Soziologen – Die Welterklärer

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2017

Es gab Zeiten, da gehörten sie zu den Shooting Stars der akademischen Szene. Doch das ist schon eine Weile her. Heute sind sie in den Niederungen der Normalität angekommen. Die Rede ist von Soziologen. Kaum einem Fach eilt in punkto Karriere ein derart schlechter Ruf voraus wie dem ihren. Die Klischees über diese Berufsgruppe sind ebenso zahlreich wie diffamierend. Schlimmer noch, sie scheinen unausrottbar. Eines von den Stammtischen oder aus juristischen und betriebswirtschaftlichen Oberseminaren gefällig? Der gemeine Soziologe, erzählt man sich da voller Häme, stirbt entweder mit bereits angegrautem Haupthaar im fünfzigsten Semester am Ende einer vielstündigen Diskussion um die emanzipatorische Funktion von Latzhosen. Und wenn nicht, habe er sich hinter das Lenkrad eines Taxis gerettet, von wo aus er die Kundschaft wahlweise mit Zitaten von Theodor W. Adorno oder Niklas Luhmann beglückt.

Dabei studierten auch Publikumslieblinge wie die Schauspielerin Heike Makatsch oder der Comedian Atze Schröder einstmals Soziologie, wenngleich – fachtypisch (?) – ohne Abschluss. Bleibt mithin die Frage, weshalb entscheiden sich Studienanfänger vor einem solchen Hintergrund dennoch für die Soziologie? „Ich wollte einfach verstehen, wie die Welt und die Menschen in ihr funktionieren“, formuliert Carsten Stark seine Studienwahl. Nach einer Habilitation an der Universität Siegen lehrt Stark heute an der Hochschule Hof Personalmanagement und Organisation. Seine Begründung ist in der Community so oder so ähnlich oft zu hören. Gleichwohl reicht die analytische Neugier alleine nicht für ein erfolgreiches Soziologiestudium aus. Interesse an Politik, gesellschaftlichen Zusammenhängen sowie dem Verhalten der Menschen zueinander, ebenso für Zahlen und Statistiken, wegen der empirischen Ausrichtung des Faches darüber hinaus ein Faible für das erforderliche methodische Instrumentarium, sollten unbedingt dazu kommen.

Auch das Plausible hinterfragen

Annette von Alemann (Foto: privat)

Annette von Alemann (Foto: privat)

Alfred Fuhr ergänzt diese Aufstellung um eine weitere Kompetenz. „Als Soziologe“, sagt er, „hat man gelernt, nichts als gottgegeben hinzunehmen, sondern alles zu hinterfragen, auch das, was auf den ersten Blick plausibel erscheint.“ Mit diesem Knowhow optimierte Fuhr schon während seiner Studienzeit die Anzeigenakquise der Gießener Uni-Zeitung „Arena“. Anschließend half es ihm bei seiner Arbeit in einer Frankfurter Werbeagentur, später in der Kommunikationsabteilung eines großen Automobilklubs. Und auch jetzt noch, Fuhr betreibt inzwischen in Frankfurt das „Bureau für Kundensoziologie“, ist es beruflich sein wichtigstes Handwerkszeug. „Soziologen“, weist Annette von Alemann noch auf einen anderen Aspekt soziologischer Qualifikationen hin, „können aufgrund ihrer empirischen Kompetenzen schneller erkennen, ob Erfolg und Misserfolg individuelle oder strukturelle Ursachen haben.“ Das ist eine wichtige Voraussetzung nicht nur für ihre aktuelle Tätigkeit als Koordinatorin eines Teilprojekts der Zukunftsstrategie Lehrer*innenbildung an der Universität Köln. Seit vielen Jahren erforscht sie gesellschaftliche Strukturen, die zu sozialen und geschlechtsspezifischen Ungleichheiten führen.

Natürlich machen Soziologen auch das, was Otto Normalverbraucher mit diesem Beruf verbindet, also Meinungsumfragen durchführen und daraus Vorhersagen ableiten. Typisch für die Berufsgruppe ist gleichwohl etwas ganz anderes. Soziologen, und das vor allem prägt ihr Studium, möchten zu allererst verstehen. Verstehen, wie etwas in der Welt passierte, was passierte, obwohl doch so vieles andere auch ganz anders hätte passieren können. Die Wissenschaftsdisziplin Soziologie ist eine diskursive, damit stets auch eine retrospektive, eine mit dem Blick zurück. Ihr Ziel heißt Erkenntnis und nicht, wie vielfach unterstellt, Weltverbesserung. Die praktischen Schlussfolgerungen, die sich an die Erkenntnis anschließen könnten, sind keineswegs immer, und wenn doch, dann nur ein Teil ihrer Arbeit. „Wir wollen die Welt verändern, indem wir sie erklären“, beschreibt Annette von Alemann ihr berufliches Selbstverständnis. Dabei gilt für die Mehrheit der Soziologen eine Grundfeste, nämlich sich dem Gegenstand der Analyse ideologiefrei, also ohne inhaltliche Vorfestlegungen, zu nähern. „Soziologen wissen freilich ebenfalls“, so noch einmal Annette von Alemann, „dass unsere Vorstellungen von der Welt die Welt zu dem machen, was sie ist.“

Durch erklären verändern

Zugegeben, das gelingt nicht allen und das gelingt nicht immer. Die guten Soziologen aber zeichnet aus, bei ebenso komplexen wie unübersichtlichen Sachverhalten den klaren Blick zu bewahren. Das befähigt sie, über die Einzelfälle zu den Strukturen vordringen zu können. „Wir haben gelernt, die Kette der Zusammenhänge stringent bis zum Ende zu denken“, formuliert es Alfred Fuhr. Solche Kompetenzen werden in vielen Arbeitsfeldern nachgefragt, im Bildungsbereich, von Medien- und Kommunikationsunternehmen, in Marketing und Werbung, im Personalwesen, in der Unternehmensberatung, in den Stabsabteilungen von Verbänden und der Politik, auch in der öffentlichen Verwaltung. Überall sind Soziologen tätig und überall mit gutem Erfolg. Aber überall benötigen sie zu ihren soziologischen Qualifikationen auch Kenntnisse aus der Pädagogik, der Psychologie, dem praktischen Journalismus, aus der Betriebswirtschaftslehre, der Verwaltung oder den Rechtswissenschaften.

Paula Wiesemann (Foto: privat)

Paula Wiesemann (Foto: privat)

Einige Dinge noch, über die künftige Soziologen unbedingt verfügen müssen, wo auch immer sie beruflich tätig werden. Soziologen sollten die Bereitschaft zum Zuhören besitzen. Sie sollten in der Lage sein, komplexe Zusammenhänge für Nichtfachleute stark vereinfachen zu können. Sie sollten fähig sein, sich schriftlich wie mündlich präzise auszudrücken. Sie sollten sich schließlich durch eine hohe Frustrationstoleranz auszeichnen, denn nicht selten stellen sich berufliche Erfolge erst mit Verzögerungen ein. Für viele Arbeitsplätze typisch sind deren Schnittstellenfunktion und das Erfordernis entsprechender Transferleistungen. Der Job von Paula Wiesemann ist dafür gutes Beispiel. Die Soziologin war zuletzt persönliche Referentin des Bürgermeisters der Stadt Herten. Ab Januar leitet sie die neu eingerichtete Koordinationsstelle für Bürgerangelegenheiten. „Ich muss die unterschiedlichen Interessen von Politik, Verwaltung und Bürgern in einen Konsens zusammenführen“, schildert sie die Anforderungen, denen sie täglich gerecht werden muss.

Intransparenter Arbeitsmarkt

Wie sich die Zunft der Soziologen arbeitsplatzmäßig verteilt, ist nicht eindeutig zu beantworten, ebenso wenig die Frage, wie viele berufstätige Soziologen es überhaupt gibt. Das begründet sich vor allem im Fehlen einer einheitlichen Definition, wer als Soziologe gilt und wer nicht. Zählen nur die Absolventen eines genuinen Soziologiestudiums? Oder gehören Sozialwissenschaftler, Sozialökonomen, vielleicht sogar Volkswirte mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung, Geografen, gar Gerontologen und Absolventen genderwissenschaftlicher Studiengänge auch dazu? Angesichts dessen stehen valide Daten leider nicht zur Verfügung. Laut Mikrozensus von 2012 waren rund 66.000 Studienabsolventen der Sozialwissenschaften erwerbstätig. Die Bezeichnung Sozialwissenschaften wird hier freilich als Oberbegriff verwendet, Soziologen bilden nur eine Teilgröße. In der Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit, die auf Selbstnennung der Befragten beruht, verorteten sich im Berufsbereich Gesellschaftswissenschaften zuletzt 63.000 Beschäftigte. Lediglich 2.560 davon bezeichneten sich als Soziologen.

Diese Zahl darf als Hinweis dafür gelten, dass die Menge der Arbeitsplätze eng begrenzt ist, wo die in einem Soziologiestudium erworbenen Fähigkeiten wie bei Annette von Alemann in toto nachgefragt werden. Außer von Hochschulen gibt es derartige Angebote nur noch von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und einigen elitären Think Tanks. Paula Wiesemann, Carsten Stark und Alfred Fuhr sind indessen Beispiele dafür, dass die Soziologie für die meisten berufstätigen Soziologen nur eine mehr oder weniger wichtige Zusatzqualifikation ist. Zwar kann die Mitgliederstruktur des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen (BDS) nicht als repräsentativ gelten, Tendenzen lässt sie aber sehr wohl erkennen. Außerhalb von Forschung und Wissenschaft verteilen sich die Mitglieder nach einer vor Jahren durchgeführten Befragung in der Reihenfolge auf die folgenden Branchen: Beratung/Markt- und Sozialforschung/Werbung, Verwaltung, Bildung/Gesundheit/Soziales, sonstige Dienstleistungen, Verbände/Parteien/Kirchen, Wirtschaftsunternehmen sowie Kultur/Verlage/Medien.

Mehrwert der eigenen Kompetenzen definieren

Prof. Dr. Carsten Stark (Foto: privat)

Prof. Dr. Carsten Stark (Foto: privat)

Diese tatsächlich ausgeübten Tätigkeiten stehen freilich im Gegensatz zu den beruflich bevorzugten Themen. Wie die gleiche Befragung zeigt, gewichten die Mitglieder des BDS die Schlagworte Verbände, Parteien und Organisationen, Arbeitsmarkt, öffentliche Verwaltung, Wirtschaft, soziale Ungleichheit, Staat, Gesellschaft und Politik, Organisationsentwicklung und Beratung mit den höchsten Werten. Werbung und Marketing, zwei Arbeitsbereiche, in denen zahlreiche Soziologen ihr Geld verdienen, laufen dagegen unter ferner liefen. In Verbindung damit steht eine im Vergleich mit der Gesamtheit aller Akademiker doppelt so hohe Arbeitslosigkeit. Sie betrug zuletzt sechs Prozent. Als gravierender noch erweist sich die Struktur arbeitsloser Soziologen. Jeder zweite ist unter 35 Jahre jung! Das lässt nur eine Erklärung zu. Der Umstieg von der Hochschule in den Beruf gestaltet sich ebenso schwierig, wie die Einmündung in einen unbefristeten Arbeitsvertrag zur Langstreckendistanz avanciert.

„Als Soziologe muss man sich den Arbeitsplatz genauso wie die fachliche Akzeptanz oft genug hart erkämpfen“, bestätigt denn auch Carsten Stark. Stark verfügt über viele Jahre Berufserfahrung in der bayerischen Staatsverwaltung. Er weiß deshalb, dass die Arbeitsplätze von Soziologen genauso gut auch mit Fachleuten anderer Disziplinen besetzt werden können. Das ist der Tribut, den die Wahl eines Studiums fordert, das anders als Medizin, Lehramt, Jura oder Pharmazie kein nur für die Absolventen des eigenen Studienfachs zugängliches Berufsfeld vorhält. Umso wichtiger wird es, sich auf die durch das Soziologiestudium vermittelten Stärken zu besinnen, allem voran die Fähigkeit zur Analyse und Reduktion von Komplexität, das Denken in interdisziplinären Zusammenhängen, darüber hinaus die in einer modernen Arbeitswelt immer wichtiger werdenden Transferkompetenzen.

Einkommen unterdurchschnittlich

Die Studienanfänger scheint all das wenig zu schrecken. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes verharren seit Jahren auf gleichbleibendem Niveau. In der Soziologie waren im Wintersemester 2014/2015 geringfügig mehr als 19.000 Studierende eingeschrieben, davon streben etwa zwei Drittel einen Bachelorabschluss an, ein Drittel befindet sich in Masterprogrammen. Mit 62 Prozent sind Frauen in der Mehrheit. Nahezu jeder zweite der 4.800 Studienanfänger in der Soziologie ist ein Studienwechsler. Das war auch Annette von Alemann. Sie hatte sich zunächst für ein Studium der Rechtswissenschaften entschieden, stellte aber schnell fest, dass die Entstehung von Gesetzen sie viel mehr interessierte als deren Anwendung. Deshalb wechselte sie zur Soziologie. Gravierender ist jedoch, dass jeder dritte Soziologiestudent früher oder später das Studium ohne Abschluss abbricht. Die Gründe und der anschließende Verbleib sind bislang leider nicht ausreichend untersucht. Klar ist nur, die Zahl der Studienabsolventen lag mit zuletzt (Prüfungsjahr 2015) 3.200 Abschlüssen deutlich unter der der Studienanfänger. Für die Promotion entscheiden sich nicht mehr als sieben Prozent der Studienabsolventen.

2Jürgen Habermas (Foto: Wikipedia/Wolfram Huke)

Jürgen Habermas (Foto: Wikipedia/Wolfram Huke)

In etwa gleiche Zahlen mit nahezu identischen Strukturen weist das Statistische Bundesamt noch einmal für sozialwissenschaftliche Studiengänge aus. In der Summe streben damit knapp 6.500 Bachelor und Master der Soziologie und Sozialwissenschaften neu auf den Arbeitsmarkt. Jedes Jahr! Über die Mühen des beruflichen Einstiegs befragte 2010 die Universität Siegen ihre Absolventen. Zeitlich gelang der Berufsstart im Durchschnitt recht zügig. Der mittlere Wert (Median) beträgt nicht mehr als zwei Monate, wofür im Schnitt lediglich sieben Arbeitgeber kontaktiert werden mussten. Zwei andere Werte trüben das Bild allerdings umso mehr. Die Hälfte der Berufsanfänger konnte nur einen Gelegenheitsjob oder ein Praktikum ergattern. Nahezu neun von zehn Arbeitsverträgen waren befristet, kein einziger Absolvent verdiente mehr als 2.500 Euro brutto. Entscheidendes Kriterium für eine Einstellung war nach Angaben der Absolventen die Persönlichkeit. Es folgten praktische Berufserfahrungen und EDV-Kenntnisse.

Vielfältige Studieninhalte

Ob die fachliche Spezialisierung für potentielle Arbeitgeber tatsächlich bloß eine untergeordnete Rolle spielt, darf indessen bezweifelt werden. Schließlich wird diese Passgenauigkeit vorausgesetzt. Den Ausschlag geben dann die Dinge rundherum. Deshalb plädiert Annette von Alemann für eine überlegte Zusammenstellung der Studienfächer und eine verantwortliche Auswahl der Hochschule. „Die Studienpläne der einzelnen Universitäten sind sehr unterschiedlich“, sagt sie. Es lohne deshalb, genau hinzuschauen. „Seinen persönlichen fachlichen Weg zu finden, braucht es Zeit“, erinnert sie sich ihres eigenen Studienbeginns. Der Mathematik in Form der Statistik kann man sich freilich nirgendwo entziehen. Später aber dominiert sie nur dort den Berufsalltag, wo Soziologen statistisch arbeiten, besonders in der Marktforschung und Demoskopie. „Für meine Aufgaben reicht es, Statistiken interpretieren zu können“, erklärt Paula Wiesemann und ist es zufrieden.

Nicht wenige Zeitgenossen halten Soziologen für reine Schreibtischtäter. Sie entwickeln einen Fragebogen nach dem anderen, überwachen anschließend den Ablauf der Befragung, aggregieren und interpretieren deren Ergebnisse. Dann geht es wieder von vorne los – bis zum Renteneintritt. Die Menschen, um die es in ihren Untersuchungen eigentlich geht, bekommen sie nie zu Gesicht. So die Vorstellungen. Alfred Fuhr entspricht diesem Bild nicht. Ebenso wie Annette von Alemann ist er überzeugt, dass nur die Begegnung mit den Menschen vor Ort Soziologen authentische Einblicke und wirklichkeitsnahe Erkenntnisse ermöglichen. Und auch die renommierte amerikanische Soziologin Arlie Russel Hochschild bestätigte das jüngst nachdrücklich. Sie verließ die akademische Komfortzone Berkley und ging nach Louisiana, um zu erfahren, was die Verlierer Amerikas denken. Über ihre Beobachtung hat sie ein anrührendes Buch mit dem Titel: „Strangers in Their Own Land“ geschrieben. Ähnlich war es bei Armin Fuhr. Während seiner Zeit beim Automobilklub von Deutschland (AvD) wurde der aus Wetzlar stammende Fuhr mit zahlreichen verkehrssoziologischen Projekten betraut. Eines davon untersuchte beispielsweise die Frage, ob Rauchen die Fahrsicherheit gefährdet?

Selbstreflexion und Demut

Alfred Fuhr (Foto: privat)

Alfred Fuhr (Foto: privat)

„Erst persönliche Gespräche mit Autofahrern machten uns klar, dass diese Frage völlig an der Wirklichkeit vorbeiging“, formuliert Fuhr sein unbedingtes Plädoyer für eine lebensnahe Soziologie. „Denn“, gesteht der Nichtraucher, „erst dadurch erfuhren wir, dass die meisten Autofahrer wegen des befürchteten Wertverlusts ihres Wagens und aus Rücksicht auf die Mitfahrer gar nicht während der Fahrt im Auto rauchen, sondern dafür die Fahrpausen nutzen. Raucher stellen also in ihrer Mehrheit kein erhöhtes Fahrsicherheitsrisiko dar.“ Im Zusammenhang damit stehen zwei letzte Erkenntnisse. Ein gewisses Maß an Lebenserfahrung ist für jeden Soziologen ebenso unverzichtbar wie er jederzeit zur Selbstreflexion bereit sein sollte. „Wir sind schließlich  immer Teil dessen, was wir untersuchen“, bringt es Carsten Stark auf den Punkt. Das mache nicht nur die Ergebnisse soziologischer Arbeit, sondern auch die Person angreifbar. „Diesen Druck müssen Soziologen aushalten können.“

Was passiert, wenn Soziologen in die Bestätigungsfalle tappen, sie also Informationen nur noch so aufnehmen, dass sie die eigene Haltung untermauern, hat das Desaster der Demoskopen bei den US-Präsidentschaftswahlen im letzten Jahr gezeigt. 86 von 96 Umfragen sahen Hillary Clinton zum Teil sogar als haushohe Siegerin. Es kam anders, wie jeder weiß. Die Soziologen der Umfrageinstitute hatten augenscheinlich die Lebenswirklichkeit der Wähler aus den Augen verloren. Als eine von wenigen nur fragte die Los Angelos Times die Teilnehmer ihrer Umfrage auch, ob sie unbefangen über ihre Wahlentscheidung zu sprechen bereit wären. Trump-Anhänger zögerten aus Angst vor der öffentlichen Stigmatisierung viel öfter als die, die Hillary Clinton zu wählen beabsichtigten. Soziologen kennen dafür den Begriff der Schweigespirale (no response). Auch die Wirkmächtigkeit der sozialen Medien, wo beide Bewerber in großem Umfang Bots einsetzten, wurde völlig unterschätzt. Bots sind automatisierte Programme zum Erstellen und Verbreiten selbständiger Kommentare. „Ein Schreibtisch“, bemerkte der viel gelesene Krimiautor John Le Carré schon vor langer Zeit zutreffend, „ist ein gefährlicher Ort, um die Welt zu betrachten.“ Ganz besonders dann, wenn der in einer Echokammer mit permanenter Selbstbestätigung steht.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:01 12 2016)

Berufstätige Soziologen: ca. 66.000

Altersstruktur berufstätiger Soziologen:  die nachfolgenden Angaben schließen Politologen mit ein (Quelle: Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt)

  • unter 30 Jahre: 15 %
  • 30 bis 40 Jahre: 38 %
  • 40 bis 50 Jahre: 22 %
  • über 50 Jahre: 25 %

Arbeitslosenquote von Soziologen: 6 Prozent.

Studierende und Abschlussprüfungen: die Angaben beziehen sich auf das Wintersemester 2014/2015 (Quelle: Statistisches Bundesamt)

  • Gesamtzahl Studierende: 19.150 (Frauenanteil: 62 %)
  • Studienanfänger: 4.826 (Frauenanteil: 65 %)
  • Abschlussprüfungen: 3.222 (Frauenanteil: 66 %)

Einkommen: abhängig von Branche und Einstiegsfunktion verdienen Berufsanfänger zwischen 1.500 bis 3.500 Euro (brutto), in Unternehmensberatungen auch darüber. Berufserfahrene Soziologen können, wiederum abhängig von Branche und Funktion durchaus bis zu 6.000 Euro (brutto) verdienen.

Studienmöglichkeiten: www.hochschulkompass.de

Weiterführende Informationen:
www.bds-soz.de
und
www.soziologie.de
und
Annette von Alemann: Soziologen als Berater. Eine empirische Untersuchung zur Professionalisierung der Soziologie, Springer 2002, ISBN 978-3322975508

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

 

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com