Suche nach der passenden Hochschule – Selbstbestimmte Eigeninfo statt fremdgesteuerter Ranglisten

Von Rainer Hoppe | 15. Februar 2016

Präsidialverwaltung der Universität Hamburg (Foto: Universität Hamburg)

Präsidialverwaltung der Universität Hamburg (Foto: Universität Hamburg)

The same procedure every year. Fragt man (nord)deutsche Abiturienten, wo sich die besten Hochschulen Deutschlands finden lassen, dann heißt die spontane Antwort regelmäßig: Hamburg!  Freilich wird das Urteil der Studienanfänger in spe nicht allein von der Leistungsfähigkeit der hanseatischen Universitäten und Fachhochschulen bestimmt, sondern denken sie wohl auch an das Schanzenviertel und Blankenese, die Mönckeberg- und die Hafenstraße, die Binnen- und die Außenalster, die zahlreichen Theater und Musikevents, den Hafen und das Portugiesische Viertel, aber auch den FC St. Pauli, den Elbstrand mit seinen Strandbars sowie natürlich auch an Helmut Schmidt und Udo Lindenberg. Hamburg eben! Man mag solche Bauchentscheidungen belächeln oder kritisieren. Doch auch Lehrer oder Eltern tun sich schwer bei der Suche nach der individuell passenden Hochschule.

Und in der Tat, seit der Freigabe der früheren Rahmenstudienordnungen sind die Studiengänge gleicher Fachrichtung immer schwerer miteinander zu vergleichen. Jede Hochschule bestimmt heute die Inhalte der Curricula und die Studienschwerpunkte nach eigenem Gutdünken und angelehnt an ihre aktuellen Forschungsaktivitäten. Das zwingt zu einer gründlichen Analyse der Studien- und Prüfungsordnungen, online jederzeit verfügbar. Dazu kommen weitere Kenngrößen für die Leistungsfähigkeit von Hochschulen wie die Ausstattung und Öffnungszeiten der Bibliotheken, die IT-Ausrüstung (an manchen Hochschulen werden Rechnernutzungszeiten ausgelost, sogar von 3 bis 4 Uhr in der Nacht), Laboreinrichtung und Übungsräume, zuletzt das Renommee der Professoren. Alles das lässt sich nur schwer und kaum pauschal miteinander vergleichen.

Den ganzheitlichen Blick wagen

Hörsaalzentrum der Technischen Universität Dresden (Foto: TUD/Eckold)

Hörsaalzentrum der Technischen Universität Dresden (Foto: TUD/Eckold)

Doch das ist noch lange nicht alles, was es zu bedenken gilt. So benötigt man Informationen über die Wohn- und Lebensverhältnisse einschließlich der Mietkosten. Dazu wollen kulturelle Angebote und Sportmöglichkeiten ebenso in Augenschein genommen werden, wie für den einen oder anderen auch die Kneipen- und Musikszene von Belang sind. An einigen Hochschulen erhält man darüber hinaus mit der Immatrikulation ein Semesterticket, das die kostenlose Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs im gesamten Bundesland ermöglicht. Andernorts gilt das nur für die angrenzenden Landkreise. Und manche Stadtverwaltungen zwingen die Studierenden sogar, ihren ersten Wohnsitz am Studienort zu nehmen. Zur Belohnung zahlen sie hierfür eine einmalige Kopfpauschale von fünfzig bis zu mehreren hundert Euro. Wie also kann  man herausfinden, welche Hochschule das beste Angebotspaket bereit hält, an der man dann auch noch Aussicht auf einen Studienplatz hat?

Schauen wir auf unser Beispiel Hamburg. Die Stadt bietet einiges und für die, die Mietpreise von 14 bis 16 Euro pro Quadratmeter bezahlen können, umso mehr. Als nicht ganz so opulent entpuppt sich indessen das Studienangebot. Nahezu alle Studiengänge der Universität Hamburg wie auch der Fachhochschule weisen wegen der großen Nachfrage Zulassungsbeschränkungen auf. An den Gebäuden der Uni nagt der Zahn der Zeit. Und das seit Jahren. Da rieselt in einigen Hörsälen der Putz von der Decke. Im Physiklabor führt eine Regenrinne das eindringende Wasser direkt ins Handwaschbecken! In allen Fachbereichen herrscht Personalmangel. In einigen ist er so groß, dass wie mit dem Lehramt für Gesundheitswissenschaften ganze Studiengänge zeitweilig ausgesetzt werden (müssen). Hat man sich für ein Studium an der gut ausgestatteten Technischen Universität Hamburg-Harburg entschieden, bedeutet das wiederum lange Fahrtzeiten quer durch die ganze Hansestadt. Wo viel Licht, da auch viel Schatten, wussten schon die Altvorderen.

Die Grenzen der Rankings

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Foto: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Foto: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

Zurück zum Thema. Im Internet finden sich vielerlei Seiten, auf denen Vor- und Nachteile einzelner Hochschulen nicht selten in epischer Breite erörtert werden, die bekannteste davon www.uni-protokolle.de. Leider schreiben hier aber nur sehr wenige Insider und Experten. Oftmals transportieren diese Portale deshalb allenfalls Gerüchte und Vorurteile. Einen vergleichsweise wissenschaftlichen Eindruck vermitteln dagegen Hochschulrankings, wie sie von einigen Zeitschriften veröffentlicht werden, an der Spitze die ZEIT mit dem Leistungsvergleich des Güterslohers Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann Stiftung. Vor Jahren beteiligten sich auch der SPIEGEL und der STERN sowie der FAZ-Hochschulanzeiger mit eigenen Umfragen. Geblieben sind heute neben der Zeit lediglich noch die Rankings der Wirtschaftswoche und des Handelsblattes.

Alle diese Rankings erheben den Anspruch, wissenschaftlich seriöse Urteile über die Leistungsfähigkeit jeder einzelnen Hochschule und jedes einzelnen Studienfachs abgeben zu können. Wirklich professionell ist oft aber einzig das Layout von Diagrammen und Tabellen. Die heute verfügbaren Rankings sind überwiegend inputorientierte Rankings. Deren Philosophie ist eine doppelte. Die erste Annahme: Wir, die Macher der Rankings, wissen, worin die Leistungsfähigkeit einer Hochschule besteht und über welche Stellschrauben sie zu optimieren ist. Entsprechend werden die Kriterien zur Leistungsmessung festgelegt. Willkürlich, wie viele Kritiker beanstanden, oder doch mit einer gewissen bildungspolitischen Vorfestlegung, vor allem aber für alle Studienfächer nach dem gleichen Leisten. Die zweite: Je höher der Input, desto besser der Output. Auf den Beweis der Richtigkeit des einen wie des anderen wartet man bis heute vergebens.

Mehr Schein als Sein

Audimax der Ruhr-Universität Bochum (Foto: RUB)

Audimax der Ruhr-Universität Bochum (Foto: RUB)

Lediglich der FAZ-Hochschulanzeiger arbeitete ähnlich der Stiftung Warentest outputorientiert und beurteilte die Hochschulen allein nach dem Berufserfolg ihrer Absolventen. Das Ranking, entwickelt vom Herausgeber des „Berufsreport“, wurde allerdings nach fünf Jahren eingestellt. Der Grund: bis auf wenige Ausnahmen besitzen vor allem die staatlichen Hochschulen in aller Regel einen zu geringen Kontakt zu ihren ehemaligen Studenten. Das Handelsblatt und die Wirtschaftswoche reihen die Hochschulen entsprechend dem Qualitätsurteil von Studenten beziehungsweise von Personalmanagern. Von statistischen Grenzwertigkeiten einmal abgesehen, die im Übrigen auch für das Ranking der ZEIT gelten, erinnert die Methode eher an Kaffesatzleserei. Wie viel Erfahrung hat der Personalmanager eines Unternehmens in Konstanz wohl mit Absolventen der Fachhochschule in Flensburg? Richtig: keine! Und wie viele Hochschulen kennt der Student? Eine, allenfalls zwei. Objektive Quellen sehen anders aus.

Das CHE-Ranking versucht immerhin einen Mix aus Studierendenmeinungen, professoralen Einschätzungen und externen Daten wie beispielsweise der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen, der Summe an eingeworbenen Drittmitteln, durchschnittlichen Studienzeiten, Abbrecherquoten, Abschlussnoten und anderem mehr. Das ist löblich, verbessert die Aussagekraft der erhobenen Daten aber noch immer nicht ausreichend. Dafür wäre unbedingt eine Verständigung mit den Hochschulen über die Wertigkeit der einzelnen Leistungskriterien differenziert nach Studienfächern erforderlich. Gleich wie, wer sich die Ergebnisse anschauen möchte, sollte unbedingt die interaktive online-Version wählen. Hier kann der neugierige Abiturient die Ergebnisse immerhin nach etwa zwanzig individuell festlegbaren Kriterien anzeigen lassen. Dass die ZEIT auch eine Printausgabe vertreibt, hat ausschließlich kommerzielle Hintergründe.

Zahl der Kritiker wächst

Biologicum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Foto: Uni Halle/Maike Glöckner)

Biologicum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Foto: Uni Halle/Maike Glöckner)

So gibt es mittlerweile heftige Kritik am Ranking des CHE. Und sie wird lauter. 2009 waren es die Historiker, die sowohl die Methodik der Befragung als auch die Dateninterpretation des CHE in Frage stellten. Auf dem Hintergrund einer Erklärung  des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) verweigerten 2010 mehr als zehn Universitäten eine Befragung für das Fach Geschichte. Zeitgleich beschlossen einzelne Hochschulen, allen voran die Uni Bonn, sich insgesamt nicht mehr am Ranking zu beteiligen. Noch gewichtiger schlagen die Einwände der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) von 2012 zu Buche.  Die Fachleute für empirische Befragungen und der entsprechenden Datenauswertung kritisierten die vom CHE praktizierte Methodik ebenso massiv wie sie dessen statistische Grundlagen in Frage stellten. 37 der 53 soziologischen Fachbereiche zogen sich daraufhin aus dem CHE-Ranking zurück.

Und in immer mehr Fächern beginnt es zu rumoren. Stellungnahmen gegen das CHE-Ranking gibt es inzwischen aus den Fächergruppen Biologie, Chemie, Mathematik, Human- und Zahnmedizin, Erziehungswissenschaften sowie der Sozialen Arbeit. Weitere Hochschulen verweigern sich den Juroren des CHE. Der Kern der Kritik richtet sich auf die Tatsache, dass das Ranking die besonderen Strukturen der Hochschulen nicht genügend berücksichtigt (Hagen, Lüneburg, Vechta). Prof. Dr. Dieter Lenzen, scheidender Präsident der Uni Hamburg und 2009 vom CHE zum „Hochschulmanager des Jahres“ gekürt, stellt den Nutzen von Hochschul-Rankings gar grundsätzlich in Frage. Er hält den Schaden, den diese Leistungsvergleiche anrichten für größer als den gesellschaftlichen Nutzen. Auch wenn man so weit nicht gehen will, vor einem allzu unbedarften Umgang mit Rankings sollte man sich hüten.

Eigene Ziele definieren

Universität Bamberg, Am Kranen (Foto: Universität Bamberg/Jürgen Schabel)

Universität Bamberg, Am Kranen (Foto: Universität Bamberg/Jürgen Schabel)

Ein Gutes aber darf den Rankings, insbesondere dem des CHE, bei aller berechtigten Kritik nicht abgesprochen werden. Seine Methodik wie seine Ergebnisse zwingen die Rat suchenden Abiturienten zur Festlegung beziehungsweise Präzisierung ihrer persönlichen Studienziele. Was strebe ich in Studium und in der späteren Berufstätigkeit an? Welchen hochschulischen Leistungsparametern messe ich welche Bedeutung bei? Unter welchem Blickwinkel möchte ich die Hochschule in Augenschein nehmen? Lasse ich mich von der Studiensituation und also der Einschätzung von Studenten leiten? Sind für mich die forschungsorientierte Reputation und damit das Urteil der Wissenschaftscommunity entscheidend? Oder verstehe ich ein Studium vor allem als Berufsvorbereitung und vertraue ich deshalb als Wichtigstes auf die rückblickende Einschätzung ehemaliger Studenten? Jedes hat seine Berechtigung, alles steht mit allem in Verbindung, die Festlegung von Prioritäten wird dennoch unabdingbar.

Ein Beispiel, wie unterschiedliche Bewertungsvariablen ganz unterschiedliche Rangfolgen zum Ergebnis haben. Rankt man die Hochschulen im Fach Rechtswissenschaften nach den Kriterien Studiensituation, Betreuung durch Lehrende und Studierbarkeit (Studentenangaben) sowie der Anzahl von Promotionen (Hochschulangaben) als auch der Forschungsreputation des Fachbereiches (Professorenangaben) steht die private Bucerius Law School aus Hamburg an der Spitze, dicht gefolgt von den Unis in Bayreuth, Düsseldorf, Halle, Jena und Passau. Lässt man die Universitäten nun aber ausschließlich aus Studentensicht nach den Kriterien Studiensituation, Betreuung durch Lehrende, Studierbarkeit, Lehrangebot, Kontakt zu Studierenden und Bibliotheksausstattung bewerten, ändert sich das Bild. Gemeinsam auf dem ersten Platz jetzt die Bucerius Law School mit den Unis aus Bayreuth, Düsseldorf, Halle, Jena, Mannheim und Passau. Abgeschlagen am Ende finden sich die Freie Universität und die Humboldt-Universität aus Berlin, die Universitäten Bremen, Frankfurt/Main, Heidelberg, Kiel, Tübingen und Würzburg.

Hinter die Kulissen schauen

Mensa der Christian-Albrechts-Universität Kiel (Foto: Uni Kiel/Jürgen Hacks)

Mensa der Christian-Albrechts-Universität Kiel (Foto: Uni Kiel/Jürgen Hacks)

Die Botschaft dieser Ergebnisse ist vieldeutig. Studienbewerber sollten sie zu deuten wissen. So können überdurchschnittliche Forschungsleistungen ja auch bedeuten, dass Professoren nur wenig Zeit für die Betreuung der Studenten bleibt und sie einen hohen Leistungsstandard vorgegeben. Da muss man dann vielleicht lange auf den gewünschten Gesprächstermin warten und am Ende doch mit dem Assistenten vorlieb nehmen, der keine Entscheidungskompetenz hat. Eine hohe Zahl von Promotionen könnte schließlich auch Ausdruck dafür sein, dass die Absolventen dieser Hochschule vom Arbeitsmarkt nicht angenommen werden und sie deshalb ihr Heil notgedrungen in einer wissenschaftlichen Karriere suchen müssen. Für grundlagenorientierte Studenten wiederum erweisen sich Universitäten mit umfangreichen Drittmitteln gar nicht selten als wenig attraktiv, da industrienahe Forschung stets einen hohen Anwendungsbezug aufweist.

So geben Rankings oft weniger Antworten als sie Fragen zurücklassen. Was aber bleibt dann? Wie gelingt die Wahl der richtigen Hochschule besser? Auf eine gründliche Analyse der Studien- und Prüfungsordnungen wurde bereits hingewiesen. Hier wird das Gerüst des Studienfaches an der Hochschule skizziert. By the way, auch die Struktur und die Nutzerfreundlichkeit der Internetseiten von Hochschulen geben einen Eindruck darüber, wie sehr sich die einen um Studieninteressierte bemühen, während andere sie eher als lästiges Übel betrachten. Die Skala reicht deshalb von hervorragend bis erbärmlich. Lustige Abifahrten seien jedem gegönnt. Zeit und Geld aber wären vielleicht besser investiert, sich Hochschulen anzusehen und Vorlesungen zu besuchen, eigene Eindrücke zu gewinnen und mit den Studierenden vor Ort zu reden, damit Kriterien für ein eigenes „Ranking“ generieren zu können.

Eigene Meinung bilden

Die alte Universität Heidelberg (Foto: Universitä Heidelberg/Kommunikation und Marketing)

Die alte Universität Heidelberg (Foto: Universitä Heidelberg/Kommunikation und Marketing)

Keine Angst. Deutsche staatliche Hochschulen sind öffentliche Einrichtungen. Sie dürfen von jedem jederzeit betreten werden. Das gilt selbstverständlich auch für den größten Teil der Lehrveranstaltungen. Und nicht wenige Professoren freuen sich über interessierte und neugierige Abiturienten als den Studienanfängern des nächsten Semesters. Es ist der einfachste Weg, um in Gesprächen mit Studierenden und Lehrenden etwas über die Anforderungen, das Niveau und die Erwartungen an die Studienanfänger zu erfahren. Günstiger Nebeneffekt, vorab schon einmal die Stadt kennenzulernen, in der man die nächsten Jahre seines Lebens verbringen wird, ist nicht nur nützlich und hilfreich, sondern erspart eventuell so manche Enttäuschung! Auch Praktika waren bis vor kurzem ein probates Mittel, sich selbst und den Beruf zu erkunden. Aufgrund des Mindestlohngebotes zeigen sich inzwischen aber viele Unternehmen zugeknöpft.

Was bleibt noch? Nahezu alle Hochschulen bieten für Interessierte einen Tag der offenen Tür, auch Hochschulinformationstag (HIT) genannt. Zu hoch sollten die Erwartungen an diese Veranstaltungen allerdings nicht gesteckt werden. Unter den Studierenden der Hochschulen hat sich längst herumgesprochen, dass man an genau diesem Tag die Hochschule besser meidet, um den Massen an albernden Schülern zu entgehen. Auch soll es schon vorgekommen sein, dass ausgerechnet an diesem Tag einzelne Professoren so unterhaltsam, hilfsbereit und freundlich sind wie sonst während des ganzen Jahres nicht. Diese Tage sind Kunstsituationen. Mit dem Hochschulalltag haben sie nur wenig zu tun. Gewiss, auch an diesen Tagen gewinnt man Eindrücke über die Hochschulen, über die Substanz und Ausstattung. Auch lernt man Hochschulangehörige kennen und natürlich die Hochschulstadt. Doch es bleibt eine Atmosphäre a la Disneyland.

Informieren, informieren, informieren …

Campus mit Stella-Plastik der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Foto: FSU/Kasper)

Campus mit Stella-Plastik der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Foto: FSU/Kasper)

Besonders Aufgeweckte warten freilich nicht auf die Zeit nach den Abiturprüfungen. Sie nutzen schon die Zeit der Herbstferien des letzten Schuljahres für diese Orientierungsaktivitäten. Oftmals liegen die Herbstferien genau so, dass die Universitäten gerade in diesen Wochen mit dem Vorlesungsbetrieb des Wintersemesters beginnen. So kann man schon frühzeitig beobachten, was einen in einem Jahr erwarten wird, etwa die in vielen Studiengängen und an vielen Hochschulen üblichen Einführungswochen. Und auch die Schilderungen der frischen Erstsemester über die Mühen ihrer Wohnungssuche bewahren vor unliebsamen Aha-Erlebnissen. Auch die Hochschulstädte unternehmen in diesen ersten Wochen viel, um den Neustudenten die Stadt, die Kultur und das außeruniversitäre Leben nahe zu bringen.

Darf ich noch eine ganz persönliche Erfahrung einfügen? Es muss nicht immer ein Studium in Hamburg, Berlin, Münster, Köln, Frankfurt/M., Heidelberg, Freiburg oder München sein! Zwar bieten diese Städte vieles: Große, oft auch angesehene Hochschulen, viel Abwechslung und Kultur, ein spannendes Lebensumfeld. Der Preis, mit dem man sich ein Leben dort aber erkauft, ist mitunter gewaltig. Das fängt bereits bei hohen Zulassungshürden (Numerus clausus) an, schließt einen zumeist schwierigen Wohnungsmarkt ein und endet bei überfüllten Hörsälen sowie knappen Laborplätzen noch lange nicht. Da bieten die kleinen Hochschulen in Greifswald, Oldenburg, Osnabrück, Bielefeld, Halle, Jena, Ilmenau Bayreuth, Passau oder Konstanz oft genug bessere Studienbedingungen. Doch ob man den Schritt in die sogenannte Provinz wagen will, das muss jeder für sich herausfinden. Und dafür kann es sich lohnen, frühzeitig, vielleicht sogar mehrmals  hinzufahren.

Bodenhaftung behalten

humboldt-universität zu berlin, Hauptgebäude der Humboldt-Universität Berlin Unter den Linden (Foto: Humboldt-Universität Berlin/Heike Zappe)

humboldt-universität zu berlin,
Hauptgebäude der Humboldt-Universität Berlin Unter den Linden (Foto: Humboldt-Universität Berlin/Heike Zappe)

Vor einer weiteren Strategie möchte ich ausdrücklich warnen. Immer wieder gibt es Schüler und Schülerinnen, die unbedingt an der Uni in Köln, München oder Hamburg oder ganz woanders studieren müssen. Weil Freunde auch dort studieren (wollen), weil man vermeintlich nur dort gute Chancen für ein Praktikum hat (im Journalismus, in der Finanzwirtschaft oder in der Unternehmensberatung), oder, oder … Beim Studienfach orientiert man sich dann am örtlichen Fächerspektrum und den Zulassungswerten der Vorjahre. Irgendeine Lösung wird sich schon finden. Nicht selten folgt der harte Aufschlag in der Wirklichkeit auf dem Fuß. Der Freund, der einen zu dieser Strategie verleitet hat, ist plötzlich nicht mehr der wichtigste Freund. Die Freundin hat sich längst für einen anderen Ort entschieden. Der gewählte Studiengang zeigt sich völlig anders als erhofft. Das Stellenpotential für Praktika erweist sich unergiebiger als erwartet. Die Entscheidung also, welches Fach und wo man es studiert, ist hoch komplex.

Die Frage nach dem Studienort darf deshalb weder die Frage nach dem Fach überlagern noch darf umgekehrt die Frage nach dem Fach losgelöst von allen anderen Zusammenhängen beantwortet werden. Rankings vermögen da nur begrenzt zu helfen. Die Entscheidung für eine Hochschule kann jeder nur in ganz eigener Verantwortung treffen. Und hierbei Ist der individuelle Blick nicht bloß erlaubt, sondern zwingend notwendig. Übrigens: Der Autor hat – auch wegen mangelnder eigener Orientierung – ein Semester an der Universität Münster verbracht. In diesem Semester hat er gemeinsam mit 800 weiteren Erstsemestern viel Zeit im Hörsaal H1 verbracht und versucht, den Gedankengängen der Professoren zu folgen. Das erwies sich meist als mühsam. Glücklicher wurde er an der damals noch ganz jungen Universität Osnabrück mit zu jener Zeit gerade einmal 2.500 Studierenden. Er genoss die Seminare mit wenig mehr als zwei Dutzend Kommilitonen. Sie waren persönlich, intensiv, lehrreich, auch wenn manchmal anstrengend. Das erste Semester in Münster hätte er sich besser erspart!

 


Weiterführende Informationen
CHE-Ranking: http://www.che-ranking.de/cms/?getObject=42&getLang=de
Wirtschaftswoche-Ranking: http://www.wiwo.de/themen/uni-ranking
Handelsblatt-Ranking: http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/vwl-ranking/