Stuntmen – Bewegungsspezialisten für alle Fälle

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2018

Ronnie Paul (Foto: privat)

„Action speaks louder than words“, ist der Wahlspruch des Hamburger Stuntman Ronnie Paul. Dreißig Berufsjahre hat er inzwischen auf dem Buckel. 2015 wurde er von der Deutschen Akademie für Fernsehen für hervorragende Leistungen im Tatort „Wer Wind erntet, sät Sturm“ ausgezeichnet. Wie hier geben seine und seiner Kollegen Stunts vielen Filmen erst ihren entscheidenden Spin. Dann nämlich, wenn sie von Dächern springen. Dann, wenn sie wie vom Blitz getroffen aus den Sätteln ihrer Pferde fallen. Wenn sie am Ende einer wüsten Verfolgungsjagd im Feuerball ihres explodierenden Autos verbrennen. Oder sich in einem Kampf auf Leben und Tod die Köpfe blutig prügeln. Wenn sie bei hohem Seegang von der Reling eines Containerriesen stürzen. Wenn ein vierzig Tonnen schwerer Truck sie meterweit durch die Luft wirbelt. Spätestens bei solchen Bildern ahnt man, sie sind die eigentlichen Leinwandhelden. Nur mit der Anerkennung ihrer Leistungen hapert es. Zwar sind ihre Namen nach langen Bemühungen nun endlich im Abspann der Filme zu finden. Noch immer aber werden sie von vielen Produzenten wie Hilfsarbeiter behandelt. Positiver ist ihr Image bei den Zuschauern. Gleichwohl scheinen auch dort die Klischees unausrottbar.

Bei den meisten Kinobesuchern gelten sie als Männer und Frauen ohne Nerven. Als Männer und Frauen, in deren narbenübersäter Haut sich die Stunts der Vergangenheit wie in einer Bewerbung für  den nächsten Auftrag lesen lassen. Als Männer und Frauen, die es gewohnt sind, dem Tod an jedem Drehtag mehrmals ins Auge zu schauen. Doch weder das eine noch das andere stimmt. Meine Gesprächspartner sind ebenso intelligent wie weltläufig. Ronnie Paul lebte mehrere Jahre in Los Angeles. Sein Schweizer Kollege Alister Mazzotti spricht fünf Sprachen. Daniela Stein, eine der wenigen deutschen Stuntwomen, studierte Sportwissenschaften. Ohne Zweifel sind sie alle mutig. Aber tollkühn? Nein. Denn Sicherheit steht bei dem, was sie täglich tun, ganz oben. „Wir sind Kaskadeure“, sagt Alister Mazzotti, „aber keine Hasardeure.“ Die körperliche Unversehrtheit sei schließlich ihr wichtigstes Kapital. „Viele Verletzungen sind das schlechteste Bewerbungsargument“, bemerkt Ronnie Paul trocken. „Denn da weiß schließlich jeder gleich, der kann nichts.“

Das Überlegen kommt vor dem Tun

Daniela Stein trägt ihre Lebensphilosophie auf dem Shirt: „Be different“ (Foto: Jakob Hoff)

Aber natürlich sind nicht alle Stunts lebensgefährlich. Es gibt auch das unspektakuläre Brot-und-Butter-Geschäft. So erzählt Daniela Stein von einer Szene, wo sie als Double einer Schauspielerin nur in das Wasser eines Sees gehen und der untergehenden Sonne entgegen zu schwimmen hatte. „Die fürchtete, sich im kalten Wasser zu erkälten“, erinnert sie sich amüsiert. Und mancher Stunt gleicht eher einer Ingenieuraufgabe. Wie bei einem der letzten Projekte von Alister Mazzotti. In einem Werbespot sollte die besondere Robustheit eines Trucks ins käufergerechte Licht gerückt werden. Mazzotti ließ sich dafür etwas ganz besonderes einfallen. Er stattete den LKW mit einer selbst entwickelten Fernsteuerung aus, drückte einer vierjährigen Neuauflage von Pippi Langstrumpf den Joystick in die Hand und ließ sie den Truck durch das Wirrwarr eines Steinbruchs steuern (Link zum Video: https://www.youtube.com/watch?v=7kx67NnuSd0&index=9&list=PLnosfIP7cFshr1-NChOrkBAUijalo_N1M).

Ein hohes Maß an technischem Verständnis hält auch der Dresdener René Lay für unverzichtbar. Lay ist Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Stuntleute (BvS) und selbst Stuntman. „Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine Unternehmen, bei denen wir uns das erforderliche Equipment ausleihen könnten“, erzählt er. „Die Idee, was wir wofür benötigen, müssen wir deshalb ganz alleine entwickeln.“ Einige Kollegen bauten die Vorrichtungen sogar selbst. Wie wahr. Daniela Stein schweißt die Rohrkonstruktionen, die das Durchbrechen des Autodaches bei einem Überschlag verhindern sollen, tatsächlich stets eigenhändig. In der Szene werden sie übrigens Käfig genannt. Am Moped ihres Bruders schraubte sie schon im Alter von zwölf Jahren. Und auch die in der Schule ungeliebte Mathematik braucht sie hin und wieder: wenn sie für eine Flugeinlage den Absprungwinkel, die Sprunghöhe sowie den genauen Landepunkt berechnen muss.

Meister der Illusionen

Double für Nora Tschirner: Sturz über eine sich plötzlich öffnende Autotür (Screenshot/Daniela Stein aus dem Film „Kleinohrhasen“)

„Ein guter Stuntman“, glaubt Daniela Stein, „lebt von Übungsfleiß, einem guten Vorstellungsvermögen, bedarf vieler Erfahrungen, braucht eine schnelle Auffassungsgabe, ein überdurchschnittliches Körpergefühl, beste Reflexe und einen unbedingten Erfolgswillen.“ Alles zusammen ein eher seltenes Kompetenzprofil. Tatsächlich aber verbirgt sich hinter professionellen Stunts immer eine umfangreiche Vorbereitung. Die Unwissenheit darüber selbst bei den Machern in der Filmwirtschaft und die damit nicht selten verbundene Geringschätzung ihrer Arbeit sind zwei Aspekte, die Alister Mazzotti die Freude an seinem Beruf manchmal trüben. „Klappt alles wie gewünscht“, erzählt er, „ist das für den Produzenten das Normalste der Welt. Dass ich mir zuvor das Hirn ausgewrungen habe, ist ihm nur in den seltensten Fällen bewusst, geschweige denn ein Lob wert.“ Dabei sollten doch gerade Filmleute wissen, wie schwer es ist, den Schein wie das Sein wirken zu lassen. „Zaubern“, sagt Mazzotti treffend, „können wir natürlich nicht. Unser Job ist die Gestaltung von Illusionen.“ Und was für welchen!

Stuntleute sehen sich oft großem Druck ausgesetzt. Können sie Stunts wie Treppenstürze, Kampfchoreografien, Highfalls (Höhenstürze), Sprünge durch Glas, auch Feuerstunts bis zum Erreichen der gewünschten Perfektion so oft üben, wie notwendig, muss es bei anderen schon unbedingt im ersten Anlauf klappen. Das gilt insbesondere für Stunts mit einem hohen technischen Aufwand. Da würde schon ein zweiter Versuch das Budget der meisten Produktionen sprengen. Denn vor allem bei Fernsehfilmen dreht der Produktionsleiter jeden Euro zweimal um. „Da werden die zum Einsatz kommenden Autos oft nur für die unmittelbare Drehzeit gemietet. Da bleibt kaum Gelegenheit, sich mit dem Wagen vertraut machen zu können“, erlebt es Daniela Stein immer wieder. Und Kratzer sollte der Lack auch nicht abbekommen. Das verlangt Stuntleuten wie ihr alles ab, vor allem eine gute Planung. Es gilt, das verbleibende Restrisiko durch beste Vorbereitung so weit als möglich zu minimieren. „Überlegen macht überlegen“, lacht die Stuntfrau mit der Erfahrung von mittlerweile mehr als 300 Filmen.

Action statt Sensation

Berlin Art Week 2017: Highfall am Hamburger Bahnhof in Berlin (Foto: Pamela Noffke Gräbe)

Freilich sind Stuntleute keine Wissenschaftler. Sie sind Fachleute für jede Art von Bewegung. Und das wichtigste „Produktionsmittel“ dafür sind ihre Körper, eine gute Körperbeherrschung und Fitness deswegen unverzichtbare Berufsvoraussetzungen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob im Engagement ein Body-, Auto- oder Pferde-stunt vereinbart ist. Das Risiko zu beherrschen, ist indessen nicht allein für die Funktionsfähigkeit des „Produktionsmittels“ wichtig. Das Ganze besitzt auch eine betriebswirtschaftliche Komponente. „Sollten wir während eines Drehs verletzt ausfallen, verpflichten uns die Verträge in aller Regel zu schnellstmöglichem adäquaten Ersatz“, gewährt Daniela Stein einen Blick hinter die Kulissen des Geschäfts. Das hierzulande im Übrigen durch eine viel geringere Technisierung als in US-amerikanischen Produktionen geprägt ist. „Wir machen weiterhin vieles 1:1“, berichtet sie. Dennoch ist die Unfallhäufigkeit äußerst gering. „Die für so etwas zuständige Berufsgenossenschaft“, berichtet Ronnie Paul, „stuft uns zusammen mit Feinmechanikern in eine Gefährdungskategorie ein.“ Wer hätte das gedacht.

Daniela Stein nennt ein Beispiel für eine ganz normale körperliche Anforderung. Im Film „Der Baader Meinhof Komplex“ wird sie kniend erschossen und muss als Stunt Double in Großaufnahme mit der Stirn zuerst aufs Steinpflaster fallen. Ein Sterbender hat bekanntlich keine Körperspannung mehr. Mit den Armen abstützen geht selbstverständlich auch nicht. Ebenso scheidet eine Polsterung aus, weil sie den Kopf unrealistisch im Pflasterstein einsinken lassen würde. Der Regisseur aber wollte es absolut authentisch. Nach mehrmaligem Üben schaffte sie es. Nur Millimeter trennten sie vom wirklichen Aufschlag. Wie viele Beulen sie sich beim Training dafür holte? Sie behält es für sich und bittet um die nächste Frage. Ja, für Stuntfrauen gebe es weniger Aufträge. Wenn es um Doubleszenen geht, müssen die Maße der Stuntleute mit denen der Schauspieler weitestgehend übereinstimmen. In den sogenannten Sed Cards geben Stuntleute alle dafür wichtigen Maße an, vom Brustumfang über die Schulterbreite, den Knöchelumfang und die Rückenlänge bis zur Tiefe der Geheimratsecken.

Teil des Filmgeschäfts

Hinter den Kulissen riecht es nach Arbeit und Schweiß: Ronnie Paul bei der Besprechung des nächsten Stunts (Foto: privat)

„Die härtesten Stuntmen sind die Stuntwomen“, weiß René Lay. Seine Erklärung ist so einfach wie einleuchtend. „Schienbeinschützer unter einer Männerhose oder eine Schutzweste unter dem Sakko bleiben unbemerkt. Miniröcke und körperbetonte Blusen bei Frauen aber lassen so etwas oft nicht zu“, beschreibt er die unterschiedlichen Voraussetzungen. Daniela Stein bestätigt ihn. Alles andere unterscheidet sich indessen nicht. Die erfahrene Stuntfrau hat im Übrigen auch schon Männer gedoubelt. Sie weist lieber auf etwas anderes hin. Die Drehtage seien von der üblichen Hektik am Set geprägt.  „Viele unterschätzen das“, sagt sie. Und meint die Anspannung sowie den hohen Stresslevel. „Wir müssen für unseren Einsatz alles auf den Punkt abrufen können, wir müssen nach oft genug ewigem Warten in sengender Hitze oder klirrender Kälte auf Knopfdruck funktionieren. Da muss man jedes Mal bis unter die Haarspitzen konzentriert sein. Nur so gelingt es, die normalen Schutzreaktionen des Körpers auszuschalten, also beim Treppensturz nicht ans Geländer zu greifen.“ Für Berufsanfänger ist das eine große Herausforderung. Und nicht alle bewältigen sie so gut wie Daniela Stein.

Alister Mazzotti (Foto: Gordon Muehle)

Der Arbeitsmarkt für Stuntmen in Deutschland ist überschaubar. Nach Auskunft des Berufsverbandes deutscher Stuntleute (BvS) teilen sich zwischen 150 bis 170 Vollerwerbsprofis die Aufträge aus Film, Fernsehen, Werbung und Theater. Darunter ist, wenn man die zwei Hände voll semiprofessioneller Kampfsportlerinnen nicht mitzählt, mehr als jede zehnte eine Frau. Ab und an kommen noch ein paar Angebote aus Filmparks und Unternehmen für Firmenincentives hinzu. Den zunehmenden Ausfall von den schlecht zahlenden Theatern und im Bereich der teuren Pferdestunts können sie gleichwohl nicht kompensieren. Wie gelangt man an Aufträge? „Überwiegend durch persönliche Empfehlungen und gute Demotapes“, sind die Erfahrungen Alister Mazzottis. Alle Stuntleute arbeiten als ihre eigenen Unternehmer und verhandeln die Gagen mit den jeweiligen Auftraggebern frei. Die vom BvS empfohlenen Honorare sind Vorschläge und verstehen sich als Untergrenze. Aber natürlich folgen die Preise dem Spiel von Angebot und Nachfrage.

Performer und Unternehmer

An diesem Punkt sieht René Lay die größten Defizite in der Community. „Wir sind unstete Tagelöhner mit einem unregelmäßigen Einkommen“, formuliert er es humorvoll. Um dann aber sehr ernst fortzufahren: „Und als solche müssen wir lernen, unternehmerisch zu denken.“ Was er damit meint, macht er schnell deutlich. „Bei den Honorarverhandlungen dürfen wir nie vergessen, dass es nach Abzug aller Unkosten nicht nur für ein auskömmliches Leben reichen muss, sondern auch noch genug für die Alterssicherung übrig bleibt.“ Und die kommt bei Stuntperformern schneller als gedacht. Für Bodystunt-Spezialisten ist die magische Grenze meist schon mit dem vierzigsten Geburtstag erreicht. Dann lassen sich die körperlichen Verschleißerscheinungen auch mit der größten Selbstdisziplin nicht mehr verdecken. Im Pferdesattel kann man es ein paar Jahre länger aushalten. Stuntdriving geht dagegen noch mit fünfzig und darüber.

René Lay zu Pferde (Foto: Arno)

Bis dahin gilt die Devise, nur kein Jobangebot ablehnen. Und nicht zu meckern, wenn man am Tag zuvor noch immer nicht weiß, ob der Dreh am nächsten Tag schon um 6 Uhr in der Früh oder erst am späten Nachmittag stattfinden wird. „Ich bin für ein kurzfristiges Engagement schon mal nach nur vier Tagen Urlaub auf den Malediven zurückgeflogen“, erinnert sich BvS-Geschäftsführer Lay. Die Familie hat dafür keinen Beifall geklatscht. „Damit du betriebswirtschaftlich gut über die Runden kommst, brauchst Du ungefähr 80 bis 100 Drehtage pro Jahr“, nennt Alister Mazzotti eine konkrete Hausnummer. Die Hauptarbeitszeit, so Daniela Stein, liegt zwischen März und Oktober. Ronnie Paul ist vier bis fünf Monate des Jahres unterwegs. Anders als in den USA ist der deutsche Markt für absolute Spezialisten zu klein. Hierzulande müssen Stuntleute mehrere Stuntarten beherrschen. Und ein bisschen schauspielerisches Talent schadet ebenfalls nicht. „Denn beim Doubeln“, formuliert es René Lay, „übernehmen wir für einen kurzen Moment die Identität des Schauspielers.“

Sportlichkeit ein Muss

In den Batman-Verfilmungen gibt es eine Vielzahl solcher Szenen. Umgekehrt aber kommen andere Filmprojekte völlig ohne Stunts aus. Stellt sich die Frage, wie wird man Stuntman oder Stuntwoman? Schließlich ist die Arbeit der Stuntleute kein Jahrmarktspektakel, sondern ein seriöses Gewerbe. Die Antwort lautet: durch Learning by doing. Die wenigen Stuntschulen, die ihre Dienste gegen Bares anbieten, genießen unter Insidern keinen sonderlich guten Ruf. „Sie können nur ein paar Grundlagen vermitteln“, lautet die Einschätzung von Ronnie Paul, „doch nie den kompletten Werkzeugkoffer.“ Die meisten steigen als Junior ein. Doch auch um diese „Ausbildungsstellen“ herrscht reger Wettbewerb. Ronnie Pauls Erfolgsrezept: „Ich konnte zu Beginn nur wenig, aber das sehr gut.“ Ohne besondere Vorkenntnisse geht in der Tat kaum etwas. Daniela Stein beherrschte viele Sportarten, René Lay hatte Theatererfahrungen und war ein guter Reiter, Alister Mazzotti kam vom Leistungsfechten, Ronnie Paul war Kung Fu-Kämpfer und brachte zusätzlich Erfahrungen aus dem Rallyezirkus mit.

Ronnie Paul vor dem Ergebnis seiner Arbeit (Foto: privat)

Je nach Stuntart dauert die Lehrzeit unterschiedlich lang. Den größten Aufwand erfordert eine Karriere als Precision Driver. „Bis zur vollen Souveränität dauert es einige Jahre“, weiß der Hamburger Paul. Man brauche ein Feeling für das Fahrzeug, Wissen über Fahrwerk, Reifen und noch vieles mehr, zählt er auf. Heute haben alle meine Gesprächspartner den Schritt in die Funktion eines Stunt Coordinator vollzogen. Anders als die Stuntperformer müssen sie eng mit dem Regisseur, Kameramann und Cutter kooperieren. Im Angelsächsischen kennt man bei großen Produktionen sogar die Funktion des Action-Regisseurs. Dem Stunt Coordinator obliegt die Aufgabe, den jeweiligen Stunt unter künstlerisch-dramaturgischen Gesichtspunkten zu choreografieren und anschließend dessen Ausführung zu organisieren. „Mich hat das Geschehen hinter der Kamera von Anbeginn interessiert“, erzählt Ronnie Paul. „Hier kann ich noch mehr mitgestalten.“

Faszination der Vielfalt

Welche Auswirkungen wird die Digitalisierung des Filmgeschäfts auf den Beruf der Stuntleute haben, möchte ich zum guten Schluss noch wissen. Die Mehrheit meiner Gesprächspartner sieht keine Gefahr. Im Gegenteil. „Sie gibt uns die Möglichkeit, die Stunts größer als in der Realität zu machen“, glaubt René Lay. Auch Alister Mazzotti sieht mehr Vor- als Nachteile. „Ich muss nicht mehr unbedingt vom zwanzig Meter hohen Dach springen, sondern kann das nun im Studio in Stehhöhe machen.“ Wire Work, also die Arbeit am Seil, wird eine enorme Aufwertung erfahren. Schließlich können die Seile in der Nachbearbeitung durch die Mediendesigner heraus retuschiert werden. Einzig die Pyrotechniker, fürchtet Ronnie Paul, könnten sich auf der Verliererseite wiederfinden. Die berufsbedrohenden Risiken liegen indessen auf anderem Gebiet. Die Politik bestreitet ihnen mit Blick auf die Sozialversicherung aktuell den Status eines selbständigen Unternehmers und will sie stattdessen zum weisungsgebundenen Arbeitnehmer mit allen Folgen degradieren. „Das wäre für viele von uns das wirtschaftliche Ende“, warnen Lay und die im BvS organisierten Stuntmen.

Nur im Film nimmt Alister Mazzotti den Treppenabgang auf diese Weise (Foto: Mazzotti)

Gibt es noch andere Dinge, vor denen Stuntleute Angst haben? „Ja doch“, antwortet Daniela Stein und genießt mein Erstaunen mit sichtlicher Freude. „Die Kontrolle zu verlieren“, sagt sie, „ist für jeden Stuntman der Worst Case.“ Nichts sei deswegen schlimmer, als auf dem Beifahrersitz neben einem Kollegen Platz nehmen zu müssen. „Da steigt der Puls in ungeahnte Höhen.“ Alister Mazzotti macht noch eine andere Beobachtung. „Weil wir uns unserem Beruf mit Haut und Haaren verschreiben, müssen wir uns selbst Grenzen setzen“, formuliert er seine Erkenntnis, „sonst verbrennst du irgendwann.“ Zuletzt weist er auf einen Aspekt, der in seiner Gegensätzlichkeit die Wirklichkeit des Berufes nicht besser beschreiben könnte. „Je länger ich diesen Job mache, umso intensiver reflektiere ich, welches Risiko ich dafür eingehen muss. Und ich weiß inzwischen, ich brauche den Schmerz nicht mehr zu meiner Selbstwahrnehmung. Aber hätte ich schon als Zwanzigjähriger so gedacht, wäre ich wohl nie Stuntman geworden.“

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.05.2018)

Berufstätige: ca. 150 – 170, darunter etwa 20 – 25 Frauen (Schätzungen des Berufsverbandes deutscher Stuntleute BvS).

Altersstruktur berufstätiger Stuntleute:  Die Mehrzahl der Stuntmen/Stuntwomen sind zwischen Ende 20 bis 50 Jahre alt, die Berufseinsteiger (Junioren) zwischen 18 bis 30 Jahre, Stunt Coordinator 35-55 Jahre.

Arbeitslose Stuntleute: keine Angaben verfügbar.

Einkommen: siehe dazu http://www.german-stunt-association.de/berufsbild/gagen/

Ausbildungsmöglichkeiten: Eine durch Rechtsverordnung geregelte Ausbildung gibt es nicht. Private Stuntschulen bieten sechs- bis zwölfmonatige Lehrgänge an. In der Regel erfolgt der Zugang zum Beruf aber über Learning by doing in der Funktion als Junior Stunt unter Anleitung eines berufserfahrenen Stunt Coordinators/einer berufserfahrenen Stunt Coordinatorin.

Weiterführende Informationen:
Informationen zum Beruf: http://www.german-stunt-association.de/berufsbild/berufsbilder/
Stellenangebote: https://de.stagepool.com/stuntman

 

 

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