Studienvoraussetzungen und Anforderungen müssen passen

Interview mit Prof. Marold Wosnitza und Doktorand Philipp Nolden von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen

Herr Prof. Wosnitza, Herr Nolden Sie beobachten das Problem vorzeitiger Studienabbrüche schon seit geraumer Zeit. Der Erfahrungsbericht unseres Autors Rainer Hoppe, eines langjährig erfahrenen Studien- und Berufsberaters, weist vor allem drei Problemgruppen aus: Studienanfänger, Studenten in der Mitte des Studiums und Prüfungssemester. Deckt sich das mit Ihren Beobachtungen?

Wosnitza/Nolden: Ja, grundsätzlich unterscheiden sich die Studienphasen bezüglich der zu bewältigenden Herausforderungen. Für viele Studienanfänger/-innen geht der Übergang von der Schule zur Hochschule mit sozialen Herausforderungen eines neuen Umfeldes einher. Daneben muss auch die eigenständige Organisation des Studiums und des Lernens sowie Zeitmanagement erlernt und sich an das höhere Lerntempo, die Autonomie und Selbstdisziplin und die größere Prüfungsdichte gewöhnt werden. Das gelungene „Ankommen“ ist hier von zentraler Bedeutung. Dieses Ankommen ist aber von Studierenden zu Studierenden sehr unterschiedlich: bei den einen ist es der Zeitpunkt, wenn er/sie das erste Mal im Hörsaal sitzt, bei anderen wenn er/sie die erste Prüfung bestanden hat und bei wieder anderen ist dies nie der Fall. Im weiteren Studienverlauf sind dann der Aufbau von Kontakten innerhalb der Hochschule sowie das Aufrechterhalten der Lernmotivation entscheidend. Das ‚Am-Ball-Bleiben’ kann jedoch durch viele Faktoren, wie z.B. eine zu umfangreiche Erwerbstätigkeit neben dem Studium, gestört werden. Das Prüfungssemester verliert immer mehr an Bedeutung. Durch das BA/MA-System ist es eher zu einer Dauerprüfungsbelastung gekommen. Studierende benötigen ein großes Maß an Resilienz. (Anm. d. Redaktion: Unter Resilienz versteht man die psychische Widerstandsfähigkeit, die hilft, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönlich und soziale vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.)

 

Worin liegen Ihrer Kenntnis nach die Gründe für den Studienabbruch jeder dieser drei Problemgruppen?

Professor Marold Wosnitza/RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Professor Marold Wosnitza/RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Wosnitza/Nolden: Die Herausforderungen der jeweiligen Studienphasen spiegeln sich auch in den unterschiedlichen Abbruchgründen von frühen und späten Studienabbrecher/-innen wider: Während frühe Studienabbrecher/-innen häufig aus Leistungs- oder Motivationsgründen abbrechen, sind bei späteren Abbrechern und Abbrecherinnen externe Gründe, wie z.B. die Finanzierung oder eine fehlende berufliche Perspektive, bedeutsamer. Falsche Erwartungen und Vorstellungen vom Studium, ggf. durch mangelnde Information vor der Studienfachwahl werden ebenfalls eher in frühen Stadien des Studiums offenbar. Kontakte zu Kommilitonen und Kommilitoninnen und zum Fachbereich sind für den Studienverlauf bedeutsam, sodass eine ausbleibende Integration das Abbruchrisiko erhöht.

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Gründe nicht ausschließlich bei den Studierenden selbst gesucht werden können. Zum einen unterscheiden sich Studiengänge sehr stark in ihren Abbrecherquoten und zum anderen deuten einige Studien darauf hin, dass auch Studienbedingungen ein Grund für Studienabbrüche sind. Grundsätzlich sind Studienabbrüche eine dynamische Gemengelage aus vielfältigen individuellen, institutionellen, sozialen und ökonomischen Gründen und Einflüssen, die innerhalb und außerhalb der Universität liegen.

 

Bei einigen Studienabbrechern entpuppt sich der Studienabbruch lediglich als Fachwechsel, andere verlassen die Hochschule stattdessen für immer. Untersuchungen zeigen, dass die letzteren im späteren Berufsleben gleichwohl sehr erfolgreich sind. Weshalb scheitern sie dennoch in der akademischen Ausbildung?

Wosnitza/Nolden: Oft ist es die fehlende Passung zwischen der Vorstellung eines Studiums und der Studienrealität. Entscheidend ist aber, dass Studienabbruch nicht als ‚Scheitern’ aufgefasst werden muss. Wie in allen Bereichen des Lebens trifft man zu einem bestimmten Zeitpunkt vor dem Hintergrund der einem vorliegenden Informationen – oft auch nur aufgrund eines Bauchgefühls – eine Entscheidung, die man später – oft zu einem Besseren – korrigiert. Ein großer Teil der Studierenden verlässt die Hochschule freiwillig. Und eine solche Korrektur muss kein Nachteil sein, denn grundsätzlich gibt es viele Wege in den Beruf – das Studium ist nur einer davon. Und wie lang und komplex der Weg erstens zum Studium und zweitens zum Abschluss ist, haben wir bereits angedeutet. Auf diesem Weg kann es viele Stolpersteine geben, die nicht immer in der Kontrolle des Studierenden liegen. Zum Problem wird diese Entscheidung, wenn dadurch die Berufsbiographie nicht nur umgeleitet sondern abgebrochen wird.

 

Stellt sich die Problematik von Studienabbrüchen in den verschiedenen Fachbereichen und Hochschultypen (Universitäten, Fachhochschulen) sowie der Studienform (Präsenzstudium, duales Studium, Fernstudium), gegebenenfalls auch in Abhängigkeit von der Relation Professoren zu Studenten unterschiedlich dar?

Wosnitza/Nolden: Fachbereiche unterscheiden sich wie gesagt stark bezüglich ihrer Abbruchquoten. Laut dem letzten Bericht des DZHW ist die Studienabbruchquote in Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften mit 36 bis 39 Prozent deutlich höher als bspw. in Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit 27 Prozent. Die Ursachen für Abbrüche sind dann ebenfalls unterschiedlich. Auch der Hochschultyp spielt durchaus eine Rolle. Während an Universitäten 33 Prozent der Bachelor-Studierenden ihr Studium abbrechen, sind es an den (Fach-)Hochschulen mit 23% vergleichsweise weniger. Inwiefern dies auf unterschiedliche Betreuungsrelationen zurückzuführen ist, ist noch zu untersuchen. Bezüglich Abbrüchen im Fernstudium gibt es nur wenige offizielle Angaben, sodass eine verlässliche Aussage nicht möglich ist.

 

Ist das Problem des Studienabbruchs auch abhängig von der sozialen Herkunft, von der Form der Vorbildung (Gymnasium, Fachoberschule, Zweiter Bildungsweg wie Kolleg oder Abendgymnasium, Qualifizierte Berufstätige wie Meister, Techniker, berufserfahrene Facharbeiter) sowie von der Größe der Hochschule und/oder Hochschulstadt?

Wosnitza/Nolden: Die Datenlage zum Einfluss der sozialen Herkunft bzw. das Bildungsniveau des Elternhauses auf Studienabbrüche ist widersprüchlich. Wird jedoch ein Einfluss gemessen, verringert er sich im Verlauf des Studiums. Die häufigen Finanzierungsprobleme sind jedoch ein Indikator, da Studienabbrecher/-innen deutlich weniger finanzielle Unterstützung durch die Eltern erhalten. Der Bildungsweg der Studierenden spielt als Studienvorbereitung eine wichtige Rolle. Insbesondere die Abiturnote bleibt ein wichtiger Prädiktor für den Studienerfolg. Schwächere Schulleistungen erhöhen das Risiko für Leistungsprobleme in der Hochschule. Studierende mit alternativen Hochschulzugangsberechtigungen zum Abitur haben ebenfalls ein erhöhtes Abbruchrisiko. Die Befunde deuten also darauf hin, dass bei geringeren Erfahrungen mit der Welt der Hochschule über das soziale Umfeld oder den vorherigen Bildungsverlauf im Studium mehr Anpassungsanstrengungen zu erbringen sind.

 

Die Bildungspolitik hat die Umstellung von der Diplom- auf die Bachelor-Master-Struktur unter anderem damit begründet, auch Studenten mit fachlichen wie Motivationsproblemen einen Abschluss zu ermöglichen und damit die Zahl der Studienabbrecher zu reduzieren. Diese Hoffnung, die natürlich auch eine mit Blick auf die volkswirtschaftlichen Kosten war, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil sind die Abbruchquoten in den Bachelorstudiengängen weiter angestiegen. Was müsste an den Hochschulen geändert werden, damit weniger Studenten ihr Studium abbrechen, etwa ein orientierendes Studium Generale, Studienpaten oder Ähnliches?

Philipp Nolden, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Philipp Nolden, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Wosnitza/Noden: Viele Hochschulen haben in den letzten Jahren ihre Anstrengungen zur Vermeidung von Studienabbrüchen deutlich erhöht und vielfältige Unterstützungs-Maßnahmen für die Herausforderungen in den unterschiedlichen Stadien des Studiums eingeführt. Beispielsweise werden häufig Self-Assessments zur Unterstützung der Studienentscheidung angeboten oder intensive Mentoringsysteme während der Studieneingangsphase entwickelt. Einige dieser Maßnahmen zeigen positive Entwicklungen auch wenn sie Studienabbrüche nie gänzlich werden verhindern können. Das Problem ist so komplex, dass es keine Pauschallösung gibt. Verstärkt werden auch Orientierungsjahre diskutiert. Beispielsweise ein gemeinsames Orientierungsjahr von Fachhochschulen und Universitäten in den Ingenieurwissenschaften so wie bei uns in Aachen (https://www.guterstudienstart.de/). Nach dem Jahr trifft der/die Studierende die Entscheidung, in welchen ingenieurwissenschaftlichen Studiengang er/sie eintreten will und ob er/sie diesen an der Fachhochschule oder der Universität absolvieren möchte. Leistungen aus dem Orientierungsjahr können anerkannt werden. Die Konsequenz ist eine verlängerte Studiendauer um bis zu einem Jahr.

Gleichzeitig verstärken die Hochschulen jedoch auch das Problem: Im Zuge des Bologna-Prozesses haben sich Hochschulen und Studiengänge sehr stark ausdifferenziert und das Studienangebot deutlich komplexer gestaltet. Dadurch wird der Informationsaufwand der Studienentscheidung umfangreicher und schwieriger und das Risiko einer ‚falschen’ Studienfachwahl im Sinne einer fehlenden Passung zwischen z.B. Interesse und Angebot oder Studienvoraussetzungen und Anforderungen steigt. Insofern wird die Bedeutung von Studienberatungen innerhalb und außerhalb der Hochschulen sowie Maßnahmen für den Übergang von Schule zur Hochschule mutmaßlich weiter zunehmen.

Sucht man die Gründe jedoch nicht nur bei den Studierenden, könnten auf Basis der bisherigen Erkenntnisse auch strukturelle Maßnahmen Abbrüchen entgegenwirken: Den hohen Abbruchzahlen aufgrund von Finanzierungsproblemen könnte bspw. mit gezielten Fördermaßnahmen oder Stipendien entgegengewirkt werden.

Begreift man die Hochschule als Interaktionskontext, sind auch die Hochschulen, Fachbereiche und Fakultäten aufgefordert, ihr Studienangebot ständig auf Qualität und Angemessenheit bezüglich der Bedürfnisse und Anforderungen ihrer Studierendenschaft zu überprüfen und ggf. anzupassen.

 

Wie kann sich der einzelne Studienanfänger ganz persönlich vor der Gefahr eines Studienabbruchs wappnen?

Wosnitza/Nolden: Eine fundierte und gut informierte Studienfachwahl ist ein guter Start in das Studium. Je eher ein Bewusstsein über die eigenen Interessen, Stärken aber auch Schwächen vorhanden ist, desto gezielter können Informationen gefiltert werden. Das herauszufinden ist nicht leicht, aber das Spektrum an Unterstützungsangeboten ist vielfältig und es ist jedem zu empfehlen, es anzunehmen. Im Studienverlauf ist dann Selbstreflexion zentral. Sich selbst und die Studiensituation kritisch zu hinterfragen, an sich zu arbeiten und Misserfolge nicht nur auf andere abzuwälzen sind die großen Herausforderungen des Studiums. Resiliente Studierende können mit diesen Problemen besser umgehen. Resilienz fördernde Maßnahmen und Trainings können bei abbruchgefährdeten Studierenden helfen.

Zudem gilt es rechtzeitig zu erkennen, wann Hilfe nötig ist und diese dann auch in Anspruch zu nehmen. All dies ist einfacher, wenn Studierende an der Hochschule Anschluss finden – alleine ist der Weg durch das Studium um ein vielfaches schwieriger. Wichtig ist es jedoch auch, sich nicht übermäßig unter Druck zu setzen – dieser Hinweis gilt auch für das Umfeld und insbesondere Eltern. Ein Fachwechsel ist keine Schande und auch wenn es mit dem Studium nicht klappt, gibt es viele Möglichkeiten, die einen erfolgreichen Einstieg in das Berufsleben ermöglichen.

 

Die Fragen stelle Hans-Martin Barthold.

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