Studieren ohne Abitur – Vom Meister zum Master

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2017

Ihre Namen unterscheiden sich nicht von denen der anderen Studierenden. Aber doch sind sie eine Besonderheit. Vor allem sind sie eine Minderheit. Nein, sie sind Exoten. Biologen würden bei den gegenwärtigen Zahlenverhältnissen wohl von einer extrem gefährdeten Art sprechen. Zu Recht. Noch nicht einmal zwei von hundert Studenten sind an deutschen Hochschulen ohne Abiturzeugnis und allein aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation immatrikuliert. In absoluten Zahlen zählt die Gruppe aktuell 51.000 Studierende. Dabei besteht diese Möglichkeit bereits seit mehr als zwanzig Jahren. Und schon seit den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts gab es das Angebot einer Begabtenprüfung. 2009 nahm sich sogar die Kultusministerkonferenz (KMK) des Themas an. Unter dem Schlagwort Offene Hochschule plädierte sie für einen leichteren Zugang von Nichtabiturienten zu einer akademischen Ausbildung. Damit kam die KMK einer seit langem erhobenen Forderung vieler Bildungspolitiker und Arbeitgeberfunktionäre nach. Doch nun ist das Thema aus den Schlagzeilen verschwunden und auch die Unternehmen beschweigen es mit vornehmer Zurückhaltung.

Die Arbeitsstrukturen eines Labors sind manchem Meisterstudenten nicht unbekannt (Foto: Universität Heidelberg - Kommunikation und Marketing)

Die Arbeitsstrukturen eines Labors sind manchem Meisterstudenten nicht unbekannt (Foto: Universität Heidelberg – Kommunikation und Marketing)

Das hat gute Gründe. Denn immerhin sind es nicht selten die besten, ehrgeizigsten und leistungsstärksten Mitarbeiter, die als berufserfahrene Praktiker den Schritt an die Universitäten oder Fachhochschulen wagen und dafür oft genug einen sicheren Arbeitsplatz kündigen. Ihre Motive lassen sich auf drei Aspekte reduzieren: die Überwindung von Karrierebegrenzungen für Berufspraktiker, der Wunsch nach fachlicher Vertiefung, dazu der Wille, sich persönlich weiterzuentwickeln. Dass die Leistungsträger in spe die Erfüllung dieser Wünsche nur in einem Studium zu finden meinen, stellt dem Personalmanagement der Unternehmen und seinem Klagen über den fehlenden Fach- und Führungskräftenachwuchs kein gutes Zeugnis aus. Statt die Schuld stets bei anderen zu suchen und sich die eigenen Versäumnisse schön zu reden, sollte man in den klimatisierten Mahagoni-Etagen lieber die Ärmel hoch krempeln und innovative Lösungen entwickeln.

Fachnahes Studium bevorzugt

Bislang jedenfalls berichten nur wenige studierende Nichtabiturienten von einer zielgerichteten Unterstützung ihres vormaligen Arbeitgebers. Und das liegt keineswegs daran, dass die ehemaligen Mitarbeiter an den Hochschulen Qualifikationen erwerben, mit denen die Unternehmen anschließend nichts mehr anfangen können. Wenn sich also der Elektroniker zu einem Medizinstudium entschließt und die Krankenschwester ihr Herz für den Maschinenbau entdeckt. Im Gegenteil, viele Nichtabiturienten wollen oder können wegen gesetzlicher Restriktionen fachnah studieren. Warum also dann keine strategische Zusammenarbeit? Immerhin besitzt dieser Personenkreis doch in nahezu idealer Weise das von den Unternehmen gewünschte Kompetenzprofil: Berufserfahrung von der Pike auf veredelt mit einem akademischen Abschluss, Entscheidungsstärke, Risikobereitschaft, Leistungsorientierung, Disziplin und Durchhaltevermögen. Doch ist eines klar, zum Nulltarif werden diese Hochleister je länger je weniger zu haben sein.

Wer kann nun aber ohne das Abiturzeugnis studieren? Bewerbern mit der Meisterqualifikation oder einem sonstigen hochqualifizierenden Fortbildungsabschluss eröffnen sich in allen Bundesländern die weitreichendsten Studienmöglichkeiten. Ihre berufliche Qualifikation wird in aller Regel der allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung, also dem Abitur, ohne Wenn und Aber gleich gestellt. Sie können sowohl an Universitäten wie an Fachhochschulen ohne Einschränkungen von der Astronomie über die  Medizin bis zur Volkswirtschaftslehre alle Fächer studieren. 60 Prozent der Studienanfänger entscheiden sich für die Fachhochschulen, 40 Prozent beginnen an einer Universität. Bei den Absolventen beträgt das Verhältnis 65 Prozent zu 35 Prozent. Einzelne Bundesländer schreiben allerdings zwingend eine vorherige Beratung an der Hochschule vor. Manche machen die Zulassung auch von einer Eignungsprüfung abhängig. Einige bieten darüber hinaus die Möglichkeit eines Probestudiums. Ganz enthoben von der bildungspolitischen Kleinstaaterei ist freilich auch diese Personengruppe nicht. In Bayern etwa müssen sie sich vor der Einschreibung die Gleichwertigkeit der in anderen Bundesländern erworbenen Fortbildungsabschlüsse von der angestrebten Hochschule anerkennen lassen.

Der Teufel liegt im Detail

Mathematik in geballter Form – Da beginnen auch Meister ganz von vorn (Foto: Wikipedia/Tungsten)

Mathematik in geballter Form – Da beginnen auch Meister ganz von vorn (Foto: Wikipedia/Tungsten)

Weniger frei in ihren Entscheidungen sind indessen die Bewerber aus dem Kreis der sogenannten sonstigen beruflich Qualifizierten. Darunter fallen Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung ohne Fortbildungsabschluss und stattdessen einer in den meisten Bundesländern zumeist dreijährigen fachlich einschlägigen Berufspraxis. Dieser Personenkreis erhält nur eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung, darf also allein Fächer studieren, die mit dem Ausbildungsberuf inhaltlich verbunden sind. Davon weichen lediglich Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz ab. In Rheinland-Pfalz gilt die Fachbindung allein für ein Universitätsstudium. In Mecklenburg-Vorpommern kann die Fachbindung durch eine erfolgreiche Ergänzungsprüfung überwunden werden. Im Rahmen eines bis 2021 limitierten Modellversuches verzichtet Hessen wiederum auf den Nachweis einschlägiger Berufspraxis, wenn die Ausbildung mit einem Notendurchschnitt von 2,5 oder besser abgeschlossen wurde, Rheinland-Pfalz nur in besonders begründeten Einzelfällen und ausgewählten Studiengängen.

Was für interessierte Berufspraktiker auf den ersten Blick einen recht passablen Eindruck macht, hat im Detail gleichwohl doch den einen oder anderen Haken. Die neu gewonnene Freiheit ist nämlich noch immer eine mit Einschränkungen. Wer sein begonnenes Studium beispielsweise an der Hochschule eines anderen Bundeslandes fortführen möchte, kann das erst nach zwei erfolgreichen Semestern. Bremen und Sachsen-Anhalt ermöglichen nicht einmal das. Schlimmer aber, die Hochschulgesetze der Bundesländer geben in vielen Fällen nur die allgemeinen Rahmenbedingungen vor. Deren Umsetzung wird vielfach in ergänzenden Verordnungen geregelt, die bei vielem wiederum den Hochschulen ein weites Ermessen einräumen. Bewerber sind also gut beraten, die hochschulindividuellen Satzungen und Ordnungen genau unter die Lupe zu nehmen. Böse Zungen behaupten, dass zu deren Verständnis juristische Grundkenntnisse, mindestens aber die Unterstützung entsprechend vorgebildeter Fachleute unentbehrlich seien.

Zulassung in jedem Bundesland anders

Seminar – Wer ist hier ein Meisterstudent ? (Foto: Friedrich-Schiller-Universität Jena/Kasper)

Seminar – Wer ist hier ein Meisterstudent ? (Foto: Friedrich-Schiller-Universität Jena/Kasper)

Besonders knifflig wird es bei der Studienplatzvergabe in zulassungsbeschränkten Studiengängen. Manche Bundesländer wie etwa Bayern weisen den berufsqualifizierten Bewerbern eine feste Quote an Studienplätzen zu. Zwischen Coburg und Rosenheim sind das fünf Prozent der verfügbaren Studienplatzkapazität. Dass man Einfaches aber auch kompliziert gestalten kann, beweist Brandenburg. Ähnlich wie in Berlin und Schleswig-Holstein bestimmt dort das Landeshochschulgesetz lediglich eine teilgruppenübergreifende Vorabquote zwischen 10 bis 20 Prozent. Und die schließt neben den Berufsqualifizierten auch andere Personengruppen mit ein. Gleichwohl ist nicht festgelegt, dass aus jeder Personengruppe Studierende in diese Vorabquote einfließen und darüber zugelassen werden müssen. So könn(t)en die brandenburgischen Hochschulen die Studienplätze hier, wenn sie es denn für geboten hielten, ausschließlich an Personen der übrigen Zielgruppen vergeben und die berufsqualifizierten Bewerber unberücksichtigt lassen.

Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Hamburg überlassen die Ausgestaltung der Details in den Vorabquoten komplett den örtlichen Hochschulen. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen wiederum besitzen keinerlei Regelungen über Vorabquoten für Studieninteressierte ohne Abitur. Zur Abklärung der zulassungsrechtlichen Verfahren sollten berufsqualifizierte Bewerber deshalb frühzeitig Kontakt mit den Beratern der örtlichen zentralen Studienberatungen aufnehmen. Allein sie besitzen das entsprechende hochschulrechtliche Knowhow. Bleibt ein letztes Problem. Berufsqualifizierten Studienanfängern wird auf Antrag die Möglichkeit eingeräumt, fachlich einschlägige berufliche Qualifikationen auf die Studienleistungen anrechnen zu lassen. Dadurch gelingt nicht selten eine gerade von den älteren Studierenden ohne Abitur angestrebte Studienzeitverkürzung. Die Entscheidung hierfür liegt bei den Prüfungsämtern der Hochschule(n).

Optimale Studienformen Mangelware

In Oldenburg entscheiden sich auch Meisterstudenten für das Fahrrad als Fortbewegungsmittel (Foto: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

In Oldenburg entscheiden sich auch Meisterstudenten für das Fahrrad als Fortbewegungsmittel (Foto: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

Die Mehrzahl der Studierenden ohne Abitur verlässt die Hochschule mit dem Bachelorabschluss. Das jedenfalls legt die Analyse des CHE nahe. Danach befinden sich 93 Prozent aller berufsqualifiziert Studierenden in einem Bachelorstudium, nur 7 Prozent in einem Masterstudium. Empirische Erhebungen über die Gründe für diesen weitgehenden Verzicht existieren leider nicht. Klar ist nur, dass der Anteil derer, die nach dem Bachelor noch den Master anstreben, an Universitäten höher ist als an Fachhochschulen. Wenig bekannt scheint unter Studieninteressenten ohne Abitur indessen die Möglichkeit, das Studium direkt in einem weiterbildenden Masterprogramm aufnehmen zu können. Voraussetzung ist neben dem Bestehen einer Zugangsprüfung ausreichende fachaffine Berufserfahrung, in der Regel also mehrjährige Berufspraxis in einer Führungsfunktion. Bis auf Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen ist das in allen Bundesländern möglich.

Da die Hochschulen für weiterbildende Masterstudiengänge allerdings Studiengebühren erheben (dürfen), ist dieser Weg mit hohen Kosten verbunden. Der Korridor reicht von 2.750 Euro bis 30.140 Euro. Schwerer als mit den zulassungsrechtlichen Regularien tun sich die Hochschulen indessen mit der Diversifizierung ihrer Studienformen für berufserfahrene, damit ältere und oft weiterhin berufstätige Studierende. Das betrifft Universitäten stärker noch als Fachhochschulen. Nicht von ungefähr weist die FernUniversität in Hagen den höchsten Prozentsatz an berufsqualifizierten Studierenden auf. Jeder sechste Student dort ist einer ohne Abitur. Noch aber stecken Angebote wie Teilzeitstudiengänge, Studiengänge mit Online-Lehrangeboten und einer individualisierten Regelstudienzeit in den Kinderschuhen. Auch die Anwesenheitspflicht ist für berufsqualifizierte Studierende ein Diskussionspunkt. Es gibt also noch viel zu tun.

Wissenshunger – Die Basis allen Erfolgs

Was sollten Interessenten für ein Studium ohne Abitur bedenken? Als wichtigstes wohl, ob ihr Wissenshunger, ihr Ehrgeiz, ihr Durchhaltevermögen, ihre Organisationskompetenz und ihre Fähigkeit zur Selbstverantwortung genügend groß sind. So groß, dass man alle Durststrecken, die keinem erspart bleiben, erfolgreich überwinden kann. In Alumni-Interviews der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung betonten die ehemaligen studierenden Nichtabiturienten die Andersartigkeit wissenschaftlichen Lernens und Arbeitens, insbesondere die intensive Beschäftigung mit entsprechender Fachliteratur. Die Schwierigkeiten wurden als umso größer erlebt, je länger die berufliche Ausbildung beziehungsweise Fortbildung zurücklagen. Ein Gesprächsteilnehmer formulierte es so: „Abiturienten spielen gerade am Anfang in einer anderen Liga. Für uns geht es aber zunächst einmal nur um den Klassenerhalt.“ Viele berichteten von der Notwendigkeit gezielter Nachhilfe besonders in den Grundlagenfächern.

An den obligatorischen Übungen im Sprachlabor geht auch für Meisterstudenten kein Weg vorbei (Foto: Jürgen Haacks/Uni Kiel)

An den obligatorischen Übungen im Sprachlabor geht auch für Meisterstudenten kein Weg vorbei (Foto: Jürgen Haacks/Uni Kiel)

Über den Berufserfolg der abiturlosen Absolventen gibt es bislang keine Untersuchungen. Leider! Wenigstens aber liegt nun eine vom Centrum für Hochschulentwicklung erstellte Übersicht über die zahlenmäßige Entwicklung und die gesetzlichen Regelungen in den einzelnen Bundesländern („Studieren ohne Abitur“) vor. Danach hat sich zwar der Anteil von Studienanfängern ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife innerhalb der letzten zwanzig Jahre von 0,6 auf 2,8 Prozent erhöht. Doch war der Trend im letzten Jahr rückläufig und sank auf 2,5 Prozentpunkte. Statt wie ein Jahr zuvor begannen 2015 in absoluten Zahlen nicht mehr 14.000, sondern nur noch 12.500 Nichtabiturienten ein Studium.

Größeres bildungspolitisches Engagement erforderlich

Unter den Absolventen erreichten die Nichtabiturienten zuletzt einen Anteil von 1,3 Prozent. Auch das ist eine Steigerung. Schlossen nämlich 1997 erst 528 Studenten ohne allgemeine Hochschulreife ein Studium ab, waren es  2015 bereits 6.241. Gesichertes Wissen über die im Vergleich zu den Anfängern dennoch nicht eben geringen Verluste fehlt indessen. Lohnend erscheint auch der Blick auf einen anderen Schauplatz. Trotz der Tatsache, dass der Anteil beruflich qualifizierter Studienanfänger in den ostdeutschen Bundesländern zuletzt stieg und sich in den westlichen Bundesländern verringerte, studieren gleichwohl knapp 94 Prozent aller dieser Studierenden an westdeutschen Hochschulen. Dabei besaßen die ostdeutschen Hochschulen einmal viel Erfahrung über das Studium Berufserfahrener. In DDR-Zeiten war das ein von vielen genutztes Regelangebot. Auffällig, aber ebenfalls nicht untersucht ist die sehr uneinheitliche Entwicklung in den einzelnen Bundesländern. Erreichen die Quoten der Nichtabiturienten unter allen Studienanfängern in Hamburg 4,47 Prozent, in Nordrhein-Westfalen 4,28 Prozent und in Berlin immerhin noch 3,42 Prozent, verbleiben die Schlusslichter Baden-Württemberg (0,93 %), Saarland (0,83 %) und Sachsen-Anhalt (0,78 %) in homöopathischen Größenordnungen.

 


Weiterführende Informationen

Sigrun Nickel und Nicole Schulz: „Update 2017: Studieren ohne Abitur in Deutschland. Überblick über aktuelle Entwicklungen“, Centrum für Hochschulentwicklung 2017, CHE Arbeitspapier 195; zu finden unter: http://www.che.de/downloads/CHE_AP_195_Studieren_ohne_Abitur_2017.pdf

„Studieren ohne Abitur“ – Online-Studienführer für beruflich Qualifizierte: http://www.studieren-ohne-abitur.de/web/austausch/erfahrungsberichte/

Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung – Alumni-Interviews beruflich Qualifizierter Hochschulabsolventen: https://www.sbb-stipendien.de/aufstiegsstipendium/stipendiaten/alumni-interviews/interviews-filtern.html?tx_stfilterfunktion_filterung%5Baction%5D=list&tx_stfilterfunktion_filterung%5Bcontroller%5D=Seite&cHash=60733611d03c85f6740cea34dd0c203c

 

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