Schauspieler – Die Traumfabrik verlangt Talent, Disziplin und harte Arbeit

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2013

Schauspielerin Martina Struppek (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Schauspielerin Martina Struppek (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Martina Struppek ist Schauspielerin am Staatstheater Braunschweig. Vor wenigen Tagen erst habe ich sie auf der Bühne gesehen. Es war in Carl Sternheims Trilogie „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“. Zuerst hatte sie dort die Rolle der Gertrud Deuter, dann verkörperte sie die Sybil Hull, im letzten Teil spielte sie den Sekretär Wilhelm Krey. Jetzt aber steht sie mir in der Cafeteria des Kleinen Hauses leibhaftig gegenüber – in Alltagsklamotten, sportlich schick, mit blitzgescheiten Augen, angenehmer Stimme und einem gewinnenden Lächeln. Wir sind für ein Interview verabredet. Ich erkenne sie wieder, dennoch scheint es mir, als begegnete ich einer anderen Frau. Ich beginne zu ahnen, was es heißt, Schauspieler zu sein. „Während der Aufführung verkörpere ich eine Figur, indem ich mein Selbst erforsche, Teile davon verstärke, fremde Aspekte neu kennenlerne beziehungsweise aktiviere, dafür andere Teile meines Selbst eher vernachlässige“, hilft sie mir in meiner Verwirrung. Heute Nachmittag spielt sie allerdings keine Rolle, ist sie Martina Struppek.

Schauspieler Martin Winkelmann (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Schauspieler Martin Winkelmann (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Martin Winkelmann, der unsere kleine Runde vervollständigt, stehe ich heute das erste Mal gegenüber. Er ist Ensemblemitglied des Jungen Staatstheaters. Was für ihn den Reiz der Schauspielerei ausmache, beantwortet er mit nahezu den gleichen Worten wie Martina Struppek. „Ich habe bereits während der Schulzeit viel Freude daran gehabt, Geschichten zu erzählen, mich als ein anderer zu bewegen, als ein anderer zu reden, als ein anderer zu denken“, formuliert er die Beweggründe seiner Berufsentscheidung. Deshalb habe es für ihn immer fest gestanden, Schauspieler werden zu wollen. Dass es nach der Ausbildung an der Hamburger Schauspielschule Freese sowie anschließenden Gastspielen in Berlin, Hamburg und Zürich schon bald ein Staatstheater werden würde, konnte er da noch nicht absehen. Denn Engagements an einem Staatstheater wie dem in Braunschweig sind für Schauspieler ungefähr das, was für Profifußballer der Vertrag bei einem Verein aus der ersten Bundesliga ist. Noch nicht Championsleague, aber doch erste Bundesliga.

Lange Arbeitstage bei kleinen Gagen

Martina Struppek in „Verrücktes Blut“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Martina Struppek in „Verrücktes Blut“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

So unterschiedlich die beruflichen Werdegänge meiner beiden Gesprächspartner und ihre beruflichen Erfahrungen auch sind, es ist genau das, was sie verbindet: die Begeisterung für das Spiel mit ihrem Körper, ihrer Stimme und allen Sinnen. Ich muss zugeben, ich habe nichts anderes erwartet. Dennoch überrascht es. Denn der Job ist hart und die Bezahlung mies. Die Mindestgage beträgt nach der letzten Tariferhöhung für Anfänger nicht mehr als 1.700 € brutto, der Tarifvertrag endet für Berufserfahrene mit einer festen Anstellung schon bei 3.020 €. Freilich besitzt nur jeder vierte Mime einen solchen unbefristeten Vertrag, die übrigen schlagen sich mit befristeten, Gast- oder gar nur Stückeverträgen durch. Am Staatstheater Braunschweig betrifft das die Hälfte aller 40 Schauspieler. Allein den ganz bekannten Namen gelingt es, höhere Gagen auszuhandeln. Bei einem Überangebot an gut ausgebildeten jungen Nachwuchskräften sowie immer größeren Löchern in den Etats der Intendanten nimmt der Druck freilich auch ganz oben beständig zu. Städtische und Privattheater zahlen häufig noch nicht einmal dieses niedrige Tarifniveau.

Dabei reichen die Arbeitstage meiner beiden Gesprächspartner von früh morgens bis spät abends. Die Proben beginnen um 10 Uhr und enden gegen 14 Uhr. Am Abend dann die Vorstellung, davor etwa noch dreißig bis sechzig Minuten Maske. Alternativ gibt es eine zweite Probe. Beider Ende liegt selten vor 22:30 Uhr. „Bis ich danach wirklich zur Ruhe komme, benötige ich noch einmal gut zwei Stunden“, weist Martina Struppek darauf hin, dass der Schluss der Vorstellung noch lange nicht der Ausklang ihres Arbeitstages ist. Dazu kommen Sprech- und Atemübungen zu Hause und immer wieder Text lernen, bei manchen Rollen schier ohne Ende. Die Schauspieler der Landesbühnen und Tourneetheater verbringen darüber hinaus schließlich viele Stunden auf Autobahnen und Landstraßen, so manche Nacht in durchgelegenen Hotelbetten. Neben Talent und Ehrgeiz avanciert eine robuste Gesundheit deshalb zu den wichtigsten Voraussetzungen eines Schauspielers.

Die Rolle in allen Facetten erfassen

Martin Winkelmann in „Aladin und die Wunderlampe“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Martin Winkelmann in „Aladin und die Wunderlampe“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Die meiste Kraft benötige man als Schauspieler in den Vorbereitungen einer Inszenierung, dann wenn jeder für sich und alle gemeinsam ihre Rolle erarbeiten müssen, berichten Martina Struppek und Martin Winkelmann. Das sei eine hoch interessante, allerdings auch mühsame und kräftezehrende Angelegenheit. Bei den späteren Aufführungen gehe es indessen um das Reproduzieren des Ergebnisses dieses Prozesses. „Mein Anspruch ist es, die Person, die ich spielen werde, in all ihren Facetten, Zusammenhängen und menschlichen Widersprüchen zu erfassen“, formuliert es Martina Struppek. Das Ziel für Martin Winkelmann: „Ich bin erst zufrieden, wenn sich die Rolle der Person, in die ich hineinschlüpfe, verselbständigt, ich also zu denken beginne wie sie.“ Das freilich muss ihm gleichzeitig für mehrere Stücke gelingen. Martina Struppek ist in dieser Spielzeit in immerhin sieben Aufführungen eingesetzt.

In allen Theaterstücken, ob klassisch oder modern, geht es immer um Themen der menschlichen Existenz. Es geht um Liebe und Hass, Freundschaft und Feindschaft, Treue und Verrat, Glück und Leid, Vertrauen und Intrigen, Werte oder Gier. Schauspieler sind das Medium für eine überzeugende Darstellung all dieser Verhaltensweisen und der dadurch ausgelösten Emotionen. Frei in deren Interpretation sind sie gleichwohl nicht. Die liegt in der Hand des Regisseurs. Der im Übrigen auch entscheidet, ob und wie er das Ensemble in die Zielfindung mit einbindet. Am schlimmsten allerdings empfindet Martina Struppek Regisseure, die keinen Plan hätten und stattdessen die Devise ausgäben, nun macht mal. Autoritär oder laissez-fair, noch immer gibt es Regisseure, die den Schauspieler nicht als Partner an einer gemeinsamen Sache verstehen und ihn in die Rolle des bloß ausführenden Organs degradieren.

Der Erfolg gründet in Sensibilität und Offenheit

Martina Struppek in „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Martina Struppek in „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Dennoch lieben Schauspieler ihren Beruf, wie nur wenige Berufsgruppen sonst. Viele verstehen ihn sogar ganz altmodisch noch immer als Berufung. Und das, obwohl er mit dem vielfach geträumten Traum von der Selbstverwirklichung und Anerkennung kaum etwas zu tun hat. Er ist (Kunst-)Handwerk, vor allem aber Mühsal, manchmal einfach Tristesse und Langeweile, gar nicht selten auch Demütigung. Darüber spricht man freilich in der Szene eher selten. Doch angenommen werden zu wollen, besser noch angenommen werden zu müssen, zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Beruf: an der Schauspielschule, einer Agentur, einem Theater, für ein Stück, eine Rolle, von Intendanten, Regisseuren, Kritikern, dem Ensemble und natürlich vom Publikum. Keines davon, was es ohne Einsatz gibt. Und das einzige Mittel, das dem Schauspieler dafür zur Verfügung steht, ist das Leben und die Überzeugungskraft der Figur, die er spielt.

Die wichtigsten Voraussetzungen allen schauspielerischen Erfolgs sind insbesondere zwei Dinge: absolute Sensibilität und unverstellte Offenheit. In dieser Kombination bedeutet beides zugleich freilich auch die höchstmögliche Verletzbarkeit. Damit muss ein Schauspieler lernen umzugehen, das gilt es auszuhalten, ebenso die Erfahrung der eigenen Austauschbarkeit. Erlernbar ist weder das eine noch das andere. Es ist ein fortwährender Prozess von Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis, ein Prozess, der niemals ein Ende findet. Das Studium an einer der rund fünfzehn staatlichen Hochschulen oder die Ausbildung an einer der über sechzig privaten Schauspielschulen kann zwar in vielem helfen. Etwa die eigene Persönlichkeit zu erkunden, Körper und Stimme zielgerichtet einzusetzen, dramatische Situationen und Charakterprofile zielorientiert zu analysieren. Alles andere aber lehrt erst das tägliche Spielen.

Kaum Privatleben

Martin Winkelmann in „Die Verwandlung“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Martin Winkelmann in „Die Verwandlung“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Als darstellender Künstler etwas erreichen zu wollen, muss man spielen, so oft ein Engagement winkt, auf kleinen und auf großen Bühnen. Denn Schauspieler müssen gesehen und gehört werden. Das wird nicht selten ausgenutzt. Wer nicht aufpasst und sich zu früh an zu große Rollen wagt, läuft Gefahr, schnell verschlissen zu werden, irgendwann leer gespielt zu sein, wie es in der Community heißt. Doch auch für ausgereifte Schauspielerpersönlichkeiten wie Martina Struppek ist jede Rolle eine stete Gratwanderung zwischen beruflicher Selbsterfüllung und totaler Entäußerung. Diesen Anforderungen gerecht zu werden, gelingt nur dem, der Verzicht üben kann, zuallererst und immer wieder im Privatleben. Die häufigen Ortswechsel, die Arbeitszeiten, die Unmöglichkeit zu längerfristiger Planung lassen Privates nur in geringster Dosis zu, belasten das Außerberufliche bis zum Zerbersten. Das Paradox dieses Berufes formuliert Martina Struppek ebenso treffend wie bedauernd. „Wir arbeiten in einem hoch kommunikativen Beruf – oft allerdings zum Preis, als Mensch zu vereinsamen.“ Schauspieler sind die Seele jeden Theaterbetriebs, auch wenn unter allen Beschäftigten eine Minderheit. In Braunschweig sind es vierzig von fünfhundert Mitarbeitern. Wichtiger noch, sie müssen viel aushalten.

Auf der Bühne und für die Zeit der Aufführung sind all die Mühsal und Opfer allerdings vergessen. Das motiviert offenkundig jedes Mal aufs Neue. Beim Publikum und bei den Kritikern unmittelbare Reaktionen auszulösen, behält seine Faszination anscheinend ein Berufsleben lang. Und das bietet allein das Theater, weshalb es für die meisten Mimen der Arbeitsplatz schlechthin und durch nichts dauerhaft zu ersetzen ist. Zu dem kehren sie regelmäßig wieder zurück, wie erfolgreich die Ausflüge zu Film und Fernsehen auch immer sein mögen. Die Gagen dort freilich sind verlockend. Auch in der Werbung wird gut verdient. Kommt es im Film auf die Perfektion der einzelnen Szene sowie die deckungsgleichen Übergänge an, liegt die Herausforderung im Theater in der zigfachen Reproduktion des immer wieder gleichen Geschehens.

Hohe Anforderungen in Film und Fernsehen

Martina Struppek in „Aller Tage schwarzer Kater“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Martina Struppek in „Aller Tage schwarzer Kater“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Auch Martina Struppek hat Filmerfahrung. Das Arbeiten dort sei schon ein sehr anderes, hat sie festgestellt. Es gebe deshalb auch nur wenige Kollegen, die das Spiel hier wie dort auf gleichermaßen hohem Niveau beherrschten. Gelte es auf der Theaterbühne raumgreifend und vergrößernd mit einer starken Stimme, viel Mimik und klar erkennbaren Gesten zu agieren, werde man im Film inszeniert, seien die eigenen Handlungsmöglichkeiten dort auf wenige Einstellungen stark reduziert. Mit Bewegungen, seinem Gesicht sowie der Sprache müsse man lernen, sparsam umzugehen. „Die Kamera“, weiß Martin Winkelmann durch Hospitationen sowie eigene Filmaerfahrungen, „sieht alles, auch jede unpassende Muskelbewegung.“ Gleichwohl haben meine beiden Gesprächspartner ehrliche Hochachtung vor den im Film arbeitenden Kollegen. Inmitten von viel technischem Equipment, Lärm und Hektik auf die Minute konzentriert eine von mehreren hundert Sequenzen drehen – das Ende der Story vielleicht sogar als erste, dazu gehört absolute schauspielerische Professionalität.

Gleich, ob der Weg auf die Bühne oder zum Film führt, er ist lang und entbehrungsreich. So manch einer bleibt auf der Strecke. Besonders wichtig ist neben Talent und dem unbedingten Durchhaltewillen eine grundsolide Ausbildung. Nur diese Kombination trägt für ein ganzes Berufsleben. Der Andrang an den einschlägigen Ausbildungseinrichtungen ist riesig. Um die knapp 150 Studienplätze an den staatlichen Hochschulen bemühen sich jedes Jahr unzählige Interessenten. In den Aufnahmeverfahren geben nur die nicht auf, für die der Beruf mehr ist als lediglich Glanz und Glimmer. Martina Struppek erinnert sich noch gut der Zeit, als sie als Studentenvertreterin in der Auswahlkommission der Hochschule für Musik und Theater in Hannover saß, an der sie heute einen Lehrauftrag hat. „Man sieht es sofort, ob einer beziehungsweise eine geeignet ist“, sagt sie. Woran? An der Stimmlage, an den körperlichen Bewegungen, an der personellen Präsenz, an der authentischen Originalität, an der szenischen Intelligenz, nicht zuletzt daran, ob er eine Spielvorgabe prozessual weiterzuentwickeln vermag.

Große Konkurrenz

Martin Winkelmann in „Fliegen lernen“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Martin Winkelmann in „Fliegen lernen“ (Foto: Staatstheater Braunschweig)

Was nach der Ausbildung kommt, ist freilich nichts für ängstliche Seelen. Denn auf dem Markt regiert das Überangebot. Die Ausbildungskapazitäten liegen weit über Bedarf. Die Mittelkürzungen in den Kulturetats von Ländern und Kommunen tun ihr übriges. Bei allen Theatern gehen für eine ausgeschriebene Stelle Berge von Bewerbungen ein. Der Interessenverband Deutscher Schauspieler schätzt die Zahl der hauptberuflichen Schauspieler auf rund 10.000. Unter besonders großem Konkurrenzdruck stehen Frauen. „Die Hälfte der Studenten sind Frauen, die Ensembles aber bestehen zu zwei Dritteln aus Männern“, lenkt Martina Struppek den Blick auf ein strukturelles Ungleichgewicht.

So ist eines deutlich, der Beruf ernährt lange nicht alle, die ihn ausüben. Viele Schauspieler, besonders an kleinen Theatern, können nur mit Nebeneinkünften aus anderen Jobs überleben. Noch schlimmer die Situation für die, die ganz ohne Engagement sind, nach der Statistik der Bundesagentur für Arbeit derzeit knapp 2.000. Und die Dunkelziffer, heißt es in Fachkreisen, liege hoch. Jedes Engagement annehmen, ist in dieser Situation die Devise, auch wenn es an einem Theater ist, von dem man bis dahin noch nie etwas gehört oder gelesen hat – in der sogenannten Provinz. Aber nicht einmal dort finden sich Schauspieler, die ihren Beruf nicht für den schönsten der Welt halten.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand 15.06.2013)

Hauptberuflich tätige Schauspieler (Schätzung): ca. 10.000, davon an Theatern fest angestellt: ca. 2.225
Arbeitslose Schauspieler (Bundesagentur für Arbeit): 1.878
Stellenangebot (Bundesagentur für Arbeit):
Theater mit festem Ensemble: 340

  • davon in öffentlicher Trägerschaft: 140
  • davon in privater Trägerschaft: 200

Weitere Informationen:

Martina Struppek: http://www.staatstheater-braunschweig.de/spielplan/aus-dem-buergerlichen-heldenleben/martina-struppek/
Martin Winkelmann:  http://www.staatstheater-braunschweig.de/spielplan/die-verwandlung/martin-winkelmann/

 

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