Mediengestalter Bild und Ton – (Kunst)Handwerker für Fernsehen und Radio

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2014

Landesfunkhaus Niedersachsen am Maschsee in Hannover (Foto: NDR)

Landesfunkhaus Niedersachsen am Maschsee in Hannover (Foto: NDR)

Ich bin im NDR in Hannover verabredet. Das Landesfunkhaus ist exklusiv am Maschsee gelegen, vis-à-vis das Sprengel Museum, in Sichtweite die HDI-Arena des Bundesligisten Hannover 96. Vom Hauptbahnhof sind es nur zwanzig Minuten zu Fuß. Das funktionell ausgerichtete Ambiente aus den späten Fünfzigern des letzten Jahrhunderts ist zwar schon etwas in die Jahre gekommen, verströmt aber noch immer einen Hauch von gediegener Seriosität. Meine Gesprächspartner erwarten mich im Besprechungszimmer des Produktionschefs Fernsehen Rainer Hasse. Sie wollen mir Ausbildung und Beruf des Mediengestalters Bild und Ton vorstellen. Neben dem Gastgeber sind das der eigens aus der Hamburger Zentrale angereiste Leiter des Referates Ausbildung Gerald Mechnich, der bereits berufserfahrene ehemalige Auszubildende Alexander Geyer sowie Marcel Seemann, Azubi im dritten Lehrjahr. Wer sollte mir besser Auskunft geben können als sie.

Doch schon kurz nach der Begrüßung überrascht Gerald Mechnich mit einer provokanten Aussage. Die hätte man von einem, der vor siebzehn Jahren zu den Geburtshelfern des MGBT zählte, wie die Fachleute die umständliche Berufsbezeichnung auf ein handhabbares Maß reduziert haben, so nicht erwartet. „Der Mediengestalter Bild und Ton ist überhaupt kein Beruf im herkömmlichen Sinne“, erklärt er, „es ist eine breit angelegte Grundlagenausbildung.“ Sagt’s, lacht und weiß natürlich, welche Verwirrung das bei seinem Gegenüber hervorruft. Und er legt sogar noch einen oben drauf. Nein, formuliert er mit spitzbübischem Lächeln, es gäbe tatsächlich keine Stellen für MGBT’s. Was Sender wie der NDR sowie die großen Produktionsfirmen für Film und Fernsehen brauchten, seien Fachleute für Licht, Kamera, Bildmischung und -schnitt, Ton, Grafik sowie den Online-Bereich. Die überwiegende Mehrzahl der Arbeitsplätze findet sich allerdings in Kleinunternehmen mit vielfach kaum mehr als zwanzig Beschäftigten. Und die benötigen im Gegensatz zum NDR weniger den Spezialisten als vielmehr den Allrounder mit Helikopterfähigkeit. Der Mediengestalter Bild und Ton ist im Übrigen immer öfter eine Mediengestalterin. Beim NDR ist inzwischen jeder dritte Azubi eine Auszubildende.

Ausbildung ist Basis für mehrere Berufe

Rainer Hasse, Produktionschef Fernsehen im Landesfunkhaus Niedersachsen (Foto: NDR)

Rainer Hasse, Produktionschef Fernsehen im Landesfunkhaus Niedersachsen (Foto: NDR)

„Der MGBT“, löst Rainer Hasse die widersprüchliche Informationslage endlich auf, „ist der zentrale Basiseinstiegsberuf für die Produktion bei Hörfunk, Fernsehen und Film. Für diesen Arbeitsbereich vermittelt die Ausbildung die wichtigsten Kernkompetenzen.“ Die Produktion aber spreize eben von Licht bis Online. Weshalb die Ausbildung mit der erfolgreichen Abschlussprüfung auch noch lange nicht beendet sei. Erst mit einer anschließenden und meist auf zwei Jahre befristeten Qualifizierungsphase könnten die Nachwuchsfachkräfte voll berufsfähig gemacht werden. Alexander Geyer bestätigt das. Er schloss 2012 die Ausbildung ab, sein berufliches Ziel ist der Bereich Kamera. „Die Ausbildung vermittelt die Basics, alles andere kommt erst danach.“ Momentan arbeitet er als Kameraassistent. Die sind zuständig für das reibungslose Funktionieren der gesamten Aufnahmetechnik. Dazu kommt die Nachbearbeitung. Zwei Drittel der Mediengestalter im Landesfunkhaus Hannover arbeiten hier. Die anderen verteilen sich auf den Hörfunk, den Online-Bereich und schließlich die Studiotechnik und Sendeabwicklung.

Heute Nachmittag ist Alexander Geyer für einen Dreh im Landtag eingeteilt. So etwas ist für ihn inzwischen Routine. „Zuerst checke ich das Equipment im Kamerawagen und bereite alles so vor, dass der Kameramann sich ganz auf die Einstellung konzentrieren kann und nur noch auf den Knopf zu drücken braucht“, beschreibt er seine Aufgaben. Bei Terminen wie diesem liegt zusätzlich auch die Verantwortung für Licht und Ton sowie dem technischen Vorspann in seinen Händen. Bei umfangreicheren Projekten, Live-Aufnahmen, vor allem aber bei hochrangigen Musikevents werden die Dinge indessen kleinteiliger organisiert und auf mehr MBGT-Schultern verteilt. Professionalität ist gleichwohl überall gefordert. „Den Ministerpräsidenten um die Wiederholung seines Interviews bitten zu müssen, weil vielleicht der Ton versehentlich nicht aufgezeichnet wurde, wäre peinlich“, beschreibt Rainer Hasse die Verantwortung, der seine Mediengestalter Bild und Ton standhalten müssen.

Vor der Kunst schöner Bilder steht harte Arbeit

Marcel Seemann in der Bildtechnik (Foto: hmb)

Marcel Seemann in der Bildtechnik (Foto: hmb)

Zwar ist die Aufgabenstellung für MGBT‘s bei allen Projekten stets die gleiche. Ihr Job besteht darin, das reibungslose Funktionieren der Aufnahmetechnik sicherzustellen. Ganz ohne visuelle Kreativität geht das indessen nicht, insbesondere bei Kamera und Schnitt. Gibt es da auch ja keine Wackler, stimmen Bildgeometrie und Farbe, sind die Übergänge in Ordnung? Immerhin soll dem Zuschauer ein ästhetisch anspruchsvolles Bildmaterial präsentiert werden. „Vor den schönen Bildern steht jedoch viel Handwerk“, weiß allerdings keiner besser als Produktionschef Rainer Hasse. Dominiert wird der Beruf des Mediengestalters Bild und Ton deshalb von elektrotechnischen Inhalten. Das sollte allen Berufswählern bewusst sein. „Man braucht Physik nicht unbedingt als Prüfungskurs bis zum Abitur belegt zu haben“, meint Marcel Seemann, „aber interessieren muss einen das Fach schon.“ Ebenso wie man einen Zugang zur Musik braucht, ohne es allerdings bis zur Konzertreife gebracht haben zu müssen.

Was Marcel Seemann und Alexander Geyer an ihrem Beruf vor allem schätzen, ist die Einmaligkeit jedes Arbeitstages. Zwar wiederholt sich vieles und doch ist auch der fünfte Dreh auf irgendeinem Weihnachtsmarkt des Sendegebietes anders als die vier vorhergehenden. „Für unsere Arbeit benötigen wir zwar sehr viel Berufserfahrung“, formuliert es Geyer, „in Routine zu erstarren aber wäre tödlich.“ Das Motiv für ihre Berufswahl geben beide mit einem überdurchschnittlichen Interesse an bewegten Bildern an. Marcel Seemann hat beispielsweise schon während seiner Schulzeit eine Video-AG geleitet, Alexander Geyer zwischen Schule und Ausbildung mehrere Praktika bei kleinen Produktionsfirmen absolviert. „Solche Dinge“, lässt Gerald Mechnich einen Blick ins Auswahlverfahren des NDR zu, „machen eine Bewerbung für uns natürlich besonders wertvoll.“ Das könnten aber genauso gut auch Wochenendjobs in der Veranstaltungstechnik oder als DJ sein, fügt er noch hinzu.

Technisches Interesse, körperliche Fitness, Improvisationstalent

Alexander Geyer am Kamerawagen (Foto: hmb)

Alexander Geyer am Kamerawagen (Foto: hmb)

Gesucht sind in Hamburg und Hannover, wie im Übrigen bei allen anderen einschlägigen Ausbildungsunternehmen auch, vor allem Azubis, die sich neben einem Mindestmaß an technischer Neugier und entsprechender Begabung durch Offenheit und Teamfähigkeit auszeichnen und ganz wichtig über eine gute körperliche Konstitution verfügen. „Außenaufnahmen finden nicht nur bei Sonnenschein statt, da schneit und stürmt es manchmal auch“, weiß Rainer Hasse. „Und wenn man beim großen Wunschkonzert in Bad Segeberg zwei Stunden lang ununterbrochen eine fünfzehn Kilo schwere Kamera auf der Schulter hat“, ergänzt ihn Alexander Geyer, „muss man schon einigermaßen gut beieinander sein.“ Im Landesfunkhaus eines Flächenstaates wie Niedersachsen fallen bei Außenaufnahmen darüber hinaus oft lange Fahrzeiten an. Dass MGBT’s über die volle Farbsehtüchtigkeit und ein gutes Hörvermögen verfügen müssen, ergibt sich aus ihrer Tätigkeit.

Produktionschef Hasse verweist noch auf einen anderen Punkt. Zwar sei Teamfähigkeit für Mediengestalter Bild und Ton tatsächlich eine der wichtigsten Kompetenzen. Gelte es doch immer wieder, zwischen Redakteur, Kameramann, Tontechniker, Beleuchter und häufig auch den darstellenden Künstlern die von allen akzeptierte Ideallinie zu finden. Gar nicht selten sei man als MGBT freilich auch Einzelkämpfer und müsste sich alleine zu helfen wissen. Wenn etwa bei einem einsamen Dreh im Wattenmeer plötzlich ein technischer Defekt auftritt, die Robben sich jedoch nur an diesem Tag paaren und zu allem Überfluss auch noch die Zeit drängt, weil in wenigen Stunden das Wasser mit der Flut zurück kommt. „Den Dreh ausfallen lassen und bis zum nächsten Jahr warten, geht nicht“, schüttelt der drahtige NDR-Mann den Kopf. Da seien dann technische Intuition und Bastlerehrgeiz gefordert. Den heimischen PC schon einmal auseinandergebaut und anschließend voll funktionstüchtig wieder zusammengesetzt zu haben, sieht die Auswahlkommission des NDR deshalb gerne.

Aktualität geht vor Qualität

Marcel Seemann vor moderner Studiotechnik (Foto: hmb)

Marcel Seemann vor moderner Studiotechnik (Foto: hmb)

Richtig ausgelernt habe man als Mediengestalter Bild und Ton gleichwohl nie, ist Gerald Mechnich überzeugt. Als MGBT sei man schließlich so etwas wie ein interner Dienstleister und mit Blick auf technische Weiterentwicklungen, neue Sendeformate oder veränderte Nutzergewohnheiten gelte es, sein Wissen ständig auf dem neuesten Stand zu halten. Mediengestalter Bild und Ton sollten sich weiter durch große Flexibilität auszeichnen. Denn gerade bei Fernsehen und Hörfunk gilt der eherne Grundsatz „Aktualität schlägt Planung“. Darüber hinaus ist es Rainer Hasse wichtig zu ergänzen, dass seine Leute insbesondere im Newsbereich überwiegend Wegwerfware mit schnellem Verfallsdatum und bis auf wenige Ausnahmen ohne Ewigkeitswert produzieren. Deshalb befinden sie sich in einem permanenten Zielkonflikt. Immer müssen sie beste Qualität liefern, andererseits dürfen sie sich nicht im Detail verlieren. „Wer zu lange an einem Teilaspekt rumfrickelt“, beschreibt es Hasse salopp, „wird nicht rechtzeitig zum Sendetermin fertig.“

Flexibilität wird MGBT’s freilich auch mit Blick auf ihre Arbeitszeit abverlangt. Feste Zeiten, wie sie etwa für Beamte in irgendeiner Behörde gelten, sind hier unbekannt. Jeder Tag ist anders. In den Arbeitsverträgen des NDR ist festgeschrieben, dass die Dispo dem Mitarbeiter erst bis 17:30 Uhr dessen Einsatzzeit für den nächsten Tag mitteilen muss. Da kann es dann schon mal früh um 4 Uhr losgehen, wie es ebenso durchaus bis nachts um 2 Uhr dauern kann. Irgendeiner in der Runde bemüht in diesem Zusammenhang den nicht ganz ernst gemeinten Vergleich mit der mittelalterlichen Leibeigenschaft. Klar aber ist, die Arbeit macht dieses hohe Maß an Flexibilität erforderlich, denn die Aufnahmeteams müssen sich nach den Erfordernissen richten, nicht umgekehrt. Deshalb werden von vielen Ausbildungsbetrieben auch nur Bewerber akzeptiert, die bereits 18 Jahre alt sind und nicht mehr den Arbeitszeiten nach dem Jugendschutzgesetz unterliegen. Das bleibt so ein Berufsleben lang. Was Mediengestalter Bild und Ton sich deshalb ebenso lange bewahren müssen, ist die Faszination an dem, was sie tun, nämlich bewegte Bilder und Tonaufnahmen zu produzieren.

Karriere bemisst sich an Projekten, nicht Hierarchiestufen

Auf diesem Hintergrund gestaltet sich die Karriere eines MGBT anders als sonst in vielen Berufen üblich. Beim NDR beispielsweise beginnt sie mit der Erstellung von Newsbeiträgen für die täglichen Magazinsendungen, könnte sich mit einem Wechsel in die Produktion sogenannter gestaltender Magazine wie zum Beispiel „PANORAMA“ fortsetzen und im Feature enden, dort also wo der Mediengestalter Bild und Ton für eine 90-Minuten-Sendung gelegentlich das „volle Besteck“ braucht, wie es Rainer Hasse formuliert. Karriere bedeutet auch, vom Assistenten zum Kameramann oder vom Tontechniker zum Toningenieur aufzusteigen. Dann bleibt nur noch der Schritt in eine Führungsfunktion, etwa zum Chefkameramann. „Hier steht man dann allerdings nicht mehr selbst hinter der Kamera, sondern teilt die Leute dafür ein, überwacht Budgets, verhandelt über Planstellen“, beschreibt Gerald Mechnich diesen Schritt. Weshalb er sich für die meisten trotz eines höheren Gehaltes als unattraktiv erweist.

Gerald Mechnich, Leiter Referat Ausbildung in der Hamburger Zentrale des NDR Foto(Sven Glagow/NDR)

Gerald Mechnich, Leiter Referat Ausbildung in der Hamburger Zentrale des NDR Foto(Sven Glagow/NDR)

Ein Blick auf die Größe der Abteilung Fernsehen im Landesfunkhaus Niedersachsen gemahnt jedoch zu Realismus. Rainer Hasse ist Chef von 14 Aufnahmeteams und insgesamt 85 Produktionern. Die verteilen sich mit 32 Mitarbeitern auf den Bereich Kamera/Aufnahme, 15 auf die Nachbearbeitung, die übrigen finden sich in Studio, Licht- und Bühnentechnik. Den jährlich 21 Ausbildungsplätzen des NDR, davon 5 in Hannover und 16 in Hamburg, standen im letzten Jahr dennoch 800 Bewerber gegenüber. Wegen der unregelmäßigen und häufig auch in den Abendstunden liegenden Arbeitszeiten, mehr aber noch wegen der größeren persönlichen Reife und der besseren Transferfähigkeit schulisch-naturwissenschaftlichen Wissens in berufsbezogene Anwendungsfähigkeit werden häufig Abiturienten eingestellt. Auch traut man ihnen schneller zu, ein situationsangemessenes Selbstbewusstsein für den Umgang mit öffentlich bekannten Personen und den Moderatoren zu entwickeln. Auf dem Weg zum Studio kommen wir unter anderem an den Büros von Ludger Abeln, Sahra Tacke oder Thorsten Hapke vorbei.

„Wir legen bei unseren Azubis sehr viel Wert auf selbstinitiatives Lernen“, schließt Gerald Mechnich den Kreis. In der Diktion des Praktikers Hasse heißt das: „Nur wer fragt, kann zu neuen Erkenntnissen kommen.“ Und die braucht ein Mediengestalter Bild und Ton jeden Tag aufs Neue. Die zukünftigen Berufschancen der MGBT’s werden in der Szene kontrovers diskutiert. Zwar prosperierten die Medienunternehmen, heißt es von der Gewerkschaft ver.di, die Zahl der Beschäftigten aber stagniere. Tatsächlich verwenden auch die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten inzwischen Beiträge sogenannter freier Videojournalisten. Diese VJ’s bearbeiten Text, Bild und Ton völlig ohne fremde Hilfe. „Für uns“, argumentiert Rainer Hasse, „bietet eine solche Organisationsstruktur nur geringe Vorteile.“ Denn weder könne man damit seine hohen Qualitätsansprüche aufrechterhalten, noch gelinge es, darüber große arbeitsökonomische Gewinne zu erzielen.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.02.2013)

Ausgebildete Mediengestalter Bild und Ton: ca. 7.500 (geschätzt)
Einkommen: ca. 1.900 Euro (brutto)
Ausbildungsplätze: bundesweit 680 pro Jahr
Auszubildende: 73% der Auszubildenden verfügen über das Abitur
Informationen zum Berufsbild: http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/resultList.do?resultListItemsValues=8533_8531&duration=&suchweg=begriff&searchString=%27+Mediengestalter+Bild+und+Ton*+%27&doNext=forwardToResultShort
und
http://www.bmwi.de/DE/Themen/Ausbildung-und-Beruf/ausbildungsberufe,did=68360
und
http://www.ndr.de/unternehmen/ausbildung/mediengestalter/
und
http://www.mediengestalter.info/

 

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