Siemens Braunschweig – Wo die Signale auf „freie Fahrt“ stehen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2015

Siemens/Standort Braunschweig – Blick auf den Ausbildungstrakt (Foto: Siemens (Foto: Siemens)

Siemens/Standort Braunschweig – Blick auf den Ausbildungstrakt (Foto: Siemens (Foto: Siemens)

Über 3.000 Siemensianer, wie sie sich nennen, arbeiten am Standort Braunschweig in der Ackerstraße. Wenige  Tage vor mir hat der Konzernchef Joe Kaeser bei seinem Besuch ein klares Bekenntnis des Technologiekonzerns zum Standort in der Stadt Heinrichs des Löwen abgegeben. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Vielen dürfte damit ein Stein vom Herzen gefallen sein, können sie sich doch ab sofort wieder ganz auf ihre beruflichen Aufgaben konzentrieren. Ich melde mich am Tor Ost an und frage, wo ich Dirk Peter, den Leiter der Technischen Ausbildung finde. „Bitte warten sie einen Moment“, sagt der Mann vom Werkschutz, „Dr. Peter kommt sofort und holt sie ab.“ Wenige Minuten später werde ich mit einem kräftigen Handschlag herzlich begrüßt und ins schräg gegenüber liegende Gebäude geleitet. Dessen warmes Erdbraun erinnert an die Farbe der Felder auf den sanften Hügeln der Toscana und vermittelt das Gefühl eines freundlichen Willkommens.

Als ich drei Stunden später das Firmengelände wieder verlasse, gehe ich mit der Erkenntnis, diese Gastfreundschaft und Atmosphäre sind mehr als bloße Symbolik, sie sind die gelebte Überzeugung der hier arbeitenden Frauen und Männer, einer von ihnen Dirk Peter. Das empfinden auch die Auszubildenden so. Und viele haben sich trotz anderer attraktiver Angebote genau deswegen für Siemens entschieden. Ein Auszubildender Elektroniker für Informations- und Systemtechnik formuliert es im Rückblick so: „Im Vorstellungsgespräch bei Siemens ging es wirklich um meine Person. Die waren tatsächlich neugierig auf mich. Bei einem anderen großen internationalen Unternehmen war es dagegen völlig unpersönlich. Die hakten nur ihre Checkliste ab. Da musste ich nicht lange überlegen, wo ich hingehe.“ Und sein Urteil heute? „Siemens ist ein internationaler Großkonzern. Die Arbeitsatmosphäre ist trotzdem sehr familiär!“

„Wir wollen es konkret und authentisch“

Marleen Krentz/Elektronikerin für Betriebstechnik im 1. Ausbildungsjahr – Übungen für die Installationstechnik (Foto: hmb)

Marleen Krentz/Elektronikerin für Betriebstechnik im 1. Ausbildungsjahr – Übungen für die Installationstechnik (Foto: hmb)

Die Mitarbeiter von Siemens in Braunschweig forschen, entwickeln, bauen und errichten Anlagen für die Bahnautomatisierung. Das Spektrum reicht vom kompletten Stellwerk über Anlagen zur automatischen Zugbeeinflussung und der Bahnübergangstechnik bis hin zu Weichenantrieben und Signaltechnik-Komponenten. Es scheint die Bodenständigkeit dieser Technologie, die das Denken, Arbeiten und den persönlichen Umgang bis hin zu den 15jährigen Schülerpraktikanten prägt. Die Ausbildungsabteilung ist jedenfalls nicht irgendwo am Rande des Firmengeländes untergebracht, sondern befindet sich mitten im unternehmerischen Herzen des Standortgeländes, in einem Gebäude zusammen mit der Entwicklung und dem Vertrieb. Da begegnen Azubis öfter mal ausländischen Verhandlungsdelegationen und erhalten so ganz nebenbei einen ersten Eindruck, was im Geschäftsleben wichtig ist. Denn für die Kunden zählt nur die Leistungsfähigkeit und Qualität der demnächst auch von ihnen gebauten Anlagen.

Wie man in der Ackerstraße dieses Ziel zu erreichen versucht, ist typisch für die Braunschweiger Siemensfamilie. Es wird nicht um den heißen Brei herumgeredet. Stattdessen wird die klare Ansage bevorzugt. Nichts ist jenseits des Braunschweiger Hauptbahnhofes so verpönt wie die x-te Wiederholung inhaltsloser Plattitüden. Schon im Vorstellungsgespräch sollte man deshalb auf die sonst üblichen Stereotype und hohlen Sprüche tunlichst verzichten. „Wir wollen es konkret und authentisch“, bringt Dirk Peter seine Ansprüche mit norddeutschem Zungenschlag auf den Punkt. Das gilt freilich auch umgekehrt. Azubis sind bei Siemens in Braunschweig keine Nummern, sondern Personen und Persönlichkeiten. Und als solche werden sie von den Ausbildern behandelt. Man fordert Leistung von allen und fördert dafür, wenn es sein muss, jeden Einzelnen.

„Ich fühle mich hier wohl“

Marleen Krentz/Elektronikerin für Betriebstechnik im 1. Ausbildungsjahr – Übungen für die Installationstechnik (Foto: hmb)

Marleen Krentz/Elektronikerin für Betriebstechnik im 1. Ausbildungsjahr – Übungen für die Installationstechnik (Foto: privat)

Der Erfolg einer solchen coachingorientierten Ausbildung spricht für sich. Manchem gelingt gar eine regelrechte Leistungsexplosion. Beispiel gewünscht? Eine Auszubildende hatte auf dem schulischen Abschlusszeugnis in Mathe noch eine 4. „Aber wir versuchen im Auswahlverfahren immer hinter die Zensuren zu schauen“, erklärt der Ausbildungsleiter, „und bei ihr waren wir der Meinung, sie kann viel mehr.“ Die letzte Leistungsüberprüfung bestätigt die Richtigkeit dieser Einschätzung. Die junge Frau schrieb mit einer „2“ erneut die beste Klausur des ganzen Ausbildungsjahrgangs. Ihre Begründung klingt einfach, aber überzeugend. „Ich fühle mich hier wohl!“ Dirk Peter ist überzeugt, dass es nur über eine konsequente individuelle Betreuung gelingt, die Potentiale junger Menschen zu aktivieren. Und er fügt hinzu: „Druck, wie hoch man ihn auch immer dosiert, löst keine Probleme.“ Gleichwohl bleibt es auch Siemens-Azubis nicht erspart, die Verantwortung für sich schnell selbst zu übernehmen.

In Siemens typischer Manier wird allerdings auch hier nichts schön geredet. „Selbstverständlich gibt es trotz aller unserer Bemühungen junge Menschen, die den Anforderungen in unserem Unternehmen doch nicht gewachsen sind und irgendwann hinwerfen“, gibt Peter unumwunden zu. Die Mehrheit allerdings, darauf ist Peter stolz, nimmt die Herausforderung an – und gewinnt! „Wir sehen es gerne“, sagt er, „wenn unsere Azubis die Freiräume, die wir ihnen bieten, nutzen, um eigeninitiativ Projekte zu organisieren.“ So zum Beispiel für den Wettbewerb Jugend forscht. Einsatz und Eigeninitiative zahlen sich aber auch beim Betriebsdurchlauf in den Fachabteilungen aus. Der beginnt bei den Elektronikern für Informations- und Systemtechnik im dritten, bei den Elektronikern für Betriebstechnik schon im zweiten Ausbildungsjahr. Hier kann man sich ausprobieren, erste Kontakte knüpfen und Werbung in eigener Sache für den beruflichen Ansatz nach Ausbildungsende betreiben.

Nur wer fragt, kann Antworten finden

Feste Bewerbungsfristen gibt es zwar nicht. Bewerber sind freilich gut beraten, ihre Online-Bewerbung bald nach Freischaltung des Portals, also Ende August/Anfang September auf den Weg zu geben. Eine Bewerbung per Post ist nicht mehr möglich. Liegen ausreichende Bewerbungen vor, wird der Zugang unabhängig vom Kalenderdatum geschlossen. In diesem Jahr war es schon Ende Oktober so weit. Umgekehrt jedoch lohnt der Blick auf das Portal auch zu vorgerückter Zeit. Springt nämlich jemand ab, ist eine Bewerbung sogar noch im Mai wieder möglich. Wer wissen möchte, welche Bewerber Siemens sucht, findet die Antwort in der Selbstpräsentation des Unternehmens. Es ist der Wahlspruch eines Technologiekonzerns, es ist ein typischer Siemens-Spruch: „Ohne Menschen, die Fragen stellen, kann es keine Antworten geben.“ Weil ein Unternehmen wie Siemens nur mit Antworten wettbewerbsfähig bleibt, sucht Dirk Peter genau nach solchen Bewerbern.

Arbeiten im Schaltschrank eines vollelektronischen Stellwerkes (Foto: Siemens)

Arbeiten im Schaltschrank eines vollelektronischen Stellwerkes (Foto: Siemens)

Die müssen dann zunächst am heimischen PC einen Online-Test absolvieren. Das Besondere dabei, der Test verarbeitet die Ergebnisse intelligent und unmittelbar während der Testphase. Je nach den Zwischenergebnissen erhöht oder verringert sich anschließend der Schwierigkeitsgrad der nachfolgenden Fragen. Am Ende steht so eine sehr individuelle Eignungsaussage. Anschließend wird zum Kennenlerngespräch und einem nochmaligen Online-Test nach Braunschweig eingeladen. Die Testergebnisse hier geben Hinweise, ob der Bewerber den Test zu Hause wirklich ohne fremde Hilfe bearbeitet hat. „Schummeln“, lacht Dirk Peter, „lohnt also nicht.“ Wichtiger als die reinen Ergebnisse sei ohnehin etwas anderes, ist er um Transparenz bemüht. „Wir wünschen uns Bewerber, die ihr persönliches Potential mit zielgerichteter Entschlossenheit ausschöpfen“, formuliert er. Da passiere es immer wieder, dass begabte, aber ebenso unentschlossene wie unmotivierte, Bewerber das schlechtere Ende für sich hätten. Bewerber für ein duales Studium absolvieren im Übrigen das gleiche Auswahlverfahren.

Nur der unbedingte Wille zählt

Weshalb Peter die Beharrlichkeit, vorhandene Begabungen voll auszuschöpfen, so hartnäckig sucht, erklärt er in einem einzigen Satz. „Ohne diesen Willen gibt es keinen Erfolg im Beruf.“ Und er schließt gleich noch ein zweites an. „Ich höre von Auszubildenden immer wieder“, erzählt er, „wenn ich ausgelernt habe, dann …“ Das treibt seinen Blutdruck jedes Mal in Höhen, wo sich Ärzte, wenn sie denn davon Kenntnis bekämen, zum sofortigen Eingreifen genötigt sähen. „Eine Ausbildung kann man abschließen, doch damit hört das Lernen nicht auf!“ Das ist bei den Elektronikern für Informations- und Systemtechnik nicht anders als bei den Elektronikern für Betriebstechnik. Es geht nicht allein um den Erwerb von Schaltberechtigungen oder anderen Lizenzen, es geht im umfassenden Sinn um berufliche Souveränität. „Förderkandidaten zeichnen sich dadurch aus, erkennen zu können, was beruflich wo erforderlich wird und es dann zielorientiert realisieren“, erklärt Peter.

Bedienplatz eines modernen Stellwerkes (Foto: Siemens)

Bedienplatz eines modernen Stellwerkes (Foto: Siemens)

Das gilt, wenn auch auf unterschiedlichen Niveaustufen, für den Nachwuchs aller Ausbildungsebenen, also Auszubildende, duale und Werkstudenten aber auch den externen Ingenieurnachwuchs. Und es gilt natürlich in den drei wichtigsten Funktionseinheiten gleichermaßen, der Entwicklung genauso wie in der Produktion oder der Montage. Die ist das Haupteinsatzfeld für Elektroniker für Betriebstechnik. Und das hat seine Besonderheiten. Arbeitsort kann dann die ganze Welt sein, mindestens aber doch alle Länder, die über eine Eisenbahn verfügen. Und das sind gegenwärtig mehr als zweihundert. Die Elektroniker für Betriebstechnik müssen in diesen Fällen die Arbeiten oft nicht mehr selbst ausführen. Zunehmend besteht ihre Aufgabe darin, einheimische Fachkräfte anzuleiten. Nicht selten ist auch die Fähigkeit gefragt, unter widrigen Verhältnissen improvisieren zu können. „Da ist manchmal die Fähigkeit wichtiger, einen Eimer Wasser organisieren als dessen Inhalt berechnen zu können“, beschreibt der Ausbildungsleiter die dortige Arbeitswirklichkeit.

Siemens: Ein Arbeitgeber, viele Möglichkeiten

Freilich gilt es zunächst einmal, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Dann winkt als Lohn der Mühen in der Regel die Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Da ist die Siemens-Welt ganz einfach. Es gilt: Leistung gegen Leistung. Auszubildende, die es mit der Disziplin etwas lockerer haben angehen lassen, erhalten einen befristeten Jahresvertrag zur Bewährung. Auch da zeigen sich die niedersächsischen Siemensianer bodenständig. Man weiß, das Erwachsenwerden schließt Fehler ein. Entscheidend ist, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber dann stehen den Azubis wie den dualen Studenten, Werkstudenten und Hochschulabsolventen alle Tore offen. „Unser Unternehmen besetzt viele Technologiefelder, hat ein breites Produktportfolio und ist weltweit aufgestellt“, beschreibt der promovierte Elektroingenieur und Ausbildungsleiter Dirk Peter die Vorzüge seines Unternehmens. Ein letzter Blick auf die Kultur bei Siemens. Auch Praktiker können es weit bringen. Joe Kaeser ist bestes Beispiel.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 15.01.2015)

Firmengründung: für den Standort Braunschweig gilt das Jahr 1928 (durch Übernahme der 1878 gegründeten Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel & Co). Das Unternehmen Siemens selbst wurde 1847 durch Werner von Siemens in Berlin gegründet.
Unternehmensanschrift: Ackerstraße 22, 38126 Braunschweig.
Der Standort Braunschweig gehört zur Siemens AG (Hauptsitz: München und Berlin). Es ist der weltweit größte Standort für Bahnautomatisierung. Organisatorisch gehört er zu Division Mobility.
Mitarbeiter: rund 3.200.
Umsatz: werden für einzelne Standorte nicht ausgewiesen.
Ausbildungsmöglichkeiten:

  • Elektroniker für Informations- und Systemtechnik – 14 Ausbildungsplätze/Jahr
  • Elektroniker für Betriebstechnik – 8 Ausbildungsplätze/Jahr
  • Industriekaufmann – 2 Ausbildungsplätze/Jahr

Duales Studium:

  • Bachelor of Arts in Business Administration – 5 Studienplätze/Jahr (für den Ausbildungsverbund Nord)
  • Bachelor of Engineering in Elektrotechnik (inclusive Ausbildungsberuf: Fachinformatiker/Fachrichtung Anwendungsentwicklung) – 8 Studienplätze/Jahr
  • Bachelor of Science in Informatik (inklusive Ausbildungsberufe: Fachinformatiker/Fachrichtung Anwendungsentwicklung) – 7 Studienplätze/Jahr.

Bewerbungen: nur online unter http://www.siemens.de/jobs/schulabsolventen/Seiten/default.aspx. Bewerbungsbeginn ab August des Vorjahres. Für den Bewerbungsschluss gibt es keine festen Stichtage (abhängig vom Bewerberaufkommen).
Schülerpraktika: ja. Ca. 150 Praktikumsplätze/Jahr. Bewerbungen sind das ganze Jahr über möglich. Anfragen und Bewerbungen sind zu richten an: behrens.dirk@siemens.com.
Studienpraktika: ja. Weitere Informationen unter: http://www.siemens.de/jobs/studenten/praktikanten/Seiten/home.aspx.
Werkstudenten: ja. Weitere Informationen unter: http://www.siemens.de/jobs/studenten/werkstudenten/Seiten/home.aspx.
Internet: www.siemens.de.

 

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