Studio Hamburg Produktion Gruppe – „Wir drehen die Welt“

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2017

Einfahrt zu den Liegenschaften von Studio Hamburg in der Jenfelder Allee (Foto: Wikimedia/Martina Nolte)

Einfahrt zu den Liegenschaften von Studio Hamburg in der Jenfelder Allee (Foto: Wikimedia/Martina Nolte)

Den NDR kennt jeder im Land. Seine Enkeltochter, die Studio Hamburg Produktion Gruppe (SHPG), ist in der Branche bekannt wie ein bunter Hund, unter Otto-Normalverbrauchern aber nur Fernsehjunkies und Vollblutcineasten ein Begriff. Fast ist man versucht, dem Kontrast zwischen den Standorten beider Unternehmen Symbolcharakter zuzuschreiben. Liegt das Headquarters des Senders an der noblen Rothenbaumchaussee nur einen Steinwurf von der Außenalster entfernt, befinden sich die Liegenschaften von Studio Hamburg inmitten gesichtsloser Sozialbauwohnungen mit Malocheratmosphäre in Hamburgs östlichem Stadtteil Jenfeld. Michael Lehmann, Geschäftsführer der Studio Hamburg Produktion Gruppe, schmunzelt ob dieses Vergleichs, möchte die soziale Symbolik aber doch nicht überstrapazieren. Unbestritten ist gleichwohl, dass in den Büros und Hallen in Hamburgs Osten für den Erfolg hart gearbeitet wird.

Das gilt auch für den Vorsitzenden Geschäftsführer, der in der Rolle des Produzenten seine Projekte selber ganz eng betreut. „Wir sind“, formuliert Michael Lehmann es mit Stolz, „einer der Marktführer in der deutschen Film- und Fernsehproduktionslandschaft.“ Die Firmenphilosophie heißt denn auch selbstbewusst Wir drehen die Welt. Tatsächlich produziert sein Haus für alle öffentlich-rechtlichen Sender, dazu für zahlreiche private Auftraggeber. Die Organisation der Studio Hamburg GmbH bedarf für Außenstehende allerdings einiger kurzer Erklärungen. Das Unternehmen ist eine hundertprozentige Tochterfirma der NDR Media. Gleichzeitig ist es aber auch die Muttergesellschaft der Studio Hamburg Produktion Gruppe GmbH (SHPG), die einschließlich ihrer eigenen sechs Tochterunternehmen und einer Mehrheitsbeteiligung an der Amalia Film GmbH rund 60 fest angestellte Beschäftigte zählt. Das klingt auf den ersten Blick eher nach wenig.

Objektorientiertes Arbeiten

Rhea Harder (Franzi Jung) und Bruno Apitz (Hans Moor) beim Außendreh für eine Folge von „Notruf Hafenkante“ (Foto: Letterbox/Boris Laewen)

Rhea Harder (Franzi Jung) und Bruno Apitz (Hans Moor) beim Außendreh für eine Folge von „Notruf Hafenkante“ (Foto: Letterbox/Boris Laewen)

Verständlich wird es, wenn man weiß, dass die Zahl der fest angestellten Mitarbeiter und die der für die SHPG arbeitenden Menschen zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. Vom Beleuchter über den Maskenbildner und Kameramann bis hin zum Regisseur werden die „produzierenden“ Akteure als freie Mitarbeiter unter Vertrag genommen. In Stoßzeiten und bei großen Produktionen erreicht die Zahl derer, die für SHPG arbeiten, dann schon einmal 2.000 Personen. Die Studio Hamburg Produktion Gruppe ist also eine klassische Zwischenholding. Ihre operativen Ableger Letterbox Filmproduktion, Real Film Berlin, Nordfilm, Studio Hamburg UK in London, Doclights und Riverside Entertainment sind auf jeweils unterschiedliche Produktionsfelder spezialisiert. Die reichen von der viele Jahre lang laufenden Serie über Reihen und Fernsehfilme bis zum Kinofilm, von der spannenden Dokumentation bis zur unterhaltsamen Fernsehshow.

Darunter Titel, die jeder kennt, vom „Tatort Kiel“, der Serie „Notruf Hafenkante“, der Comedy „Tatortreiniger“, dem im September in die Kinos gekommenen und aus einer Serie hervorgegangenen Film „Pfefferkörner“, den Insel-Reportagen mit Judith Rakers, der Zoo-Doku-Soap „Leopard & Co“, Dokumentationen wie „Erlebnis Erde“, „Mission Che Guevara“ oder „Armes, reiches Deutschland“ bis hin zum Event „Goldene Kamera“. Bevor sich jemand über eine solche Unternehmenskonstruktion wundert, das ist in der Film- und Fernsehbranche schon seit Jahr und Tag übliche Normalität. In der Regel umfassen Produktionen in der akuten Phase einen Personalkörper zwischen 50 bis 100 Mitarbeiter. Die Arbeitsteilung zwischen der SHPG und ihren „Töchtern“ ist schnell beschrieben. Liegt die Verantwortung für die unternehmerische Strategie, das Entwickeln der Ideen und das Personalmanagement bei der „Mutter“, ist die Produktion Sache der operativen Töchter.

Künstler und Ökonomen

Seit dem 9. November in den Kinos: „Simpel“ – Eine Produktion von Studio Hamburg Produktion Gruppe (Foto: SHPG)

Seit dem 9. November in den Kinos: „Simpel“ – Eine Produktion von Studio Hamburg Produktion Gruppe (Foto: SHPG)

Letterbox Filmproduktion, Real Film Berlin, Nordfilm, Studio Hamburg UK, Doclights und Riverside Entertainment sowie die Amalia Film GmbH bestehen, so Geschäftsführer Lehmann, meist aus einer überschaubaren Anzahl fest angestellter Mitarbeiter. Anders bei Studio Hamburg Produktion Gruppe. Sie organisiert sich wesentlich in die Funktionsbereiche Produktentwicklung, die zunehmend wichtiger werdende Rechtsabteilung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Finanzen, Buchhaltung, Personal und Vertrieb. Neben den Sachbearbeitern im Backoffice, in der Mehrzahl im eigenen Haus ausgebildete Kaufleute für audiovisuelle Medien, stehen vor allem Herstellungsleiter, Produzenten und deren Assistenten, dazu stets einige Volontäre, auf den Lohnlisten der SHPG und ihrer Tochterunternehmen. Juristen für die Rechtsabteilung müssen vor allem Spezialisten für das Medien- und Urheberrecht sein.

Für alle anderen Funktionen sucht die SHPG Frauen und Männer, die sowohl das Einmaleins als auch die höhere Mathematik der Ökonomie sicher beherrschen und deren organisatorische Fähigkeiten zentraler Teil ihrer Genetik sind. Doch reicht beides noch nicht. Es sind lediglich die Basics. „Über allem steht die Leidenschaft für Film und Fernsehen“, ist Michael Lehmann nach 25 Jahren Betriebszugehörigkeit überzeugt. Dazu müsse sich eine Hartnäckigkeit gesellen, wie sie Kinder an den Tag legen, damit die Eltern doch endlich ihre schon lange gehegten Wünsche erfüllen. Tatsächlich müssen kaum irgendwo anders als im Film- und Fernsehgeschäft Pläne jeden Tag neu geänderten Verhältnissen angepasst werden. Da regnet es beim Außendreh, wo die Szene doch hellen Sonnenschein erfordert und Schauspieler nur für diesen einen einzigen Drehtag gebucht sind. Da springt einer der Förderer ab und klafft ein großes Loch in der Finanzierung. Da fällt der Hauptdarsteller unvorhergesehen wegen Krankheit aus.

Leidenschaft und Hartnäckigkeit

Michael Lehmann – Vorsitzender Geschäftsführer der Studio Hamburg Produktion Gruppe GmbH (Foto: SHPG/Sabine Finger)

Michael Lehmann – Vorsitzender Geschäftsführer der Studio Hamburg Produktion Gruppe GmbH (Foto: SHPG/Sabine Finger)

Statt in Selbstmitleid über die Unfairness der Welt zu zerfließen, zählt dann nur, die Ärmel hoch zu krempeln, uneitel und hartnäckig nach einer anderen Lösung zu suchen. Abiturnoten misst Michael Lehmann deshalb in der Personalauswahl nur eine geringe Aussagekraft zu. In der Vergangenheit waren solche Jobs vielfach eine Domäne von Quereinsteigern und Selfmademen, Leuten die es nach dem Abi mit einem Startguthaben von 500 Euro lebend von Alaska bis Feuerland schafften. Michael Lehmann fällt auch unter diese Kategorie. In der ehemaligen DDR aufgewachsen und dort vom Besuch des Gymnasiums ausgeschlossen arbeitet er zunächst als Schiffselektriker, um nach dem Fall der Mauer bei Studio Hamburg als Beleuchter anzuheuern, damals noch mit dem bekannten Regisseur Jürgen Roland. Mit viel Einsatz arbeitet er sich bis zum Produktionsleiter und zum Produzenten hoch. Heute ist er Vorsitzender Geschäftsführer der SHPG.

In der Zwischenzeit sieht man bei Studio Hamburg den Abschluss eines einschlägigen Hochschulstudiums gerne. Auch Lehmann tut das. Er selbst hat das Studium Kulturmanagement an der Musikhochschule Hamburg abgeschlossen. Doch geht auch für die heutigen Nachwuchskräfte mit Bachelorabschluss kein Weg an der Praxis vorbei. Das gleiche gilt für Auslandserfahrungen. Die Herstellungsleiter haben im Regelfall einen betriebswirtschaftlichen Background. Sie tragen Verantwortung für mehrere Projekte und stehen für Budgets von bis zu zwanzig Millionen Euro gerade. Nicht eben eine Kleinigkeit. Der vor kurzem neu berufene Herstellungsleiter begann vor zwanzig Jahren als Azubi und ist damit neben Lehmann bestes Beispiel, wie weit die Karriere in einem Unternehmen wie der Hamburg Studio Produktion Gruppe tragen kann. Bis auf die Freelancer sind die Produzenten und Produktionsleiter bei den operativen Tochterunternehmen angestellt.

Strategen und Macher

Die Aufgaben der Produzenten decken in allererster Linie den kreativen Bereich ab. Auch sind sie Finanzfachleute, dürfen die Kosten nicht aus dem Blick verlieren, sollten sich im Förderdschungel auskennen und müssen gute Dramaturgen sein. Was sie sonst noch auszeichnet? Vor allem Marktkenntnisse sowie ein Gespür für film- und fernsehbezogene Trends und Themen. Davon unterscheiden sich die Aufgaben der Produktionsleiter stark. Sie halten die organisatorischen Fäden vor Ort in der Hand. Sie sind verantwortlich für Drehpläne und die Kalkulation, sie sind für die Produktion Mutter und Vater in einem. Dass es genügend Stromanschlüsse gibt. Dass das Taxi die Darsteller rechtzeitig zum Drehort bringt. Dass die Kulisse stimmt. Dass der frisch gefallene Schnee geräumt ist, wenn in der Szene erst Herbst ist. Dass beim nächtlichen Außendreh auch früh um 1 Uhr heißer Tee für alle bereit steht. Dass sich auch der letzte Komparse wertgeschätzt fühlt. Sie müssen den großen Überblick behalten.

"Die Pfefferkönner und der Fluch des schwarzen Königs“ – Bei Dreharbeiten in den Dolomiten (Foto: Wildbunch/Martina Jaider)

„Die Pfefferkönner und der Fluch des schwarzen Königs“ – Bei Dreharbeiten in den Dolomiten (Foto: Wildbunch/Martina Jaider)

Der Lohn der Arbeit für einen Produktionsleiter ist das reibungslose Funktionieren eines Projektes, das Einhalten des Finanzrahmens und natürlich der termingerechte Abschluss. „Vom Lob anderer sollte man allerdings nicht abhängig sein“, formuliert es Michael Lehmann aus persönlicher Erfahrung diplomatisch. Soll heißen, in Filmprojekten herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Feste Arbeitsbeziehungen entstehen eher selten. Die meisten Akteure sind nur an bestimmten Abschnitten beteiligt. Dann ruft schon das nächste Engagement. Die meisten Projekte haben einen Zeitrahmen von drei Monaten, vier Wochen Vorbereitung, sechs Wochen Drehen, zwei Wochen Nachbereitung und Abschluss. Anders sieht es im Geschäft der Daily Soaps aus.

Vom Alltagsgeschäft und von Träumen

Nichts aber liegt dem Vorsitzenden Geschäftsführer der Studio Hamburg Produktion Gruppe GmbH näher, als auf die Daily Soap-Kollegen herabzublicken. Er schätzt ihre Professionalität. Soaps und Serien müssen immer wieder neu justiert werden. Mit jedem Meter, den man sich von seinen Zuschauern entfernt, sinkt sonst die Quote. Und jeder Grundschüler weiß heute, wie abhängig Fernsehleute davon sind. Vergessen sie es, verglüht ihr Stern schnell. Mehr noch weiß Michael Lehmann, dass neben  Reihen und Serien die Daily Soaps das Geld einspielen, mit dem die Geschäftsleitung erst Träume in anderen Sektoren finanzieren kann. Wie schwierig das Filmgeschäft ist, weiß kaum jemand besser als die Frauen und Männer in den Jenfelder Büros in Hamburgs Osten. „Von den 280 jährlich produzierten Kinofilmen in Deutschland“, erklärt Michael Lehmann, „erreicht nur jeder zehnte mehr als 500.000 Zuschauer.“ Die aber sind notwendig, um betriebswirtschaftlich eine schwarze Null zu erreichen.

Weshalb nun aber Studio Hamburg Produktion Gruppe GmbH als Arbeitgeber? „Wir sind ein sozial orientierter Arbeitgeber“, wirbt Lehmann für sein Haus. Tatsächlich ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in einem Produktionsunternehmen wie dem seinen eine große Herausforderung. „Wir sind kreativ. Wir zeichnen uns durch flache Hierarchien aus. Die Weiterbildung unserer Mitarbeiter steht für uns ganz oben“, so noch einmal Michael Lehmann. Bleibt zuletzt der Blick voraus. Vieles wird wohl bleiben, wie es ist. Doch dürfte der finanzielle Druck ebenso zunehmen wie der Rechtehandel weiter an Bedeutung gewinnt. Davon ist der Geschäftsführer überzeugt. Produzenten werden je länger je mehr zu Vermarktungsexperten. Die Digitalisierung wird neue, hoch individualisierte Formate ermöglichen und damit die Wichtigkeit der Zielgruppenanalyse weiter verstärken. Deshalb suchen sie in Hamburg Mitarbeiter, deren Neugier auf die Welt unstillbar ist.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.10.2017)

Firmengründung: 1998

Sitz der Unternehmenszentrale: Jenfelder Alle 80, 22039 Hamburg

Tochtergesellschaften:

  • Letterbox Filmproduktion
  • Real Film Berlin
  • Nordfilm
  • Doclights
  • Riverside Entertainment
  • Studio Hamburg UK (in London)

Darüber besitzt Studio Hamburg Produktion Gruppe GmbH Beteiligungen an:

  • Amalia Film Berlin (Mehrheitsbeteiligung)
  • Ulmen Television
  • Ulmen Film
  • Gruppe 5 Filmproduktion
  • ECO Media TV-Produktion

Mitarbeiter: 60

Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Kaufmann/-frau für audiovisuelle Medien

Duales Studium: nein.

Volontariat:

  • Herstellungsleitung/Produktion/Pressestelle

Schülerpraktika: nein.

Kontaktmöglichkeiten: Personalabteilung Studio Hamburg GmbH

Internet: http://www.studio-hamburg-produktion.de/

 

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