Self-Assessments – Wegweiser für Studieninteressierte

Von Marold Wosnitza | 15. August 2014

Dr. Marold Wosnitza ist Professor für Schulpädagogik und empirische Bildungsforschung an der RWTH Aachen sowie Adjunct Professor an der Murdoch University, Perth (Australien). Seit 2012 leitet er das Self-Assessment-Projekt (siehe: www.blog.rwth-aachen.de/sam) der RWTH Aachen, begleitet eine Vielzahl weiterer Self-Assessments (z.B. TU9, Nordverbund) und evaluiert zurzeit den Studifinder des Landes Nordrhein-Westfalen.

In welche (Fach)Richtung führt der Studienweg? (Foto:

In welche (Fach)Richtung führt der Studienweg? (Foto: Wikipedia/Lluki777)

Was kommt nach dem Abitur? Ein Freiwilliges Soziales Jahr, eine Ausbildung oder ein Studium? BWL, Medizin oder doch Geisteswissenschaften? Und welche Uni soll es bitte sein? Die Entscheidung, wie es nach dem Abitur weitergehen kann, ist für junge Menschen heute komplexer und schwieriger als je zuvor. Denn eine Fülle an unterschiedlichsten Studiengängen, ein Überangebot an Informationen im Internet können Schülerinnen und Schüler schnell überfordern und mehr Verwirrung als Klarheit stiften. Die Folge: Unzufriedenheit im Studiengang und gar nicht selten ein Studienabbruch. Aktuelle Zahlen sprechen für sich: Obwohl noch nie so viele Absolventen eines Abiturjahrgangs an die Universitäten drängten wie heute, liegt auf der anderen Seite die Zahl der Studienabbrecher in  Bachelor-Studiengängen bei bis zu 28 Prozent. Die Absolventenquote in Deutschland ist im internationalen Vergleich auffallend niedrig.

Ein Grund für diese Situation ist sehr oft die fehlende Orientierung von Studieninteressierten sowie ein mangelnder Abgleich zwischen Eignung, Neigung, Kompetenzen und Anforderungen für einen spezifischen Studiengang. An dieser Stelle setzen Self-Assessments an. Diese Online-Assistenten zur Selbsteinschätzung sollen Studieninteressierten die Anforderungen eines Studiums näher bringen und gleichzeitig dabei helfen, die eigenen Stärken und Schwächen sowie Eignungen und Neigungen selbst einzuschätzen. Der Vorteil: Diese Angebote sind jederzeit und von jedem Ort aus online verfügbar. Sie sind damit ein niederschwelliges Angebot, sich mit der Frage nach dem passenden Studium auseinanderzusetzen. In diesen webbasierten Selbsttests werden studienrelevante Fähigkeiten und persönliche Interessen abgefragt und liefern dem Teilnehmer ein differenziertes Feedback der Ergebnisse.

Große Angebotsvielfalt, hohe Aussagekraft

Prof. Dr. Marold Wosnitza von der RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Prof. Dr. Marold Wosnitza von der RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Werden die Self-Assessments ernsthaft und konzentriert bearbeitet, erhält der Teilnehmer eine verlässliche Aussage über seine Stärken ebenso wie über mögliche Wissenslücken, die zu schließen sind. Das kann eine bereits getroffene Studienentscheidung bestätigen und im umgekehrten Fall auffordern, sich rechtzeitig um Alternativen zu bemühen.  Ganz wichtig ist: Self-Assessments sind keine Auswahltests, sondern ein freiwilliges Angebot, um bei Studieninteressierten einen Selbstreflexionsprozess anzustoßen und somit bei der Studiengangwahl Orientierungshilfe zu leisten. In mehreren großangelegten Analysen konnten wir nachweisen, dass die mit Self-Assessments gesammelten Daten tatsächlich zuverlässige Prognosen zum Studienerfolg erlauben. Konkret heißt das, dass Studienanfänger, die vor der Aufnahme eines Studiums eine positive Rückmeldung durch unser Self-Assessment erhalten haben, ihr Studium mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgreich absolvieren werden als Studierende mit einer negativen Rückmeldung.

 Während vor einigen Jahren nur wenige Self-Assessments in Deutschland zur Verfügung standen, bieten heute eine Vielzahl von Universitäten Self-Assessments an. Darüber hinaus gibt es auch hochschulübergreifende Angebote von Hochschulverbänden wie die TU9 (siehe: www.global-assess.rwth-aachen.de/tu9) oder der Verbund norddeutscher Universitäten (siehe: www.global-assess.rwth-aachen.de/nrddt/testmarker), landes- und bundesweite Plattformen wie „was-studiere-ich.de (siehe: www.was-studiere-ich.de) oder „studifinder.de (siehe: www.studfinder.de), die die Studiengänge in Baden-Württemberg beziehungsweise Nordrhein-Westfalen bündeln. Self-Assessment-Verfahren selbst unterscheiden sich darin, welche Zielstellung sie verfolgen. So gibt es informationsvermittelnde Assessments, die in besonderem Maße auf studienrelevante Informationen, Erwartungsabklärungen und möglichst realistische Darstellungen der Berufs- und Studienwelt eingehen. Daneben haben sich so genannte eignungsdiagnostische Assessments etabliert, die dem Anwender eine Rückmeldung zur Ausprägung seiner studienrelevanten Kompetenzen geben.

Für jede Fragestellung ein spezielles Angebot

Das Self-Assessment-Team aus Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Das Self-Assessment-Team aus Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Self-Assessment-Verfahren lassen sich darüber hinaus auch nach der jeweiligen Zielgruppe differenzieren, für die das Tool entwickelt wurde. Hier unterscheidet man drei Kategorien. Da sind Assessments für Jugendliche, die überhaupt eine Entscheidung für oder gegen ein Studium treffen wollen (Orientierung Self-Assessments 1. Ordnung). Dann gibt es Assessments für Jugendliche, die bereits sicher entschieden haben, dass sie studieren wollen, aber noch unschlüssig über das Studienfach sind (Orientierung Self-Assessments 2. Ordnung). Zuletzt werden Assessments für Jugendliche angeboten, die sich auch schon für ein bestimmtes Studienfach entschieden haben und dann nur noch erkunden wollen, ob ihre Fähigkeiten und Interessen ausreichend mit den Anforderungen des angestrebten Studiums in Einklang stehen (Studienfach- oder Studienfeld-Self-Assessments).

Mit Blick auf Self-Assessments, die sich auf ein konkretes Studium beziehen, lassen sich zunächst erneut zwei Arten unterscheiden: Assessments, die sich an den Erwartungen und Anforderungen des angestrebten Berufsbildes orientieren (z.B. Lehrer oder Ingenieur) und Assessments, die die Erwartungen und Anforderungen des Studiums selbst zum Inhalt haben (z.B. Lehramtsstudium oder Ingenieursstudium). Freilich lassen sich Studienfach-Self-Assessments auch bezüglich des vorhandenen Wissens kategorisieren, das Aufschluss über die Passung zwischen eigenen Neigungen, Fähigkeiten und Erwartungen sowie Anforderungen gibt. Einige Self-Assessments orientieren sich am schulischen Vorwissen, prüfen also beispielsweise ab, welche schulmathematischen Voraussetzungen ein Studierender mitbringen muss, um den Einstieg ins Studium problemlos bewältigen zu können. Andere sind hinsichtlich der Denkweisen und Zugänge im Studium konzipiert und fragen die erforderlichen zentralen Themen- und Kompetenzbereiche der ersten Semester ab.

Selbstanalyse statt Bestenauslese

Zusammenfassend lassen sich entsprechend dieser Analyse zehn verschiedene Formen von Self-Assessments identifizieren. Diese zehn Formen (a-j) sind in der folgenden Abbildung dargestellt. Betrachtet man sich die verfügbaren Self-Assessments genauer, stellt man fest, dass es sich oft um Hybridformen handelt.

 

 

 

 

Orientierungs-

Self-Assessments

Studienfeld-
Self-Assessments
Berufsbildorientierung

 

Studienorientierung Berufsbildorientierung

 

Studien-orientierung
Schulfokus Studienfokus
informationsvermittelnden Self-Assessments (a) (b) (c) (d) (e)
eignungsdiagnostische

Self-Assessments

(f) (g) (h) (i) (j)

 

An der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH), an der ich tätig bin, gibt es Self-Assessments nun schon seit über 10 Jahren. Gegenwärtig werden ein Orientierungs-Self-Assessment (www.global-assess.rwth-aachen.de/rwth/tm) vom Typ (b) sowie elf Studienfeld-Self-Assessments (www.global-assess.rwth-aachen.de/rwth/tm/) vom Typ ((e) und (j)) angeboten. Da es uns ein wichtiges Anliegen ist, die jungen Menschen bei der Suche nach dem passenden Studiengang frühzeitig und ernsthaft zu unterstützen, müssen Studienplatzbewerber seit dem Wintersemester 2012/13, die Teilnahme an dem Self-Assessment nachweisen. Ausgenommen davon sind lediglich die medizinischen Studiengänge. Freilich hat das Ergebnis des Self-Assessments keinen Einfluss auf die Studienplatzvergabe. Das Ergebnis fließt also nicht in das Studienplatzvergabeverfahren ein.

Die Studienfeld-Self-Assessments der RWTH Aachen bestehen aus mehreren Aufgabenbereichen. Diese widerspiegeln wichtige Anforderungen der ersten Studiensemester. Wir unterscheiden hier zwischen so genannten kognitiven und nicht-kognitiven Aufgaben. Unter die kognitiven Aufgaben fallen je nach Studienfeld Aufgabenstellungen zu räumlichem Denken, Logik, Leseverständnis, Rechenfertigkeit, Konzentrationsvermögen, technischem Verständnis, Merkfähigkeit und Datenanalyse. Im Bereich der nicht-kognitiven Aufgaben finden sich unter anderem Fragen und Übungen rund um Motivation, Interesse, Leistungs- und Handlungsorientierung, Eigeninitiative und Engagement, Sozialkompetenz, Selbstwirksamkeitserwartung und Fachinteresse. All diese unterschiedlichen Facetten erlauben eine umfassende Rückmeldung zu den Eignungen und Neigungen sowie Stärken und Schwächen des Teilnehmers im Hinblick auf die Anforderungen zu Beginn des Studiums.

Individuelle Passgenauigkeit ist das A und O

Professor Dr. phil. Prof. Dr. Marold Wosnitza von der RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Professor Dr. phil. Prof. Dr. Marold Wosnitza von der RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen)

Die Self-Assessments der RWTH Aachen erfordern eine Bearbeitungszeit von ungefähr 90 Minuten. Das mag dem ein oder anderen eventuell sehr lange vorkommen. Doch die Rückmeldungen von Teilnehmern bestätigen, dass die Assessments in der Entscheidungsfindung für den jeweils passenden Studiengang einen großen Mehrwert bieten. Manche Teilnehmer lernen durch das Self-Assessment, in welchen Bereichen sie vor Studienbeginn vielleicht noch Wissens- und/oder Kompetenzlücken schließen müssen. Es haben sich bei uns durchaus auch schon Teilnehmer gemeldet, die das Self-Assessment später ein zweites Mal bearbeitet haben und die glaubhaft versichern, diese Anstrengung habe sich tatsächlich gelohnt.

So können Self-Assessments einen wichtigen Beitrag leisten, sich darüber klar zu werden, was man studieren möchte als auch wo die eigenen Interessen und Stärken liegen. Genauso können sie deutlich machen, ob man für das angestrebte Studienfach die notwendigen Kompetenzen mitbringt und ob es inhaltlich zu den eigenen Vorstellungen passt. Dies haben  inzwischen viele Anbieter von Self-Assessments erkannt. So ist das Angebot inzwischen nur noch schwer zu überblicken. Daraus ergibt sich für Schüler ein Problem. Neben der Flut an verfügbaren unstrukturierten und ungefilterten Informationen, vor denen sich Studieninteressierte oftmals stehen sehen, ist nun auch noch eine Vielzahl von Self-Assessments getreten. Das in der jeweiligen persönlichen Situation richtige auszuwählen, bereitet nicht selten große Schwierigkeiten. Hinzu kommt, dass neben wissenschaftlich fundierten Assessments auch eine Reihe von Assessments im Internet kursieren, die von eher fraglicher Qualität sind.

Die Spreu vom Weizen trennen

Wie also auswählen? Hier ist es hilfreich, wenn der Studieninteressierte für sich erst einmal klärt, wo er in seinem Entscheidungsprozess eigentlich steht. Drei Leitfragen können dabei hilfreich sein:

  • Weiß ich schon, ob ich überhaupt studieren will?
  • Weiß ich schon, was ich studieren will?
  • Weiß ich schon, wo ich studieren will?

Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, kann man dann entscheiden, welches Self-Assessment für einen das richtige ist. Weiß ich beispielsweise schon, an welcher Hochschule ich studieren möchte aber nicht welches Studienfach, wäre ein Orientierungs-Self-Assessment der Hochschule das richtige. Weiß ich indessen bereits, was ich studieren will, bin mir aber unsicher, ob ich dafür geeignet bin oder ob meine Vorstellungen mit den Anforderungen des Studiengangs übereinstimmen, bietet ein Studienfeld-Assessment die beste Empfehlung.

Umso weiter der Studieninteressierte in seiner Entscheidung fortgeschritten ist, um so spezifischer wird das Assessment sein (müssen). Umso weniger ein Studieninteressent entschieden ist, umso allgemeiner sollte das Assessment sein. Bei der Entscheidung für das richtige Assessment können informierte Eltern und Lehrkräfte eine große Hilfe sein. Self-Assessments bieten ein erstes niederschwelliges Angebot für Studieninteressierte, sich mit der Studienfachwahl zu beschäftigen. Sie wollen und können allerdings ein persönliches Beratungsgespräch bei einer Studienberatung nicht ersetzen. Denn nur dort können die Ergebnisse aus den Online-Beratungshilfen interpretiert und tiefergehend analysiert werden, etwa wie eigene Stärken im Studium eingesetzt und Defizite aufgearbeitet werden können.

 

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