Studienstart – Lust und Frust nach den ersten 100 Tagen Studium

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2013

Nora studiert in Braunschweig Maschinenbau (Foto: privat)

Nora studiert in Braunschweig Maschinenbau (Foto: privat)

Die einen schwärmen von der studentischen Freiheit und meinen Party ohne Ende. Die anderen berichten von beinharten Prüfungen und wissen von angeblich himmelhohen Studienabbrecherquoten. Die Dritten malen das Horrorszenario eines lieblosen Massenbetriebes und warnen vor der Vereinsamung inmitten überfüllter Hörsäle. Noch wieder andere weisen auf die Möglichkeit zur fachlichen Spezialisierung und wecken die Hoffnung, endlich nur noch seinen ganz persönlichen Interessen nachgehen zu können – ohne Religion, ohne Musik, ohne Mathe und Physik oder welchem ungeliebten Schulfach auch immer. Was davon ist Wahrheit und was davon Legende? Und wie kann man den Studienstart so vorbereiten, damit er nicht, wie leider immer noch viel zu oft, im Desaster endet? Wir wollten es wissen und haben deshalb unter Erstis, wie die Studienanfänger von den höheren Semestern etwas flapsig genannt werden, nachgefragt.

Die Antworten sind ganz persönliche Erfahrungen, geprägt vom gewählten Studiengang genauso wie von den Bedingungen an der jeweiligen Hochschule. Gleichwohl werden Tendenzen deutlich, auch wenn andere Studienanfänger im Detail vielleicht von anderen Erlebnissen berichten können. Sollte der Eindruck entstehen, die Kritik überlagere das Positive, dann trügt der Schein. Vielmehr ist es umgekehrt, alle meine Gesprächspartner bereuen ihre Entscheidung für das Studium nicht und sind überzeugt, den genau richtigen Schritt getan zu haben. Sich so tief selbstgesteuert in ein Thema hinein versenken und eigene Erkenntnisse generieren zu können, bei Fehlentscheidungen die Möglichkeit für den berühmten Schritt zurück und einen Neuanfang zu haben, gäbe es nirgendwo anders.

Freiheit, seinen Weg selbst gestalten zu können

Hauptgebäude der TU Braunschweig (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

Hauptgebäude der TU Braunschweig (Foto: TU Braunschweig/Presse und Kommunikation)

So wird auch der Studienabbrecher O.-T., der in diesem Bericht nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, wieder studieren, nun in einem besser „passenden“ Studienfach. Und das sind meine Gesprächspartner: Nora ist im Maschinenbau an der Technischen Universität Braunschweig eingeschrieben, Anastasiia studiert Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum, Fabian hat sich in Mathe und Musik fürs Höhere Lehramt an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg immatrikuliert, O.-T. ist gewesener Student der Volkswirtschaft, zuerst an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, dann an der Universität Bayreuth.

Die studentische Freiheit gebe es immer noch, bestätigen alle vier als erstes und wichtigstes – trotz Bologna und randvoller Wochenstundenpläne! „Meine Erwartungen“, sagt etwa Fabian, „haben sich voll bestätigt.“ Zwar lassen die neuen Bachelor-Prüfungsordnungen bei Auswahl und Zusammenstellung der Lehrveranstaltungen deutlich weniger Spielraum als noch zu Zeiten von Diplom- und Magisterabschlüssen. Doch es bleibt weiterhin Raum für eigene Interessen, auch wenn die einzelnen Studienfächer starke Unterschiede aufweisen. Während bei Nora im Maschinenbau und Anastasiia in der Psychologie zu Anfang fast alle Vorlesungen, Übungen und Seminare fest vorgegeben sind, hatte Fabian bei der Zusammenstellung seiner Lehrveranstaltungen in Mathe und Musik einen wesentlich größeren Entscheidungsspielraum.

Ohne Eigenverantwortung und Selbstdisziplin kein Erfolg

Anastasiia studiert Psychologie in Bochum (Foto: privat)

Anastasiia studiert Psychologie in Bochum (Foto: privat)

Unabhängig davon aber entscheidet jeder Student völlig frei, ob er sich denn schon früh um acht überhaupt auf den Weg zur Vorlesung macht oder doch lieber zwei Stunden länger schläft. Anders nämlich als an der Schule gibt es an den allermeisten Universitäten und Fachhochschulen für Vorlesungen keine Anwesenheitspflicht. Noch größer die Freiheit, wie viel Zeit man in die unabdingbare Nacharbeit investiert. „Man kann das natürlich auch bleiben lassen – bis zur Wiederholungsprüfung“, bringt Nora die möglichen Folgen falsch verstandener Freiheit trocken auf den Punkt. Anastasiia formuliert es so: „Ich trage an der Uni die Verantwortung für die Organisation meines Lernprozesses ganz allein.“ Im Gegensatz zur Schule erinnere einen kein Professor an die nächste Klausur und daran, dass man sich dafür auch rechtzeitig anmelden muss. Schon gar nicht gebe er Hinweise auf eventuelle Prüfungsschwerpunkte.

Schnell selbständig zu werden, ist somit für Studienanfänger das Gebot der Stunde, darin sind sich meine drei Gesprächspartner einig. Und alle wissen von Mitstudenten zu berichten, deren Ehrgeiz sich einseitig darauf konzentrierte, nur ja keine Party zu verpassen. Von denen es in einer Hochschulstadt bekanntlich jeden Tag irgendwo eine gibt. Aber spätestens nach dem zweiten Semester, auch da gleichen sich die Erfahrungen von Nora, Anastasiia und Fabian, wurde von denen niemand mehr gesehen. Ohne Selbstdisziplin und Konzentration auf das, was oberste Priorität besitzt, geht also auch im Studium nichts. „Ich lerne für eine einzige Klausur etwa fünf- bis sechsmal so viel wie ich an Vorbereitungszeit für die Abi-Klausuren aufgewandt habe.“ Und von solchen Klausuren hat Nora in jedem Studienhalbjahr fünf bis sieben Stück vor sich. Wichtiger aber noch, an deren Noten hängt alles, ist so eine Klausur doch die einzige Lernkontrolle im gesamten Semester. Bis dahin, bestätigt Fabian, bekomme man keinerlei professorales Feedback über seinen individuellen Leistungsstand. Man müsse schon selbst schauen, auf dem richtigen Weg zu sein.

Nur noch Leistung zählt

Das Audimax der Ruhr-Universität Bochum (Foto: Ruhr-Universität Bochum)

Das Audimax der Ruhr-Universität Bochum (Foto: Ruhr-Universität Bochum)

„In den Vorlesungen“, erklärt Nora einen weiteren wichtigen Unterschied zur Schule, „gibt es statt kommunikativen Lernens ausschließlich Frontalunterricht, deshalb auch keine Noten für eine eventuelle mündliche Beteiligung.“ Da zähle wirklich nur die fachliche Leistung ergänzt Fabian. „Mit Haltungsnoten und Sympathiepunkten für Heißluftschwätzer ist es im Studium vorbei.“ Jedenfalls in den Natur-, Ingenieur- und Sozialwissenschaften. Anastasiia lenkt den Blick auf einen weiteren Aspekt, der im Studium neu ist. Erfolgreich zu studieren setze ein hohes Maß an Eigenmotivation voraus. „Professoren empfinden keine Bringeschuld für unseren Erfolg“, bestätigt Fabian, „das ist die Sache von jedem Einzelnen.“ Professoren seien keine Pädagogen und hätten allenfalls geringe didaktische Kompetenzen. Wie eine Vorlesung zielgruppenspezifisch aufzubauen ist, interessiere deshalb die meisten wenig. Für sie zähle vor allem die Forschung.

Dennoch seien Professoren weder gottgleich noch unnahbar und schon gar nicht arrogant. „Sie sind normale Menschen wie du und ich“, sind Fabians Erfahrungen. „Sie freuen sich über fachlich fundierte Rückfragen und sie helfen meist auch gerne. Aber du musst den Mut haben, zu ihnen zu gehen und sie – natürlich immer fachlich fundiert – so lange zu fragen, bis du die Antwort auf dein Problem hast.“ In Massenfächern wie den Wirtschaftswissenschaften oder bei 800 Studienanfängern wie im Maschinenbau an der TU Braunschweig ist das freilich schwieriger als in überschaubaren Fachbereichen wie der Mathematik in Oldenburg. Das sieht auch Anastasiia so. Zwar hatte sie noch kein einziges Gespräch mit einem Professor, ihre Kommunikation läuft ausschließlich online per Mail. Die Antworten aber kämen in der Regel prompt und würden dann von den Kommilitonen zur Nutzung für alle auf Facebook gepostet.

Lust an Theorie und Modellbildung

Fabian studiert in Oldenburg Mathe und Musik (Foto: privat)

Fabian studiert in Oldenburg Mathe und Musik (Foto: privat)

Die ersten Semester seien die schwersten, lasse ich mir erzählen. Da müsse man sich in den Grundlagenfächern beweisen, ohne wenn und aber. „Für ein Studium braucht es unbedingt die Lust auf Theorie und die abstrakte Modellbildung“, ist Anastasiias Beobachtung. Das sei für alle wissenschaftlichen Mitarbeiter unverhandelbar, sind Noras Erfahrungen. „Fragen Sie nicht, wofür Sie das später mal brauchen“, zitiert sie einen Professor, „lernen Sie das einfach.“  Widerspruch zwecklos. Fabian überträgt das auf die Mathematik. „In der Schule wird gerechnet“, formuliert er es, „an der Uni musst du den (mathematischen) Beweis führen.“ Und das alles in einem deutlich höheren Tempo. Zum Vergleich: ein Semester umfasse thematisch mindestens das Volumen eines ganzen Schuljahres. Eine 60-Stunden Woche ist garantiert.

Ein nicht geringer Teil der Studienanfänger zeigt sich dem nicht gewachsen. „Die meisten Studienabbrecher scheitern an ihrer Faulheit“, so Noras nüchternes Fazit. Oder wie Studienabbrecher O.-T. trotz eines Abiturs mit 2,0 an dem für ihn zu hohen Abstraktionsgrad volkswirtschaftlicher Modelle. Nur aufnehmen und wiedergeben reicht also nicht mehr. Es geht ums Begreifen und Verstehen. Die Anwendung kommt in den meisten Fächern erst später, Ausnahmen die experimentellen Naturwissenschaften mit zahlreichen Laborpraktika von Beginn an, auch Studiengänge wie Schauspiel, Musik, Kunst und Design, wo es um die Performance geht. Damit verbunden rückt ein weiterer Aspekt in den Blick. Ein Studium zu beginnen, weil man keine Lehrstelle hat finden können, dürfte deshalb die geringsten aller möglichen Erfolgschancen haben.

Doch müsse man auch ein Gespür für die eigene Leistungsfähigkeit und Belastungsgrenzen entwickeln, meint Fabian. Denn neben faulen Studenten gebe es natürlich auch solche, die sich überforderten. Bei der Größe der Hochschulen bleibe das weitgehend unbemerkt. „Der Einzelne verschwindet in der Masse.“ So entpuppt sich das Studium gleichzeitig als intensive Selbstfindungsphase. Fabian musste nicht nur das Studieren lernen, sondern auch, wie man eine eigene Wohnung führt, einkauft, kocht – eben alles, was auf einen einstürmt, wenn man von zu Hause auszieht. „Es ist ein komplett neuer Lebensabschnitt!“ Er empfindet das, wie übrigens auch Nora und Anastasiia, als Bereicherung. „Ich habe viele neue Freunde gefunden.“ Die Studienanfänger seien sehr heterogen zusammengesetzt. Da finde man Jüngere und Ältere, Abiturienten und Leute, die schon über eine Ausbildung sowie Berufserfahrung verfügten, Reiche und Arme, solche, die politisch links stünden ebenso wie Konservative, Singles, aber auch welche mit Kindern und Familie.

Information ist nicht alles, aber ohne Information ist alles nichts

Zentrales Hörsaalgebäude der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Foto: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

Zentrales Hörsaalgebäude der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Foto: Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

„Kritikfähigkeit vorausgesetzt“, wertet Fabian diese Situation positiv, „kann man unheimlich von diesen vielfältigen Erfahrungen profitieren.“ Das betreffe vor allem das Lernen in den freiwilligen Arbeitsgruppen. „Jeder in der Gruppe will schnell vorankommen. Faulenzer und Trittbrettfahrer werden da nicht akzeptiert.“ Die Uni sei kein Kuschelkurs, lautet Fabians lapidare Begründung. Noch mehr als in den Lerngruppen ist die Freude am Austausch von Argumenten, die Bereitschaft, andere Meinungen zu akzeptieren, der Wille zum Kompromiss, aber auch eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit in der hochschulpolitischen Gremienarbeit unbedingte Voraussetzung. Fabian engagiert sich in der Fachschaft als der studentischen Vertretung seines Fachbereiches. „Da ist es fast wie in der Politik“, war er am Anfang etwas überrascht. Dass Studenten in wichtige Entscheidungen ihrer Hochschule eingebunden sind, sie eine Stimme mit Gewicht haben, hatte er so nicht erwartet. „Auch wenn es oft nur kleine Schritte sind, lohnt es sich.“ Und es macht Freude, nun selbst die Newcomer ein Stück auf ihren ersten Metern an der Uni zu begleiten.

Wie fällt das Fazit meiner Gesprächspartner über die Anfangswochen ihres Studiums aus? „Möglichst frühzeitig und schon lange vor den Abiprüfungen informieren, informieren, informieren“, schallt es mir von allen meinen Gesprächspartnern entgegen. Die Internetauftritte der einzelnen Hochschulen bieten eine Menge wichtige Hinweise. Hochschulinformationstage sind eine zweite gute Möglichkeit, unmittelbar vor Ort Kontakt zu Dozenten und Studenten aufzunehmen. Zahlreiche Hochschulen und Fachbereiche bieten bereits vor Semesterbeginn Vorkurse an. „Die sollte man unbedingt mitnehmen“, sind sich Nora, Anastasiia und Fabian erneut einig. Sie bieten eine komprimierte Einführung ins Studienfach, man erhält eine Einführung ins akademische Lernen, wichtiger aber noch die ersten Kontaktmöglichkeiten zu den anderen Neuen. „Hier bilden sich die ersten Peergroups“, erinnert sich Fabian und weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig solche Lerngruppen für den Studienerfolg sind. Gar nicht selten entstehen daraus Freundschaften fürs Leben. Einzelkämpfer sind jedenfalls schon lange out.

Früh informieren sollte man sich schließlich auch über den Wohnungsmarkt. Die Kapazitäten der Studentenwohnheime sind begrenzt, WG-Zimmer heiß begehrt, Ein-Zimmer-Appartements knapp und teuer. Doch die Wohnung ist für Studenten das gleiche wie die Werkstatt für ein Autohaus. Wie die sollte sie deshalb alles haben, um „Qualität“ produzieren zu können.

 


Wegweiser für Studienanfänger

Folgende Informationsmaterialien/-quellen sind im Regelfall auf den Internetportalen der Hochschulen eingestellt:

  • Studienordnungen geben einen guten Überblick über Struktur und Inhalte des S
  • Das Modulhandbuch erläutert die Studieninhalte sowie die Modalitäten zum Erreichen von Leistungspunkten (Credits) im Detail
  • Praktikumsordnungen enthalten Informationen über Zeitpunkt, Dauer und Inhalte durch die Prüfungsordnung vorgeschriebener Praktika.
  • Prüfungsordnungen enthalten alle rechtlichen Regelungen für Prüfungen.

Die wichtigsten Informations-, Beratungs- und Servicestellen (die Bezeichnungen können von Hochschule zu Hochschule unterschiedlich sein):

  • Zentrale Studienberatung: Anlaufstelle für Studienorientierung, Studieneinstieg, Studienschwierigkeiten sowie alle Formalitäten
  • Immatrikulationsamt/Studiensekretariat: Bewerbung, Immatrikulation, Rückmeldung, Studienpapiere
  • Prüfungsamt: Prüfungsanmeldung, Notenverbuchung
  • Auslandsamt/International Office: Studienmöglichkeiten, Stipendien und Praktika im Ausland
  • Fachstudienberatung/Studiengangmanager: Beratung bei fachlichen und studienorganisatorischen Fragen im jeweiligen Studiengang
  • Fachschaft: Beratung zur Studienorganisation aus studentischer Sicht
  • Praktikantenamt: Beratung und Anerkennung von Pflichtpraktika
  • Studentenwerk: Beratung und Beantragung von BAföG, Studentenwohnheime, Mensen, Kinderbetreuung, Studium mit Behinderung
  • Sprachenzentrum: Angebot allgemein- und fachsprachlicher Kurse auf verschiedenen Niveaustufen
  • Hochschulsport: Angebot verschiedenster Sport- und Bewegungskurse

 

Fotos: Ruhr-Universität Bochum, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Technische Universität Braunschweig, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Privat