Orchestermusiker – Die Klangkünstler

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2017

Der Stargeiger David Garrett, der Klaviervirtuose Lang Lang, der Ausnahmetrompeter Ludwig Güttler sind vielen ein Begriff. Die Bratschistin Sieglinde Fritzsche und den Posaunisten Helge von Niswandt kennen indessen nur Musikliebhaber. Dabei arbeiten sie beide in namhaften Häusern, die eine in der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin, der andere beim Berliner Konzerthausorchester. Und Nadine Baert, angehende Schlagzeugerin, wird es demnächst wohl ähnlich ergehen. Die Luxemburgerin studiert seit viereinhalb Jahren an der Hochschule für Musik in Detmold. Zuvor war sie Schülerin am Konservatorium ihrer Heimatstadt. Alle drei beherrschen ihre Instrumente mit ebenso hoher Professionalität wie Garrett, Lang oder Güttler, was auch für die übrigen 10.000 deutschen Orchestermusiker gilt. Doch als Mitglieder ihrer Ensembles verlieren sich ihre Namen und Gesichter. Zwar sind sie wichtiger, mehr noch unverzichtbarer, dennoch nur Teil eines musikalisch vielfältigen Ganzen.

4Das Konzerthausorchester Berlin in Aktion (Foto: Konzerthausorchester/Marco Borggreve)

Das Konzerthausorchester Berlin in Aktion (Foto: Konzerthausorchester/Marco Borggreve)

Der Beifall des Publikums gilt jedenfalls stets dem Orchester und nur ganz selten dem einzelnen Posaunisten, der  einzelnen Bratschistin und gar dem einen Mann oder der einen Frau ganz hinten am Schlagzeug. Freilich ist es genau das, was Orchestermusiker an ihrem Beruf so lieben. „Es gibt nichts Faszinierenderes, als mit vielen Kollegen gemeinsam wunderschöne Klangbilder zu erzeugen – und damit die Besucher zu verzaubern“, beschreibt Nadine Baert mit der Erfahrung studienparalleler Engagements im Philharmonischen Orchester von Luxemburg dieses Erlebnis. Vor schwärmerischer Glückseligkeit aber sei gewarnt. Stets wird volle Konzentration gefordert, auch an Tagen, an denen sich keine Euphorie einstellen will. Überhaupt steht vor dem Erfolg viel und harte Arbeit, allem voran das einsame Üben jedes einzelnen Orchestermitglieds im stillen Kämmerlein.  „Kacheln zählen“, nennt es Helge von Niswandt und vergleicht das Üben der Musiker mit dem Wassertraining von Wettkampfschwimmern, die die Bahnen zwischen den Beckenrändern ein ums andere Mal durchpflügen müssen.

Gesucht sind Mannschaftsspieler

Doch sind diese Übungseinheiten nicht nur körperliche Anstrengung. Es ist gar nicht selten auch Marter für das Ohr. „Was man zu Hause übt“, erklärt es Sieglinde Fritzsche, „ist ja noch nicht die Orchesteraufführung.“ Soll heißen, jeder übt seine Einsätze zunächst ganz alleine. Das sind bei den Tutti-Spielern oft nur spröde Töne oder Tonfolgen mit nicht selten langen Pausen bis zum nächsten Einsatz. Aber auch auf die Stimmführer der einzelnen Instrumentengruppen wie etwa die erste Posaune oder die erste Bratsche entfallen nur selten längere Solopartien. Der volle, aufeinander abgestimmte Klang des Orchesters ist zu diesem Zeitpunkt für alle noch weit entfernt. Die anschließenden Gruppen- und Orchesterproben kommen dem schon näher. Was den alten Hasen dabei lange in Fleisch und Blut übergegangen ist, müssen Anfänger schnell lernen. In einem Orchester zu spielen, ist keine Demokratieveranstaltung. Ohne Anerkenntnis einer strengen instrumentalen Hierarchie gibt es keinen musikalischen Wohlklang.

Sieglinde Fritzsche (Foto: privat)

Sieglinde Fritzsche (Foto: privat)

In der Tat ist es für einen Dirigenten unmöglich, mit jedem Einzelnen seiner vielen Musiker über die Interpretation deren Partie diskutieren zu können. Egos, die von Ehrgeiz getrieben als dritte Geige zeigen wollen, besser spielen zu können als die zweite oder die erste, haben vielleicht das Zeug, Anne-Sophie Mutter oder eben David Garrett vom Thron zu stoßen. Zum guten Orchestermusiker aber taugen sie nicht. Denn Orchestermusiker müssen sich ein- und unterordnen können. Im Orchester muss jeder seinen Platz akzeptieren. Orchestermusik ist eine Mannschaftsdisziplin. Ein Konzert wird nur dann zum unvergesslichen Hörerlebnis, wenn jeder auf den anderen schaut, schnell reagiert, die aus dem Moment der Aufführung entstehenden Impulse aufnimmt und ihnen folgt, damit das Klangbild ein einheitliches wird. „Orchestermitglieder“, beschreibt es Sieglinde Fritzsche, „die den Kollegen oder die Kollegin über-spielen wollen, bergen deshalb die Gefahr, die angestrebte werkmusikalische Harmonie zu beschädigen.“ Geringere Anforderungen an die Beherrschung des Instrumentes bedeutet das allerdings nicht. Im Gegenteil. Für die Tutti-Spieler gelten ähnlich hohe Anforderungen wie für die Stimmführer.

Über das Handwerk zur Kunst

Stellt sich die Frage, ist der Beruf des Orchestermusikers Handwerk oder Kunst, verordnete Routine oder charismatische Inspiration? Oder von allem etwas? Die Wirklichkeit ist vielschichtig. Die eine Antwort gibt es deshalb nicht. Jedes Instrument hat seine eigene Perspektive. Die Palette reicht von vielfältig bis eher einseitig. Alle aber sind sich einig, es ist unendlich viel Arbeit. Nadine Baert formuliert ihre Antwort treffend so: „Der Weg zur Kunst führt (nur) über das Handwerk.“ Und das fordert als allererstes eiserne Disziplin. Wessen Finger beim Geige spielen zu ungelenk sind für den richtigen Ab- und Aufstrich, wessen Lippenmuskulatur für den korrekten Ansatz am Mundstück einer Trompete zu wenig trainiert ist, wessen Handgelenke sich am Schlagzeug als zu steif erweisen und wer die am besten geeignete Haltung der Stöcke noch nicht verinnerlicht hat , dem hilft auch die zutreffendste Interpretation seiner Partie in Beethovens 9. Sinfonie wenig. Erst die handwerklich sichere Beherrschung ihres Instruments ermöglicht Geigern, Trompetern und Schlagzeugern künstlerische Höchstleistungen.

Probe des HochschulSinfonieOrchesters der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart (Foto: Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

Probe des HochschulSinfonieOrchesters der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart (Foto: Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart)

Auf meine Frage, wann ein Musiker diesen Zustand der Perfektion erreiche, ernte ich beredte Stille. Dann höre ich drei Antworten. Jede individuell formuliert, alle drei aber auf den gleichen Punkt gerichtet. „Dieses Stadium gibt es nicht“, formuliert es Sieglinde Fritzsche, „wohl aber die permanente Achtsamkeit, ihm immer wieder nahe kommen zu wollen.“ Sisyphos, der in der griechischen Mythologie seinen Stein ein ums andere Mal den Berg hinauf rollte, ohne es je bis zum Gipfel zu schaffen, als Vorbild also? Wie viele seiner Kollegen kennt auch Helge von Niswandt dieses Gefühl. Und hat eine pragmatische Antwort. „An dieser Stelle hilft es wenig, immer wieder nach dem Sinn der Dinge zu fragen“, beschreibt der Solo-Posaunist seine Einsicht in das Unabdingbare. „Mach es am besten wie ein Zen-Meister. Lebe das Leben eines Musikers, wie es ist. Dann kannst du essen, wenn du hungrig bist und schlafen, wenn du müde bist.“ Und wohl auch üben, wenn es notwendig wird, oder die x-te Wiederholung einer Aufführung mit demselben Enthusiasmus spielen wie die Premiere.

Musikerkarrieren zwischen Dur und Moll

Ich ahne, dass Himmel und Hölle bei Musikern berufstypisch stets nahe beieinander liegen. Bei aller musikalischen Sensibilität sollte die Persönlichkeit ausreichend stabil sein, wenn jemand beschließt, die Musik zu seinem Beruf zu machen. Nur dann wird es ihm und ihr gelingen, die sich immer wiederholenden emotionalen Achterbahnfahrten unbeschadet zu überstehen. Ein gefeiertes Konzert katapultiert auf Wolke sieben. Ein Verriss, ein erfolgloses Vorspiel für den angestrebten Arbeitsplatzwechsel führen an den Abgrund. Was da rettet? Die Liebe zur Musik und das innige Verhältnis zu seinem Instrument. Helge Niswandt begann mit Cello und stieg fünf Jahre später, als er gerade 10 wurde, auf Posaune um. Sieglinde Fritzsche fand die Freude an der Musik erst, als sie von der Geige zur Bratsche wechselte. „Ihr Klang ist tiefer, weicher. Sie vibriert viel intensiver. Sie ist im wahren Wortsinn ein Kraftzentrum“, gerät sie regelrecht ins Schwärmen. Die Geige habe sie indessen innerlich nie wirklich berührt.

Helge von Niswandt (Foto: Uwe Arens)

Helge von Niswandt (Foto: Uwe Arens)

Der Gestaltungsspielraum, den ein Orchester dem Einzelnen bieten kann, ist gering, die Festlegung der musikalisch großen Linien bleibt dem Dirigenten vorbehalten. „Wir sind Facharbeiter“, sagt Niswandt. „Wir produzieren Töne.“ Einer Emanzipation der einzelnen Stimmen, vor allem der Tutti-Spieler, sind mithin enge Grenzen gesetzt. Das schneidet nicht wenigen Musikern ins Fleisch. Manche gar verlieren darüber ihr musikalisches Herz. Viele kompensieren das durch externe Engagements in der Kammermusik, mit der Übernahme ehrenamtlicher Projekte im Rahmen von Summer Schools oder Workshops, auch durch Lehraufträge an Musikhochschulen. „Jeder muss seinen Weg finden, sich von der täglichen Orchesterroutine nicht zum bloßen Handwerker reduzieren zu lassen“, beschreibt Helge von Niswandt seine persönlichen Erfahrungen. Nadine Baert bereitet sich darauf bereits jetzt vor. Sie studiert nicht nur Schlagzeug an der Hochschule für Musik in Detmold. An der Königlichen Glockenspielschule Mechelen im Herzen Flanderns als der Heimat der „singenden Türme“, lässt sie sich parallel zur Carilloneurin ausbilden. Wenn zu Weihnachten das Glockenspiel der Mechelener Kathedrale die Botschaft vom Frieden in die Winternacht trägt, dann schlägt demnächst vielleicht die Luxemburgerin die Hebel am Stockspieltisch.

Hohe Berufszufriedenheit

In keinem anderen Beruf dauert die Ausbildung so lange, wie für einen Job als Orchestermusiker. Schließlich beginnt die Ausbildung für Geiger oder Pianisten spätestens mit dem sechsten Lebensjahr, für eine Karriere am Cello zwischen acht und zehn, für Bläser zwischen dem zehnten bis zwölften Geburtstag. Danach ist es unwiderruflich zu spät. Dies weist auf eine zweite Besonderheit. Die Entscheidung für den Beruf Orchestermusiker liegt in den Händen der Eltern. Die Betroffenen selbst haben nur noch die Chance, irgendwann Nein zu sagen und auszusteigen. Helge von Niswandt hat es wie viele andere nicht getan. Er blieb bei der Musik. Nach dem Abitur studierte er zunächst ein Jahr an der Hochschule für Musik in Trossingen. Anschließend wechselte er an die Guildhall School in Londen und schloss dort nach drei Jahren mit dem Bachelor ab. Die Konzertreife erwarb er schließlich an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover.

Konzerthaus der Hochschule für Musik Detmold (Foto: Hochschule für Musik Detmold/Frank Beyer)

Konzerthaus der Hochschule für Musik Detmold (Foto: Hochschule für Musik Detmold/Frank Beyer)

Auch wenn die Berufsentscheidung für eine Laufbahn als Orchestermusiker keine autonome ist, erreichen die Zufriedenheitswerte der Community doch ein erstaunlich hohes Maß. Immerhin halten nach entsprechenden Umfragen sage und schreibe 96 Prozent aller Orchestermusiker ihren Beruf für den schönsten der Welt und 86 Prozent sind mit ihrer aktuellen beruflichen Situation absolut zufrieden. Unabhängig davon braucht es am Anfang der Karriere viel musikalisches Talent. Ein gutes Gehör, ein ausgeprägter Klangsinn und viel Rhythmusgefühl sind unabdingbar. Aber auch körperliche Gegebenheiten haben großen Einfluss auf den Beruf. Sie bestimmen ganz wesentlich die Wahl des Instruments und mit welcher Virtuosität man es später spielen kann. Die Armlänge, die Größe und Form der Hände spielen für viele Instrumente eine ebenso wichtige Rolle wie die Physis der Kieferpartie und das Atemvolumen für die Bläser.

Ein Berufsleben lang im Wettbewerbsmodus

Dann kommt mit den Aufnahmeprüfungen der einschlägigen Hochschulen die nächste große Hürde. Viele fühlen sich berufen, aber nicht alle werden auserwählt. In der Regel gilt es, ein oder mehrere vorbereitete und ein weiteres Stück unvorbereitet vom Blatt vorzuspielen, eine Prüfung in Gehörbildung sowie musikhistorische und –theoretische Tests zu bestehen. Diese Prüfungen erinnern alle Bewerber noch einmal daran, sich für einen Beruf entschieden zu haben, der ein überaus wettbewerbsintensiver ist. Vorzuspielen, sich immer wieder neu durch Leistung beweisen zu müssen, ist wichtiger Teil des Lebens von Orchestermusikern. Deren Berufsalltag besteht, anders als der Stammtisch meint, nicht lediglich aus der abendlichen Vorstellung. Und auch die weist manchmal Ähnlichkeiten mit einem Marathonlauf auf. Wer für Wagners Meistersinger-Oper eingeteilt ist, hat fünfeinhalb Stunden im Orchestergraben vor sich. In dem sitzen die Musiker dicht an dicht. Platzangst hier würde die Arbeitsunfähigkeit bedeuten.

Nadine Baert (Foto: privat)

Nadine Baert (Foto: privat)

Der Alltag eines Orchestermusikers ist bis auf die Tatsache, dass seine Arbeitswoche sechs und nicht lediglich fünf Tage zählt, indessen unspektakulär. Tariflich vereinbart sind für die staatlich, städtisch und öffentlich finanzierten Orchester bis maximal zehn Dienste pro Woche, meist zwei am Tag. Wird die Höchstzahl ausgeschöpft, reduziert sich die Zahl der Dienste in der darauffolgenden Woche auf neun, im Wiederholungsfall sogar auf acht. Als Dienste gelten Proben und Auftritte, im Einzelfall auch Reisezeiten. Zwischen den Diensten liegt eine Ruhezeit. Die hat ihre Berechtigung, gilt es doch den Akku für die Abendvorstellung aufzufüllen, auf die allein das berufliche Dasein eines Orchestermusikers ausgerichtet ist. „In einer Vorstellung“, sagt Sieglinde Fritzsche, „bestehe ich nur noch aus Konzentration.“ Ist ein Musiker nicht zum Dienst eingeteilt, gilt als Bereitschaftsdienstregel, bis drei Stunden vor Aufführungsbeginn erreichbar sein zu müssen. Wer an dienstfreien Tagen zum Bereitschaftsdienst eingeteilt ist, hat dem Büro zu hinterlegen, wie und wo er zu erreichen ist. Für die Musiker in Rundfunkorchestern und in Orchestern mit Haustarifen gelten eigene Regelungen.

Nur wenige Jahre für den Karrieregipfel

Das Orchestermanagement folgt freilich nicht nur an diesen Stellen zunehmend stärker werdenden ökonomischen Zwängen. Die Arbeitsintensität verdichtet sich erkennbar. Das Pensum an schwierigem Notenmaterial wird umfangreicher, die Zahl der Premieren und Wiederholungen in einer Spielzeit nicht geringer, die Zahl der Konzerte höher. Davon sind Berufsanfänger besonders betroffen. Für sie ist schließlich alles neu. „Da musst du dir in einer Spielzeit 30 bis 40 Stücke neu erarbeiten“, erinnert sich Helge von Niswandt seiner ersten Schritte als Orchestermusiker. Er startete mit einem befristeten Vertrag am Theater Dortmund, wechselte dann als Praktikant auf eine sogenannte Akademiestelle an die Deutsche Oper Berlin, bevor ihm vom Konzerthausorchester die Stelle als erster Posaunist angeboten wurde. Das macht er nun seit 15 Jahren – mit großer Zufriedenheit. Ein Wechsel ist nicht geplant. „Bis 35 sollte man seine Orchesterschäfchen im Trockenen haben“, drückt er es etwas flapsig aus.

Summer School: Musik ist immer ein Gemeinschaftserlebnis (Foto: Hochschule für Musik und Theater Hamburg

Summer School: Musik ist immer ein Gemeinschaftserlebnis (Foto: Hochschule für Musik und Theater Hamburg)

In der Tat werden Orchestermusiker jenseits der vierzig nur noch ganz selten zu den obligatorischen Bewerbungsvorspielen eingeladen. „Die Orchester“, sind auch die Erfahrungen Sieglinde Fritzsches, „suchen vor allem junge Bewerber mit möglichst schon viel Spielerfahrung.“ Und liefert auch gleich die Begründung für die Bevorzugung junger Bewerber. „Orchester haben wie alle Gruppen eine Sozialstruktur. Deshalb müssen sich seine Mitglieder menschlich wie fachlich verstehen. Das aber braucht Zeit. Zu häufige Wechsel bergen die Gefahr, dass dieses innere Gefüge Schaden nimmt.“ Personelle Kontinuität avanciert so zu einem orchestralen Qualitätsmerkmal. Die Mehrheit in einem Orchester machen die Streicher (1. und 2. Violinen, Bratschen, Celli, Kontrabässe) aus. Es folgen die Holz- (Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte) und Blechbläser (Hörner, Trompeten, Posaunen). Nicht zu vergessen die Schlagwerker (Paukisten, Schlagzeuger) sowie die Spieler von Harfe und Sonderinstrumenten.

Angespannter Arbeitsmarkt

Zwar hat die Zahl der Orchester in den letzten 25 Jahren von ehemals 168 auf nun nur noch 130 abgenommen und ist die Zahl der Planstellen im gleichen Zeitraum von 12.159 auf 9.816 geschrumpft. Dennoch bleiben die deutsche Orchesterlandschaft weltweit weiterhin einzigartig. Dasselbe gilt für die Ausbildungsqualität deutscher Musikhochschulen. Gleichwohl präsentiert sich die Beschäftigungssituation angesichts der seit fünfzehn Jahren steigenden Studienanfänger- wie Absolventenzahlen als äußerst angespannt (Siehe Daten, Fakten & Links am Schluss des Berichtes). Das Deutsche Musikinformationszentrum weist immerhin 2.000 Abschlussprüfungen pro Jahr aus. Infolge der Organisation in Bachelor- und Masterstudiengänge ist diese Zahl nicht mit der Zahl von Berufsanfängern gleichzusetzen und erreicht der Anteil nichtdeutscher Studenten einen Wert von nahezu 60 Prozent. Unbestritten aber klafft eine große Lücke zwischen Nachfrage und Angebot. Schätzungen gehen davon aus, dass durch das Erreichen der Altersgrenze lediglich 120 Stellen jedes Jahr zur Wiederbesetzung frei werden. Dazu kommen rund 40 Stellen, die Kollegen aus gesundheitlichen Gründen frei machen (müssen).

Großer Saal des Berliner Konzerthausorchesters (Foto: Konnzerthausorchester/Sebastian Runge)

Großer Saal des Berliner Konzerthausorchesters (Foto: Konnzerthausorchester/ Sebastian Runge)

 

Abhängig von Instrument und Orchester bewerben sich im Durchschnitt 80 Interessenten um eine Stelle. Und niemand weiß, wann die nächsten Budgetkürzungen ins Haus stehen. Bereits ein bloßes Einfrieren der Haushalte führt bei einem Personalkostenanteil von 85 bis 90 Prozent sowie angesichts der Abhängigkeit öffentlicher Zuwendungen unweigerlich zum Personalabbau. Im Durchschnitt liegen die Eigeneinnahmen eines Orchesters bei nur 17 Prozent. So wächst der Druck auf Orchestermusiker. Die zahlreiche Konkurrenz insbesondere aus Fernost erhöht ihn zusätzlich. Die Strategie der meisten Nachwuchskräfte heißt deshalb auch, den Einstieg in einem Orchester der höchsten Qualifikationsstufe anzustreben. „Karrieren von einem D-Orchester (Anm. d. Red.: das ist die unterste Qualifikationskategorie) in ein A-Orchester sind schon rein zeitlich nicht zu schaffen“, ist Sieglinde Fritzsche überzeugt.

Beifall entschädigt für viele Anstrengungen

Ähnlich selten sind Karrieren innerhalb eines Orchesters. Denn auch für den Aufstieg vom Tutti- zum Solospieler beziehungsweise Stimmführer muss man sich der Prozedur des Vorspiels stellen. Da an der Auswahl alle Orchestermitglieder beteiligt sind, ist das für beide Seiten nicht einfach. Auch wenn die Hierarchien eines Orchesters streng sind, so sind sie doch gleichzeitig sehr flach. Die Streicher als größte Instrumentengruppe weisen die meisten Funktionsstellen auf. Die erste Karrierestufe für einen Tuttispieler ist die Position des Vorspielers. Darüber aber stehen nur noch der Stimmführer und der Konzertmeister. Letzterer übernimmt die Violinsoli und koordiniert das Spiel der 1. Violinen. Orchestermusiker spielen Konzerte, für Ballettauftritte und in der Oper. Besonders die Sinfonieorchester sind wegen ihrer ausgedehnten Tourneen häufig auf Reisen. Das kompliziert ein durch die Arbeitszeiten ohnehin erschwertes Familienleben zusätzlich und verlangt eine stabile Gesundheit.

In Detmold studiert man im Grünen (Foto: Hochschule für Musik DetmoldMarkus Schmidt)

In Detmold studiert man im Grünen (Foto: Hochschule für Musik Detmold/Marco Schmidt)

À propos Gesundheit. Die ist bei Orchestermusikern ganz besonderen Beanspruchungen ausgesetzt. Bei der Straussschen Oper Elektra wurden im Orchestergraben schon bis zu 146 Dezibel gemessen. In Diskotheken, ebenfalls fürwahr keine Inseln der Ruhe, sind nur 93 erlaubt. Da verwundert es nicht, dass früher oder später jeder zweite Musiker über Hörschäden klagt. Die häufigsten Beschwerden aber betreffen den Bewegungsapparat. Musikerprophylaxe wird deswegen heute bereits im Studium zum Thema gemacht. Helge von Niswandt ist darüber hinaus überzeugt, dass jeder Einzelne viel für seine gesundheitliche Unversehrtheit tun könne. „Allem voran“, so sein Rat, „den Kopf frei halten und neugierig bleiben.“ Er spielt denn auch lieber auf der Konzertbühne als im Orchestergraben. Bei der Oper gehe es um die Show auf der Bühne, begründet er. „Beim Konzert dagegen gibt es für uns Musiker die Möglichkeit zur Kommunikation mit dem Publikum.“ Und genau das liebt er an seinem Beruf, das lieben auch Sieglinde Fritzsche und Nadine Baert!

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.11.2016)

Planstellen für Musiker in öffentlich finanzierten Orchestern (Die Zahl der tatsächlich beschäftigten Musiker liegt in der Regel geringfügig niedriger): 9.816

Nach Orchestertypen (in Prozent):

  • Theater-/Konzertorchester: 87 %
  • Kammerorchester: 1,3 %
  • Rundfunkorchester: 12 %

Nach Orchesterklassifikation (in Prozent):

  • A/F1 mit Zulage und vergleichbare Einstufung: 18 %
  • Rundfunk: 12 %
  • A/F1 und A/F2: 12 %
  • A: 17 %
  • B: 30 %
  • C: 5 %
  • D: 5 %

Altersstruktur berufstätiger Orchestermusiker: keine belastbaren Daten für die Gruppe der Orchestermusiker vorhanden.

Arbeitslose Orchestermusiker: ebenfalls keine belastbaren Daten für die Gruppe der Orchestermusiker vorhanden.

Studierende (Wintersemester 2014/2015; Quelle: Deutsches Musikinformationszentrum): 8. 988 (Frauenanteil 52 %)

Studienanfänger (Wintersemester 2014/2015; Quelle: Deutsches Musikinformationszentrum): 1.825 (Frauenanteil nicht ausgewiesen)

Abschlussprüfungen Wintersemester 2014/2015; Quelle: Deutsches Musikinformationszentrum): 2.192 (Frauenanteil nicht ausgewiesen)

Einkommen (abhängig von Orchesterkategorisierung, Instrument und Funktionsstelle): Berufsanfänger nach Angaben des Deutschen Bühnenvereins im Durchschnitt 2.300 € brutto.

Studienmöglichkeiten: zu finden über: www.hochschulkompass.de

Weiterführende Informationen:

Berufsbild: Orchestermusiker

Arbeitsmöglichkeiten: http://www.dov.org/Infos.html

Gerald Mertens: Orchester, Rundfunkensembles und Opernchöre: Beschäftigungsmöglichkeiten für Orchestermusiker

Liste aller deutschen Kulturorchester: Deutsche Kulturorchester

 

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