Mojib Latif – Wenn ein Wissenschaftler seinem Herzen folgt

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2014

Mojib Latif, Referat beim Deutschen Elektronen-Synchroton DESY/Hamburg 2011 (Foto: DESY)

Mojib Latif, Referat beim Deutschen Elektronen-Synchroton DESY/Hamburg 2011 (Foto: DESY)

Mojib Latif ist das bekannteste Gesicht all derer, die hierzulande vor dem Klimawandel warnen. Stets zugewandt, immer auf das Thema konzentriert, nie persönlich diffamierend, unaufhörlich nach dem wissenschaftlichen Beweis für die Zusammenhänge von Sonneneinstrahlung, Luftströmungen, Wasserbewegungen und Temperaturschwankungen suchend, so kennt ihn die Öffentlichkeit. Doch der drohenden Gefahr wegen den Weltuntergang zu beschwören, das ist nicht seine Art. Mit lautstarkem Pathos im Ungefähren, nicht selten sogar im Unseriösen zu fischen, überlässt er lieber anderen. Mojib Latif ist Wissenschaftler. In seinem Denken lässt er sich von Fakten, Analysen und deren logische Verknüpfungen leiten, niemals aber von vagen Gefühle. Noch weniger hält er von der modern daher kommenden, gleichwohl altertümlich glaubensseligen Hoffnung vieler, es werde schon alles nicht so schlimm kommen. Klimaveränderungen habe es schließlich schon immer gegeben. „Wir sollten die Wirklichkeit so wahrnehmen, wie sie ist, nicht wie wir sie gerne hätten“, hält Latif nüchtern dagegen.

Da paart sich naturwissenschaftlicher Realismus mit  hanseatischem Weitblick. Doch nach dem Abitur am Hamburger Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer deutete zunächst alles in eine ganz andere Richtung. Eine Managementkarriere sollte es werden. Der vielseitig interessierte Latif begann mehr auf Anraten seiner Eltern als aus eigener Überzeugung, vor allem aber mangels eigener klarer Zielvorstellungen ein Studium der Betriebswirtschaftslehre. Der Rat des Vaters, dass man zur Sicherung des Lebensunterhaltes ja irgendwann Geld verdienen müsse und gute Manager immer gebraucht würden, leuchtete dem frisch gebackenen Abiturienten ein. Seine Erfüllung aber wurde es nicht. Vier Semester hielt der junge Mann durch, dann zog er die Reißleine und wechselte in die Meteorologie. Die interdisziplinäre Struktur dieses Faches ebenso wie die absolute Präzision der darin angewandten Methoden entsprachen schon eher seinen Neigungen. Viel wichtiger allerdings, die Inhalte trafen ins Zentrum der Neugier eines wissbegierigen jungen Menschen.

Zielstrebig studieren, heißt nachhaltig studieren

Das Schelfeis bricht im antarktischen Sommer auf (Foto: Universität Kiel)

Das Schelfeis bricht im antarktischen Sommer auf (Foto: Universität Kiel)

„Es war die Zeit, als vielen dämmerte, dass wir mit unserer Lebensweise je länger je mehr ein Klimaproblem provozieren“, erinnert sich Latif, „ohne dass wir allerdings schon die Zusammenhänge durchschauten.“ So wuchsen Weg und Ziel erst Schritt für Schritt. Über den Tellerrand des eigenen Fachbereiches hinaus  zu schauen, kostete ihn erwartungsgemäß das ein und andere Semester. Deren vierzehn waren es bis zur Diplomprüfung. Seine Analyse jener Jahre entspricht seiner Haltung. Die ist gerade heraus, ohne Nebelkerzen und ohne Schnörkel. „Ich benötigte diesen Raum für meine Entwicklung“, ist sein Fazit. Und verlor dennoch, vielleicht aber auch gerade deswegen, aufs Ganze gesehen keine Zeit. Promotion und Habilitation folgten im Hochgeschwindigkeitsmodus. Mit 35 bereits besaß er die Facultas Docendi (Lehrbefähigung). Da rieben sich einige erstaunt die Augen. Länger zu studieren als nur die Regelstudienzeit, erweist sich beim Klimaexperten Latif im Rückblick nur als eine andere, nämlich eine nachhaltige Form von Zielstrebigkeit. Den heutigen Bildungspolitikern sollten angesichts dieses Ergebnisses die Ohren klingen.

Das Muster wiederholt sich beim Thema, das ihn bis heute beruflich gleichermaßen fasziniert wie bestimmt. Als Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg und nach mehreren Auslandsaufenthalten promoviert er über das eng mit ozeanographischen Aspekten verbundene Wetterphänomen El Nino. Von nun an ließ ihn das Klima nicht mehr los. Konsequent verortete er auch die anschließende Habilitation in der Ozeanographie. Dem Max-Planck-Institut bleibt er, zuletzt in einer Führungsfunktion, zwanzig Jahre lang verbunden. Ziel seiner Arbeit ist seitdem die Entschlüsselung der entsprechenden physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse. Er untersucht, ob es und in welchem Umfang Zusammenhänge zwischen dem menschlichen Verhalten und regionalen oder gar globalen Klimaveränderungen gibt. Zusammen mit seinen Mitarbeitern entwickelt er numerische Modelle, um die natürliche Variabilität der Atmosphäre, des Ozeans und der Biosphäre genauer zu erklären. Er will darüber hinaus die Zusammenhänge von Landnutzung, industrieller Entwicklung, Urbanisierung und anderen menschlichen Einflüssen auf das Klima besser verstehen. Und er engagiert sich im Weltklimaforschungsprogramm, denn Klimaforschung benötigt die internationale Kooperation.

Die Klimaentwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten

Mojib Latif vor Teilnehmern der Kinderuni Kiel 2012 (Foto: Universität Kiel)

Mojib Latif vor Teilnehmern der Kinderuni Kiel 2012 (Foto: Universität Kiel)

Die Klimathematik ist hoch komplex und berührt viele Fachdisziplinen. Das kommt dem vielfältig interessierten Forscher Latif entgegen. „Meine Forschungsagenda war nie monothematisch“, erklärt er. Und hält damit in diplomatischer Zurückhaltung ein Plädoyer gegen eine zu frühe, eine zu tief gehende, eine zu enge und eine deshalb kontraproduktive fachliche Spezialisierung. Er hat die Klimaproblematik inzwischen aus vielen unterschiedlichen Perspektiven ausgeleuchtet. So ist der gelernte Meteorologe heute Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR in Kiel. Der Meeresspiegel zeige seit 1900 im Gegensatz zur Oberflächentemperatur einen kontinuierlichen Anstieg, auch während der letzten fünfzehn Jahre, in denen die globale Oberflächentemperatur nicht mehr zugenommen habe. Insgesamt zwanzig Zentimeter liegen die Meeresspiegel heute höher als vor einhundert Jahren.

Die Meereswissenschaften, die seinen naturwissenschaftlichen Horizont seit seinem Wechsel an die Universität Kiel entscheidend erweitern, bieten Latif die Erklärung. Das Eis der Erde schmelze langsam, aber beständig und lasse das Meer allmählich anschwellen. Der Meeresspiegel steige aber auch, weil sich das Wasser erwärme und deswegen ausdehne. Die Tiefsee entziehe im Moment den oberen Ozeanschichten mehr Wärme als in den Jahren zuvor. Das Ergebnis: Der Meeresspiegel steigt mit der gleichen Rate, während sich der Anstieg der Oberflächentemperatur verlangsamt. „Spezialisten mit einem fachlich zu engen Blickfeld können nur schwer Verknüpfungen zu anderen Wissensgebieten herstellen“, sind seine Erfahrungen, „vor allem können sie die Erkenntnisse schlecht in die Öffentlichkeit kommunizieren.“ Beides sei allerdings in der Wissenschaft unverzichtbar. „Das Klima ist ein komplexes System“, schließt er den Kreis zu seinem Thema, „es geht um Wahrscheinlichkeiten, die absolute Wahrheit besitzt niemand.“ Das wäre unwissenschaftlich, die Datenbasis ist noch viel zu lückenhaft und die Modelle sind nicht frei von Fehlern.

Eine Sonde wird von der Crew eines Forschungsschiffes zu Wasser gelassen (Foto: Universität Kiel)

Eine Sonde wird von der Crew eines Forschungsschiffes zu Wasser gelassen (Foto: Universität Kiel)

Doch Wissenschaft sollte nicht bloß Daten erheben, interpretieren und zu verstehen versuchen, Wissenschaft muss der Gesellschaft dienen. „Die Diskrepanz von Wissen und Handeln werden wir nur überwinden, wenn wir unsere Erkenntnisse auch den Menschen erklären können“, ist der Klimaforscher überzeugt. „Hier muss man Kompromisse eingehen, die Dinge extrem vereinfachen, ohne sie zu verfälschen.“ Weshalb er sich seit vielen Jahren mit großem persönlichem Einsatz der öffentlichen Diskussion stellt. Seine Erfahrungen hierbei sind ambivalent. „Viele verstehen mich“, berichtet er. Aber natürlich gibt es auch Kritik. Die von Kollegen aus der Wissenschaft nimmt Latif sehr ernst. Denn: „Kritikfähigkeit ist die wichtigste Tugend eines Wissenschaftlers!“ Gegen Verunglimpfungen von Seiten verschiedener Interessengruppen hat er sich freilich ein dickes Fell zugelegt. Er weiß, hier geht es weniger ums Verstehen als um Einfluss, Geld und Macht.

Die eigenen Forschungsergebnisse immer wieder infrage stellen

Auch wenn die öffentlichkeitsgerichtete Vermittlungsfähigkeit für einen Forscher kein Muss ist, schult sie doch, Sachverhalte präzise auf den Punkt zu bringen. Von der heute weithin geübten Emotionalisierung und Dramatisierung auch in der Forschung hält Latif indessen wenig. Da ist er viel zu sehr Naturwissenschaftler, orientiert sich an Daten und Fakten, legt Wert auf eine stringente Logik aller daraus abgeleiteten Argumente. Die Karriere eines Forschers folge deshalb anderen Mustern als die eines Managers oder Ingenieurs, erklärt er. Da gehe es nicht um Titel oder die Zahl der unterstellten Mitarbeiter. „Karriere in der Forschung dokumentiert sich vor allem in der Qualität der wissenschaftlichen Publikationen.“ Um erfolgreich zu sein, müssten insbesondere die verfügbare Infrastruktur und die Qualität  der Arbeitsbedingungen stimmen. Deshalb habe er sich vor zehn Jahren für einen Wechsel nach Kiel entschieden, wo er das Thema Klima in einen noch größeren Bezug stellen konnte. „Das“, sagt er, „hat mich fachlich einen entscheidenden Schritt weiter gebracht.“ Natürlich freue sich jeder Wissenschaftler über Preise und Auszeichnungen. Latif hat einige erhalten. Besonders stolz, weil ein fachlicher Ritterschlag, ist er auf die Sverdrup Gold Medaille der Amerikanischen Meteorologischen Gesellschaft (AMS). So etwas zählt in der Community. Gefreut hat er sich auch über die ihm verliehenen Medienpreise.

Mojib Latif und der Dalai Lama in Frankfurt 2008 (Foto: Universität Kiel)

Mojib Latif und der Dalai Lama in Frankfurt 2008 (Foto: Universität Kiel)

Den Versuchungen zum Wechsel ins Wissenschaftsmanagement oder gar die Politik hat Mojib Latif stets widerstanden. Möglichkeiten hätte es gegeben. „Ich wollte nicht irgendwann nur noch leeres Stroh dreschen“, formuliert er seine Entscheidung, mindestens mit einem Bein in der Forschung verankert zu bleiben. An diesem Punkt ist der Sohn pakistanischer Eltern wie an anderen Weichen, die es beruflich zu stellen galt, seinem Herzen gefolgt. Darin sieht er einen wesentlichen Teil seines Erfolges. „Das war das Fundament, um in der Wissenschaft Karriere zu machen“, blickt er auf seinen Weg zurück. Denn, ist er überzeugt, Wissenschaftler sind nur in Ausnahmefällen Genies. Ihr Erfolg basiere in der Regel auf harter Arbeit und eiserner Disziplin. „Beides kann ich aber nur abrufen, wenn das, was ich mache, mein Herz berührt.“ Darin gründeten schließlich auch die für einen Forscher so wichtigen Fähigkeiten wie Neugier, Offenheit, Hartnäckigkeit und die Bereitschaft, stets alles immer wieder infrage zu stellen, ohne die rote Linie aus den Augen zu verlieren oder gar zu verzweifeln.

Sich durch Misserfolge nicht entmutigen lassen

Zuletzt verlangt gerade eine Disziplin wie die Klimawissenschaft langfristiges und vorausschauendes Denken. „Das Klima“, weiß Latif, „ist ein chaotisches System.“ Da gehe es nicht um Tage, Monate oder einzelne Jahre, sondern um Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende. In einer Gesellschaft, die geprägt ist durch eher kurzfristig orientiertes Erfolgsdenken, ist das Arbeiten an solchen Projekten deshalb besonders schwierig. Forscher müssen hier schließlich viel mehr noch als Kollegen in anderen Disziplinen damit umgehen lernen, dass die Ergebnisse ihrer Mühen in vielen Fällen erst nachfolgende Generationen ernten werden. Und der Erfolg ist noch lange nicht sicher. Die mageren Ergebnisse der alljährlichen UN-Klimakonferenzen, zuletzt der in Warschau vor ein paar Monaten, haben auch bei Mojib Latif tiefe Spuren hinterlassen. „Wir führen ein gigantisches Experiment mit der Erde aus“, formuliert er seine Befürchtung, „wir sind dabei, die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu testen.“ Dennoch nicht aufzugeben, sollte jemand mitbringen, der seine berufliche Zukunft in der Klimaforschung sieht und Vernunft gegen Profitgier stellt. Mojib Latif ist dafür ein Vorbild.

 


Weiterführende Informationen:
www.geomar.de/~mlatif

 

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