Mercedes-Benz/Werk Bremen – Lernen und arbeiten unter einem guten Stern

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2014

Das Werk Bremen aus der Vogelperspektive - 1,5 km² automobiles High Tech (Foto: Mercedes-Benz AG)

Das Werk Bremen aus der Vogelperspektive – 1,5 km² automobiles High Tech (Foto: Mercedes-Benz AG)

Das Grundgesetz der Bundesrepublik umfasst 146 Artikel, das von Mercedes-Benz nur einen einzigen Satz. In dem ist formuliert, auch wenn nirgendwo schriftlich niedergelegt und mit Siegellack verbrieft, was den Erfolg des Unternehmens sichern helfen soll. Sein Wortlaut wird dem Firmengründer Gottlieb Daimler zugeschrieben. Ganz dem Klischee des sogar mit Worten geizenden Schwaben entsprechend soll der kurz und schnörkellos, gleichwohl unmissverständlich gesagt haben: „Das Beste oder nichts!“. Dieser Leitspruch gilt ohne Einschränkungen auch im Werk Bremen, wo alle Modelle der C-Klasse Limousine, das T-Modell, das Coupé und  der GLK flexibel auf einer Produktionslinie gefertigt werden. Außerdem baut Mercedes im Werk auch das Coupé und Cabrio der E-Klasse sowie den SLK und den SL. Die Bedeutung des Bremer Werks im Konzernverbund ist groß. In die Erweiterung und Modernisierung investiert der Vorstand rund eine Milliarde Euro. Über sechs Millionen Fahrzeuge mit dem Stern rollten hier bereits vom Band, allein im Jahr 2012 waren es 316.000.

„Das Beste oder nichts“, gilt auch und besonders bei Uwe Oentrich in der Ausbildungsabteilung, deren Leiter er ist. Oentrich versteht das zuallererst als einen Anspruch an sich selbst und seine Mitarbeiter, nicht als arrogante Abschottung einer kleinen betuchten Elite. Er weiß, nur hervorragend qualifizierte Leute können gute Autos bauen. Umso mehr, wenn ein Standort wie der in Bremen im Konzernverbund eine besondere Verantwortung trägt. Immerhin ist das Werk in der Hansestadt das Kompetenzzentrum für die C-Klasse und steuert den weltweiten Anlauf dieser Baureihe. Das ist die mit 303.000 verkauften Einheiten im letzten Jahr volumenstärkste Modellreihe. Oentrichs Job ist es, aus ebenso interessierten wie leistungsbereiten jungen Leuten qualifizierte Autobauer zu formen.

Der Stern gibt jedem eine Chance

Mechatronikerlehrling Nico Güse programmiert einen Schaltkasten (Foto: Mercedes-Benz AG)

Mechatronikerlehrling Nico Güse programmiert einen Schaltkasten (Foto: Mercedes-Benz AG)

Also frage ich den Bremer Ausbildungschef nach dem Kompetenzprofil seines Idealbewerbers und erwarte mit Blick auf Schulabschlüsse, Zeugnisnoten, Zusatzqualifikationen sowie Freizeitaktivitäten höchste Anforderungen. Schließlich ist das Unternehmen in Bremen mit mehr als 12.500 Beschäftigten nicht nur einer der größten, sondern mit Blick auf Lohnniveau und übrige Sozialleistungen auch einer der attraktivsten Arbeitgeber in der Stadt an der Weser. Da wird es doch wohl leicht fallen, auch hohe Ansprüche auf dem Bewerbermarkt durchzusetzen. Denke ich. Uwe Oentrich aber denkt anders. „Automobilbau ist ein Mannschaftssport und in einer Mannschaft muss die Mischung stimmen.“ Nein, sagt er lachend, einen Idealbewerber habe er deshalb nicht.

„Aus diesem Grund suche ich junge und ältere Bewerber, Hauptschulabsolventen, Bewerber mit mittlerem Bildungsabschluss oder Abitur, genauso wie Studienabbrecher, Männer und Frauen, Bremer wie Auswärtige, Deutsche ebenso wie junge Menschen mit Migrationshintergrund“,  beschreibt Oentrich sein Vorgehen. Was die 100 Neulinge, darunter jedes Jahr auch 10 Studienanfänger des dualen Studienmodells, aber alle mitbringen müssen, formuliert er dann doch noch einen Diversity übergreifenden Aspekt, sei die Lust darauf, Automobile bauen zu wollen – und zwar die besten. Julia Langer, nach einer Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin zuerst in der Fertigung eingesetzt, jetzt Ausbildungsreferentin und in der Weiterbildung zur Technikerin, ist lebendiger Beweis dafür, dass das Mercedeswerk Bremen mit seiner Personalphilosophie richtig liegt. Der Azubi im ersten Ausbildungsjahr zum Mechatroniker Nico Güse auch.

Frauen gehen ihren Weg mit großem Erfolg

Julia Langer erklärt Azubi Stephan Zimmermann die Kontrolle des Kühlwassers (Foto: Mercedes-Benz AG)

Julia Langer erklärt Azubi Stephan Zimmermann die Kontrolle des Kühlwassers (Foto: Mercedes-Benz AG)

Julia Langer stammt aus Jever und wagte nach der Realschule den Schritt ins über 100 km entfernte Bremen. Ihr Interesse an allem, was rollt und unter der Haube einen Motor hat, imponierte Uwe Oentrich ebenso wie ihr Mut, dafür schon in diesem Alter das Elternhaus verlassen zu wollen. Und er sollte sich nicht täuschen. Inzwischen steht Julia Langer im Ausbildungszentrum täglich meist jungen Männern mit viel automobilem Selbstbewusstsein gegenüber. Schwierigkeiten? Nein, denn ihre fachliche Kompetenz und menschliche Souveränität lassen etwaige Akzeptanzprobleme gar nicht erst aufkommen. Und der Weg der jungen Ostfriesin scheint noch lange nicht am Ende angekommen. „In einer Ausbilderfunktion übt man Führung“, weist ihr Chef auf einen wichtigen Kompetenzzuwachs, den das Unternehmen sicherlich kaum ungenutzt lassen wird. Im letzten Jahr war schon jede vierte Ausbildungsstelle mit einer jungen Frau besetzt.

Ganz anders und doch irgendwie ähnlich liegen die Dinge bei Nico Güse. Durch seinen Vater, einen langjährigen Mercedes-Mitarbeiter, zwar familiär vorbelastet, hatte er zunächst andere Ziele. Nach der 10. Klasse Gesamtschule wechselte er zur Fachoberschule Technik. Erst einmal die Fachhochschulreife und dann weitersehen, war der Plan. Schnell wurde aber klar, dass ihm die Anwendung mehr lag als die Theorie, komplizierte Ableitungen und irgendwelche abstrakten Modelle. Doch was nun tun? Da war guter Rat gefragt. „Bewirb dich doch mal für >Let’s Benz<“, riet ihm der Vater, „vielleicht klappt es ja mit einer Ausbildungsstelle.“

„Let’s Benz“ – In nur einer Woche von der Bewerbung bis zum Ausbildungsvertrag

So innovativ wie das Unternehmen in der technischen Weiterentwicklung seiner Autos ist, so einfallsreich arbeitet es auch im Personalbereich. Mit „Let’s Benz“ haben die Männer und Frauen aus der Personalabteilung gemeinsam mit Uwe Oentrich eine völlig neue Form des Azubi-Recruitings entwickelt. Die ist inzwischen sogar mehrfach ausgezeichnet worden. Worum es geht? In nur einer Woche bis zum Ausbildungsvertrag, heißt das Motto in Bremen seit 2012. Die Bewerberwoche „Let’s Benz“, in der die Ausbildungsplätze für das kommende Jahr vergeben werden, findet jeweils zu Beginn oder Ende der Sommerferien statt und atmet den Charakter eines großen Events. Nicht weniger als 1.400 Schüler hatten sich im letzten Jahr dafür online angemeldet. Die Bewerbungsunterlagen bringen die Teilnehmer dann erst zum Beginn dieser Bewerberwoche mit.

Ein E-Klasse-Cabriolet verlässt die Produktionslinie (Foto: Mercedes-Benz AG)

Ein E-Klasse-Cabriolet verlässt die Produktionslinie (Foto: Mercedes-Benz AG)

An den Tagen von „Let’s Benz“ ist so ziemlich die komplette Bremer Personalabteilung auf den Beinen. Am ersten Tag bearbeiten alle Bewerber einen Online-Test. Auf eine Vorauswahl nach Zeugnissen verzichten die Bremer Mercedesleute. „Wir wollen jedem eine Möglichkeit geben“, formuliert Uwe Oentrich die dahinter stehende Personalphilosophie. Das war Nicos Chance, die er zu nutzen wusste. Noch am Abend des gleichen Tages bekam er eine Rückmeldung über das Testergebnis. Und das sah gut aus. Die nächste Runde war erreicht! Es folgten an den weiteren Tagen ein zweiter Test, Einzel- und Gruppenübungen, zum Schluss ein Einstellungsinterview. „Die Schlüsselqualifikationen, die Einstellung und Motivation geben für uns am Ende den Ausschlag“, erklärt Uwe Oentrich, „alles andere kann man lernen.“ Nico zählte am Finaltag zu den Glücklichen. Er erhielt den begehrten Ausbildungsvertrag und hatte endlich Planungssicherheit, wie es weitergeht.

Seit September gehört er nun zu den MB-lern, wie es in Bremen heißt. Die Eingewöhnung ist ihm gut gelungen, auch wenn der Schritt aus dem Schutzraum Schule in die Welt eines Industriebetriebes sich auch für ihn als ein großer erwies. „Das Werk ist ein Frühaufsteher“, schmunzelt Julia Langer. Und es bedarf keiner Diskussion, wer sich hier wem anzupassen hat. Für die Azubis beginnt der Arbeitstag um 6:45 Uhr. Überhaupt gehören Zuverlässigkeit und Stehvermögen zu den wichtigsten Tugenden industriellen Arbeitens, im Automobilbau ganz besonders. Während es im Fußball gilt, Tore zu schießen, geht es für die Teams im Automobilbau vor allem um die Beherrschung der modernsten Produktionstechnologien sowie die Gewährleistung höchster Qualität im Werkzeug- und Betriebsmittelbau.

MiKA, FacTS und CAReer heißen die Karriere-Highways

Ausbildungsmeister Patrick Schmidt weist Nico Güse in die Bedienung einer Drehmaschine ein (Foto: Mercedes-Benz AG)

Ausbildungsmeister Patrick Schmidt weist Nico Güse in die Bedienung einer Drehmaschine ein (Foto: Mercedes-Benz AG)

Das ist in Bremen nicht anders als in Toscaloosa, Peking oder East London, wo Mercedes-Werke ebenfalls C-Klassen-Modelle fertigen. Und vielleicht gehören Julia Langer oder Nico Güse eines Tages zu denen, die vom C-Klassen-Kompetenzzentrum Bremen aufbrechen, um die amerikanischen, chinesischen und südafrikanischen Kollegen in neue Produktionsverfahren einzuarbeiten. Zunächst aber zielt Nicos Ehrgeiz darauf ab, zu den 30 Azubis zu gehören, die während der Ausbildung im Rahmen des Programms „MiKA“ für zwei Monate in ein ausländisches Werk wechseln dürfen. „MiKA“ steht für Mobilität und interkulturelle Kompetenz in der Ausbildung. Julia Langer war über dieses Programm zusammen mit einigen anderen Auszubildenden in Österreich, um genauer zu sein im Werk Graz. „Es ist schon interessant zu sehen, dass man manche Dinge auch anders, aber genau so effizient organisieren kann, wie wir es in Bremen machen“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen.

Der nächste Karriereschritt für Nico Güse könnte sein, in das Förderprogramm „FacTS“ (FacharbeiterInnen Talentschmiede) aufgenommen zu werden. FacTS ist für Leistungsträger in der technischen Berufsausbildung gedacht. Ziel ist die Entwicklung einer beruflichen Perspektive, etwa einer Fach- oder Führungskarriere. Im Wettbewerb um derartige Funktionen stehen sie in Konkurrenz zu Absolventen der dualen Studiengänge. Die haben die ersten Schritte zwar in kürzerer Zeit zurückgelegt, doch dann keinen Bonus mehr. Bei Stellenausschreibungen müssen sie sich face to face gegenüber Mitbewerbern wie Julia Langer beweisen. Wie weit so eine Karriere reichen kann, möchte ich zum Schluss noch wissen. Uwe Oentrich erinnert sich eines ehemaligen Azubis. Jörg Heinze erlernte bei ihm den Beruf des Werkzeugmachers. Heute ist er im ungarischen Werk Kecskemét, wo die B-Klasse und das viertürige Coupe CLA hergestellt werden, Leiter des Presswerks. Hochschulabsolventen steigen in der Regel über das Traineeprogramm CAReer ein. Und wer sich schon als Schüler mal umschauen möchte, ist als Praktikant ein gern gesehener Gast. Das Bremer Werk unter dem Stern hat für alle Autobegeisterten eine Menge zu bieten.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 09.12.2013)

Firmengründung: 1926 ging die Daimler-Benz AG aus der Fusion der Unternehmen Benz & Co (gegründet 1883) und der Daimler-Motoren-Gesellschaft (gegründet 1890) hervor.
Sitz der Unternehmenszentrale: Mercedesstraße 137/1, 70327 Stuttgart
Werk Bremen: Mercedesstraße 1, 28309 Bremen
Mitarbeiter: in Deutschland 166.400 (Werk Bremen: 12.678); Auszubildende in Deutschland 6.800 (Werk Bremen: 340)
Umsatz: 114,3 Milliarden Euro (davon in Deutschland 19,7 Milliarden Euro)
Ausbildungsmöglichkeiten: http://career.daimler.com/dhr/index.php?ci=126&language=1&DAIMLERHR=a0f6be6df91b7fb4c68f89a42d2c72c7
Werk Bremen:

  • Konstruktionsmechaniker/-in
  • Mechatroniker/-in
  • Metallwerker/-in
  • Werkzeugmechaniker/-in
  • Elektroniker/-in Automatisierungstechnik
  • Kraftfahrzeugmechatroniker/-in
  • Verfahrensmechaniker/-in
  • Sozialversicherungsfachangestellte/-r

Duales Studium: http://career.daimler.com/dhr/index.php?ci=127&language=1&DAIMLERHR=a0f6be6df91b7fb4c68f89a42d2c72c7
Werk Bremen:

    • Mechatronik/Fachrichtung Allgemeine Mechatronik
    • Mechatronik/Fachrichtung Fahrzeugtechnik
    • Wirtschaftsingenieurwesen Produktion und Logistik

Schülerpraktika: ja; Kontakt über sabine.oetting@daimler.com oder Tel.: 0421 – 4192193
Bewerbungen: online unter bewerberwoche@daimler.com oder Tel.: 0421 – 4195550
Kontaktmöglichkeiten: http://career.daimler.com/letsbenz
Internet: http://career.daimler.com
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