Sporteignungsprüfung – Suche nach den besonders Bewegungsfähigen

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2013

Gespanntes Warten auf den Beginn

Gespanntes Warten auf den Beginn

Vor dem Studium der Sportwissenschaften steht eine Eignungsprüfung. Nur wer sie schafft, wird zugelassen. Gesucht werden und erfolgreich hierbei sind die sportlichen Allrounder. Lediglich auf eine Disziplin spezialisierte Athleten, und mögen sie auch Weltmeister sein, haben es dagegen schwer. Ein Sportstudium ist immerhin etwas anderes als der Vorbereitungskurs zur Prüfung für eine Trainerlizenz in einer bestimmte Sportart. Die ehemalige Hochspringerin Ulrike Meyfarth, heute heißt sie Nasse-Meyfarth, ist dafür ein gutes Beispiel. Meyfarth sprang als eine der ersten Frauen den Fosbury-Flop. Und wie sie ihn sprang! Mit 16 Jahren gewann sie bei den Olympischen Spielen in München damit als jüngste Starterin die Goldmedaille. Einige Jahre nach ihrem Olympiasieg riss die weltbeste Hochspringerin dann aber in der Sporteignungsprüfung der Deutschen Sporthochschule in Köln die Latte im Schwimmen. Nur über eine Sondergenehmigung konnte sie schließlich doch noch die Zusage für einen Studienplatz erhalten. Heute arbeitet sie sehr erfolgreich als Trainerin beim TSV Bayer 04 Leverkusen.

Eine Olympiasiegerin ist beim Feststellungsverfahren, wie die Sporteingangsprüfung an der Technischen Universität Braunschweig heißt, zwar nicht unter den Teilnehmern, doch finde ich kaum einen, der nicht aktives Mitglied in einem Sportverein wäre. 80 Bewerber haben sich angemeldet, über 50 sind tatsächlich in die Turnhalle der TU gekommen. Sie werden von der gesamten Crew des Seminars für Sportwissenschaft und Sportpädagogik begrüßt, alle schlank und durchtrainiert, genauso wie man sich Sportlehrer vorstellt. Die Prüfung wird gute fünf Stunden dauern und mit der Bekanntmachung der Ergebnisse schließen. Einige geben sich cool, anderen ist die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Alle haben sie die Informationen über den Ablauf und die einzelnen Prüfungsaufgaben im Vorfeld erhalten, alle wissen also, was auf sie zukommt. Das sei zu schaffen, höre ich mehrfach, auch dass es in Köln, Mainz oder Leipzig viel schwerer sei.

Erkenntnis vor Muskelkraft

Nora Castrup, Deniz Canbulat (re.), Tobias Dannenberg (li.)

Nora Castrup, Deniz Canbulat (re.), Tobias Dannenberg (li.)

Es beginnt mit einem kurzen schriftlichen Test, in dem die Teilnehmer ihre bewegungstheoretischen Kenntnisse durch die Bearbeitung von neun anspruchsvollen Klausuraufgaben unter Beweis stellen müssen. Für die anschließende praktische Prüfung werden die Teilnehmer in Kleingruppen eingeteilt. Nora Castrup, Deniz Canbulat und Tobias Dannenberg erklären sich damit einverstanden, dass ich sie den Tag über begleite. Tobias kommt aus Hannover und hat an der Marie Curie Schule gerade sein Abi gemacht. Nora und Deniz studieren dagegen beide schon an der TU, Nora sogar Sport. Der Grund für beider Teilnahme an der Feststellungsprüfung hat einen einfachen Hintergrund. Deniz möchte das Studienfach und Nora die Hochschule wechseln, Deniz statt Musik jetzt Sport und Nora statt in Braunschweig im nächsten Semester lieber in Göttingen studieren.

An der TU Braunschweig wurde die junge Frau aus einem kleinen Ort bei Essen von der Feststellungsprüfung befreit, da sie die Übungsleiterlizenz des nordrhein-westfälischen Landessportbundes besitzt. Die Uni Göttingen aber besteht auf dem Sporteingangstest. Und weil die niedersächsischen Hochschulen eine Vereinbarung über die gegenseitige Anerkennung ihrer Feststellungsverfahren getroffen haben, hat sich Nora die Fahrt nach Göttingen erspart und unterzieht sich der Prüfung in Braunschweig. In ihrer Freizeit tanzt sie im MTV Braunschweig Modern sowie Jazz Dance. Deniz spielt beim FC Braunschweig Fußball. Tobias war bis zur letzten Saison Footballer bei den Braunschweig Lions in der Bundesliga Nord, jetzt tritt er bei den Hannover Spartans in der Jugendregionalliga Niedersachsen/Bremen gegen das Ei. „Der hohe Trainingsaufwand bei den Lions ließ sich mit der zeitintensiven Vorbereitung auf das Abi einfach nicht mehr verbinden“, erklärt er.

Allgemeine Bewegungsfähigkeit statt spezialisierter Höchstleistung

Reiner Hildebrandt-Stramann’s Blicken entgeht nichts (Foto: hmb)

Reiner Hildebrandt-Stramann’s Blicken entgeht nichts (Foto: hmb)

Während Bewerber für den Studiengang Sport an anderen Hochschulen sich im gesamten Parcours sportlicher Disziplinen mit anspruchsvollen Zeit und Bewertungsvorgaben beweisen müssen, in der Regel sind das Leichtathletik, Turnen, Schwimmen, Mannschaftsspiele, oft auch Gymnastik/Tanz und Rückschlagspiele, geht es in Braunschweig vorrangig um die für Sportpädagogen erforderliche allgemeine Bewegungsfähigkeit. Niemand muss deshalb die 100 Meter in 12 Sekunden laufen. „Wir schauen auf die Wahrnehmungs- und Koordinationsfähigkeit, die Ballspiel- und Mitspielkompetenz sowie die Ausdauerleistung“, formuliert Professor Reiner Hildebrandt-Stramann die Philosophie des sportwissenschaftlichen Seminars in der Stadt Heinrichs des Löwen. Entsprechend gliedert sich die praktische Prüfung in drei Teilbereiche.

Nora, Deniz und Tobias entscheiden sich als erstes für den Bereich Wahrnehmungs- und Koordinationsfähigkeit. Balancieren, Schaukeln und Springen, lasse ich mir vom Leiter des sportwissenschaftlichen Seminars erklären, seien Grunderfahrungen menschlichen Sich-Bewegens. „Bevor Sportlehrer ihren Schülern Hinweise zu technischen Bewältigungsmöglichkeiten einer Sportart oder eines Gerätes geben können, müssen ihnen diese Grundlagen selbst bewusst werden“, formuliert Reiner Hildebrandt-Stramann die Zielstellung dieses Aufgabenblocks. Das dynamische Wechselspiel der körperlichen Gleichgewichtskräfte, die Erfahrung von Spannungs- und Entspannungszuständen sowie die Wahrnehmung von Raum-/Zeitbezugssystemen bilden außerdem eine wesentliche Grundlage für alle spezialisierten Anforderungen in den verschiedenen Sportarten. Künftige Sportlehrer sollten hier deshalb gute Voraussetzungen mitbringen.

Verstehen, worauf es ankommt, ist die Hälfte des Erfolgs

Tobias Dannenberg auf dem Rola-Rola-Brett (Foto: hmb)

Tobias Dannenberg auf dem Rola-Rola-Brett (Foto: hmb)

Die Gleichgewichtsfähigkeit ist auf einem Rola-Rola-Brett unter Beweis zu stellen. Es gilt aufzusteigen und nach Möglichkeit fünfzehn Sekunden ohne Bodenkontakt zu bleiben. Deniz hat dazu eine spezielle Technik, mit der er wahrscheinlich einen ganzen Vormittag „bodenfrei“ bleiben könnte. Nicht mittig stehen, ist seine Devise, sondern Körpergewicht auf ein Bein und das kürzere Brettende verlagern, mit dem anderen Bein ausbalancieren. Alle drei erhalten die volle Punktzahl. Auch die nächste Übung zur Demonstration der Raum-/Zeitwahrnehmung (Antizipation und Timing) gelingt ihnen recht gut. Von einem Kasten müssen sie an ein schwingendes Trapez in den Stütz springen und nach drei Stützschwüngen im letzten Schwungumkehrpunkt mit einer Rolle vorwärts in den Stand abspringen. Ganz so einfach, wie es bei meinen Dreien aussieht, scheint die Sache allerdings nicht zu sein. Ich sehe bei anderen Teilnehmern auch einige Abstürze.

Die dritte Übung hat es in sich. Zwischen drei quer gestellten Sprungkästen stehen zwei Minitrampoline. Der Ablauf: Absprung vom ersten Kasten in das Minitrampolin, im Strecksprung über den zweiten und auf das nächste Minitrampolin, von dort ohne Unterbrechung mit einem erneuten Strecksprung weiter über den letzten Sprungkasten, anschließend in sicherem Stand landen. Das ist nur mit guter Körperkontrolle zu schaffen. Denn zu viel Kraft katapultiert einen an die Hallendecke, setzt man zu wenig ein, endet der Versuch kläglich auf dem Kasten. Wie bei den anderen Übungen gibt es auch hier neben einem Probedurchlauf zwei Versuche.

Prüfung unter Wettkampfbedingungen

Nora Castrup beim Springen von Minitrampolin zu Minitrampolin (Foto: hmb)

Nora Castrup beim Springen von Minitrampolin zu Minitrampolin (Foto: hmb)

Durch eine Unachtsamkeit verletzt sich Nora schon beim Einspringen am Knöchel. Sie entscheidet sich deshalb für nur einen Versuch, um sich für die weiteren Übungsaufgaben zu schonen. Denn auch wenn man die Feststellungsprüfung wegen einer Verletzung abbrechen muss, gilt sie als nichtbestanden. Und einen Wiederholungstermin, wie ihn größere Hochschulen anbieten, gibt es in Braunschweig nicht. „Das ist wie bei ganz normalen Wettkämpfen“, konstatiert Heike Beckmann als wissenschaftliche Mitarbeiterin des sportwissenschaftlichen Seminars nüchtern. Das Gleiche gilt bei Erkrankungen. Noch einmal Heike Beckmann: „Wie beim Leistungssport muss man auf den Punkt topfit sein, denn nur das Ergebnis zählt.“

Nun geht es zur zweiten Teilprüfung, in der die Ballspiel- und Mitspielfähigkeit getestet wird. Nora, Deniz und Tobias wollen mit der leichtesten Übung beginnen. Es ist mit einem Ball auf ein sogenanntes Tschouk-Brett zu werfen. Der Ball muss wieder aufgefangen werden, bevor er den Boden berührt. Deniz ärgert sich fürchterlich. Immerhin hatte er hier wie selbstverständlich die volle Punktzahl eingeplant. Doch ein Ball verspringt ihm. Das geht dem Fußballtorwart mächtig an die Ehre. Die zweite Aufgabe sieht vor, einen Ball mit dem Fuß indirekt in ein vorgegebenes Ziel zu schießen. Jetzt ist der Frust bei Tobias. Der Footballer trifft kein einziges Mal. „Das ist reine Kopfsache und ich habe die Programmierung einfach nicht schnell genug korrigieren können“, schimpft er.

Sporttaktisches Verständnis und Teamfähigkeit

Tobias Dannenberg beim indirekten Torschuss (Foto: hmb)

Tobias Dannenberg beim indirekten Torschuss (Foto: hmb)

Die anschließende Jonglierübung mit drei Bällen gibt Tobias von vornherein verloren. Er weiß, das setzt null Punkte. Deniz souverän, Nora mit Anstrengung schaffen jeweils die volle Bewertung. Dann geht es zur letzten Übung: Rebound-Ball. Zwei Vierermannschaften spielen gegeneinander. Eine Studentin vervollständigt meine Dreiergruppe. Klaus Wichmann, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter, beurteilt die Anwendung der grundlegenden technischen Elemente Werfen und Fangen sowie das taktische Grundverhalten im Spiel beziehungsweise dessen Strukturierung.

Rebound-Ball ähnelt Basketball. Was zählt, sind allerdings nicht die Anzahl gelegter Körbe. Entscheidend ist, wie oft der vom Korbbrett zurückspringende Ball einen Spieler der eigenen Mannschaft erreicht. Während beim Basketball auch herausragende Einzelleistungen zum Erfolg führen können, braucht es beim Rebound-Ball immer zwei Spieler. Das Match endet mit einem deutlichen Sieg meiner Gruppe. Dennoch sind Nora, Deniz und Tobias stinksauer. Denn statt der maximal sechs, haben sie gerade mal eben zwei beziehungsweise drei Punkte erhalten. Diese Bewertung können sie nicht nachvollziehen.

Sich selbst überwinden

Nora, Tobias und Deniz beim Rebound-Ball (Foto: hmb)

Nora, Tobias und Deniz beim Rebound-Ball (Foto: hmb)

Viel Zeit zur Frustverarbeitung bleibt ihnen freilich nicht. Denn unmittelbar nach dem Spiel müssen sie zur dritten und letzten Teilaufgabe, dem 3000m-Lauf. In dem geht es um die allgemeine Ausdauerleistungsfähigkeit. Die Mindestzeit für die Frauen beträgt 17:39 Minuten, für die Männer 14:09 Minuten. Bleibt man unter 13:19 Minuten bei den Frauen und unter 11:09 Minuten bei den Männern gibt es die Höchstpunktzahl. „Die meisten, die in der Feststellungsprüfung scheitern, scheitern an dieser Aufgabe“, weiß Reiner Hildebrandt-Stramann zu berichten. Denn wer die Mindestzeit überschreitet, hat die gesamte Feststellungsprüfung nicht bestanden. Einige wenige laufen bestechende Zeiten, viele aber quälen sich sichtlich, liegen nach dem Zieleinlauf minutenlang völlig ausgepumpt auf dem Rasen. Deniz landet im oberen Mittelfeld, Tobias holt die noch fehlenden acht Punkte, Nora bleibt in der Zeit. „Mein lädierter Knöchel hat mich schon sehr behindert“, ist sie dennoch froh.

Es ist inzwischen 13:00 Uhr. In einer Stunde ist die Eröffnung der Ergebnisse in der Turnhalle angesetzt. Nora, Tobias und Deniz aber sind fest davon überzeugt, dass sie es geschafft haben. Schließlich weist ihr Ergebnisblatt bereits in den praktischen Prüfungen mehr als die zum Bestehen erforderlichen 36 Punkte auf. Und im schriftlichen Prüfungsteil, sind sie sich sicher, deutlich mehr als den einen Punkt, der in jeder Teilprüfung mindestens erreicht werden muss, erhalten zu haben. Genau so kommt es dann auch. Ein erster wichtiger Schritt für den angestrebten Studienortwechsel (Nora), den Tausch des Studienfachs Musik gegen das Studienfach Sport (Deniz) sowie eine erfolgreiche Bewerbung für das Studium des Höheren Lehramtes mit den Fächern Sport und Politik an seiner Heimatuniversität Hannover (Tobias) sind getan.

Zuletzt entscheidet ein gutes Abitur über den Bewerbungserfolg

3000m-Lauf: Heike Beckmann misst die Zeit (Foto: hmb)

3000m-Lauf: Heike Beckmann misst die Zeit (Foto: hmb)

Gewissheit für die Studienzulassung ist die erfolgreich bestandene Feststellungsprüfung allerdings noch nicht. Das ist in Braunschweig nicht anders als an den übrigen deutschen Hochschulen. Den fünfzig Teilnehmern der Feststellungsprüfung stehen an der TU lediglich dreißig Studienplätze gegenüber. Und um die bewerben sich erfahrungsgemäß nicht allein die Teilnehmer des heutigen Feststellungsverfahrens, sondern auch einige des letztjährigen Verfahrens, dazu kommen Bewerber, die die Feststellungsprüfung an einer anderen Hochschule abgelegt haben. Nicht zu vergessen die Bewerber, die von der Feststellungsprüfung befreit sind. Wegen des Nachweises der Übungsleiterlizenz etwa, weil sie im Leistungskurs Sport in der theoretischen wie praktischen Abiturprüfung mindestens 8 Punkte oder, wenn Sport nur viertes Prüfungsfach war, mindestens 11 Punkte erreicht haben. Unter all diesen Bewerbern wird in Braunschweig dann nach den üblichen Kriterien wie Abiturnotendurchschnitt etc. ausgewählt. Dafür drücke ich Nora, Deniz und Tobias die Daumen.

Bleibt die Frage, ob und wie man sich auf die Feststellungsprüfung vorbereiten kann? „Das Durcheinander und die Lautstärke, die während des Vormittags in der Halle herrschen, nimmt man als Sportler gar nicht wahr“, schildert Tobias das, was er in vielen Spielen und Wettkämpfen gelernt hat, nämlich die absolute Konzentrationsfähigkeit. Deniz führt seine guten Ergebnisse auch darauf zurück, dass er die Möglichkeit eines Vorbereitungstrainings genutzt hat. Ab Mitte April bieten die Studenten des sportwissenschaftlichen Seminars zwei Mal in der Woche diese Möglichkeit an, in denen die einzelnen Übungen erklärt und unter Anleitung trainiert werden können. „Ich konnte bis dahin nicht jonglieren“, erzählt Deniz, „jetzt kann ich es.“ Für rund 1.500 Euro gibt es auch kommerzielle Vorbereitungsangebote. Reiner Hildebrandt-Stramann hält davon nichts. „Das Geld kann man sparen.“ Ein letztes: So wie die niedersächsischen Hochschulen die Ergebnisse ihrer Sporteingangsprüfungen gegenseitig anerkenn, akzeptieren die Hochschulen auch andernorts die Ergebnisse fremder Hochschulen. Welcher, ist ihren Internetportalen zu entnehmen.

 


Weiterführende Informationen

Feststellungsverfahren der Technischen Universität Braunschweig: https://www.tu-braunschweig.de/zsb/nuetzlichelinks/eignungstests/sport

Sporteignungsprüfungen an deutschen Hochschulen: http://www.sport-eignungspruefung.de/node/3

Studienmöglichkeiten Sport in Deutschland, Österreich und der Schweiz: http://www.studieren-studium.com/studium/Sport

Studienmöglichkeiten „Sportmanagement (für das Studium Sportmanagement/Sportökonomie ist keine (!) Sporteignungsprüfung vorgeschrieben): http://www.sportmanagement-studieren.de/

 

 

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