So macht man das Beste aus einem Studium

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2015

Das Abitur ist geschafft. Die Studienplatzzusage liegt vor. Der Mietvertrag  für ein Zimmer im Studentenwohnheim wurde bereits unterschrieben. Hallo Universität, wir kommen! Vorbei die Zeit stupider Vorgaben und stumpfer bürokratischer Reglementierungen am Gymmi. Jetzt darf sich der Geist endlich frei entfalten. So wünschen sich das viele Studienanfänger. Doch die Begegnung mit der Wirklichkeit auf dem Campus lässt ihre Euphorie schnell in sich zusammenbrechen und endet meist schon nach wenigen Wochen in völliger Frustration. Denn auch an der Uni ist der Alltag geprägt von uninspirierten Verwaltungsbeamten, unfähigen Dozenten, Langeweile und immer wieder Credit-Punkte zählen für den Abschluss. Wie kann man unter solchen widrigen Rahmenbedingungen doch noch erfolgreich studieren? Wir haben einen aus dem universitären Maschinenraum gefragt. Birger P. Priddat, Professor an der Universität Witten/Herdecke, beschäftigt sich seit langem mit solchen und ähnlichen Fragen. Er hat sogar zwei Bücher zu dem Thema veröffentlicht. Im letzten Jahr: „Wir werden zu Tode geprüft – Wie man trotz Bachelor intelligent studiert“ (Murmann Verlag 2014). Gerade eben gemeinsam mit Philip Kovce herausgegeben: „Die Aufgabe der Bildung. Aussichten der Universität“ (Metropolis Verlag, Marburg 2015). Die folgenden Fragen stellte Hans-Martin Barthold.

 

 

Die Freiheit des Studiums scheint mit Bologna und der Umstellung auf die Bachelor-/Masterstruktur endgültig verloren gegangen zu sein. Herr Prof. Priddat, was empfehlen Sie Studienanfängern vor einem solchen Hintergrund?

Professor Birger P. Priddat/Universität Witten/Herdecke (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Professor Birger P. Priddat/Universität Witten/Herdecke (Foto: Universität Witten/Herdecke)

Priddat: Gelassen zu bleiben. Sich die Neugier nicht nehmen lassen. Alles, was einen nicht interessiert, fallen lassen (außer es sind Pflichtkurse). Bei Pflichtkursen dann Arbeitsgruppen bilden und arbeitsteilig vorgehen, so dass nur einer hingehen muss und mitschreibt. Nachmittags dann spannende und freudige Gruppentreffen … Natürlich muss man ein paar Dinge lernen, auch wenn sie scheinbar nichts mit dem zu tun haben, was einen selber wirklich interessiert. Aber immer und vor allem solche Veranstaltungen besuchen, die einen wirklich bewegen. Was ist die Universität denn anderes als ein Ort des Geistes, der einem Ideen, Konzepte, Sprachen und/oder Theorien erbringt, auf die man alleine nie gekommen wäre, die einem den Kopf öffnen. Alles andere ist sekundär! Berufswissen kann man letztlich noch später im Job erlernen. Aber die Universität, die einem die Welt des Denkens öffnet, gibt es nirgendwo sonst. Also nutzen Sie diese einzigartige Gelegenheit.

 

Bildung, behaupten Sie, sei der Gegenentwurf zum heutigen Konzept der Lernkurven und Wissensakkumulation. Aber wie macht man das im Dschungel des täglichen Studienchaos, eine Haltung, Selbstbewusstsein und Urteilsfähigkeit zu entwickeln? Wie bildet man in denen zu Schools mutierten Universitäten die von Ihnen genannten Navigationsfähigkeiten aus?

Priddat:  … Man bildet das, indem man es übt. Navigieren lernen, heißt sich die Professoren zu suchen, bei denen breit und über das Fach hinaus gedacht wird. Wenn man das nicht erleben kann, wie soll man lernen, dass das geht? Zweitens: selber navigieren. Das heißt, sich in Seminare zu navigieren, die das Andere des Stoffes machen, der ansonsten angeboten wird. Und wenn kein Angebot da ist? Die Universität wechseln! Was soll man in einer Monokultur? Man darf nicht einfach akzeptieren, was geboten wird. Selbstbewusstsein heißt hier: selber wissen, was einen interessiert und es ebenso selbstbewusst wie zielgerichtet verfolgen.

 

Ein Studium ist keine simple Berufsausbildung eher schon eine Vorbereitung auf die Arbeitswelt. Worauf kommt es also in einem Studium wirklich an und warum?

Priddat: Es geht darum, dass man in der Lage ist, die Welt einzuschätzen, ihre Konzepte und Bilder! Nicht allein, um sich darin nur selbst erfolgreich bewegen zu können, sondern auch, um Verantwortung zu übernehmen für die, die sich nicht so zu bewegen gelernt haben. Was man in den einzelnen Berufen braucht, lernt man in den Unternehmen. Zuvor allerdings muss man das Lernen gelernt haben, um sich später in Vieles schnell einarbeiten zu können. Aber das, was nachher in den Berufen spezifisch gebraucht wird, kann man nicht auf einer Universität ‚lernen’. Man wird gebildet, der Welt zu begegnen. Und über vieles nachgedacht zu haben, also nicht mehr ‚blind’ zu sein. Intelligenz, Aufmerksamkeit und Wissen bilden zusammen das Dispositiv, in dem man sich in vielem bewegen kann – niemand weiß ja vorher, ‚was er wird’, außer denen, die die Universität mit einer Art Fachhochschule verwechseln.

 

Sie fordern genussvoll zur intelligenten Eigensinnigkeit, hin und wieder sogar zur klugen Rebellion auf. Gleichwohl plädieren Sie dafür, verantwortlich zu studieren. Was heißt das?

Priddat:  Verantwortlich studieren heißt, vor sich selber immer rechtfertigen zu können, warum einen das zumindest einmal interessiert hat. Letztlich geht es um intellektuelle Leidenschaft (neben den Pflichten, Grundlagen zu erarbeiten). Das ‚Eigensinnige’ ist ja genau das, was einen treibt, neu-gierig macht und wofür man ins geistige Leben einsteigen will. Wir haben uns angewöhnt, verdammt nüchtern über die intellektuelle Leidenschaft zu reden, auch die Leidenschaft des ‚Analytischen’. Als ob wir uns lediglich eine Werkzeugkiste aneigneten und ‚Informationen’ sammelten. Die Anreize sind heute falsch gesetzt! Weder geht es nur um Zertifikate, noch um bloß einen schnellen Durchlauf. Es geht vielmehr um geistige Er-Regung.

 

Sie empfehlen Studienanfängern, partisanenartig zu studieren. Was muss man sich darunter vorstellen?

Priddat: Damit meine ich, sich das herauszusuchen, was einen interessiert. Das ist nicht mehr einfach unter dem Bologna-Korsett. Weil viele Pflichtveranstaltungen ‚vorstrukturiert’ sind. Das muss man gelassen als Impfung nehmen, um die Freiheit der Wahl zu bekommen. Wo die Module zu eng gesetzt sind und wo wenig gewählt werden kann, heißt die Devise: einfach nicht anfangen. Das ist die falsche Universität. Partisanenartig heißt: sich die Freiheit der Wahl zu nehmen (auch parallel in anderen Universitäten und sich wild anrechnen lassen, was geht).  Warum soll man als neugieriger Geist unsinnigen Vorschriften folgen? Und warum nicht Seminare besuchen, die überhaupt nicht zum Studiengang gehören? Meine Empfehlung: Universität studieren, nicht nur das eigene Fach.

 

In einer Welt, die davon überzeugt ist, dass der Schnelle den Langsamen frisst, raten Sie davon ab, effizient zu studieren. Das klingt wie aus der Zeit gefallen und hört sich so an, studiere einfach, was Dir Dein Bauch sagt. Sie sind gleichzeitig aber kein Freund von Beliebigkeit und bloßer Leidenschaft. Wie fügt sich das für Studenten zusammen?

Priddat: Was hieße denn, effizient zu studieren? Als Studienanfänger weiß man ja gar nicht einmal,  was studieren heißt. Wie will man dann wissen, was es heißt, effizient zu studieren? Schnell durch? Mein Gott – und wann studiert man dann? Schnell und effizient sind Vokabeln, die – übersetzt – heißen: bloß schnell durch, nicht eigentlich studieren, nur das lernen, was man unbedingt für die Prüfungen braucht. Wer sich auf diesen Zirkus einlassen will – viel Freude. Aber das ist weder ein Studium noch bildet es den Charakter und die Haltung zu Welt. Außer dass man später meint, in der Welt genauso vorgehen zu sollen? Mein Gott, was für eine heruntergekommene Gesellschaft würde daraus entstehen. Wenn man sich selber gegenüber verantwortungslos studiert, wie will man später Verantwortung für andere übernehmen?

 

Für Studenten sind Professoren die wichtigsten Bezugspersonen, nicht allein wegen der Prüfungen, die es bei ihnen abzulegen und zu bestehen gilt. Wie sollten Studenten die Beziehung zu Professoren gestalten, immerhin sind sie abhängig von ihnen?

Priddat: Was heißt abhängig? Nur wenn die Herren Professoren dieses Verhältnis als ein Herrschaftsgefälle ansehen. Ansonsten kann man sich unter freien Geistern im Gespräch treffen. Letzthin muss man herausfinden, mit wem man vernünftig reden kann. Oft reicht das Gespräch im Seminar. Vorausgesetzt, es findet eines satt. Sonst gilt: nicht besuchen! Alles, was das Gespräch, das Auf-einander-Bezug-nehmen verhindert, sollte man fliehen. Niemand muss sich aberwitzigen Herrschaftssituationen aussetzen oder billigen Lernfabriken. Dafür ist die Zeit des Studiums zu kostbar. Hier muss man wählerisch sein.

 

Kein Studium ohne Prüfungen. Das war immer schon so, das ist gegenwärtig so und das wird auch so bleiben. Wie lässt sich Prüfungserfolg an einer Universität sichern?

Priddat: Die ‚eigentlichen Prüfungen’ finden im Seminar statt: wenn man versteht, worum es geht. Wenn man das ‚hat‘, ist jede Prüfung relativ leicht. Viele Studierende machen den Fehler, sich mit den Materien der Seminare nicht wirklich auseinanderzusetzen, um dann zum Schluss auswendig zu lernen und zu hoffen, dass das ‚dran kommt‘, was man gerade noch nicht vergessen hat. Welch ein Irrsinn! Die besten Prüfungen sind ein Gespräch unter Erwachsenen (mündliche Prüfung) oder eine kluger Essay, der auch den Prüfer erfreut. Was sonst?

 

Vielen Dank Herr Professor Priddat.