Redenschreiber – Mit Worten (ver)zaubern

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2015

Es ist eine wahre Geschichte, keine Legende. Man schreibt das Jahr 1963. Neben dem Superstar Marlene Dietrich und vielen anderen sind auch die Beatles zur alljährlichen Royal Variety Performance eingeladen. Das Publikumsinteresse ist riesig. Immerhin stürmt die Liverpooler Rockband mit „I Want to Hold Your Hand“ gerade sämtliche Hitparaden. Karten für den Event im Prince of Wales Theater sind schon lange ausverkauft. Doch trotz Kälte und Nieselregen haben sich viele Fans am Abend des 4. November vor dem Haus in der Londoner Coventry Street versammelt. Drinnen steigt die Spannung. Endlich kommen die Fab Four auf die Bühne. Die Besucher, darunter auch die Königsfamilie, jubeln überschwänglich. Doch bevor die vier jungen Männer zu spielen beginnen, tritt John Lennon ans Mikrofon. „Die Herrschaften auf den billigeren Plätzen“, hören alle ihn sagen, „mögen bitte mitklatschen. Der Rest klappert einfach mit den Juwelen.“

Stefan Koslowski (Foto: privat)

Stefan Koslowski (Foto: privat)

Der Applaus ob dieser kessen Lippe soll Orkanstärke erreicht, die Queen und Prinz Philip herzlich gelacht haben. Als großer Redner ist der damals 23-jährige Lennon bis dahin wie auch später zwar nicht in Erscheinung getreten. Doch wie die Reaktion des Publikums zeigt, erfüllt sein Auftritt an jenem Tag alle Kriterien einer guten Rede. Sie ist kurz, scharfsinnig, authentisch, emotional, humorvoll, dazu genau auf den Punkt, den Zeitgeist und die Zielgruppe ausgerichtet. Für professionelle Redenschreiber wie den Hamburger Stefan Koslowski liegen die Dinge freilich nur selten so einfach wie für den Beatle Lennon. Immerhin sind die, denen er als Ghostwriter zuarbeitet, in aller Regel Personen aus den oberen Führungszirkeln in Politik und Wirtschaft, die Zuhörer oft genug Leute vom Fach. „Und die erwarten vom Redner nicht nur geschliffene Formulierungen“, beschreibt Koslowski seine Aufgabe, „sondern vor allem Lösungsvorschläge für komplizierte Sachverhalte.“

Denken und schreiben

Der Beruf des Redenschreibers ist hierzulande ein Nischenberuf und einer, für den es keine gezielte Ausbildung gibt. Der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) zählt wenig mehr als vierhundert Mitglieder. Viele davon sind eher zufällig zu ihrem Job gekommen. Für ebenso viele ist es eine zweite Karriere. Typisch für die Mitglieder der Community sind ihre Wortgewandtheit, dazu die Freude am Dialog. Das Interesse an und der Gebrauch von Sprache ziehen sich wie ein roter Faden durch das, was Redenschreiber beruflich zuvor gemacht haben. Oft besitzen sie wie Ariane Gottberg einen journalistischen Hintergrund. Gottberg betreibt zusammen mit Thomas Östreicher, dem zeitweiligen Redenschreiber des Hamburger Oberbürgermeisters Olaf Scholz, die Agentur Die perfekte Rede. „Eine journalistische Tätigkeit halte ich für die beste Vorbereitung“, ist sie überzeugt, „denn auch das Redenschreiben ist vor allem Handwerk.“

Christian Gasche (Foto: Martina van Kann)

Christian Gasche (Foto: Martina van Kann)

Allerdings eines auf hohem Niveau. „Schließlich geht es oft genug nicht allein nur darum, bereits klare Sachverhalte lediglich zielgruppenspezifisch aufzubereiten“, formuliert es der Frankfurter Redenschreiber Christian Gasche. Gasche schreibt überwiegend für Führungskräfte aus der Wirtschaft. „Ich muss immer auch für den Redner vorausdenken“, weist der Betriebswirt auf die besondere Verantwortung eines Redenschreibers hin. So verwundert es nicht, dass fast alle Redenschreiber über einen akademischen Abschluss verfügen. Denn gefragt ist Generalistenwissen, verbunden mit der Fähigkeit, sich schnell in unbekannte Sachverhalte ebenso wie die Weltsicht ihrer Auftraggeber oder in die Anforderungen deren Ämter und  Funktionen eindenken zu können. „Nur wenn ich das Thema verstanden habe“, erklärt Katrin Freisberg als ehemalige Redenschreiberin des früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, „kann ich eine gute Rede entwerfen.“ Die Recherchen über den jeweiligen Sachverhalt sind deshalb umfangreich und zeitaufwendig.

Dienstleister in der zweiten Reihe

Am Ende ist die Rede dennoch immer die Rede des Redners, nicht die des Redenschreibers. „Wer Schwierigkeiten mit der zweiten Reihe hat, wer lieber selbst redet als zuhört, sollte die Finger von diesem Beruf lassen“, gibt deshalb Ariane Gottberg Interessierten zu bedenken. Redenschreiber müssten mit der zweiten Reihe zufrieden sein. Thilo von Trotha,  der ehemalige Präsident des VRdS und ehemalige Redenschreiber von Altkanzler Helmut Schmidt, drückt es etwas zurückhaltender aus. „Der Redenschreiber“, sagt er, „ist Dienstleister.“ Er gebe nur Anregungen und Vorschläge. Der Redner entscheide, ob er sie annehme, ablehne oder modifiziere. „Aber für kluge Redner haben wir die Bedeutung von Sparringspartnern und stehen intellektuell auf gleicher Augenhöhe“, bemüht er ein Bild aus dem Boxsport. Trotz des Platzes in der zweiten Reihe müssen Redenschreiber gleichwohl ein Feeling für die Bühne und öffentliche Auftritte entwickeln. „Denn eine gute Rede braucht ähnlich wie jedes Drehbuch einen Spannungsbogen und kluge Pointen“, weiß die in Berlin lebende Politologin Freisberg. „Schließlich will der Redner nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz seiner Zuhörer erreichen.“

Katrin Freisberg (li.) mit ihren Partnern von „freiagentur“ (Foto: freiagentur)

Katrin Freisberg (li.) mit ihren Partnern von „freiagentur“ (Foto: freiagentur)

So müssen denn Redenschreiber um den Unterschied zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort wissen. „Wir schreiben für Zuhörer, nicht für Leser“, bringt es Stefan Koslowski auf den Punkt. Da gibt es keine Möglichkeit zum Zurückblättern, da muss jeder Satz ins Schwarze treffen. Koslowski weiß, wovon er spricht. Er ist Autor zahlreicher Features für den NDR-Hörfunk und besitzt darüber hinaus Erfahrungen als Werbetexter. „Die Rede muss sitzen wie ein Maßanzug“, beschreibt er seine wie der Auftraggeber Ansprüche. Dafür reichen Sachkenntnisse zum Thema alleine nicht aus. Den Anlass der Rede, die Eigenheiten des Redners zu kennen, sind weitere wichtige Voraussetzungen für ein passables Redemanuskript. Eine gute Rede, wusste schon Winston Churchill, soll schließlich das Thema erschöpfen, nicht aber die Zuhörer. Deshalb bedürfen Redenschreiber auch unbedingt des Wissens um die Herkunft, das Bildungsniveau, die Interessen und Interessenkonflikte der mitunter heterogenen Zuhörerschaft. „Die Gästeliste ist für mich bei jeder Rede eine wichtige Informationsquelle“, bestätigt Katrin Freisberg.

Botschaften formulieren

Nicht, um dem Publikum nach dem Mund zu reden, sondern um die mit dem Redner vereinbarte zentrale Botschaft adressatengerecht formulieren zu können. „Eine gelungene Rede“, sagt Christian Gasche, „ist mehr, als im gegenseitigen Respekt Standpunkte auszutauschen. Eine Rede ist wie das Gespräch mit einem guten Freund, in dem man  zuhört, verarbeitet, wertschätzt, Haltung bezieht, Argumente vorträgt, zu überzeugen versucht – und gegebenenfalls noch einmal von vorne beginnt.“ Genau an dieser Stelle aber entstehen die größten Reibungsverluste. Denn zahlreiche Auftraggeber scheuen den Aufwand für ein ausführliches Vorbereitungsgespräch. Viele Redenschreiber kennen ihre Auftraggeber deswegen nur von kurzen Telefonaten. Nicht selten müssen ihnen Informationen aus zweiter Hand, etwa durch die Referenten aus den Stäben der Auftraggeber, reichen. Zielgenau zu formulieren, wird damit nicht selten zum Glücksspiel.

Thilo von Trotha (Foto: privat)

Thilo von Trotha (Foto: privat)

„Das Bewusstsein, mit einer exzellenten Rede Werbung in eigener Sache machen zu können, wächst immer noch langsam“, bedauert Thilo von Trotha. Am ehesten reife diese Erkenntnis in den Vorstandsetagen der großen DAX-Konzerne und bei Politikern der ersten Reihe, beobachten meine Gesprächspartner. Hier beginne man zu begreifen, wer führen wolle, müsse reden. Und nur wer überzeugend rede, könne auch führen. Reden ist dabei um ein Vielfaches mehr, als in hohem Sprechtempo nur ein Wort an das andere zu reihen. All das macht das Redenschreiben zu einer Schweiß treibenden Arbeit. Das weithin ausbleibende Feedback macht sie darüber hinaus oft sogar zu einem einsamen Job.

Nur selten erhalten die Redenschreiber eine Rückmeldung des Redners. Noch seltener können sie dem Vortrag der von ihnen erstellten Rede lauschen. Dabei würde beides helfen herauszufinden, ob es gelungen ist, die richtigen Worte zu finden und auf die unzutreffenden zu verzichten. Eigene Lebenserfahrungen avancieren unter solchen Bedingungen zu einer bedeutsamen Berufsqualifikation. Zwar muss nicht jede Rede preisverdächtiges Niveau erreichen. Dennoch gelingen nur die wenigsten Formulierungen und Überleitungen gleich immer im ersten Anlauf. Da sind Geduld, Selbstdisziplin und Stehvermögen erforderlich. Auf feste Arbeitszeiten wie freie Wochenenden sollten Redenschreiber ohnehin keinen allzu gesteigerten Wert legen. Die Fristen zur Abgabe der Manuskripte sind in der Regel eng gesteckt. Schreiben ist intellektuell zwar kreativ, aber eben auch Schwerstarbeit.

Klugheit, Bescheidenheit, Demut

John F. Kennedy (Foto: unbekannt)

John F. Kennedy hatte mehrere Redenschreiber (Foto: unbekannt)

Angestellte Redenschreiber bedürfen unbedingt der passenden Chemie zu ihrem Vorgesetzten, Freiberufler einer ausreichenden Zahl an Aufträgen. Beides erweist sich als gar nicht so einfach. Selbstständige Redenschreiber haben oft ein zweites Standbein im Journalismus, in der Öffentlichkeitsarbeit oder ähnlichen kommunikationsorientierten Arbeitsfeldern. Für jeden Auftrag gilt absolute Diskretion. Wie lose im Einzelfall auch das Verhältnis des Redenschreibers zum Redner sein mag, gilt stets, niemand ist dem Redner so nahe wie sein Schreiber. Und doch muss der gleichzeitig Distanz wahren. Denn nur so gelingt die komplizierte Gratwanderung, dem gar nicht seltenen Wunsch nach Schönung unerfreulicher Tatsachen nicht nachzugeben, aber zugleich das Vertrauen des Chefs oder Auftraggebers zu behalten. Die Nähe des Redenschreibers zum Redner weckt freilich auch den Neid von Referenten, Staatssekretären oder Vorstandskollegen. Da hilft dann nur äußerste Klugheit bei größtmöglicher Bescheidenheit und aufrichtiger Demut.

Wer indessen neugierig auf Menschen und das bunte Leben ist, für den gibt es kaum einen schöneren Beruf als den des Redenschreibers, ist Stefan Koslowski überzeugt. Er jedenfalls will bleiben, was er ist: Ghostwriter. Reden zu Jubiläen, Preisverleihungen, Verabschiedungen, Begrüßungen oder einfach nur Familienfesten seien schließlich immer auch die Beschreibung von Lebensgeschichten. „Mich fasziniert das.“ Heute schreibt er nicht nur selbst Reden, sondern gibt sein Wissen in Seminaren an den Nachwuchs weiter. Ähnlich formuliert es Thilo von Trotha. Redenschreiber hätten wie kaum jemand sonst das Privileg, in vieles hineinschauen zu dürfen, was anderen Menschen Zeit ihres Lebens verschlossen bleibe. „Gleichzeitig sind in unserem Beruf selbständiges Denken und eine von Grenzen freie Phantasie unbedingte Voraussetzungen“, formuliert er seine Erfahrungen. Vollmundig gefordert würde beides zwar überall, wirklich erwartet werde es aber nur selten.

Beruf und Berufung

Ariane Gottberg und Thomas Östreicher (Foto: Die perfekte Rede)

Ariane Gottberg und Thomas Östreicher (Foto: Die perfekte Rede)

Was für den inzwischen 75-jährigen von Trotha während seiner juristischen Ausbildung mit dem Redenschreiben für Abgeordnete des Bundestages begann, hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande 2009 war ein Höhepunkt, kein Ende. Der Doyen der deutschen Redenschreiber ist noch immer aktiv. Es sind die Mühe, etwas sprachlich auf den Punkt zu bringen, sich immer wieder in neue Sachgebiete einarbeiten zu müssen, die Kunst, Thema, Ziel, Anlass, Redner und Publikum gleichzeitig im Blick zu behalten, was ihm nicht Last, sondern Lust ist. Und manchmal wird aus der Freude sogar echtes Glücksempfinden. So wie bei Ariane Gottberg. Eine Frau bat sie um eine Geburtstagsrede für ihre Schwiegermutter. Die Aufgabe war nicht leicht, denn das Verhältnis der beiden Frauen zueinander war geprägt von herzlicher Abneigung. Drei Jahre später erzählte ihr die Frau, dass die Schwiegermutter diese Rede noch immer unter ihrem Kopfkissen aufbewahre und ihr beider Verhältnis seitdem zu einem von gegenseitiger Achtung geworden sei. Können also Worte und eine Rede die Menschen doch verzaubern?

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:01.11.2015)
Berufstätige: ca. 400 (haupt- und nebenberuflich).
Einkommen:

Weiterführende Informationen: http://www.vrds.de/beruf-redenschreiber.php

 

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