder, Fachinformatiker und Mikrotechnologen bis hin zum Werkstoffprüfer reicht und die so kein anderer Ausbildungsbetrieb anbietet.

Lernen zusammen mit Studenten und Wissenschaftlern

Mit knapp 4.000 Beschäftigten, davon allein über 1.340 Fachkräften in Technik und Verwaltung, ist die TU ein Großunternehmen. Die Ausbildung der Lehrlinge im gewerblich-technischen Bereich findet an den zahlreichen Instituten der sechs Fakultäten statt. Dort widmet man ihr inzwischen große Aufmerksamkeit. „Als Technische Universität mit vielen Ingenieurstudiengängen sind wir auf diese Fachkräfte ganz besonders angewiesen“, betont Vizepräsident Dietmar Smyrek. Weshalb die Hochschulleitung Auswahl wie Ausbildung ihrer Azubis sehr ernst nehme. „Denn erst sie machen unsere Forschungsprojekte möglich. Sie sind es, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse kreativ in die Praxis umsetzen und erproben“, so Smyrek noch einmal. Und er übertreibt damit keineswegs. Ohne funktionierende Versuchsanordnungen könnte kein Professor, kein wissenschaftlicher Mitarbeiter, kein Doktorand und kein Student überprüfen, ob ihre Theoriemodelle dem Praxistest standhalten. Umgekehrt liefern in vielen Fällen erst die Laborergebnisse notwendige neue Einsichten zur Weiterentwicklung der Theorie. „Natürlich gibt es auch bei uns Hierarchien, aber kein Oben und Unten“, beschreibt Smyrek die Arbeitsatmosphäre. „Als Hochschule leben wir vom Erkenntnisgewinn, da zählt jedes Argument unabhängig von Person und Status.“

Dietmar Smyrek, Vizepräsident der Technischen Universität Braunschweig (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

Dietmar Smyrek, Vizepräsident der Technischen Universität Braunschweig (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

So weit die Sicht der Hochschule. Doch was macht eine Ausbildung dort aus der Schülerperspektive interessant? Als ersten wichtigen Punkt weist Ausbildungskoordinator Denny Pridöhl auf die dezentrale Organisation der Ausbildung. Verantwortlich sind in den einzelnen Instituten also die Werkstattleiter, in der Regel Meister mit langjähriger Berufserfahrung. Durch die vorgeschrieben Rotation in vielen Berufen lernt ein großer Teil der Azubis mehrere Institute kennen. „Dort integrieren wir sie vom ersten Tag an in den normalen Praxisbetrieb der Werkstätten und Labore“, sagt er. Da komme sich keiner ausgeschlossen vor. Im Gegenteil. „Wo kann ein Azubi schon in der Lehrzeit mit Wissenschaftlern und Studenten in einem gemeinsamen Team arbeiten“, fragt Dietmar Smyrek. Und gibt gleich selbst die Antwort: „Nur bei uns!“ Daraus ergibt sich ein weiterer Aspekt. Im Labor oder der Werkstatt eines Hochschulinstituts zu arbeiten, schließt industrielle Routine schon für Auszubildende aus. Statt einer Serienproduktion werden hier immer wieder Unikate gefertigt. Da heißt es bei jedem Projekt, neu nachdenken und oft ganz von vorne zu beginnen. „Deshalb“, begründet Vizepräsident Smyrek; „suchen wir in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen Bewerberinnen und Bewerber mit kreativem Potential und dem Mut, auch einmal am Lehrbuch vorbeizudenken.“

Vermitteln mehr als nur handwerkliche Fertigkeiten

Genau das hat auch Professor Christoph Herrmann getan, am Institut für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik (IWF) Leiter der Abteilung Produkt- und Life-Cycle-Management. Mit der von einem Projektteam unter seiner Leitung entwickelten Grünen Lernfabrik wird er die Ausbildungsphilosophie der TU Braunschweig in Kürze um eine ganz neue Dimension erweitern. Zwar wurden die Azubis in den gewerblich-technischen Berufen auch schon bisher in der sogenannten Gemeinschafts-Ausbildungswerkstatt (GAW), für deren Ausbau Dietmar Smyrek trotz leerer Kassen immerhin 160.000 Euro in die Hand nahm, zu übergreifenden Lehrgängen wie etwa CNC-Technik, Speicherprogrammierbare Steuerung, Pneumatik, Elektronik und Hydraulik zusammengefasst. Und nicht nur das. Zur Vorbereitung auf die Zwischen- und Abschlussprüfung werden in der GAW für die Metallberufe regelmäßig praktische Arbeitsproben auf dem jeweiligen offiziellen Prüfungsniveau der Industrie- und Handelskammer durchgeführt. Prüfungsausfälle sind bei den Auszubildenden der TU Braunschweig deshalb ein eher seltenes Ereignis.

Es geht um Millimeter – Ausbildung zum Feinmechaniker (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

Es geht um Millimeter – Ausbildung zum Feinmechaniker (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

Mit der Grünen Lernfabrik aber wird die TU Braunschweig nun zum Vorreiter und Impulsgeber der betrieblichen Ausbildung. Das hat es so noch nicht gegeben. Die Universität stellt Lehrlinge für die Berufe Industriemechaniker und Feinwerkmechaniker ein. „Deren Ausbildung erfolgte bisher ausschließlich funktionsorientiert“, erklärt Christoph Herrmann. Soll heißen, das Drehen eines Werkstückes, das Fügen unterschiedlicher Materialien, die Fähigkeit, diese oder jene Maschine instand zu setzen, beherrschen sie sicher. Doch wie eine Fabrik mit Blick auf den Verbrauch von Energie, Material und Hilfsstoffen als Ganzes funktioniere, davon hätten sie bisher zu geringe Kenntnisse. Steigende Energiepreise, die Verknappung von Rohstoffen und der Wunsch nach möglichst geschlossenen Hilfsstoffkreisläufen verlangten aber mehr und mehr auch auf der Facharbeiterebene einer entsprechenden Sensibilität und eines grundlegenden Systemverständnisses. Das war bislang den Ingenieuren vorbehalten. 2014 wird die Grüne Lernwerkstatt starten und sicher in der Hochschule aber auch außerhalb bald Nachahmer finden.

Forschungsergebnisse praktisch umsetzen

Christoph Herrmann – Leiter Produkt- und Life-Cycle-Management (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

Christoph Herrmann – Leiter Produkt- und Life-Cycle-Management (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

Dietmar Smyrek setzt für die Ausbildung in den gewerblich-technischen Berufen große Hoffnungen auf die Lernfabrik. Denn mit dem dort erworbenen umfassenden Systemverständnis würden die fertigen Azubis für die wissenschaftlichen Mitarbeiter in den Instituten sowie den Prozess der Generierung neuen Wissens zu einem noch wertvolleren Partner. „Schließlich wird an den wissenschaftlichen Instituten schon lange nicht mehr bloß um die technisch beste Lösung eines Problems gerungen“, weiß er, „sondern immer stärker auch deren Auswirkungen auf Umwelt und Lebensverhältnisse diskutiert.“ Öfter als bisher werden die technischen Fachkräfte so aus der Rolle des stummen Zuhörers heraustreten (können). In den kleinen familiären Teams rund um eine Professur, die zumeist aus nur je drei wissenschaftlichen und technischen Mitarbeitern bestehen, geht es bei der Umsetzung der neuesten Forschungserkenntnisse anders auch gar nicht mehr. Das vor drei Jahren in Braunschweig vorgestellte fahrerlose Auto zeigt, wie spannend, aber auch wie fordernd diese Arbeit sein kann.

Die Wünsche des Vizepräsidenten an seine Bewerber und zukünftigen technischen Fachkräfte ergeben sich aus dem zuvor Geschilderten. „Wir suchen Bewerber, die schon eine gewisse Selbständigkeit besitzen und die sich bereits als Schüler durch viel Eigeninitiative auszeichnen“, formuliert er. Es sind also Schüler, die sich bereits ohne fremde Hilfe um ein Schülerpraktikum an einem der Institute gekümmert haben, die ihre Bewerbung allein auf den Weg bringen, die ihre Berufsentscheidung plausibel begründen können, dazu einen guten Realschulabschluss erwarten lassen, die Smyrek sucht. Und wenn der Bewerber darüber hinaus auf ein ehrenamtliches Engagement bei Institutionen wie dem THW, dem Deutschen Roten Kreuz, in einem Sportverein oder der Kirchengemeinde verweisen kann, dann rückt die Ausbildungszusage in greifbare Nähe. Im Rahmen des Modellprojekts „Neustart IT“ bietet die Universität ganz neu IT-Studienabbrechern für den Ausbildungsberuf Fachinformatiker eine, abhängig von den Vorkenntnissen, auf 24 oder sogar 18 Monate verkürzte Ausbildung an. Voraussetzungen hierfür sind eine mindestens zweisemestrige Studienerfahrung sowie der Nachweis von 20 darin erworbenen Leistungspunkten.

Qualifikationsprofil überall wertgeschätzt

Prüfstand im Akustiklabor (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

Prüfstand im Akustiklabor (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

Das geschilderte Anforderungsprofil gelte uneingeschränkt auch für die Bewerber in den kaufmännisch verwaltenden Berufen, ergänzt Ausbildungskoordinator Denny Pridöhl. „Ihre Kommunikations- und Kontaktfähigkeit sollte wegen des intensiven Umgangs mit Kunden überdurchschnittlich sein“, betont er. Und denkt dabei an die Verwaltungsfachangestellte, die im Immatrikulationsamt Studienplatzbewerbern geduldig die Regeln des Auswahlverfahrens, im schlimmsten Fall sogar eine Ablehnung erklären muss. Oder die Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste in der Unibibliothek, die von einem Doktoranden zur eiligen Beschaffung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung der Universität Tokio aufgefordert wird.  Vielleicht denkt er aber auch an die Kauffrau für Bürokommunikation, die als Dekanatssekretärin mit zwanzig selbstbewussten Professoren einen Termin für die nächste Sitzung des Fakultätsrates abzustimmen hat.

Die Übernahme nach Ende der Ausbildung wird vor allem an den Noten der Abschlussprüfung fest gemacht. Da die Technische Universität allerdings über den Eigenbedarf hinaus ausbildet, erfolgt in vielen Fällen lediglich eine befristete Übernahme von sechs bis zwölf Monaten und es können nicht alle Azubis ihre Karriere an einem der Uniinstitute dauerhaft fortführen. Der Wechsel in ein anderes Unternehmen gelingt indessen in den meisten Fällen ohne Schwierigkeiten. Die Qualität der Ausbildung unter dem Dach der TU ist weithin anerkannt. Oft bieten sich Möglichkeiten zum Übergang in eine der Technologiefirmen, die sich im universitären Umfeld angesiedelt haben. Und gar nicht so selten treffen sich dann bekannte Gesichter wieder, denn auch viele Ingenieure wechseln nach einer Forschungsphase ins unternehmerische Umfeld, wo wissenschaftliche Erkenntnisse in marktfähige Produkte überführt werden. Die während der Ausbildung an der Uni erworbene Diskursfähigkeit verbunden mit der Kompetenz zur eigenverantwortlichen Selbstorganisation sind auch dort gerne gesehen.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.04.2013)

Gründung der Hochschule: 1878 als Herzogliche Technische Hochschule Carolo-Wilhelmina (hervorgegangen aus dem 1745 gegründeten Collegium Carolinum, einer Bildungsinstitution zwischen Gymnasium und Universität).
Unternehmensform: Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR).
Anschrift: 38106 Braunschweig, Pockelsstraße 11.
Organisation: 6 Fakultäten und 124 Institute.
Mitarbeiter: 3.484 (2.142 wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren; 1.342 Mitarbeiter in Technik und Verwaltung, davon sind 130 Auszubildende).
Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Baustoffprüfer/-in
  • Bauzeichner/-in
  • Biologielaborant/-in
  • Buchbinder/-in
  • Elektroniker/in Geräte und Systeme
  • Fachangestellte/r für Medien und Informationsdienste
  • Fachinformatiker/in Fachrichtung Anwendungsentwicklung
  • Fachinformatiker/in Fachrichtung Systemintegration
  • Feinwerkmechaniker/in Fachrichtung Allgemeiner Maschinenbau
  • Feinwerkmechaniker/in Fachrichtung Feinmechanik
  • IT-System-Elektroniker/in
  • Industriemechaniker/in
  • Kauffrau/Kaufmann für Bürokommunikation
  • Mikrotechnologe/-in
  • Physiklaborant/in
  • Stoffprüfer/-in
  • Systemelektroniker/-in
  • Verwaltungsfachangestellte/r Fachrichtung Landesverwaltung
  • Werkstoffprüfer/-in

Duales Studium: kein Angebot.
Bewerbungen für Ausbildung: wahlweise

  • online über azubi@verwaltung.tu-braunschweig.de (bis zum 31. Oktober des Vorjahres)
  • schriftlich an Technische Universität Braunschweig, Abteilung 12.32, Herr Denny Pridöhl, Pockelsstraße 11, 38106 Braunschweig

Bewerbungen für Schülerpraktika: Liste der Ansprechpartner an den einzelnen Instituten einzusehen unter www.tu-braunschweig.de/Medien-DB/abt12/ansprechpartner_praktikum.pdf
Kontaktmöglichkeiten:

Internet: www.tu-braunschweig.de

 

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