Rettungsingenieur – Das Unvorhersehbare beherrschbar machen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2014

Rettungsingenieur: Laborversuch am Dummy (Foto: FH Köln)

Rettungsingenieur: Laborversuch am Dummy (Foto: FH Köln)

Der Tag ist typisch für den November, nebelverhangen grau in grau. Eine Rettungswache irgendwo in Deutschland. Warten auf den Ernstfall. Dann plötzlich schrillen in der Leitstelle die Telefone: Massenkarambolage auf der Autobahn. Obwohl hunderte Male simuliert und mindestens ebenso oft praktisch geübt, wissen die Männer und Frauen wieder einmal nicht, was sie an der Unfallstelle wirklich erwartet. „Vor Ort eingetroffen hat der Einsatzleiter trotz unsicheren Wissens innerhalb kürzester Zeit klare Entscheidungen zu treffen“, schildert Alex Lechleuthner seinen und seiner Kollegen Berufsalltag. Das geschilderte Szenarium ist zwar fiktiv, doch der promovierte Mediziner und Naturwissenschaftler Lechleuthner kennt solche Großschadenslagen zur Genüge. Sie sind Teil seines Jobs. Lechleuthner ist Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr Köln. In Personalunion leitet er in der Domstadt gleichzeitig das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der örtlichen Fachhochschule.

Die Fragen, die es bei derartigen Ereignissen zu entscheiden gilt, ähneln sich in vielen Fällen. Die Antworten aber müssen ausgerichtet an den konkreten Bedingungen stets neu gefunden werden. Etwa darauf: Wie viele Menschen sind verletzt und welche Krankenhäuser können die Weiterversorgung gewährleisten? Ist eine Vollsperrung erforderlich? Über welche Straßen kann umgeleitet werden? Sind Gefahrguttransporter in den Unfall verwickelt? Welchen Stoff haben sie geladen und wie giftig ist er? Welches Rettungsgerät muss angefordert werden? Ist das angrenzende Wohngebiet zu evakuieren? Immer geht es um Menschenleben und Sachwerte, immer auch um eine Menge Geld. Und das viele Male am Tag in Deutschland. In einer Großstadt wie Köln liegt die Zahl der jährlichen Rettungsdiensteinsätze immerhin deutlich über 100.000, macht rund 350 Einsätze jeden Tag. Das Undenkbare beherrschbar zu machen, im Chaos klaren Kopf zu behalten, darin besteht die Aufgabe von Führungskräften im Rettungswesen. Und das ist etwa jeder Zehnte von über 50.000 in diesem Sektor beschäftigten Männern und Frauen.

Schadensbekämpfung in Modellen simulieren

Alex Lechleuthner, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr Köln (Foto: FH Köln)

Alex Lechleuthner, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst der Berufsfeuerwehr Köln (Foto: FH Köln)

Das Unvorhersehbare beherrschbar zu machen, ist hoch komplex und verlangt deshalb multifunktionale Fähigkeiten. Weswegen für die Führungskräfte im Rettungswesen guter Wille schon lange nicht mehr ausreicht. Heute müssen sie gewachsenes Wissen in theoretische Modelle überführen können. Schließlich sind Notfälle, Explosionen, gar Naturkatastrophen zum Glück eher seltene Ereignisse. Zum Glück? Ja und nein, sowohl als auch. Denn was für die Menschen ein Segen ist, erweist sich für die Rettungsexperten als äußerst ambivalente Angelegenheit. Beschränkt es doch ihre Möglichkeiten, aus Schaden klug zu werden, auf ein Minimum. Entsprechende Versuche, so wie in der Industrie üblich, sind wegen des ungeheuren Aufwandes und extrem hoher Kosten nur selten durchführbar. Bleibt allein die Simulation mittels komplizierter Rechenmodelle sowie die Beschreibung eines eventuellen Störfallverlaufs anhand von Szenarien. Die Hochschulen mit einschlägigen Studienangeboten vermitteln genau diese Qualifikation.

Yannic Brüning, Student des Rettungsingenieurwesens an der Fachhochschule Köln im letzten Semester, bestätigt das. „Das Studium will aus uns keine besseren Feuerwehrleute oder Rettungsassistenten machen“, formuliert er dessen Zielstellung. Stattdessen würden er und seine Kommilitonen für die Übernahme von Führungs-, Planungs- und Managementaufgaben ausgebildet. „Als Rettungsingenieure“, beschreibt es Benjamin Käser, Absolvent des Kölner Studiengangs und jetzt geschäftsführender Partner des Ingenieurbüros antwortING, „stehen wir nicht mehr am Unfallauto und versuchen, den eingeklemmten Fahrer mit der Rettungsschere frei zu bekommen, sondern analysieren Prozesse und Strukturen auf der Metaebene, also aus übergeordneter Sicht.“ Konkret könnte das für Rettungsingenieure mit Führungsverantwortung in irgendeiner Feuerwehr heißen: Lohnt sich die Anschaffung eines hydraulischen Schneidgerätes, oder gibt es eine bessere Methode, Personen aus einer solchen Lage schnell zu befreien? Müssen Workshops zur Weiterbildung entwickelt werden? Dieses Beispiel macht ein zweites deutlich. „Rettungsingenieure werden inzwischen nicht mehr nur im operativen Bereich benötigt, dann also wenn der Schaden bereits eingetreten ist, sondern zunehmend werden sie auch in der vorbeugenden Gefahrenabwehr tätig“, erklärt Alex Lechleuthner die Entwicklung seines Berufes.

Entscheidungsbereitschaft bei unklarer Datenlage

Studenten der Fachhochschule Köln üben einen Rettungseinsatz (Foto: FH Köln)

Studenten der Fachhochschule Köln üben einen Rettungseinsatz (Foto: FH Köln)

Interessierte Schüler sollten die Berufsbezeichnung sehr ernst nehmen. Das betrifft insbesondere die zweite Worthälfte. Die Studienanfänger erwartet in Köln ebenso wie an den anderen Hochschulen ein Ingenieurstudiengang mit allem, was dazu gehört. Wer sich auf dieses Studium einlässt, muss die dicken Bohlen ingenieurtechnischer Grundlagenfächer wie vor allem Mathematik, Physik, Chemie, Technische Mechanik, Werkstoffkunde, Thermodynamik und Elektrotechnik bohren wollen. Den multifunktionalen Anforderungen des Berufes entspricht die interdisziplinäre Studienstruktur. Die ingenieurtechnischen Studieninhalte werden ergänzt durch wirtschaftswissenschaftliche und rechtliche Lehrveranstaltungen. Hinzu kommen einsatzbezogene Module wie Taktik und Logistik, aber auch Soziologie, Psychologie, Sozialmedizin oder Biomedizintechnik. In keinem dieser Fächer werden es Rettungsingenieure zu Spitzenleistungen bringen. Das ist auch nicht angestrebt. Denn Rettungsfachleute in Führungsfunktionen sind keine Spezialisten, sondern Allrounder. Deshalb benötigen sie als wichtigste Qualifikation Überblickswissen. Und genau darauf stellt das Studium ab.

Ingenieure lernen im Studium zu messen, zu analysieren, Konzeptionen zu entwickeln und Prozesse jeglicher Art zu überwachen. Rettungsingenieuren wird darüber hinaus eine weitere Kompetenz vermittelt. Sie müssen abschätzen lernen, wie sich der Risikofaktor Mensch in hoch komplexen technischen Systemen verhält. Freilich seien menschliche Reaktionen in Extremsituationen weder vorhersehbar noch ließen sie sich standardisieren, ist Benjamin Käser überzeugt. „Deshalb vollzieht sich die Arbeit von operativ tätigen Rettungsingenieuren ganz häufig in unklaren Situationen und müssen sie darin unter Zeitdruck sofort entscheidungsfähig sein“, formuliert er eine wichtige persönliche Anforderung an seine Zunft. So ist denn auch die Vermittlung sozialer Kompetenzen fester Bestandteil des Studiums. Sie werden während der täglichen Arbeit sowie als Führungskraft im Einsatz benötigt.

Yannic Brüning, Student an der Fachhochschule Köln (Foto: privat)

Yannic Brüning, Student an der Fachhochschule Köln (Foto: privat)

Gleichwohl sind Spontis im Rettungswesen genauso fehl am Platz wie Prinzipienreiter. Schließlich haben sie ihre jeweilige Einsatzstrategie immer dem Ziel, menschliches Leben zu retten und Sachwerte vor der Zerstörung zu bewahren, unterzuordnen. „Zunehmend werden aber an Rettungsingenieure in der operativen Gefahrenabwehr auch strategische Anforderungen gestellt“, ergänzt Alex Lechleutner. Dann etwa, wenn sie Qualitätsmanagementsysteme zu implementieren hätten. Überhaupt werden die meisten Rettungsingenieure im Hintergrund tätig. Ihren Berufsalltag dominieren Planungsaufgaben, Personalführung und Managementtätigkeiten. Auch da brauchen sie Entscheidungsfreude und eine gute Portion Leadership.

Arbeitsfeld mit extrem hoher Kommunikationsdichte

Einer großen Portion Selbstbewusstsein und Durchsetzungsfähigkeit bedürfen auch die in der vorbeugenden Schadensabwehr tätigen Rettungsingenieure. Michael Hoffmann etwa arbeitet im Büro für Brandschutz in Bergisch-Gladbach. Dort erstellt er Brandschutzkonzepte für Neubauten, bei Nutzungsänderungen oder in Fällen, wo die Feuerwehren dem Eigentümer Auflagen für den vorbeugenden Brandschutz gemacht haben und die Versicherung auf deren Umsetzung besteht. Da hat er es mit Bauingenieuren zu tun, für die die Funktion des umbauten Raumes im Vordergrund steht, mit Handwerkern der verschiedensten Gewerke und mit Bauherren, für die Brandschutzauflagen meist ungeliebte Zusatzkosten verursachen. „Am schwierigsten wird es, wenn bei alten Gebäuden keinerlei Unterlagen vorhanden sind und ich mit der Bestandsaufnahme ganz von vorne anfangen muss“, erzählt er. Aber auch wenn er von rechtlichen Vorgaben abweiche und er diesen Sonderweg hieb- und stichfest erklären müsse. Vier Fünftel seiner Arbeit spiele sich im Büro am Rechner ab, betont auch er den planerischen Anteil seiner Tätigkeit.

Studenten der Fachhochschule Köln üben den Einsatz bei einer Großschadenslage (Foto: FH Köln)

Studenten der Fachhochschule Köln üben den Einsatz bei einer Großschadenslage (Foto: FH Köln)

Rettungsingenieure entsprechen noch in einem weiteren Aspekt so gar nicht dem Klischee des für alles eine Lösung findenden, gleichwohl wortkargen Technikers. Sowohl bei der unmittelbaren Schadensabwehr als auch im vorbeugenden Gefahrenschutz sind überdurchschnittliche kommunikative Fähigkeiten gefordert. Als operativer Einsatzleiter muss ein Rettungsingenieur genau zuhören und anschließend absolut präzise Anweisungen geben können. Nicht leichter hat es Benjamin Käser, wenn eine Stadt oder ein Landkreis ihn beauftragt, die Strukturen ihrer Feuerwehren zu optimieren. „Das beginnt bei der Definition des Problems und endet erst, wenn ich den Bürgermeister von meinem Konzept überzeugen konnte und in der Umsetzungsphase die Einsatzkräfte zur Annahme der neuen Organisationsstruktur motivieren kann“, beschreibt er die Anforderungen.

Persönlicher Einsatz bewirkt große beruflich Zufriedenheit

So sind es immer Sonderlösungen, die Rettungsingenieure finden müssen, weil es Standardlösungen in ihrem Metier nun einmal kaum gibt. Die Quadratur des Kreises zu beweisen, dürfte kaum schwieriger sein. Die Anforderungen für Rettungsingenieure sind also hoch. Ihre berufliche Zufriedenheit ist es freilich auch. „Ich wollte immer mehr sein, als nur ein Rädchen im normierten Getriebe“, erklärt es Yannic Brüning, „mit dem Rettungsingenieurwesen habe ich die fachliche und persönliche Herausforderung gefunden, die ich suchte.“ Der Berliner weiß, wovon er spricht. Während eines Praktikums in Albanien lernte er die Arbeitsbedingungen eines Entwicklungslandes kennen. Ein zweites Praktikum führte ihn ins Department of Emergency Management von San Francisco, für die Insider neben den einschlägigen Institutionen in Japan so etwas wie das Mekka der Rettungsprofis. Mehr noch als die wegen der latenten Erdbebengefahr hochentwickelte Rettungsinfrastruktur imponierte dem Kölner Studenten die Motivation seiner kalifornischen Kollegen. „Das war absolut professionell“, erinnert er sich noch gerne seiner Zeit im amerikanischen Sonnenstaat.

Benjamin Käser, Partner von antwortING Ingenieurbüro PartG (Foto: privat)

Benjamin Käser, Partner von antwortING Ingenieurbüro PartG (Foto: privat)

Die wichtigste Voraussetzung für Erfolg im Studium wie im späteren Beruf sei neben einem breiten technischen Interesse der Zugang zum Thema Gefahr und Gefahrenabwehr, ist Benjamin Käser überzeugt. Er selbst hatte den ersten Kontakt während seines Zivildienstes im Rettungsdienst. Ähnlich war es bei Michael Hoffmann. Nach Abitur und Zivildienst entschloss er sich zu einer Ausbildung zum Rettungsassistenten. Yannic Brüning wiederum machte zwischen Abitur und Studium eine dreimonatige Kurzausbildung zum Rettungssanitäter. Andere kommen über ehrenamtliche Tätigkeiten im Deutschen Roten Kreuz, den Freiwilligen Feuerwehren oder dem Technischen Hilfswerk. Typisch für das Rettungswesen sind die breit gefächerten beruflichen Möglichkeiten. Während Michael Hoffmann im vorbeugenden Brandschutz tätig ist, arbeitet Benjamin Käser in seinem vor allem beratend tätig werdenden Ingenieurbüro. Yannic Brüning sieht seine Zukunft in der Biomedizintechnik. Geräte, die bisher nur stationär vorhanden sind, auch für den mobilen Rettungseinsatz zu entwickeln, ihre Bedienfreundlichkeit zu verbessern, das ist es, was er anstrebt.

Studien- und Berufsalternativen zum Rettungsingenieurwesen finden sich in der Sicherheitstechnik sowie im Katastrophenschutz. Die Sicherheitstechnik fokussiert sich auf Produktionsprozesse und Verfahren in produzierenden Unternehmen wie der sicheren Handhabbarkeit einzelner Produkte. Der Katastrophenschutz befasst sich indessen vor allem mit planerisch-konzeptionellen Aufgaben sowie logistischen und rechtlichen Aspekten bei Großschadenslagen. Im Gegensatz zur Sicherheitstechnik sind Arbeitgeber hier ausschließlich öffentliche Verwaltungen. Erwähnenswert ist ein Letztes. „Im internationalen Vergleich“, sagt Alex Lechleuthner abschließend, „besitzt das deutsche Rettungswesen einen anerkannt hohen Qualitätsstandard.“ Die in Köln und andernorts ausgebildeten Rettungsingenieure wollen dafür sorgen, dass das so bleibt.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.02.2014)

Berufstätige: es liegen keine genauen Zahlen vor.
Informationen zum Berufsbild: http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/resultList.do?resultListItemsValues=94191&duration=&suchweg=begriff&searchString=%27+Rettungsingenieur*+%27&doNext=forwardToResultShort
Studienmöglichkeiten: http://www.hochschulkompass.de/studium/suche/erweiterte-suche.html
Suchbegriffe: Rettungsingenieurwesen, Gefahrenabwehr, Sicherheitstechnik, Katastrophenschutz
Gehalt: abhängig von Abschluss, Arbeitgeber und Berufserfahrung; Anfangsgehälter zwischen 2.500 bis 3.800 € (brutto).

 

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