Orthoptistinnen – Das Sehvermögen optimieren

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2018

Messung des Schielwinkels (Foto: BOD/Chandler Photography)

Dass ganz unterschiedliche Menschen auf ein und dieselbe Frage stets die gleiche Antwort geben, ist ein höchst seltenes Ereignis. Doch vor die Entscheidung gestellt, welchen Verlust sie als den schlimmsten empfänden, den eines Beines, einer Hand, eines ganzen Armes oder den des Sehvermögens, sind sich die Menschen weltweit und über alle Kulturgrenzen hinweg einig. Nicht mehr sehen zu können, empfinden sie als die Einschränkung mit dem höchsten Verlust an Lebensqualität. Aber auch schon Störungen der visuellen Wahrnehmung, seien sie angeboren, Folge eines Unfalls oder Auswirkung einer Erkrankung, erleben die allermeisten Menschen als große Beeinträchtigung. Augenärzte sind dann die ersten Ansprechpartner. In vielen Fällen aber verweisen die weiter an eigens dafür ausgebildete Spezialisten. Deren Berufsbezeichnung kennen indessen nur wenige. Gleichwohl erweisen sich Orthoptistinnen, wie sie heißen, bei bestimmten Krankheitsbildern als ebenso fachkundig wie segensreich.

„80 Prozent der Wahrnehmung unserer Umwelt erfolgt über das Sehen“, beschreibt die Hamburger Orthoptistin Dagmar Verlohr die Bedeutung des Sinnesorgans Auge. Das Auge sei gewissermaßen vorgeschobener Teil unseres Gehirns. „Ziel der Orthoptik“, sagt sie, „ist die Verhütung und Besserung von Seh- und Schielstörungen sowie die Verhinderung von Dauerschäden.“ Tatsächlich ist das Sehen ein hoch komplexer Vorgang. Dabei geht es nicht allein um das Auge, sondern in gleicher Weise um die Verarbeitung dessen Sinneseindrücke durch das Gehirn. „Wir betrachten die Augen deshalb als System, das trainierbar ist“, formuliert die ebenfalls in Hamburg lebende Orthoptistin Claudia Weber das Grundverständnis ihrer Berufsgruppe. Augenärzte sind von ihrer Ausbildung her stattdessen vor allem auf die Pathologie und Physis des Auges fokussiert. Augenoptiker wiederum sind Fachleute für die präzise Ausmessung des vorhandenen Sehvermögens, was freilich ein eher statischer Messwert ist, und die Anfertigung entsprechender Sehhilfen. „Viele Patienten brauchen zur Heilung die Zusammenarbeit aller drei Berufe“, ist Claudia Weber überzeugt.

Kinder weiterhin größte Klientel

Orthoptistin prüft das Stereosehen eines Kindes (Foto: BOD/Chandler Photography)

Die Expertise der Orthoptistinnen liegt vor allem bei der Motorik des Auges, also den Augenbewegungen, sowie der visuellen Verarbeitung der durch das Auge erfassten Bilder, mithin der Sensorik. „Aber“, betont Verlohr die Wichtigkeit der Zusammenarbeit mit dem Augenarzt, „eine orthoptische Diagnose ist nur mit einem zusätzlichen morphologischen Befund durch den Augenarzt komplett.“ Und meint damit die Abklärung der Hornhaut, des Augenhintergrundes oder der Sehnerven. Orthoptistinnen diagnostizieren und therapieren vor allem Schielerkrankungen, Sehschwächen, Störungen des ein- und beidäugigen Sehens, das Augenzittern und Augenbewegungsstörungen. Vor der Therapie prüfen sie zunächst die Sehschärfe, die Lesegeschwindigkeit, die Nahanpassungs- und Augenbewegungsfähigkeit, die beidäugige Zusammenarbeit, messen einen eventuellen Schielwinkel aus, prüfen das zentrale und periphere Gesichtsfeld und stellen einen etwaigen Beleuchtungsbedarf fest.

Orthoptistin Dagmar Verlohr (Foto: privat)

Das öffentliche Bild der Orthoptistinnen ist weithin geprägt von Kindern die einer Schielbehandlung bedürfen. Früher sprach man deshalb auch von der Sehschule. Richtig daran ist allerdings nur, dass Kinder noch immer die Mehrheit der orthoptischen Patienten stellen und dass die Strabologie, die Schielheilkunde, die sich mit dem beidäugigen Sehen beschäftigt, in Ausbildung wie Beruf großen Raum einnimmt. Ansonsten aber kommen die Patienten inzwischen aus allen Altersgruppen. Mit Blick auf die demografische Entwicklung erwächst den Arbeitsfeldern visuelle Rehabilitation und Low Vision eine herausgehobene Bedeutung. „Nicht zuletzt deswegen benötigen Orthoptistinnen ein hohes Maß an Empathie“, sagt Dagmar Verlohr. „Schließlich reduzieren Sehverluste die Lebensqualität stark“, weiß sie aus ihrer Tätigkeit in einem Therapiezentrum für neurologische Erkrankungen. Die Zusammenarbeit mit Ärzten ist hier besonders eng.

Die Kunst der Motivation beherrschen

Gleichwohl kennen auch Orthoptistinnen Grenzerfahrungen und müssen damit umgehen lernen. Darauf verweist Sandrine Jänichen. Sie arbeitet in der Abteilung für Orthoptik, Neuroophthalmologie und Lid- und Orbitaerkrankungen der Düsseldorfer Universitätsklinik. „Zu unseren Patienten gehören auch Kinder, deren Sehstörungen durch einen Gehirntumor verursacht sind.“ Manchmal reduziert der nicht nur den orthoptischen Therapieerfolg auf null. Sich schnell und unkompliziert auf die verschiedensten Menschen, ihre Hoffnungen und Ängste einstellen zu können, mehr noch einlassen zu wollen, avanciert deshalb für Othoptistinnen zu einer der wichtigsten Voraussetzungen. Ebenso bedeutsam ist die Fähigkeit, komplizierte medizinische Sachverhalte für jedermann verständlich zu erklären und die Patienten selbst oder in der Schielbehandlung (zum Beispiel bei der Okklusionstherapie) die Eltern zum eigenverantwortlichen Mittun zu motivieren.

Orthoptistin Petra Kunkel-Freitag (Foto: privat)

Das alles erfolgt unter großem Zeitdruck, hohem persönlichen Einsatz und dem Wissen, dass Sehen in aller Regel ein sehr subjektives Geschehen ist. Weswegen die Therapie stets ganz individuell am einzelnen Patienten ausgerichtet werden muss. „Auch bei der Erstbehandlung habe ich dafür jedoch nur fünfzehn Minuten Zeit“, beschreibt Claudia Weber den hohen Zeitdruck, unter dem sie arbeitet. Dieser Rahmen gilt sogar für Patienten mit Behinderungen. „Für eine normale Verlaufskontrolle reicht das. Schwierige Fälle aber terminiere ich gerne vor der Mittagspause, weil sie meist mehr Zeit in Anspruch nehmen“, berichtet die im Hildesheimer Augenzentrum tätige Petra Kunkel-Freitag diplomatisch. Die Diagnose zu erklären und anschließend für die Therapie zu motivieren, erweist sich deshalb die Fähigkeit, komplexe medizinische Sachverhalte verbal schnell und treffend auf den Punkt bringen zu können, als überaus hilfreich.

 

Netzwerkarbeit zur Früherkennung

Das gilt auch für den Arbeitsbereich Low Vision, wo weniger die Diagnostik als die Befähigung zur Bewältigung des Alltags bei nur noch eingeschränktem Sehvermögen im Vordergrund orthoptischen Arbeitens steht. „Die Anleitung zur Benutzung von Hilfsmitteln wie speziellen Brillen, Lupen, Bildschirmlesegeräte oder Lampen zur gezielten Ausleuchtung erfordert viel Überzeugungskunst“, lässt Sandrine Jänichen einen Blick in ihren Arbeitsalltag zu. Den Patienten zur Befolgung des vereinbarten Behandlungsplans zu motivieren, ist mithin eine der Hauptaufgaben von Orthoptistinnen. Nicht zuletzt auch, weil der Leistungskatalog der Krankenkassen für alle Patienten nur eine einzige Therapieeinheit pro Quartal vorsieht. Das erweist sich am allermeisten in der Okklusionstherapie kleiner Kinder als riesige Herausforderung. Immerhin empfinden Kinder das Abkleben eines ihrer Augen als lästig, unbequem und als massive Einschränkung.

Die Orthoptistin Sandrine Jänichen weist eine Jugendliche in die Benutzung eines Bildschirmlesegerätes ein (Foto: Uni Düsseldorf)

Und auch die Eltern, mit dem Schmerz und der Ablehnung der Therapie durch ihre Kinder tagtäglich konfrontiert, müssen stets aufs Neue von der Notwendigkeit genau dieser Behandlung überzeugt werden. Da erweisen sich drei Monate bis zur nächsten Sitzung schon mal als schiere Ewigkeit. „Gerade aber für die Okklusionstherapie steht uns nur ein eng begrenztes Zeitfenster zur Verfügung, muss die Behandlung unbedingt im Kindesalter beginnen. Sonst ist die Sehkraft für immer und unwiederbringlich verloren“, formuliert Claudia Weber die Zwänge, unter denen sie und ihre Kolleginnen arbeiten. Vor diesem Hintergrund sucht Petra Kunkel-Freitag gezielt den Kontakt, nein nicht zu den Augenärzten, sondern zu Kinderärzten ihrer Region. „Dort finden die Vorsorgeuntersuchungen statt“, erklärt sie, „und dort müssen wir deshalb das Bewusstsein wie die Expertise für eine eventuell erforderlich werdende orthoptische Therapie stärken.“

Große Verantwortung, hohe Berufszufriedenheit, mäßige Bezahlung

Die Wahlhamburgerin Claudia Weber würde immer wieder Orthoptistin werden (Foto: privat)

Auffällig ist die berufliche Zufriedenheit aller meiner Gesprächspartnerinnen. „Das, was ich mache“, formuliert es Claudia Weber, „fasziniert mich bis heute.“ Schließlich sei das Auge an vielen Erkrankungen, zum Beispiel Diabetes, der Schilddrüse oder solchen mit neurologischem Hintergrund, beteiligt. „Orthoptistinnen sollten deshalb Freude daran haben, über den Tellerrand ihres eigenen Berufsfeldes hinaus zu schauen.“ Auch Petra Kunkel-Freitag liebt ihren Beruf. „Ich genieße das Privileg, meine Patienten oft über einen langen Zeitraum begleiten, ihnen zu helfen und in ihrer Entwicklung beobachten zu dürfen“, begründet sie ihre berufliche Zufriedenheit. Darüber hinaus könne sie ganzheitlich arbeiten. „Von der Diagnose über die Therapie bis hin zur Erfolgskontrolle liegt alles in meiner Hand.“ Gleichwohl verschweigt sie auch die Belastungen nicht. Da ist als Erstes die Bezahlung. „Weil die Krankenkassen als Kostenträger orthoptische Leistungen nicht ausreichend honorieren, entspricht das Gehalt, was die meisten von uns bekommen, leider höchst selten dem, was wir machen, was wir können und was wir an Verantwortung tragen“, ist einhellige Meinung. Ausnahmen, wie bei Petra Kunkel-Freitag, bestätigen gleichwohl die Regel.

Einen Tarifvertrag für Orthoptistinnen gibt es nicht. Jeder muss sein Gehalt mit dem Augenarzt, in dessen Praxis er tätig ist, selbst aushandeln. Die damit verbundene Abhängigkeit empfinden viele als Wermutstropfen in ihrem über alles geliebten Beruf. Lediglich die in Universitätskliniken angestellten Orthoptistinnen werden nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) eingruppiert. Vollzeitstellen gibt es bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls nur hier. Arbeitsverträge mit zwei Arbeitgebern, wie sie Dagmar Verlohr und Claudia Weber haben, oder sogar noch mehr sind durchaus keine Seltenheit. Das Patientenaufkommen einer einzelnen Augenarztpraxis ist für eine Vollzeitstelle in aller Regel zu gering. Die Möglichkeit zur Eröffnung einer eigenen Praxis, wie sie Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten haben, ist Orthoptistinnen indessen verwehrt. Bislang haben sie keine Aufnahme in die sogenannte Heilmittelverordnung gefunden. Das macht ihnen eine eigenverantwortliche Abrechnung ihrer Leistungen mit den Krankenkassen unmöglich.

Hervorragende Ausbildungsbedingungen

Arbeitet am Uniklinikum Düsseldorf – Orthoptistin Sandrine Jänichen (Foto: privat)

Bleibt ein Letztes. Bis auf die Übernahme der Funktion einer Lehrorthoptistin gibt es schließlich kaum wirkliche Karrieremöglichkeiten. Was viele Orthoptistinnen selbst nach vielen Berufsjahren schwärmen lässt, sind die Vorzüge ihrer Ausbildung. Die erfolgt gegenwärtig an vierzehn Berufsfachschulen, die alle einem Universitätsklinikum angegliedert sind. Deren Markenzeichen ist ein Doppeltes. Es sind der hohe Praxisbezug und eine für heutige Zeiten traumhafte Relation von Auszubildenden zu Ausbildern. Meist ist das Verhältnis 1:1. Von den auf drei Ausbildungsjahre verteilten 4.500 Unterrichtsstunden entfallen 2.800 auf die praktische Berufsausbildung. „Vom ersten Tag sind wir in die unmittelbare Patientenbehandlung eingebunden, wenn auch zu Beginn nur beobachtend“, bestätigt Sandrine Jänichen. Sie hat ihre Ausbildung in Düsseldorf gemacht und begann ihre erste Arbeitsstelle an der Uniklinik in Erlangen.

„Die durchschnittliche Kursgröße an den meisten Schulen beträgt zwischen vier bis sechs Auszubildenden“, berichtet die 1. Vorsitzende des Berufsverbandes Orthoptik Deutschland, Daniela Lemm. Trotz solch exzellenter Ausbildungsbedingungen und eines ebenso interessanten wie breit gefächerten Arbeitsfeldes sind die Bewerberzahlen rückläufig. Denkt man im Berufsverband über die Einführung dualer Studiengänge nach, wie sie für alle anderen Medizinalfachberufe bereits angeboten werden? „Dafür sind unsere Ausbildungskohorten an den einzelnen Schulen wie auch die Gesamtzahl der Auszubildenden zu klein“, erklärt Daniela Lemm. Sie favorisiert deshalb primärqualifizierende Studiengänge an je einem Standort in Nord- und Süddeutschland. Aber auch hier türmen sich hohe Hürden auf. Denn das Berufsgesetz für Orthoptisten enthält (noch) keine Modellklausel für die Anerkennung derartiger Ausbildungsmöglichkeiten. „Wir bemühen uns intensiv darum“, so die Verbandsvorsitzende. Bis dahin ist ein Studium der Orthoptik weiterhin nur in Österreich möglich.

Wachsende Nachfrage

Daniela Lemm – Erste Vorsitzende des Berufsverbandes Orthoptik Deutschland (BOD) (Foto: privat)

Um die Zukunft ihres Berufsstandes ist den Orthoptisten nicht bange. Im Gegenteil. In der digitalen Welt wachsen die Anforderungen an das Sehen. Die Zahl der Jugendlichen und Erwachsenen mit Sehstörungen oder Sehbeschwerden nimmt zu. Dass Smartphonedisplays und Kunstlicht den Augen schaden, gehört heute zum medizinischen Allgemeingut. „Zwei Stunden Tageslicht sind für gesundes Sehen unerlässlich“, empfiehlt Claudia Weber all ihren kleinen und großen Patienten. Und weiß doch, dass viele Jugendliche das schon lange nicht mehr erreichen. Die visuelle Rehabilitation von Patienten mit angeborenen oder erworbenen zerebralen Sehbeeinträchtigungen zur Optimierung ihrer Restsehleistung bindet zunehmend mehr orthoptisches Fachwissen, das Low-Vision-Training ebenfalls. „Auch wenn die technischen Hilfsmittel immer leistungsfähiger werden, kann vieles, was wir tun, nicht automatisiert werden“ blickt Sandrine Jänichen voller Zuversicht in die orthoptische Zukunft.

 

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.07.2018)

Berufstätige Orthoptisten: ca. 2.500 (Quelle: Berufsverband Orthoptik Deutschland). Männeranteil liegt unterhalb einer statistisch relevanten Größenordnung.

Arbeitslose Orthoptisten: keine Angaben verfügbar.

Einkommen: an Augenkliniken und anderen Einrichtungen des öffentlichen Dienstes entsprechend des TÖVD (E8) zwischen 2700 und 3400 Euro/brutto; in Augenarztpraxen frei verhandelbar, dabei abhängig von Standort, Berufserfahrung und Arbeitgeber, in der Regel aber unterhalb des TÖVD.

Ausbildungsmöglichkeiten: https://www.orthoptik.de/infos-fuer-patienten/berufsbildausbildung/ausbildung-orthoptistin/

Studienmöglichkeiten: https://www.orthoptik.de/infos-fuer-patienten/berufsbildausbildung/studium/

Weiterführende Informationen zum Beruf Orthoptist:

https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index;BERUFENETJSESSIONID=-2T6EJWMSliQSi4lh_NHUdTl83KxkZ_wd8TBM6ZE6yXA35Lr6rmq!-1720501048?path=null/kurzbeschreibung&dkz=8769
und
https://www.orthoptik.de/infos-fuer-patienten/berufsbildausbildung/was-ist-orthoptik/

 

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