Schülermessen für Ausbildung und Studium – Den eigenen Weg finden

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2013

Magdeburg – Kulturwerk Fichte (Foto: hmb)

Magdeburg – Kulturwerk Fichte (Foto: hmb)

Es ist ein Sonntag im April und strahlend blauer Himmel über Magdeburg. Viele Besucher strömen in das Kulturwerk Fichte, in dessen Hallen vor genau einhundert Jahren die ersten Motoren für die legendären Junkers-Flugzeuge gebaut wurden. Heute findet hier die Messe für Ausbildung und Karriere „azubi & studientage and more“ statt. Solche Veranstaltungen sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Rund ums Jahr keine Woche, keine Stadt ohne ein solches Angebot. Magdeburg ist Mainstream. Die Erklärung für diese Entwicklung klingt so einfach wie einleuchtend. Auch in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts müssen sich Betriebe und Hochschulen inzwischen für die Nachwuchsgewinnung ins Zeug legen. Zu Ende die Zeiten, in denen sich Ausbildungsbetriebe und Hochschulen vor Bewerbungen nicht retten sowie leistungsmäßig aus dem Vollen schöpfen konnten. Der Markt beginnt zu kippen, bundesweit.

Auf dem Parkplatz treffe ich Katharina*) und Marvin*). Die Erwartungen von beiden an die Messe in den schick hergerichteten Hallen des Kulturwerk Fichte sind groß, in der Zielstellung allerdings völlig unterschiedlich. Katharina hat sich bereits für eine Ausbildung zur Industriekauffrau entschieden. Sie möchte die Messe mit Blick auf das bevorstehende Bewerbungsverfahren nutzen und Kontakte zu potentiellen Ausbildungsbetrieben knüpfen. Bei Marvin liegen die Dinge hingegen anders. Er hat sich noch nicht festgelegt, ob er studieren oder eine Lehre machen möchte, ob es eher in die technische oder in die kaufmännische Richtung gehen soll. Für diese Weichenstellungen erhofft er sich von der Messe für Ausbildung und Karriere entscheidende Orientierungshilfen. Ich bin neugierig, ob sich Katharinas und Marvins Erwartungen erfüllen werden. Deshalb tauschen wir unsere Handynummern aus und verabreden uns für das Ende ihres Messebesuches.

*) Namen durch die Redaktion geändert.

Plattform für zwangloses Kennenlernen

Kulturwerk Fichte – Messe für Ausbildung und Karriere (Foto: hmb)

Kulturwerk Fichte – Messe für Ausbildung und Karriere (Foto: hmb)

Auch ich sehe mich in den Hallen um. Die Ausbildungsbetriebe kommen ausnahmslos aus der Region. Anders ist das Bild bei den anwesenden Hochschulen. Neben der heimischen Otto-von-Guericke-Universität und der Hochschule Magdeburg-Stendal präsentieren sich Hochschulen aus Görlitz, Wismar und Leipzig, ist die Berufsakademie aus Eisenach vertreten, informiert der Bundesnachrichtendienst aus Berlin über sein duales Studienangebot, wirbt die Deutsche Flugsicherung aus Langen bei Frankfurt für die hauseigene Abiturientenausbildung. Klar ist, Messen wie die in Magdeburg wollen eine Plattform bieten, mit deren Hilfe sich potentielle Bewerber auf der einen Seite sowie Unternehmen und Hochschulen auf der anderen Seite kennenlernen und zwanglos beschnuppern können. Die Konzepte der Veranstalter dafür sind allerdings ebenso unterschiedlich wie ihre Zahl vielfältig.

Noch immer sind die meisten einschlägigen Events so wie in Magdeburg als reine Messen konzipiert, ein Format also für beiderseitiges Schaulaufen. Und wie auf anderen Messen auch sind vor allem die üblichen Verdächtigen anwesend, also vornehmlich Unternehmen mit einer Berufspalette, die aus der Bewerberperspektive eher unattraktiv ist und wo das Bewerberaufkommen unter den Erwartungen der Betriebe verharrt. Ähnlich die Struktur bei den anwesenden Hochschulen. In den Fokus gestellt werden auch von ihnen in erster Linie Studiengänge mit unbefriedigenden Bewerberzahlen. Ein Studienberater formuliert es so: „Viele Studieninteressierte scheuen den hohen Lernaufwand in einem Ingenieurstudiengang mit Mathematik und Physik als wichtigsten Fächern. Sie bevorzugen den vermeintlich leichteren Weg in den Wirtschaftswissenschaften.“ So blieben in Bereichen mit guten Beschäftigungsaussichten Studienplätze unbesetzt, während umgekehrt in den Wirtschafts-, Geistes- und Sozialwissenschaften viele Bewerber abgewiesen werden müssten. „Dieses Missverhältnis versuchen wir auf solchen Veranstaltungen zu verdeutlichen.“

Unverbindlicher Plausch gegen strukturiertes Interview

Messestand der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg (Foto: hmb)

Messestand der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg (Foto: hmb)

Zahlreich vertreten sind auf vielen solcher Messen darüber hinaus schulische Ausbildungseinrichtungen für naturwissenschaftlich-technische oder Gesundheitsberufe und private Hochschulen. Besonders letztere haben es in der bundesdeutschen Hochschullandschaft trotz gar nicht selten guter Studienangebote aus mancherlei Gründen nicht leicht, schon gar nicht nach den ersten Insolvenzen einiger wohl etwas zu forsch gegründeter Einrichtungen. Das Abschreckungspotential jährlicher Studiengebühren zwischen 5.000 und 15.000 Euro ist jedenfalls beträchtlich, die Besucherfrequenz entsprechend ausgedünnt. Umso größer ist ihre Präsenz im Rahmenvortragsprogramm. Aber selbst danach bleiben viele Besucher skeptisch. Auf Messen, das wissen heute auch schon Schüler, zeigt man sich schließlich immer von seiner besten Seite, sind die Mitarbeiter entsprechend gebrieft.

Das Institut für Talententwicklung (IfT), Veranstalter der bundesweiten Messen vocatium, parentum und nordjob, verfolgt ein anderes Konzept. Das Ziel von IfT ist eine größere Verbindlichkeit für die Kontakte der Schüler zu den Unternehmen. Wer will, kann bei den Ausbildungsbetrieben feste Gesprächstermine zur Vorstellung buchen, Begutachtung der Bewerbungsunterlagen inklusive. Gleichwohl ist die Verbindlichkeit für beide Seiten eher gering, echte Einstellungen hierüber die seltene Ausnahme. Den konzeptbedingt höheren Organisationsaufwand versucht IfT durch ein gezieltes Marketing in den örtlichen Schulen möglichst gering zu halten. Angestrebt wird der Besuch kompletter Klassen, oft sogar ganzer Jahrgangsverbände.

Messestand der Deutschen Flugsicherung (Foto: hmb)

Messestand der Deutschen Flugsicherung (Foto: hmb)

Beim Gymnasium Fallersleben war man damit erfolgreich. Die Schule besuchte Anfang Mai die vocatium in der Braunschweiger Stadthalle mit dem kompletten 11. Jahrgang. Niklas Pieninck hatte zur Entscheidungsfindung zwischen einem dualen Studium in seinen Interessensschwerpunkten Informatik und Kunst Gesprächstermine bei VW Financial Services, Siemens, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie der Hochschule Harz vereinbart. „Ich habe sehr viele interessante Informationen erhalten“, berichtet er. Mit einer Einschränkung: „Einige der Azubis, mit denen ich sprechen konnte, waren leider keine dualen Studenten.“ Niklas Pieninck hat die Unternehmen für seine Gespräche gezielt ausgewählt. Denn für jeden Gesprächskontakt gibt es eine Bescheinigung. Niklas Hoffnung ist, dass sich deren Vorlage bei einer späteren Bewerbung positiv niederschlägt.

Kontaktanbahnung als Geschäftsmodell

Während der Eintritt zur Magdeburger Ausbildungsmesse kostenfrei ist, verlangte IfT für den Zugang zur vocatium in der Braunschweiger Stadthalle am 7. und 8. Mai von jedem Besucher fünf Euro. So entpuppen sich die Schülermessen schlicht als ganz normales Geschäftsmodell. Denn neben den Besuchern müssen auch die Unternehmen und Hochschulen Standgebühren entrichten. Die Preise variieren je nach Region, Standort und Fläche, liegen aber, wie zu hören ist, nicht selten im mittleren bis oberen vierstelligen Bereich, bei Premiumveranstaltungen etwa mit ausländischen Hochschulen durchaus auch darüber. Dieser Aufwand muss sich für die Aussteller ebenso wie die Personalkosten rechnen. Kritische Informationen über das eigene Unternehmen oder die Studienbedingungen an der heimischen Alma Mater wird man deshalb von den Standbesetzungen nicht erwarten dürfen. Schließlich wird Quantität und Qualität des Besucherfeedback, damit auch die Überzeugungsmächtigkeit der Standmitarbeiter, im Managerdeutsch der Turnaround dieses Investments evaluiert.

Messestand der Deutschen Flugsicherung (Foto: hmb)

Messestand der Deutschen Flugsicherung (Foto: hmb)

Jetzt meldet sich mein Handy. Ich eile ohne Verzug zum Ausgang, wo Katharina und Marvin bereits auf mich warten. Marvins Miene, so scheint es mir, hat sich verdüstert. „Das hat überhaupt nichts gebracht“, zieht er nach knapp zwei Stunden ein resigniertes Fazit. Jeder habe seine Ausbildung und sein Studium über den grünen Klee gelobt. Aber ob das auch zu seinen ganz persönlichen Interessen und Begabungen passe, hätte kaum jemanden groß interessiert. Sein Eindruck: „Das ist nichts weiter als eine riesengroße Werbeveranstaltung.“ Katharinas Urteil fällt indessen positiver aus. Sie hat gezielt die Stände von Unternehmen aufgesucht, die in ihrem Wunschberuf Industriekauffrau ausbilden. Dort hat sie nach Bewerbungsmöglichkeiten und –fristen, Übernahmechancen sowie anschließenden Karrieremöglichkeiten gefragt – und konkrete Antworten erhalten. Nachdem sie dem Ausbildungsleiter ihr letztes Zeugnis gezeigt hat, wurde sie von den Städtischen Werken Magdeburg (SWM) sogar zu einer Bewerbungen aufgefordert. Und sie solle sich unbedingt auf das Messegespräch beziehen. „Klingt doch gut, oder?“, freut sie sich.

Ausgewähltes Angebot

Freilich waren auch Katharinas Kontakte nicht alle so ergiebig wie am Stand der SWM. Die Kritik ihrer Eltern, die sie zu dieser Messe begleitet haben, formuliert ihr Vater in einem Satz: „Bei vielen Unternehmen fehlten die Entscheider.“ Soll heißen, viele Gespräche blieben im Unverbindlichen stecken. Gut fand Katharina indessen, dass an zahlreichen Ständen auch Auszubildende zu sprechen waren. Die konnten ihr aus erster Hand und sehr authentisch erzählen, wie die Anforderungen in ihrem Unternehmen aussehen, wie die Ausbildung abläuft, worauf man sich insgesamt einzustellen hat. „Eine Übersicht über den kompletten Ausbildungsmarkt bietet diese Messe aber natürlich nicht“, weist sie auf ein wichtiges Defizit. Am Stand der Agentur für Arbeit hat man ihr das Onlineportal „Jobbörse“ gezeigt. „Da findet man viele Firmen, die hier nicht vertreten waren“, tritt sie dennoch mit einem guten Gefühl die Heimfahrt an. Auch Marvin hat sich noch bei der Arbeitsagentur umgeschaut und mit einem Berufsberater für die nächste Woche einen Gesprächstermin vereinbart. „Ich muss erst einmal den roten Faden in die Hand bekommen“, lautet seine Erkenntnis. Das jedoch kann eine solche Messe nicht leisten, weiß er jetzt.

 


Weiterführende Informationen

Informationen über Ausbildungs- und Studienmessen
www.study-plus.de/abi-messen/liste.html
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