Staatstheater Hannover – Arbeiten in einem kulturellen Hochleistungszentrum

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2016

Opernhaus des Staatstheaters Hannover (Foto: Wikipedia/H. Helmlechner)

Opernhaus des Staatstheaters Hannover (Foto: Wikipedia/H. Helmlechner)

Sie sind beide in der Stadt der Welfen beheimatet. Aber während die Fußballer von Hannover 96 trotz eines vergleichbar hohen Etats die erste Liga nicht halten konnten und abstiegen, verteidigt das Staatstheater Hannover den Anschluss zu den Platzhirschen in Hamburg, München und Berlin bislang mit gutem Erfolg. Doch während die Spielstätten der dortigen Konkurrenz meist auf Schauspiel, Oper oder Ballett spezialisiert sind, beherbergt das Staatstheater der niedersächsischen Landeshauptstadt alle drei Disziplinen sowie die Jugendsparten Junge Oper als auch Junges Schauspiel unter einem Dach und präsentiert sich damit als eines von nur noch wenigen Mehrspartenhäusern. Mit der Oper, dem Schauspiel, dem Ballhof Eins und Zwei sowie der Cumberlandschen Galerie betreibt das Staatstheater fünf Spielstätten.

Es ist ein spätsommerlicher Tag im September, an dem ich mich mit Ania Vegry und Olaf Roth in einem Café gegenüber der Oper treffe. Ania Vegry studierte an der Hochschule für Musik und Theater Hannover Operngesang. Seit ihrem Examen im Jahr 2007 ist die in London geborene Mutter eines kleinen Sohnes an der Staatsoper engagiert. Sie nennt ein weiteres Attribut, durch das sich das Staatstheater Hannover von anderen Häusern unterscheidet und das sie seit nunmehr neun Jahren ununterbrochen mit immer noch wachsender Begeisterung hier arbeiten lässt. „Unser Haus“, sagt die Sopranistin mit polnischen Wurzeln, „pflegt noch den Ensemble-Charakter. Die Geduld, die das erfordert, findet man heute leider nicht mehr überall.“ In Hannover jedoch habe sie wachsen, sich ausprobieren und entwickeln können.

Der Diskurs bestimmt den Arbeitsalltag

Ania Vegry mit einer Kollegin in den Proben für den „Figaro” (Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture)

Ania Vegry mit einer Kollegin in den Proben für den „Figaro” (Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture)

Die Erfahrungen Ania Vegrys gelten in der einen oder anderen Form auch für die übrigen Beschäftigten des Staatstheaters Hannover. 930 fest angestellte Mitarbeiter sind es insgesamt, davon mehr hinter als auf der Bühne. Dazu kommen im künstlerischen Bereich zahlreiche Gastengagements. Nach Definition der EU-Kommission ist man damit ein Großbetrieb. „In unserem Selbstverständnis“, formuliert Olaf Roth als Leiter Presse und Kommunikation der Staatsoper die Binnensicht der hier arbeitenden Frauen und Männer, „sind wir allerdings wie eine Familie.“ Eine Familie, deren Mitglieder freilich aus aller Herren Länder kommen und deren Berufsspektrum so bunt und vielfältig ist, wie in kaum einem anderen Unternehmen. Es reicht vom Orchestermusiker über den Schauspieler, die Souffleuse, den Bühnenhandwerker, die Maskenbildnerin, den Maschinisten, den Beleuchter, den Buchhalter, die Platzanweiserin, den Vorhangmeister bis hin zum Kostümschneider und Schuhmacher. Diese Vielfalt schlägt sich in den Ausbildungsmöglichkeiten nieder.

Egal, ob auf oder hinter der Bühne tätig, alle Mitarbeiter sind Theaterleute. Nicht nur der Auftritt des Schauspielers und der Sängerin, sondern auch das Tun des Tapezierers, Kraftfahrers und Tontechnikers dient stets nur einem Ziel: „das Publikum zu berühren, zu begeistern, zum Dialog aufzufordern“, wie es Ania Vegry beschreibt. Das setzt natürlich zu allererst die Bereitschaft zur internen Kommunikation voraus. Die erreicht je nach Funktion ein unterschiedliches Niveau, ausgenommen davon ist gleichwohl niemand. Die Sängerin, der Schauspieler müssen im gemeinsamen Gespräch mit dem Regisseur die Interpretation ihrer Rollen finden. Die Requisiteurin muss sich mit dem Bühnenbildner besprechen. Der Orchesterwart muss genau wissen, wie viele Stühle und Pulte er bei welchem Orchesterstück wie aufstellen muss. Dass das allen gut gelingt, beweisen die Zuschauerzahlen. Die Oper zählte in der letzten Spielzeit 230.000 Besucher, was immerhin einer Auslastung von 80 Prozent entspricht.

Ein Job zum Verlieben und einer zum Scheitern

Die „Fledermaus“ in modernem Gewand (Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture)

Die „Fledermaus“ in modernem Gewand (Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture)

Irgendwie besitzen sie alle eine Passion für die Darstellung von Gefühlen und brauchen sie auch. Die einen, die sie auf der Bühne spielen, die anderen, die sie mit ihrer Arbeit backstage erst ermöglichen. „Es ist Erfüllung und Herausforderung zugleich“, formuliert Ania Vegry das, was ihren und der Kollegen Arbeitsalltag prägt. Der große Theatermann Max Frisch beschrieb es etwas prosaischer, aber genauso treffend. „Das Theater“, verriet er dem Kritiker Heinz Ludwig Arnold einmal, „ist etwas Erotisches …; es ist die Körperhaftigkeit, die Sinnlichkeit von Körper, Stimme und Bewegung.“ Das müsse man lieben, wenn man an diesem Ort überleben wolle, gibt Ania Vegry zu bedenken. Wie viel persönlichen Einsatz, Kraft und täglichen Aufwand das fordert, wusste sie als Tochter eines Konzertmeisters bereits vor der Wahl ihres Berufes, der für sie im echten Wortsinn Berufung ist. „Denn ohne das Singen könnte ich nicht leben“, gewährt sie einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben.

Allerdings weiß sie zugleich, wie verletzlich sie das macht, wenn sie alles gibt. „Und man muss immer alles geben“, bestätigt sie, „um gut genug zu sein.“ Fürs Publikum, für den Regisseur, für die eigenen Ansprüche. Deshalb ist es entscheidend, dass alle Akteure das gleiche Ziel verfolgen, der Regieassistent ebenso wie die Ankleiderinnen und Ankleider. In Hannover, darauf legen die Intendanten Dr. Michael Klügl (Oper) und Lars-Ole Walburg (Schauspiel) großen Wert, bemüht man sich, dem gerecht zu werden. Andernorts fühlt sich offensichtlich nicht jeder darauf verpflichtet. Dr. Reinhard Kürsten, HNO-Arzt mit einer Praxis vis-à-vis der Wiener Staatsoper und in Sängerkreisen hoch geschätzt, machte schon vor Jahren auf den fahrlässigen Verschleiß von Opernsängern aufmerksam.*) Weil ihnen zu früh zu große Rollen übertragen werden, Regisseure ihre Stimmbänder in den Proben hin und wieder bis zum Zerreißen strapazieren, sie niemand vor dem eigenen Ehrgeiz schützt. Im Staatstheater Hannover steht dagegen die körperliche Unversehrtheit von Sängern, Schauspielern und Tänzern ganz oben an. Gleichwohl gilt auch hier eine strenge Probendisziplin. Dennoch fasziniert der Arbeitsort Theater, auch weil kein Tag wie der andere ist.

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*) „Hochleistungssport Oper“, ARD 13. März 2011

Die Arbeit bestimmt den Tagesrhythmus

In der Maske brauchen Schauspieler und Sänger viel Geduld (Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture)

In der Maske brauchen Schauspieler und Sänger viel Geduld (Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture)

Ania Vegry erhält wie alle anderen fest angestellten Künstler ihren Dienstplan stets nur einen Tag im Voraus. An vorstellungsfreien Tagen stehen dann meist zwei bis zu vierstündige Proben an. Die erste von 10 bis 14 Uhr, die zweite von 18 bis 22 Uhr. Vor den szenischen Proben steht aber noch die musikalische Einstudierung mit einem Korrepetitor, die sich über mehrere Wochen erstrecken kann. Dazu kommt das Einsingen vor der Probe, das Memorieren der Rolle (Textlernen), die Besprechungen mit dem Regisseur und/oder den Kollegen. „Am besten lernt man den Text der Kollegen gleich mit“, verrät die Sopranistin, „man darf ja seinen Einsatz nicht verpassen.“ Und es gibt Rollen, die schier kein Ende nehmen wollen. Etwa die der Susanna in Figaros Hochzeit. „Da ist man bis auf zehn Minuten vier volle Stunden in Aktion.“ Ihre Arbeitswoche hat nicht selten sechs Tage. Der Urlaub richtet sich nach der Spielzeit – im Sommer sind große Ferien. An Wochenenden und Feiertagen, dann, wenn andere die freie Zeit mit ihren Familien genießen, wird an  Theatern besonders intensiv gearbeitet.

Überhaupt ist das Privatleben in Künstlerfamilien außergewöhnlichen Belastungen unterworfen. Ania Vegrys Ehemann ist Dirigent und derzeit als Generalmusikdirektor am Theater Görlitz engagiert. Zuvor war es Würzburg. Die Mitarbeiter in der Technik und den einzelnen Gewerken wie Maske und Kostüm haben zwar tarifvertraglich vereinbarte feste Arbeitszeiten. Schichtdienst und Feiertagseinsätze gelten aber auch für sie. Nur die wenigen Jobs in der Verwaltung bilden eine Ausnahme. Am Staatstheater Hannover sind Schauspieler, Sänger, Tänzer, Orchestermusiker fast allesamt fest angestellt. Das ist nicht mehr an allen Theatern so. Die von der Intendanz und der Dramaturgie ausgewählten Regisseure werden indessen als Gäste engagiert. Zumeist haben Regisseure Bühnenbildner und Kostümbildner, mit denen sie regelmäßig zusammenarbeiten. Somit engagiert man meistens gleich ein ganzes Leitungsteam. Umgekehrt nehmen Sänger und Schauspieler auch externe Engagements an, treten wie Ania Vegry bei Konzerten, Liederabenden oder in Kirchen auf, für sie eine willkommene Abwechslung.

Zauber entsteht aus Fleiß und Disziplin

Staatsoper Hannover 2015/2016 Portraitserie Auch er ist Teil der Mannschaft – Olaf Roth, Leiter Presse und Kommunikation (Foto: M. Jauk / Stage Picture) 


Auch er ist Teil der Mannschaft – Olaf Roth, Leiter Presse und Kommunikation (Foto: M. Jauk / Stage Picture)

Olaf Roth, der als promovierter Romanist mit Schwerpunkt Italienisch für ein Opernhaus wie geschaffen ist, arbeitete zuvor an Theatern in Nürnberg, Hamburg, Kiel und Dortmund. Er weiß, worauf es beim Arbeitgeber Theater ankommt, unabhängig davon, wie der Ort heißt, in dem die Bühne steht. „Theaterleute“, erklärt er, „arbeiten immer auf den Premierentermin hin. Der ist unverrückbar und muss in jedem Fall eingehalten werden.“ Da gebe es keine Ausflüchte, da müsse, wenn erforderlich, auch mal eine Sonderschicht eingelegt werden. Die Absage einer Premiere, weil die Kostüme nicht rechtzeitig fertig geworden sind oder die Sängerin ihre Partie noch nicht sicher beherrscht, käme einer Katastrophe gleich. „Einsatzbereitschaft und Verlässlichkeit“, so noch einmal Olaf Roth, „avancieren deshalb in unserem Gewerbe für alle, Künstler wie Handwerker und Gestalter, zu unverzichtbaren Charaktereigenschaften.“ Darum sollte wissen, wer sich für eine Ausbildung beim Staatstheater bewirbt, auch wenn es der Ausbildungsplatz zum Tischler ist.

Noch etwas zeichnet das Staatstheater aus. Da gibt es einen Tapezierer und einen Obertapezierer, einen Beleuchter, Stellwerksbeleuchter, Oberbeleuchter und einen Beleuchtungsmeister, einen Maßschneider, Gewandmeister und einen Obergewandmeister, kurzum eine fast altmodisch anmutende Hierarchie. Es mag der historischen Entwicklung geschuldet sein, vielleicht auch dem Stufendenken des öffentlichen Tarifrechts. Doch drückt sich darin noch etwas viel Wichtigeres aus. „Die Organisation unserer beruflichen Strukturen ist eine sehr flache“, gibt Olaf Roth zu bedenken. Gleichwohl auch eine, in der die Verantwortungsbereiche klar definiert sind. „Da trägt jeder an seinem Platz und für seine Aufgabe Verantwortung.“ Besonders wird es dadurch, dass Theater immer live stattfindet. Da muss jeder Handgriff sitzen.

Aufgaben mit klarer Zuordnung

Am Steuerpult der Bühnentechnik (Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture)

Am Steuerpult der Bühnentechnik (Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture)

Alle an einer Aufführung Beteiligten müssen bei jeder Vorführung die Abläufe ihrer Abteilung kennen. Passiert etwas Unvorhersehbares – etwa, weil ein Darsteller zu spät zum Auftritt kommt, was zum Glück höchst selten passiert – , ist Improvisation gefragt, damit  das Publikum von all dem nichts bemerkt. Die Souffleuse muss ebenso geistesgegenwärtig reagieren wie der Inspizient an seinem Pult, der den Ablauf der Vorstellung koordiniert. Am Theater muss also jeder seinen Mann und seine Frau stehen. Freilich immer mit dem Auge für den Nebenmann. In einem so personalintensiven Betrieb wie einem Theater mit vielen hoch spezialisierten Abteilungen ist es wichtig, dass ein Zahnrad lautlos ins andere greift und alle sich als Mitglied eines Teams verstehen. Einsame Wölfe werden deshalb weder für den künstlerischen noch den technischen und Verwaltungsbereich gesucht. Gewünscht sind intelligente, entscheidungsstarke und kommunikationsfreudige Mannschaftsspieler.

Ein Letztes. „Theater ist kein Selbstzweck“, beschreibt es Olaf Roth. „Theater besitzt in allem, was wir machen, eine gesellschaftliche Relevanz.“ Die ganz unterschiedlichen Handschriften der Regisseure sind Zeichen dafür, die Reaktionen der Zuschauer ebenso. Das Experiment gehört deshalb zum Theater wie die Eisberge zur Nordwestpassage. Manchmal wird es, wie bei der Aufführung des Freischütz in der letzten Spielzeit, allerdings auch als Provokation empfunden. Was aber unter Umständen auch wieder neues Publikum anzieht. „Diskussionen mit dem Publikum muss man aushalten, wenn man an einem Theater arbeitet, und wir wünschen uns den konstruktiven Dialog“, sagt Roth. Es ist zu spüren, dass er darin bereits so einige Erfahrungen besitzt. Wie sollte es auch anders sein, wenn man pro Jahr allein in der Oper sechs Neuinszenierungen und bis zu 15 Wiederaufnahmen stemmen muss. Freilich ist es genau diese Lebendigkeit, die den hier Arbeitenden Flügel verleiht. „Wir wollen unser Publikum verzaubern, aber auch zum Denken anregen“, sagt Ania Vegry zum Abschied. „Dafür proben wir, dafür spielen wir.“ Jeden Abend und jedes Mal mit vollem Einsatz.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand:01.10.2016 )

Eröffnung: 1852 als Königliches Hoftheater.

Sitz der Unternehmenszentrale: Opernplatz 1, 30159 Hannover.

Mitarbeiter: 930 (ohne Gastverträge).

Etat: 75,571 Millionen Euro.

Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Bühnenmaler/in und Bühnenplastiker/in
  • Elektroniker/in
  • Fachkraft für Veranstaltungstechnik
  • Maßschneider/in
  • Geprüfte/r Requisiteur/in (Volontariat)
  • Gestalter/in für visuelles Marketing
  • Maler/in und Lackierer/in
  • Maskenbildner/in
  • Mechatroniker/in
  • Modist/in
  • Orthopädieschuhmacher/in
  • Raumausstatter/in
  • Tischler/in

Bewerbungen: jeweils bis Mitte Oktober. Angebote unter: Informationen für Bewerber. Bewerbung nur per Postweg!

Schüler- und Studentenpraktika: ja. Weitere Informationen unter: Informationen für Praktikanten

Kontaktmöglichkeiten: olaf.roth@staatstheater-hannover.de

Internet: http://www.staatstheater-hannover.de/

 

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