Pfad.finder-Stipendium – Sein Ziel finden

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2016

Benjamin Ansari in Kigali/Ruanda (Foto: privat)

Benjamin Ansari in Kigali/Ruanda (Foto: privat)

Wer bin ich? Was will ich? Was interessiert mich? Was kann ich? Die Suche nach dem passenden Beruf ist zu allererst die Suche nach dem eigenen Selbst. Dazu haben Abiturienten heute allerdings nur noch wenig Zeit, zumindest meinen das viele. Und tatsächlich prasselt es von allen Seiten auf sie so oder so ähnlich ein: „Stillstand bedeutet Rückschritt“, „Die Schnellen fressen die Langsamen“, „Nur die Harten kommen in den Garten“. Die gesellschaftliche Botschaft könnte kaum eindeutiger sein. Ein nicht stromlinienförmiger Lebenslauf, gar einer mit Umwegen, gilt noch immer als unverzeihlicher Fehler – auch unter Personalmanagern und Bildungspolitikern, also denen, die es eigentlich besser wissen sollten. Dass man einen Beruf, eine Ausbildung oder ein Studienfach nicht so auswählen kann wie ein T-Shirt bei H&M, erkennen deshalb viele erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, der Studienabbruch droht oder ein Berufswechsel unausweichlich wird.

Das zu vermeiden, setzen die Studenten der privaten Universität Witten/Herdecke mit dem von ihnen ausgelobten Pfad.finder-Stipendium ein Zeichen zur entschleunigten Persönlichkeitsfindung und Selbsterprobung. „Wir wollen jungen Menschen Zeit schenken, ihren eigenen Pfad zu finden“, heißt es von der StudierendenGesellschaft Witten/Herdecke e.V. Und das lassen sich die Mitglieder einiges kosten. Neben einem persönlichen Mentor erhalten die Stipendiaten 700 Euro monatlich über ein volles Jahr und können dazu an allen Lehrveranstaltungen in Witten teilnehmen. Doch großzügig geht es nicht nur bei den Finanzen zu. Das Stipendium wird mit keinerlei Auflagen für das anschließende Studium verbunden. Die Stipendiaten können anschließend studieren, was und wo sie wollen. Die einzige Voraussetzung: eine Projektidee, die zu den Grundwerten der Witten/Herdecker Universität passt. Gesucht sind also Entdecker.

Atempause für den Erfolg

Xenia Weber (Foto: Sebastian Magnus)

Xenia Weber (Foto: Sebastian Magnus)

So wie Xenia Weber und Benjamin Ansari, die Stipendiaten von 2014. Ihre Projekte überzeugten die Auswahljury. Dass sie damit richtig lag, zeigen die Ergebnisse. Xenia Weber jedenfalls fühlte sich durch das Pfad.finder-Stipendium in ihrem Studienwunsch bestärkt, überwand ihre Ängste und stellte sich dem Auswahlverfahren des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Mit Erfolg! Benjamin Ansari wiederum, der bereits als Sechzehnjähriger das Abitur magna cum laude in der Tasche hatte aber beruflich noch völlig desorientiert war, erreichte die lang ersehnte Klarheit über seinen künftigen Weg. Heute studieren beide und sind sicher, das Passende gefunden zu haben. Xenia Weber hat sich für den Studiengang Literarisches Schreiben entschieden. Benjamin Ansari zog es an die Universität in der Mainmetropole Frankfurt, wo er seit einem halben Jahr im Studiengang Theater-, Film- und Medienwissenschaften eingeschrieben ist.

Vor einem Jahr noch tendierte der junge Mann aus dem Taunus zu Journalismus und Fotografie. „Doch eigentlich war ich ziemlich planlos“, gibt er zu. Vom Pfad.finder-Stipendium erfuhr er zufällig aus einer „Spiegel“-Ausgabe. Die Chance, die sich damit bot, erkannte Benjamin Ansari dann allerdings sofort. Schon lange interessierte ihn die Begeisterung seiner Großeltern für Ruanda, in dem die beiden Lehrer elf Jahre lang lebten und arbeiteten. Dem mit einem solchen Stipendium nachgehen und anderen davon berichten zu können, war eine einmalige Möglichkeit. Die wollte er beim Schopfe packen. Schließlich bot sich damit auch die großartige Gelegenheit, mit dem Genre der filmischen Dokumentation in eine ihm bis dahin unbekannte Form der Berichterstattung eintauchen zu können. „Ich wurde mir plötzlich meiner Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen bewusst“, beschreibt Benjamin Ansari seinen Erkenntnisprozess. Er erstellte eine Projektskizze, bewarb sich – und wurde ausgewählt!

Ein fremdes Landes verstehen

Benjamin Ansari zusammen mit seinem Großvater (Foto: privat)

Benjamin Ansari zusammen mit seinem Großvater (Foto: privat)

Kurz darauf im Dezember begann sein Abenteuer. Die ersten sechs Monate waren ausgefüllt mit dem Praktikum bei einer Filmproduktionsfirma und zahlreichen anderen Vorbereitungen. Da war das Drehbuch zu erstellen. Da musste das Equipment angeschafft werden. Da galt es, sich mit der Führung einer Kamera vertraut zu machen. Da hatte er zu lernen, wie man den Ton aussteuert. Und schließlich musste Benjamin Ansari üben, bei der Endbearbeitung die Schnitte dem roten Faden seiner Geschichte folgend zu gestalten. Der knapp sechswöchige Aufenthalt vor Ort in Ruanda war für Juni geplant. Bis dahin, so sein Anspruch, wollte er das Handwerk eines Dokumentarfilmers einigermaßen sicher beherrschen. Die wenige verbleibende Zeit ging mit Informationsrecherchen, der Formulierung der Interviewfragen sowie zahlreichen organisatorischen Dingen drauf. Schließlich mussten das Visum beantragt sowie die Flüge und Unterkünfte gebucht, darüber hinaus auch Gesprächspartner gesucht werden. Die Tage waren ausgefüllt.

Dann endlich der Flug. Nach zwölf Stunden und einem Zwischenstopp in Addis Abeba ist Kigali, die Hauptstadt Ruandas erreicht. Es ist bereits Abend. Benjamin und sein Großvater, der ihn in den ersten beiden Wochen begleitet, steigen müde aber erwartungsvoll aus dem Flieger. Was ist aus dem Land geworden? Zwanzig Jahre sind seit dem Abschied des Großvaters vergangen. An den Völkermord der Hutu an den Tutsi erinnert vordergründig nichts mehr. Ruanda wird auch die Schweiz Afrikas genannt. Das betrifft die Landschaft wie die öffentliche Sauberkeit. Plastiktüten, die Plage des afrikanischen Kontinents, sind hier verboten, Rasenflächen zu betreten ebenfalls. Das ist umso bemerkenswerter, als Ruanda zu den unterentwickeltsten Ländern weltweit gehört. Derartige Widersprüche werden Benjamin in den kommenden Wochen noch viele begegnen.

Begeisterung zählt

Grausige Erinnerung an den Genozid in Ruanda (Foto: Benjamin Ansari)

Grausige Erinnerung an den Genozid in Ruanda (Foto: Benjamin Ansari)

Er lernt schnell, das schwierige Thema des Genozid nur mit viel Fingerspitzengefühl zum Gesprächsthema zu machen, keine öffentlichen Gebäude zu filmen und der allgegenwärtigen Polizei auch sonst möglichst wenig Anlass zum Argwohn zu geben. Die Kontakte zu den Menschen sind unkompliziert, solange er diese ungeschriebenen Regeln beachtet und die Kamera aus dem Spiel bleibt. Dass die Kunst eines Dokumentarfilmers sich nicht darin erschöpft, nur die Blende hoch zu ziehen und drauf zu halten, wird Benjamin Ansari rasch klar. Aber gerade deswegen reizt ihn die Aufgabe. Am Ende gelingen ihm zehn ausführliche Interviews, die ihm nicht nur tiefe Einblicke in dieses Land vermitteln, sondern seinen Weg zum Beruf des Dokumentarfilmers finden lassen. Für seinen Ruanda-Report benötigt er nur noch wenige Wochen. Schon jetzt aber teilt er die Begeisterung seiner Großeltern für ein Land auf dem schwierigen Weg der Versöhnung.

Ähnlich und doch ganz anders verhielt es sich bei Xenia Weber. Auch ihr Ziel hieß, über eine Reise in die Vergangenheit Zukunft zu gewinnen. Doch ihr Ort und der Gegenstand ihrer Neugier waren andere als bei Benjamin Ansari. Xenia Weber bewarb sich in Witten/Herdecke mit einem Buchprojekt. Sie wollte die Biografie ihrer Mutter ergründen, mit der sie im Alter von neun Jahren aus Kasachstan nach Deutschland gekommen war und die bald darauf erkrankte und starb. Die Auswahlkommission erkannte ihr Potential und gab das Stipendium schon nach kurzer Zeit frei. Herausgekommen ist eine Hommage an die Mutter eingebettet in die Beschreibung eines ihr bis dahin weitgehend fremden Lebensraums. Für Xenia Weber ist das das ungeplante Ergebnis eines literarischen Prozesses, für ihre Mentorin Angela Martini von der Fakultät für Kulturreflexion eine erwartbare Entwicklung.

Die eigene Geschichte begreifen

Xenia Webers Reise in die Vergangenheit (Foto: Sebastian Magnus)

Xenia Webers Reise nach Kasachstan wurde eine Reise in die Vergangenheit (Foto: Sebastian Magnus)

Gleich zu Beginn reiste Xenia Weber in das Land ihrer Kindheit, das freilich nicht mehr das gleiche Land war, aus dem sie vor sechzehn Jahren ohne die Absicht zur Rückkehr ausreiste. Zwar war es schon zu diesem Zeitpunkt keine Republik der Sowjetunion mehr, doch die Transformation zu einem modernen Staatswesen hatte gerade erst begonnen. Die erste Ernüchterung stellte sich schon bald nach der Ankunft ein. „Für die Großmutter und meine anderen Verwandten“, erzählt die damals Fünfundzwanzigjährige, war ich noch immer das kleine unwissende Schulmädchen.“ Bei aller Hochachtung für die Lebensleistung dieser Menschen in einer schwierigen historischen Epoche tat sie sich doch schwer mit der Verklärung untergegangener Sowjetzeiten. Die Wahrheit zu finden, lauschte sie deshalb gespannt, was die kleinen geduckten Häuser, die Gärten, die Wege des Dorfes ihrer Kindheit und seine Bewohner zu erzählen wussten.

Das war aufschlussreich und verwirrend zugleich. Denn neben zahlreichen Antworten ergaben sich noch viel mehr Fragen. Die beim Schreiben aufzulösen, in die richtigen Zusammenhänge zu stellen oder sie auch nur als antwortlose Wegweiser zu akzeptieren, ist Xenia Weber seitdem bemüht. Einen Titel für ihren bislang unfertigen Roman hat sie jedenfalls schon gefunden. „Auch der Schnee schmeckt anders“ soll er heißen. Und hoffentlich irgendwann demnächst in den Buchhandlungen zu kaufen sein. Was das Pfad.finder-Stipendium ihr dabei geholfen hat? „Es ist eine hervorragende Möglichkeit, persönlich zu wachsen und seinem Ziel näher zu kommen“, sagt sie nach kurzem Überlegen. Für den Mut ihrer Mutter ist sie dankbar. Denn am Ende ihrer Recherchen weiß sie heute, „Kasachstan zu verlassen und in Deutschland eine neue Heimat zu suchen, hatte meine Mutter zwei Gründe.“ Einer davon sei sie als ihre Tochter gewesen. „Sie wollte mir ein besseres Leben ermöglichen.“

Bereitschaft zur Kommunikation  

Xenia Weber sichtet mit ihrer Großmutter in Kasachstan die familiären Quellen (Foto: Sebastian Magnus)

Xenia Weber versucht zusammen mit ihrer Großmutter in Kasachstan Licht in die familiäre Vergangenheit zu bringen (Foto: Sebastian Magnus)

Auch wenn sie beruflich erst am Anfang ihres Weges steht, ist sie sich doch sicher, eine literarische Karriere hätte ihr in Kasachstan kaum offen gestanden. Standesgemäß formuliert sie diese Gewissheit als Studentin des Deutschen Literarischen Instituts etwas poetischer. „Der Zaubergarten meiner Großeltern, wäre kein Zaubergarten geblieben, wenn meine Mutter nicht nach Deutschland aufgebrochen wäre.“ Wie die Mutter so die Tochter, wenngleich Xenia Webers jüngster Umzug anders als der der Mutter nicht über Ländergrenzen hinweg, sondern zunächst nur von Bamberg nach Leipzig führte. „Bamberg ist eine komplette Stadt“, sagt sie, „an Leipzig reizt mich die Dramaturgie des Unfertigen.“ In einer wichtigen Entwicklungsphase fühlt sie sich menschlich wie fachlich angekommen. Gleichwohl weiß sie, Leipzig ist eine Station auf Zeit, so wie alles im Leben vorläufig ist.

Xenia Weber und Benjamin Ansari haben beide ihren Pfad gefunden. Die Wittener Geburtshelfer des Pfad.finder-Stipendiums könnten sich kaum eine bessere Bestätigung ihrer Förderungsidee wünschen. Beiden ist die Gratwanderung zwischen individueller Eigeninitiative und dem sozial eingebetteten Diskurs gelungen. „Meinen Texten taten die Impfaktionen ganz unterschiedlicher Personen gut“, lauten die Erfahrungen Xenia Webers. „Literarisches Schreiben ist weniger einsames Denken als vielmehr intensive Kommunikation. Dafür muss man bereit und der muss man gewachsen sein wollen“, hat sie gelernt. Benjamin Ansari hat die Produktion seines Filmprojekts ähnlich erlebt. „Die Entwicklung eines Landes mit den Augen meiner Großeltern in szenische Bilder zu fassen“, formuliert er in der Rückschau, „gelang mir allein über intensive Gespräche.“ Damit erweisen sich beide Stipendiaten als Pfadfinder im besten Sinn.

 


Weitere Informationen unter
http://www.uni-wh.de/studium/pfadfinder-stipendium/worum-geht-es/


Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.