Polizist – Arbeiten für ein geregeltes Miteinander

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2015

Polizeibeamtinnen der Hamburger Reiterstaffel (Foto: Polizei Hamburg)

Polizeibeamtinnen der Hamburger Reiterstaffel (Foto: Polizei Hamburg)

Vor Zeiten noch stand er auf der Hitliste von Berufswünschen junger Männer ganz oben. Das hat sich verändert. Der Polizeidienst ist inzwischen auch für Frauen eine attraktive Karrieremöglichkeit geworden, so die positive Botschaft. Die Kehrseite der Medaille hat freilich ein negatives Vorzeichen. Die Bewerberzahlen insgesamt sind rückläufig. Die wachsende Einsatzdichte ebenso wie der vielerorts ungebremste Stellenabbau, die Erosion der gesellschaftlichen Wertschätzung polizeilicher Arbeit, auch die oft genug nur wankelmütige Rückendeckung der Innenminister als ihren Arbeitgebern sprechen sich schnell herum. Das alles gepaart mit einer stark verbesserungswürdigen Gehaltsstruktur lässt nicht nur in den eigenen Reihen den Unmut wachsen. Es beschert der Polizei unter jungen Bewerbern trotz teurer PR-Aktionen zunehmend ein Imageproblem. Und doch ist der Beruf für die meisten Polizisten mehr als nur ein Job zum Geldverdienen. Er ist ihre Berufung.

Das empfindet auch die Berlinerin Elke Treichel (Name von der Redaktion geändert) so. Sie kam erst über den Umweg zweier anderer Ausbildungen zur Polizei. Da war sie bereits Ende zwanzig. „Der tägliche Kontakt mit den Bürgern reizte mich am Dienst in Uniform“, beschreibt sie ihre damalige Gemütslage. Diese Faszination hat auch nach mehr als zwanzig Dienstjahren und trotz mancher Belastungen wie Schicht- und Wochenendarbeit nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Tatsächlich gestaltet sich jeder Einsatz anders. Routine gibt es für Polizisten nicht! Nach dem Aufstieg in den gehobenen Dienst trägt die Polizeihauptkommissarin in einer Berliner Dienststelle heute in einer Führungsfunktion Personalverantwortung für 37 Kollegen. Darüber hinaus engagiert sie sich in der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Was Polizisten wie Elke Treichel an ihrem Beruf so schätzen? „Kaum ein anderer Arbeitsbereich verfügt über eine derart große Vielfalt an Einsatzfeldern und Arbeitsmöglichkeiten wie der des Polizisten“, sagt sie.

Vom Funkwagendienst über den Personenschutz bis zur Terrorbekämpfung

Hessische Polizisten im Auslandseinsatz (Hessisches Ministerium des Innern und für Sport HMdIS)

Hessische Polizisten im Auslandseinsatz (Hessisches Ministerium des Innern und für Sport HMdIS)

Während die eigentliche Polizeihoheit in den Verantwortungsbereich der Bundesländer fällt, ist der Bund mit der aus dem früheren Bundesgrenzschutz hervorgegangenen Bundespolizei, dem Bundeskriminalamt (BKA) und der Polizei beim Deutschen Bundestag für ausgewählte Spezialaufgaben zuständig. So ist die Bundespolizei mit ihrer Zentrale in Potsdam neben dem Schutz der Verfassungsorgane und der Bundesministerien sowie seit jüngstem auch der Deutschen Bundesbank vor allem für die grenzpolizeiliche Sicherung des Bundesgebietes zu Land, auf dem Wasser und in der Luft verantwortlich. Letzteres schließt selbstverständlich die Kontrolle des grenzüberschreitenden Verkehrs, die Grenzfahndung und Bekämpfung des Schleusungswesens sowie Sicherheitsmaßnahmen an Bord von Flugzeugen mit ein. Weiter nimmt die Bundespolizei die Aufgaben der Bahnpolizei wahr, unterstützt das BKA im Personen- und Begleitschutz sowie das Auswärtige Amt bei der Sicherung dessen diplomatischer Vertretungen rund um die Welt. Last but not least organisiert sie Auslandseinsätze eigener und Länderpolizisten unter UNO- und EU-Mandat.

Mit diesem Aufgabenspektrum präsentiert sich die Bundespolizei weithin als klassische Eingriffsverwaltung, deren Aufgabenschwerpunkte mehrheitlich in konkreten Aktionen zur Abwehr, Verfolgung und Aufklärung von Straftaten bestehen, in der Sprache der Experten repressive Kriminalitätsbekämpfung genannt. In hohem Maße bestimmt das auch die Arbeit der Länderpolizeien, wenngleich nicht ausschließlich. Großen Raum in deren Arbeit nehmen auch die Vorbeugung und Beratung, also die präventive Verbrechensbekämpfung ein. Indessen ist die Mehrzahl der Beamten der Schutzpolizei im Wach- und Streifendienst eingesetzt. „Da muss man sich schnell ein Bild von der Lage machen, Entscheidungen treffen und handeln können“, erinnert sich Elke Treichel ihrer Zeit im Funkwageneinsatzdienst. „Das war eine glückliche Zeit“, sagt sie mit strahlenden Augen. Denn vor allem auf der Straße zeige sich, ob die Polizei gute Arbeit leiste, ist sie überzeugt.

Jeder Einsatz ist anders

Hubschraubereinsatz im Gebirge (Foto: diba)

Hubschraubereinsatz im Gebirge (Foto: diba)

„Eine der wichtigsten Kompetenzen für unseren Beruf“, glaubt sie, „Polizisten müssen auch Menschen mögen, die nie gelernt haben, gewaltfrei miteinander umzugehen.“ Ihr wie ihrer Kollegen Erfolgsrezept: Verbal und von der Körpersprache keinen unnötigen Widerstand provozieren, trotz aller Auseinandersetzungen auf der Sachebene konsequent bleiben! „Genauso wichtig aber ist es, sich den Blick von außen auf unser Handeln zu bewahren und als Person authentisch zu bleiben.“ Das scheint nicht immer einfach, denn die psychische Belastung im Dienst ist hoch. Die Selbstmordrate unter Polizisten, berichtet die Tageszeitung Welt, sei doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Die nordrhein-westfälische Polizei verlor im letzten Jahr 41 Beamte durch Suizid.  „Wir sehen nicht nur, wozu Menschen entschlossen sind“, beschreibt Steve Feldmann, Mitglied der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und Kriminalbeamter, die besonderen Anforderungen des Polizeiberufes, „wir sehen auch die Folgen davon, die Frauen und Kinder, die Opfer häuslicher und/oder sexueller Gewalt werden, die verletzten Raubopfer, Unfalltoten und Drogenleichen.“

Die Beamten der Schutzpolizei wissen zu Beginn ihres Einsatzes nur selten, was sie erwartet – Ruhestörung, Raub, sexueller Missbrauch, eine Schießerei, vielleicht sogar ein Totschlag. Das Bild in der Kriminalpolizei hat dagegen ein ganz anders Gesicht. Immerhin treten Kriminalbeamte regelmäßig erst dann auf den Plan, wenn das Delikt bereits geschehen ist. Im Gegensatz zu ihren Kollegen von der Schutzpolizei können sie sich deshalb auf das vorbereiten, wozu sie gerufen werden. Das erklärt auch die weitreichende Spezialisierung in Form unterschiedlicher Dezernate, von Betrug über Wirtschaftsstrafsachen, Drogendelikten und Organisierter Kriminalität  bis hin zu Mord. Baden-Württemberg reagiert als eines der ersten Bundesländer auf die steigende Cyberkriminalität und stellt dafür seit kurzem sogar externe Hochschulabsolventen aus dem IT-Bereich mit mindestens dreijähriger Berufspraxis ein. Aber noch etwas unterscheidet sich gravierend. Zwar nimmt die Sachbearbeitung, also das Verfassen von dienstkundlich formulierten Protokollen und Berichten, inzwischen auch im Arbeitsalltag von Schutzpolizisten einen erheblichen Umfang ein. Kriminalbeamte arbeiten indessen nahezu ausschließlich vom Schreibtisch aus. Bis auf Durchsuchungen verlassen sie ihre Diensträume eher selten.

Immer ganz nahe am Geschehen

Steve Feldmann von der Berliner Kriminalpolizei (Foto: Polizei Berlin)

Steve Feldmann von der Berliner Kriminalpolizei (Foto: Polizei Berlin)

Der Polizeidienst, so ein erstes Zwischenfazit, ist damit kein Beruf für nachdenkliche introvertierte Wissenschaftler, sondern einer für kommunikationsstarke und entscheidungsfreudige Macher. „Unser Job ist im Kern ein Erfahrungsberuf“, beschreibt Jörg Radek von der Gewerkschaft der Polizei, im Alltag Hauptkommissar bei der Bundespolizei, dessen Wesen. Ein Blick auf die Laufbahn- und Qualifikationsstruktur der Polizei bestätigt das nachhaltig. Sowohl in der Bundespolizei wie in den Länderpolizeien arbeiten nur wenig mehr als ein Prozent (!) der Beamten in der strategischen Führungsebene des höheren Dienstes. Alle übrigen verteilen sich auf die Laufbahnen des gehobenen und mittleren Dienstes, die in einigen Bundesländern auch Einstiegsämter oder Qualifikationsebenen genannt werden, mithin auf den operativen Bereich. Die Verteilung bei der Bundespolizei, wo 37 Prozent der Beamten zum gehobenen Dienst und 56 Prozent zum mittleren Dienst gehören, kann als typisch für die Qualifikationsstruktur auch in den Ländern angesehen werden.

In ihren Einsätzen sind Polizisten oft nicht mehr nur Aufklärer und Verbrechensbekämpfer, sondern eben auch Sozialarbeiter, Seelsorger und Therapeuten, die letzte gesellschaftliche Rückfallebene, wie Steve Feldmann es nennt. Da spielt es dann keine Rolle, ob man bei der Bereitschaftspolizei, im Streifendienst oder dem Objektschutz arbeitet, einer Einsatzhundertschaft zugeteilt ist oder den Verkehr auf der Autobahn überwacht. Da ist es auch unerheblich, ob man seinen Dienst in den Dienststellen der Wasserschutzpolizei, einer Hubschrauberstaffel, einer der wenigen Reiterstaffeln oder als Hundeführer versieht. Die Wasserschutzpolizei stellt im Übrigen gerne Bewerber aus schifffahrtsaffinen Berufen, bevorzugt mit einem nautischen Patent, ein. Nein, die Anforderungen an Polizisten sind überall stark gestiegen. Aber weder in den Gehältern noch den Aufstiegsmöglichkeiten schlägt sich das derzeit nieder. „Manche Kollegen werden trotz guter Leistungen in ihrem ganzen Berufsleben nur ein einziges Mal befördert“, erzählt Steve Feldmann.

Eingeschränkte Karrieremöglichkeiten durch Beförderungsstau

Dienst in der Einsatzzentrale (Foto: Bayerisches Staatsministerium des Innern)

Dienst in der Einsatzzentrale (Foto: Bayerisches Staatsministerium des Innern)

Noch enger wird das Nadelöhr beim Aufstieg in die nächsthöhere Laufbahn. Bei der Bundespolizei wurden in diesem Jahr 118 Beamte des mittleren Dienstes, das sind ganze fünf von 1.000 Beamten (!), zum Aufstiegsverfahren in den gehobenen Dienst zugelassen. Noch ungünstiger die Relation beim Übergang vom gehobenen in den höheren Dienst. Hier waren es kaum erwähnenswerte 15 von 12.234. Die Zahlen in den Länderpolizeien weisen vielfach noch schlechtere Werte auf. Niedersachsen etwa ließ lediglich 12 Beamte von 18.000 Beamten des ersten Einstiegsamtes der Laufbahngruppe 2 (ehemals gehobener Dienst) zur Qualifikation in das zweite Einstiegsamt der Laufbahngruppe 2 (ehemals höherer Dienst) zu. Ob man so die Attraktivität des Polizeiberufes wirklich nachhaltig verbessern kann, bleibt ein wohl gehütetes Geheimnis der Innenminister. „Nach 25 Jahren nur Funkwageneinsatzdienst geht auch dem engagiertesten Kollegen etwas verloren“, ist sich Elke Treichel aber sicher.

Doch noch etwas brennt den Polizisten auf der Seele. Von der Polizei eines Bundeslandes in die eines anderen zu wechseln, erweist sich noch immer viel zu oft als unüberwindbare Hürde. Aussicht auf Erfolg bietet sich nur in Form eines Kopftausches, möglichst mit gleicher Vergütungsgruppe und gleichem Lebensalter. „Manche Kollegen warten Jahre“, weiß Steve Feldmann, „manche ein ganzes Berufsleben lang.“ Einstellungsvoraussetzung für den mittleren Polizeidienst ist der Sekundarabschluss I, für den gehobenen Dienst ist es die Fachhochschulreife, besser noch das Abitur. Und natürlich müssen die Bewerber in beiden Fällen die gesundheitlichen Voraussetzungen (Polizeidiensttauglichkeit) erfüllen. Einige Bundesländer wie etwa Niedersachsen und Bremen haben sich vom mittleren Dienst verabschiedet und bilden deshalb nur noch im gehobenen Dienst aus. Vor diesem Hintergrund müssen Bewerber mit mittlerer Reife zunächst zwei Jahre lang noch die Fachoberschule Verwaltung/Fachrichtung Polizei besuchen. Erst dann können sie die Ausbildung beginnen.

Kriminalpolizei stellt höchste Anforderungen

Boot der Berliner Wasserschutzpolizei (Foto: Polizei Berlin)

Boot der Berliner Wasserschutzpolizei (Foto: Polizei Berlin)

Bei der drei Jahre umfassenden Ausbildung für den gehobenen Dienst handelt es sich überall um ein duales Studium. Die Fachhochschulen unterstehen in aller Regel den Innenministerien. Dass der künftige Arbeitgeber über die Festlegung der Studieninhalte auch das Maß an auszubildender Kritikfähigkeit bestimmt, wird unter Polizisten durchaus ambivalent gesehen. Doch lediglich Berlin und Bremen haben das Polizeistudium einer öffentlichen Hochschule übertragen. „Das hat unserer Bürgernähe sehr gut getan“, ist Steve Feldmann überzeugt. Die Gerüchteküche aber weiß von Plänen des Berliner Innensenators zur Rückführung der Studienabschnitte in sein Ressort. Kontrovers wird die Nachwuchsgewinnung für den Dienst in der Kriminalpolizei geführt. Viele Länder praktizieren eine Einheitsausbildung. Personallücken in den Reihen der Kripo werden mit berufserfahrenen Beamten der Schutzpolizei aufgefüllt. Andere setzen auf einen separaten Ausbildungsweg.

„Es ist gut, wenn die Kollegen aus den kriminalpolizeilichen Dezernaten unsere Arbeit aus eigenem Erleben kennen“, befürworten wie Elke Treichel viele altgediente Polizisten diese Praxis. André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), hält das allerdings nicht mehr für zeitgemäß. „Mit learning by doing“, so sein Gegenargument, „sind wir den aktuellen Herausforderungen nicht einmal ansatzweise gewachsen.“ Konnten sich früher nur Bewerber mit einem deutschen Pass um einen Job bei der Polizei bewerben, ist der Weg jetzt für alle Bewerber aus einem EU-Mitgliedsstaat frei, entsprechende deutsche Sprachkenntnisse vorausgesetzt. Gezielt gesucht werden darüber hinaus junge Menschen mit Migrationshintergrund. Überhaupt wird die Polizei internationaler. Seit mehr als zehn Jahren schon können beispielsweise in Hessen Polizeianwärter, wie die Polizeiazubis heißen, eines ihrer Praktika im Ausland absolvieren.

Gute Einstellungschancen

Schneemobil der Polizei Baden-Württemberg (Foto: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6428765)

Schneemobil der Polizei Baden-Württemberg (Foto: Wikipedia/Juergen.boehm)

Wenn Elke Treichel gelegentlich in Schulen über ihre Arbeit informiert, macht sie keinen Hehl daraus, mit dem Polizeidienst den Beruf ihres Lebens gefunden zu haben. Gleichwohl rät sie aber auch stets, die Entscheidung dafür nicht blauäugig zu treffen, obschon die Einstellungschancen derzeit ausgezeichnet sind. Niedersachsen etwa wird sein Einstellungskontingent aufgrund hoher Altersabgänge von aktuell knapp 800 in den nächsten Jahren auf 1.000 Nachwuchskräfte erhöhen. Warum Elke Treichel dennoch zum Nachdenken rät? „Polizisten werden bei ihren Einsätzen nur selten mit dem roten Teppich und einem Blumenstrauß empfangen“, weiß die Berlinerin. Andere Polizisten formulieren es deutlicher und berichten von zunehmend rüderen Umgangsformen, mit denen man ihnen begegne. „Uniformträger“, weiß Jörg Radek, „werden von nicht wenigen als Projektionsfläche ihrer allgemeinen politischen Unzufriedenheit missbraucht.“ Damit müssen Polizisten professionell umgehen lernen, ebenso wie Berufswähler klären sollten, ob sie dem wirklich gewachsen sind. „Der Ärger richtet sich gegen unseren Beruf und nicht meine Person“, ist Elke Treichel um Differenzierung bemüht.

„Eine Gesellschaft funktioniert nur mit Regeln und unsere Aufgabe ist es, für deren Einhaltung zu sorgen“, beschreibt Steve Feldmann den Kern polizeilichen Handelns. Der Berliner entschied sich nach dem Abitur im Stadtteil Friedrichshain für eine Ausbildung im gehobenen Dienst bei der Kriminalpolizei. Auch er ist Polizist mit Leib und Seele. Den Beruf zu wechseln, ist ihm deshalb bislang noch nicht in den Sinn gekommen. Gleichwohl spricht er von struktureller Enttäuschung und weist damit auf einen zentralen Punkt, den Berufswähler ebenso eingehend wie verantwortlich bedenken sollten. „Der Staat funktioniert nicht wie eine Maschine“, erklärt Feldmann den Gegenstand seiner Desillusionierung. Der Staat, das seien Menschen, die manchmal sehr ausgeprägte persönliche wie politische Interessen verfolgten. „Als Polizisten finden wir uns nicht selten zwischen dieser Gemengelage und dem Gesetz, dem wir Geltung verschaffen müssen.“

Bürgernähe und Gewaltmonopol

Jörg Radek von der Bundespolizei (Foto: Bundespolizei)

Jörg Radek von der Bundespolizei (Foto: Bundespolizei)

Tatsächlich bedeutet polizeiliches Handeln in vielen Fällen, in die Grundrechte der Bürger einzugreifen, nötigenfalls sogar mit Gewalt. Nicht allerdings, ohne zuvor alle anderen Optionen auf ihre Erfolgschancen überprüft zu haben. Also alles ganz easy, alles kein Problem? Oh doch und was für eines! Schließlich bleibt Polizisten in der Einsatzsituation meist nur wenig Zeit zum Abwägen des Pro und Contra dieser oder jener Entscheidung, in der Kriminalitätsbekämpfung und beim Gebrauch der Schusswaffe oft kaum mehr als Bruchteile von Sekunden. Aber es gilt nicht nur zu entscheiden. Die Entscheidung ist im gleichen Atemzug auch umzusetzen, oft genug gegen Widerstand. Das erzeugt Druck, der schwer auf den uniformierten Schultern lastet, umso mehr als die Folgen etwa beim finalen Einsatz der Schusswaffe unumkehrbar sein können. „Zuletzt müssen unsere Entscheidungen stets rechts- und unser Handeln beweissicher sein“, ergänzt Jörg Radek die Analyse seines Berufes um zwei weitere wichtige Aspekte.

Das gelingt natürlich nicht jedes Mal. Wohl aber garantiert es am nächsten Tag eine dicke Schlagzeile in allen Nachrichten. Manch einen zermürbt das. Vor allem, weil von den Attacken gegen Polizisten, davon dass sie im Dienst bespuckt, getreten, geschlagen und verletzt werden, eher selten zu lesen ist. Trotzdem verstehen sich Elke Treichel ebenso wie Jörg Radek, Steve Feldmann und die Mehrzahl ihrer Kollegen als Bürgerpolizisten, deren oberstes Ziel Deeskalation mittels Kommunikation heißt. Jörg Radek bedauert deswegen, dass sich diese Erkenntnis in der Ausbildung noch nicht ausreichend niederschlägt. „Schießunterricht ist ohne Zweifel wichtig“, glaubt der Hauptkommissar, „doch kommt in der Gegenwart dem polizeilichen Handwerkszeug Kommunikation und Psychologie eine wachsende Bedeutung zu. Immerhin geht es um Verständigung und nicht Maßregelung.“ Das erklärt die Bedeutung der Noten in Fächern wie Deutsch und Politik auf dem Zeugnis. Eher introvertierte Bewerber jedoch sollten ihre Bewerbung für den Polizeidienst noch einmal überdenken.

Polizei am Scheideweg

Polizei Nordrhein-Westfalen: Sondereinsatzkommando (SEK) in Aktion (Foto:

Polizei Nordrhein-Westfalen: Sondereinsatzkommando (SEK) in Aktion (Foto: Wikipedia/Dirk Vorderstraße)

Was bleibt noch zu ergänzen an Fähigkeiten, derer ein Polizist unbedingt bedarf? Da ist als erstes Teamgeist. Der Polizist als einsamer Wolf ist eine Fama schlechter Filme à la John Wayne. Der Polizeidienst ist vielmehr ein Mannschaftssport. In den Sondereinsatzkommandos als der vielleicht intensivsten Form polizeilicher Arbeit müssen sich die Beamten hundertprozentig aufeinander verlassen können. Denn schon die kleinste Unachtsamkeit könnte das Leben des Kollegen gefährden. Loyalität gehört auch dazu. Immerhin ist die Polizei eine hierarchisch organisierte Sicherheitsverwaltung. Im Einsatz ist eine Diskussion über die Richtigkeit eines Befehls schlicht unmöglich. Da gilt Vertrauen gegen Vertrauen. Und wenn der Chef Ermittlungen einstellt, dann hat das jeder unabhängig von seiner persönlichen Meinung zu akzeptieren. „Gleichzeitig ist die Fähigkeit zur Improvisation gefragt“, ergänzt Jörg Radek. Schließlich könne sich die Situation in jedem Einsatz schlagartig verändern. Zum guten Schluss geht nichts ohne absolute Genauigkeit und Präzision. „Stets arbeiten wir der Staats- oder Amtsanwaltschaft zu“, gibt Steve Feldmann zu bedenken. „Und wenn ich am Tatort schlampig gearbeitet habe, haut mir das der Richter anschließend um die Ohren.“

Es hat in den zurückliegenden Jahren viele Versuche der Politik gegeben, die Polizei gleichzeitig schlanker wie effizienter zu machen. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Bei einer Umfrage unter Beamten in der Berliner Polizeidirektion 5 für die Bezirke Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg gaben nahezu zwei Drittel an, das Gefühl zu haben, mit ihrer Arbeit nichts zu bewirken. Und jeder fünfte Bundespolizist würde seinen Kindern davon abraten, Polizist zu werden. Unüberhörbar die Klagen wegen unerfahrener Führungskräfte als auch der Implementierung polizeifremder Managementmethoden. „Unsere Arbeit kann man nicht allein über ökonomische Kennziffern steuern“, nennt Jörg Radek das Kind beim Namen. „Die Personalstärke einseitig an simplen Aufgriffszahlen fest zu machen, ist fahrlässig.“ Überhaupt sei das Personalwesen der Polizei noch nicht in der Moderne angekommen. Die Vorteile des Beamtenstatus reichten für die Nachwuchsgewinnung schon lange nicht mehr. Steve Feldmann geht noch einen Schritt weiter. „Wir brauchen eine öffentliche Debatte, was die Polizei in Zukunft leisten soll und wie sie es leisten soll.“ Auch wenn das dauern kann, Steve Feldmann würde wieder Polizist werden (wollen), stünde er noch einmal vor der Entscheidung, Elke Treichel und Jörg Radek ebenfalls.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 30.06.2014)

Berufstätige Polizisten: 265.660 (Frauenanteil: 21 %).
Davon sind beschäftigt:

  • beim Bund (Bundespolizei, Bundeskriminalamt, Polizei des Deutschen Bundestages): 36.505 (Frauenanteil: 16 %)
  • bei den Landespolizeien: 229.155 (Frauenanteil: 21 %).

Hinweis: Die Quelle der genannten Zahlen ist das Statistische Bundesamt (Fachserie 14, Reihe 6, Personal des Öffentlichen Dienstes). In dieser Statistik wird leider nicht das Merkmal „Beruf“, sondern lediglich das Merkmal „Aufgabenbereich“ erhoben. Berufe wie „Polizist“ können deshalb nur näherungsweise dargestellt werden. Zur Steigerung der Genauigkeit bezüglich der tatsächlich berufstätigen Polizeivollzugsbeamten geben die hier veröffentlichten Zahlen nur die Zahl der bei der Polizei beschäftigten Beamten wider. Arbeitnehmer, also insbesondere das Verwaltungs- und technische Personal, sind darin nicht enthalten.
Strukturdaten berufstätiger Polizisten:  
Alter:

  • unter 25 Jahre: 8 %
  • 25 bis 35 Jahre: 17 %
  • 35 bis 45 Jahre: 23 %
  • 45 bis 55 Jahre: 32 %
  • 55 bis 60 Jahre 16 %
  • über 60 Jahre: 4 %

Teilzeitbeschäftigt:

  • gesamt: 7 %
  • Frauen: 26 %
  • Männer: 2 %

Beschäftigte Polizisten nach Laufbahnen/Qualifikationsstruktur anhand ausgewählter Beispiele:
Bundespolizei: gesamt 32.904 Polizisten
davon:

  • mittlerer Dienst: 56 %
  • gehobener Dienst: 37 %
  • höherer Dienst: 1 %

(Quelle: Bundespolizeipräsidium; Stichtag: 01.06.2015)
Niedersachsen: gesamt 18.279 Polizisten
davon:

  • Erstes Einstiegsamt der Laufbahngruppe 2 (ehemals gehobener Dienst): 98,5 %
  • Zweites Einstiegsamt der Laufbahngruppe 2 (ehemals höherer Dienst): 1,5 %

(Quelle: Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport; Stichtag: 01.01.2015)

Ausbildungsplätze/Einstellungen anhand ausgewählter Beispiele in 2015:
Bundespolizei
für:

  • mittleren Dienst: 1.230
  • gehobener Dienst: 321
  • höherer Dienst: 3

Niedersachsen
für:

  • Erstes Einstiegsamt der Laufbahngruppe 2 (ehemals gehobener Dienst): 770
  • Zweites Einstiegsamt der Laufbahngruppe 2 (ehemals höherer Dienst): 0

Ausbildungsbezüge (Beispiel: Bayern) netto:

  • Qualifikationsebene 2 (ehemals mittlerer Dienst) – Polizeimeisteranwärter: ca. 1.025 Euro
  • Qualifikationsebene 3 (ehemals gehobener Dienst) – Polizeikommissaranwärter: ca 1.070 Euro

Einkommen (Beispiel Bayern) netto:

  • Qualifikationsebene 2 (ehemals mittlerer Dienst)
  • Berufsanfänger (Polizeioberwachtmeister): ca. 1.720 Euro
  • Endstufe (Polizeihauptmeister): ca. 2.850 Euro
  • Qualifikationsebene 3 (ehemals gehobener Dienst)
  • Berufsanfänger (Polizeikommissar): ca. 2.175 Euro
  • Endstufe (Erster Polizeihauptkommissar): ca. 4.080 Euro

Weiterführende Informationen:
http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/start?dest=profession&prof-id=8158 (Polizist – mittlerer Dienst)
http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/start?dest=profession&prof-id=8157 (Polizist – gehobener Dienst)
http://www.polizei-einstellung.de/untersuchung-auf-polizeidiensttauglichkeit/2010/06/10/  (Polizeidiensttauglichkeit)
http://www.polizist-werden.de/
und
http://www.traumberuf-polizei.de/
Informationen über Bewerbungstermine und Auswahlverfahren sind den jeweiligen Portalen der Bundespolizei sowie den Länderpolizeien zu entnehmen.

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.