Mathias Richling – „Ich war nie gierig auf Erfolg“

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2013

Die Erkenntnis der Welt in einem einzigen Satz. Das gelingt wohl nur dem Volksmund, dem schwäbischen sogar in unnachahmlicher Weise. „Du häschst gut, du bischt bleed.“ Die Übersetzung für norddeutsche Ohren: „Du hast es gut, denn du bist doof.“ Für alle, die im Konfirmandenunterricht aufmerksam zugehört haben, klingt das irgendwie bekannt. Stimmt. So ähnlich hört sich das bei den zehn Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium auch an. Und hat doch in der schwäbischen Fassung einen ganz eigenen Wahrheitsgehalt. Den kaum einer so gut aufnimmt und auf die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft zu übertragen weiß, wie Mathias Richling, konsequent bis zur letzten Gewissheit. „Selbstmord“, lässt er sich jüngst in einem Spiegelinterview mit einer Richling typischen Überspitzung zitieren, „kommt meistens nicht daher, dass man zu wenig weiß.“

Matthias Richling (Foto: BüroMR)

Matthias Richling (Foto: BüroMR)

Bei einem solchen Erkenntnishintergrund, man ahnt es, reduzieren sich die beruflichen Möglichkeiten eines begabten jungen Mannes auf wenige Alternativen. Im Fall Richling blieben vermutlich bloß zwei, Totengräber oder Satiriker. Am Ende entwickelte es sich zu Letzterem. „So, wie sich in meinem Beruf später vieles irgendwie entwickelte.“ Zugegeben, es mögen auch ganz praktische Einsichten den Ausschlag gegeben haben. Für den Totengräber fehlten ihm schließlich Statur und Kraft, mehr aber noch die Gelassenheit und Ruhe eines Stoikers. Sie fehlen dem bekannten und bekennenden Satiriker noch immer. Selbst das Alter und die langjährige Bühnenerfahrung haben daran nichts geändert. Im März feierte Richling seinen 60. Geburtstag, demnächst steht das vierzigjährige Bühnenjubiläum an.

Liebe zum Spiel mit wechselnden Rollen

Ein Interview mit dem Schnellredner Richling verlangt volle Konzentration. Das ist nicht anders als bei seinen Auftritten. Immerhin eilen die Formulierungen den Gedanken so manches Mal um Zehntelsekunden voraus. Ich bin vorbereitet, denn ein Termin des Kabarettisten beim Südwestrundfunk (SWR) begrenzt unsere Zeit und verleitet zu noch höherem Tempo. Ich will wissen, wie es ihm gelungen ist, zur Elite der deutschen Kabarettszene aufzusteigen und den Platz dort über inzwischen viele Jahre erfolgreich zu behaupten. Ich ernte als erstes eine freundliche, nichts desto weniger direkte Antwort. „Entschuldigung, das weiß ich nicht, das interessiert mich auch nicht. Da müssen Sie andere fragen.“ Einen Augenblick Stille. Dann lachen wir beide. Er, weil er vermutlich diese Frage schon oft so gekontert hat. Ich, weil ich die zweite Welle eingeplant habe.

Richling gehört zur Elite der deutschen Kabarettisten (Foto: Helmut Bertel)

Richling gehört zur Elite der deutschen Kabarettisten (Foto: Helmut Bertel)

Also neuer Anlauf. Aufgewachsen in Endersbach, einem kleinen Ort unweit von Stuttgart. Seine Schüchternheit zu überwinden, mehr vielleicht noch, die Neugier von seiner Person wegzulenken, jedoch zugleich nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen, imitierte er zur Belustigung seiner Mitschüler Künstler wie Jürgen von Manger und Personen des öffentlichen Lebens, bevorzugt aber die eigenen Lehrer. Die Methode scheint erfolgreich gewesen zu sein. Von Depressionen ob seiner Schüchternheit ist jedenfalls nichts überliefert. Freilich, eine berufliche Vorfestlegung leitete Mathias Richling daraus nicht ab. „Zu jener Zeit wollte ich noch Biologe werden“, erinnert er sich. Dazu gekommen ist es dann allerdings nicht. Es siegte die Liebe zum Theater, die Passion für das Spiel mit jederzeit wechselnden Rollen. Er entscheidet sich für das Studium der Literaturwissenschaften, Philosophie, Geschichte und nimmt Schauspielunterricht.

Politische Unterhaltung statt ideologischer Umerziehung

Obwohl man es dem wuseligen Mann aus dem Ländle kaum zutraut, genau hinschauen und zuhören, das kann er, seit Schülertagen. Mit großer Lust analysiert er die Motive und diagnostiziert die Persönlichkeitsmuster. Es ist, als seziere er seine Opfer mit der Präzision eines Anatomen, sprachlich natürlich nur. Wehe dem, der unter sein Skalpell fällt. Er wird demaskiert bis zur Kenntlichkeit. Denn Richlings Ziel ist es nicht, die Person originalgetreu zwar aber eben auch simpel, deckungsgleich darzustellen. „Ich mache ja keine Imitationen.“ Als Satiriker und Parodist, als der er sich versteht, will er bestimmte, genauer bestimmende Eigenheiten hervorheben. Und das gelingt ihm wie nur wenigen. Als Missionar aber sieht er sich nicht. „Ich sauge Informationen auf“, erklärt er, „und biete dem Publikum anschließend meine Gedanken darüber an.“ Richling ist ein politischer Unterhalter. Allerdings ein tiefgründiger und hintersinniger. Mancher Gast merkt das Echo in seinem Hirn erst, wenn er ausgelacht hat. Und dass der freundliche Mann, auf der Bühne meist kurz vor dem Nervenzusammenbruch, ihn mit mehr Fragen denn Antworten zurück lässt.

Matthias Richling vereint Wortgewalt mit solidem schauspielerischen Handwerk (Foto: Rafael Kroetz)

Matthias Richling vereint Wortgewalt mit solidem schauspielerischen Handwerk (Foto: Rafael Kroetz)

Mathias Richlings Erfolg gründet dennoch nicht allein in seiner Wortgewalt. Einen mindestens genau so großen Anteil daran haben seine in der Schauspielausbildung systematisch geschulten komödiantischen Fähigkeiten. Bewegungen, Verkleidungen und Bühnenbild, zu erleben in seiner monatlichen Fernsehsendung Studio Richling, sind für ihn legitime Mittel zum kabarettistischen Zweck. Sie sind gewissermaßen zu seinem Markenzeichen geworden. Seine Überzeugung: „Das Auge hört mit.“ Aber auch das habe sich so entwickelt, sei nicht das Ergebnis irgendeines strategischen Plans, blickt Richling zurück. „Dafür fehlt mir die Gier nach Erfolg.“ Freilich wäre es ein Missverständnis zu meinen, Richling habe sich treiben lassen. Nein, einer solchen Interpretation seiner Biografie widerspricht er vehement. Was ihn gleichwohl auszeichnet, ist die Dialektik seiner Person. „Ich war immer zufrieden, mit dem, was ich gerade hatte“, das Eine. Das Andere, vielleicht gerade daraus erwachsend, der wache Blick, Chancen zu erkennen und sie mutig beim Schopfe zu packen.

Ausblicke durch Einblicke

An so einem wichtigen Punkt verband Richling irgendwann die zwei bedeutsamen Stränge seines beruflichen Lebens. Und zwar den des Komödianten, der schon während des Studiums am Stuttgarter Renitenztheater, einer Kleinkunstbühne, auftrat, mit dem des engagierten politischen Beobachters. 1982 hatte ihn Wieland Backes, bekannter Journalist und Moderator beim SWR (Sendung „Nachtcafé“), zur Abendschau Baden-Württemberg des damaligen Süddeutschen Rundfunks geholt. Seine Aufgabe: ein 3-Minuten-Kommentar zu politischen Themen, für Richling eine große Herausforderung. „Denn bis dahin hatte ich meine Texte noch nicht selbst geschrieben.“ Das war der Beginn des öffentlichen politischen Mathias Richling. Der seine Erkenntnisse aber nicht wie ein Sozialwissenschaftler in politischen Theorien abstrahiert, sondern der die Motive der Akteure durch die bizarre Übertreibung ihrer nicht selten skurrilen und absurden Phrasen transparent macht. Eine Darstellung, die sein Publikum liebt. Zwar behauptet Richling, keine Vorbilder zu besitzen. Doch ist unschwer zu erkennen, wie sehr ihn etwa Karl Valentin, über den er einst seine Magisterarbeit schrieb, beeindruckt haben muss. Der valentinsche Satz „Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.“ könnte genau so gut auch von ihm stammen.

Viel Fleiß, Ausdauer und Disziplin, dennoch eher Lust als Last (Foto: Rafael Kroetz)

Viel Fleiß, Ausdauer und Disziplin, dennoch eher Lust als Last (Foto: Rafael Kroetz)

Auf den ersten flüchtigen Blick könnte der Eindruck entstehen, der künstlerisch leichtfüßige Mathias Richling sei  ein vom Glück Verwöhnter. In seiner Selbstwahrnehmung sieht das anders aus. „Ich habe mir alles mit viel Fleiß, Ausdauer und Disziplin hart erarbeiten müssen.“ Noch heute zählen seine Arbeitstage bis zu sechzehn Stunden und mit manchen Texten kämpfe er lange. Doch empfinde er das nicht als Last, eher sei es Lust, denn er arbeite gern. Allerdings behält Richling auch hier Bodenhaftung und leugnet seine schwäbische Prägung nicht. Allen Unglückes Anfang ist der Übermut, lernt man in den dortigen Breitengraden früh. Und im Übrigen verdanke er vieles seinem wichtigsten künstlerischem Wegbegleiter und Berater, dem Regisseur des Südwestrundfunks Günter Verdin.

Künstlerische Unabhängigkeit vor Karriere

„Ich habe“, sagt er von sich selbst, „nur das gemacht, was ich mir zutraute, auch schaffen zu können.“ Filmangebote hat er deshalb bislang stets abgelehnt. Hier schimmert eine der Erfolgskonstanten von Mathias Richling durch. Stets war er bestrebt, die Fäden seiner Karriere selbst in der Hand zu behalten, auch zum Preis verpasster Chancen. „Ich habe mich nie einem Agenten ausgeliefert“, betont er. Vielleicht aus der tiefen Erkenntnis, dass von Dritten konstruierte Karrieren manchmal Geschwindigkeiten erhalten können, die sich selbst und den Menschen überholen, die eine Dynamik bekommen, die keine Zweifel und kein Abwägen mehr zulässt. Doch mit Blick auf konkrete Projekte ist er Pragmatiker. Was nicht ist, könnte durchaus noch werden. Denn Richling mit dem Blick zurück zu erklären, erscheint gefährlich. Über die Beobachtung von Freunden nach der Art „Du hast Dich aber verändert!“ zuckt er nur kurz mit der Schulter und antwortet mit seinem unnachahmlichen „Na hoffentlich!“. Die Gegenwart sei es, die ihn interessiere und mit der er sich auseinandersetze.

Richling erzählt keine Witze (Foto: BüroMR)

Richling erzählt keine Witze (Foto: BüroMR)

Seine unbekümmerte Offenheit gegenüber Neuem brachte ihn denn auch – für Dritte folgerichtig, für ihn selbst eher überraschend – in Konflikt mit dem ein oder anderen seiner Zunft. Der Doyen der deutschen Kabarettisten, Dieter Hildebrandt, entzog ihm 2009 laut und öffentlichkeitswirksam den Titel seiner Sendung „Scheibenwischer“, weil Richling laut darüber nachdachte, die Sendung auch für Comedians zu öffnen. Der Bannstrahl des einen öffnete den Mund des anderen. Humorfundamentalismus warf Richling Hildebrandt vor. Das hatte noch keiner gewagt. Allerdings war es weniger die inhaltliche Kritik, die Richling traf. Es war das Vorenthalten der Diskussion, das Desinteresse am Austausch von Argumenten, die den Schwaben tief verletzte. Urteilsverkündung vor Beweisführung, nennt er das.

Wie seine Karriere hätte verlaufen können, wenn es nicht zu diesem Eklat gekommen wäre, daran verschwendet Richling heute keinen Gedanken. Und was das Thema Comedy anlangt, hat er eine klare Meinung. „Ich erzähle keine Witze“, zieht er die Grenze. Aber das ein oder andere komödiantische Element aus der Comedy nutzt er ohne Berührungsängste. Und natürlich weiß Richling, dass kabarettistische Texte keinen Ewigkeitswert haben, sondern auf ihre jeweilige Zeit begrenzt sind. Auch da ist er Pragmatiker. „Ich kann gut wegwerfen“, beschreibt er sich. „Ich hatte noch so viele wunderbare Pointen über Helmut Kohl. Ich habe sie alle am Tag nach seiner Abwahl zerrissen – ohne Gram und ohne Reue.“ Unnötiges Wissen, ist eine seiner Lebensweisheiten, gelte es schnell und gezielt zu vergessen. Es bleibt ein Anderes über den Tag hinaus. Hellmut Karasek komprimiert es in einem Satz. Richlings Bewusstsein, so der Literaturkritiker, zeige die Einschlaglöcher, die der politische und gesellschaftliche Alltag bei uns allen hinterlassen müssten, wenn es mit rechten Dingen zuginge. Doch jetzt muss Mathias Richling zum SWR. Anschließend geht es nach Wetzlar zum nächsten Auftritt.

 


Weiterführende Informationen
Homepage Mathias Richling: www.mathias-richling.de

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