Masterplan Medizin 2020 – Weiter warten auf den großen Wurf

Von Rainer Hoppe | 15. November 2017

Wäre es nicht die Wirklichkeit, die Situation gäbe ein gutes Drehbuch für eine schaurig schöne Komödie. Schon seit Jahren das gleiche Bild. Viele junge Menschen möchten gerne Medizin studieren, aber nur wenige werden zugelassen. Im diesem Herbst kamen wieder mehr als fünf Bewerber auf einen Studienplatz, im Frühjahr waren es, weil zahlreiche Universitäten Studienanfänger nur zum Wintersemester aufnehmen, gar mehr als elf. Die von der Stiftung für Hochschulzulassung veröffentlichten Werte sind inzwischen schier aberwitzig. Schon ein Abiturdurchschnitt von 1,1 reichte in der Abiturbestenquote nicht mehr für eine sofortige Zulassung. Und auch die Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Nur wessen Abitur zuletzt mindestens fünfzehn Semester, das sind siebeneinhalb Jahre (!), zurück lag, erhielt ein Studienplatzangebot. Dabei ist die Not auf der anderen Seite groß. Nur sind es hier nicht die jungen Menschen, die sich die Haare raufen, sondern die Arbeitgeber und damit irgendwie auch die Patienten. Jedenfalls werden junge Ärzte händeringend gesucht. Doch der Markt ist leergefegt. Selbst in renommierten Kliniken bleiben immer öfter Facharztstellen unbesetzt. Hausärzte, besonders in ländlichen Regionen, finden für ihre Praxen immer seltener einen Nachfolger.

Wie wird das Urteil des Bundeverfassungsgerichts ausfallen? (Foto: Wikimedia/Rainer Lück)

Wie wird das Urteil des Bundeverfassungsgerichts ausfallen? (Foto: Wikimedia/Rainer Lück)

Die Verantwortlichen wissen das alles. Geändert hat sich dennoch wenig. Lieber bildet man Politologen, Betriebswirtschaftler und Psychologen aus. Weit über Bedarf! Um sie anschließend für teures Geld in unterwertige Berufe umzuschulen. Aber auch nur einen einzigen Medizinstudienplatz mehr zu finanzieren, sträubten sich die Länder lange Zeit beharrlich. Das verstehe, wer will. Die Ankündigung der wohl kommenden Großen Koalition in Niedersachsen, 200 Studienplätze Medizin mehr als bisher anbieten zu wollen, entspricht allenfalls dem berüchtigten Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn es denn auch nach dem Kassensturz noch so weit kommt. 2012 schon legte das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, bundesweit für derartige Verfahren zuständig, dem Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen das Zulassungsverfahren für die Medizinstudienplätze vor und bat um ein Grundsatzurteil. Denn zum x-ten Mal hatte ein Bewerber gegen die unzumutbar langen Wartezeiten aufbegehrt. Am 4. Oktober berieten die Richter des Ersten Senats in Karlsruhe in einer mündlichen Verhandlung darüber. Mit einem Urteil ist frühestens Ende des Jahres, wahrscheinlicher aber wohl erst im Januar 2018 zu rechnen.  Eine Neuberechnung der Wartezeit, und allein darum geht es in Karlsruhe, scheint nun endlich in greifbarer Nähe.

Bundesverfassungsgericht kurz vor der Entscheidung

Nach Anhörung zahlreicher Experten erwarten Beobachter, dass das Bundesverfassungsgericht feststellen wird, die Wartezeit auf einen Studienplatz dürfe nicht länger dauern als das Studium selbst. Wenn es denn so kommt, und vieles spricht dafür, änderte das gleichwohl erst einmal nichts! Denn das Bundesverfassungsgericht selbst darf keine neuen Regeln aufstellen, wie ab sofort Studienplatzbewerber zuzulassen sind. Es wird deshalb die Bundesregierung beauftragen, ein der derzeitigen Situation angemessenes Zulassungsverfahren (für Humanmedizin!) zu entwickeln. Das kann dauern. Dem damit aus Karlsruhe drohenden Ungemach bauten Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe im März schon einmal vor. Zeit war ja genug. Immerhin schlummerte die Klage seit 2012 in den Amtsstuben der Bundesrichter. Als Headline für ihre Aktion wählten Gröhe und Wanka „Masterplan Medizin 2020“. Ob mit dem Verfahren in Karlsruhe im Zusammenhang oder rein zufällig, lässt sich hier nicht klären. Klar ist nur, der Plan enthält auch Überlegungen, wie die Zulassung zum Medizinstudium neu geregelt werden könnte. Dass damit eine wirkliche Problemlösung beabsichtigt ist, darf indessen bezweifelt werden.

Arzt bei einer Bruchoperation (Foto: Wikiepdia/Balajiravilla)

Arzt bei einer Bruchoperation (Foto: Wikiemdia/Balajiravilla)

Seit bereits mehr als 45 Jahren unterliegt der Zugang zum Medizinstudium Beschränkungen. Alle heutigen Ärzte mussten sich durch dieses Nadelöhr quälen. Das Auswahlverfahren wurde mehrfach geändert. Immer aber kam den Abiturnoten und der Wartezeit, das ist bislang die Zeit zwischen Abiturprüfung und angestrebtem Studienbeginn, eine zentrale Rolle zu. Mit dem Ergebnis, dass beide Werte inzwischen, wie oben bereits ausgeführt, in astronomische Höhen gestiegen sind. Das ist vor allem zwei Aspekten geschuldet. Die Zahl der Studienplätze veränderte sich durch die deutsche Wiedervereinigung nur geringfügig. Und anders als zu vermuten, nicht etwa nach oben, sondern nach unten. Das bedeutete in der Summe eine deutliche Verringerung der Studienplatzkapazität, relativ und absolut, und damit eine Verschärfung der Zulassungssituation. Den Gesundheitsministern und den Ärzteverbänden schien es dennoch Recht. Konnten die einen sich so unliebsame Konkurrenz vom Halse halten, sparte es den anderen unergiebige Diskussionen mit ihren Ministerkollegen aus den Finanzressorts. Die zunehmende Inflation der Abiturnoten verschlimmert die Situation zusätzlich.

In naher Zukunft zählen nur noch erfolglose Bewerbungsversuche als Wartezeit

Ein Beispiel gelebter demokratischer Verantwortung war weder das eine noch das andere. Zwar ist noch immer richtig, dass die Arztdichte in Deutschland die der meisten andern EU-Mitgliedsländer übertrifft. Doch warnten viele Fachleute schon in den achtziger Jahren, dass die Arzt-Patienten-Relation in einer alternden Gesellschaft dem dadurch steigenden medizinischen Mehrbedarf angepasst werden und deswegen mehr Ärzte ausgebildet werden müssten. Die Rufe verhallten ungehört. Im Gegenteil, Bewerber, die eine Zulassung nur über die Wartezeitquote erhoffen konnten, wurden als Langzeiturlauber verunglimpft. Zwar ist der Hinweis, der schon seit Jahr und Tag insbesondere von den Hochschulen kommt, berechtigt. Er heißt, warten verbessere die Qualifikation für ein Studium nicht. Aber weder ist dieser unselige Zustand die Schuld der Bewerber noch die der jetzigen Stiftung für Hochschulzulassung als Nachfolgerin der legendären ZVS. Beide Institutionen hatten und haben lediglich die Funktion des ausführenden Organs. Bei der Festlegung der Spielregeln waren und sind sie nicht beteiligt. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass nun sogar die Ärzteverbände Alarm schlagen und eine Erhöhung der Studienkapazitäten um mindestens 1.000 Plätze fordern.

Universitäts-Klinikum Göttingen (Foto: Wikipedia/G ambrus)

Universitäts-Klinikum Göttingen (Foto: Wikimedia/G ambrus)

Für die Details des aktuellen Zulassungsverfahrens verweisen wir an dieser Stelle auf zwei frühere Beiträge unseres Online-Magazins: „So vergeben die Hochschulen ihre Studienplätze“ (http://www.berufsreport.com/so-vergeben-die-hochschulen-ihre-studienplaetze/) und „Test für Medizinische Studiengänge (TMS) – Mehrkampf für Hochleister“ (http://www.berufsreport.com/test-fuer-medizinische-studiengaenge-tms-mehrkampf-fuer-hochleister/). Die einzige unmittelbar bevorstehende Neuerung gegenüber dem dort beschriebenen Sachstand wird eine Veränderung der Semester sein, die künftig als Wartezeit angerechnet werden. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer haben bereits eine Novelle des Staatsvertrages unterschrieben und bis auf einige wenige Landesparlamente diese Novelle auch bereits ratifiziert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ab dem Wintersemester 2018/2019 sollen nur noch erfolglose Bewerbungsversuche als Wartezeit gezählt werden.

Altbewerbern, die sich im Vertrauen auf die bisherige Regelung nicht beworben hatten, wird nach Auskunft der Stiftung für Hochschulzulassung eine Übergangsfrist von zwei Jahren eingeräumt. Um ihre bisherigen Wartezeitsemester auch für das neue Zulassungsverfahren zu aktivieren, müssen sie sich innerhalb von zwei Jahren nach Inkrafttreten der neuen Wartezeitanrechnung um einen Studienplatz bewerben, andernfalls geht ihnen diese verloren. Ergänzend wollen wir an dieser Stelle einige Gerüchte und Halbwahrheiten gerade rücken. In den letzten Monaten konnte man in allen Presseorganen, von der BILD-Zeitung bis zum SPIEGEL, von der ARD bis RTL, wieder lesen und hören, dass ein Abi-Schnitt von 1,0 notwendig sei, um einen Studienplatz in Humanmedizin zu bekommen. Das wirkt gewaltig, ist reißerisch, weckt Aufmerksamkeit, erweist sich aber dennoch als unzutreffend. Bei einer geschickten Auswahl der Hochschulen im AdH-Verfahren reichte 2016 (das Verfahren 2017 ist noch nicht abgeschlossen) ein Notendurchschnitt von 1,3 durchaus, um an (einigen) Universitäten einen Studienplatz bekommen zu können.

Mythen, Märchen und die Wirklichkeit

Damit noch nicht genug. Mit einem guten Medizinertest ist eine Zulassung sogar noch mit einem Notendurchschnitt von nahe 2,0 möglich. Denn einige Universitäten bonieren ein gutes TMS-Ergebnis mit einem Abzug von immerhin bis zu 0,8 auf die reale Abiturdurchschnittsnote. Und noch andere Universitäten kumulieren verschiedene Boni bis zu einer Gesamtgröße von 1,0 beziehungsweise 1,1. Mit einer Kombination von Abi-Note, Testergebnis und einschlägiger Berufsausbildung könnte also der große Wurf auch mit einem Allerweltsabitur durchaus gelingen. Ab einem Notendurchschnitt jenseits von 2,0 hilft allerdings auch kein Beten mehr. Da bleibt nur noch die Wartezeitquote. Trotzdem: Die immer wiederkehrenden 1,0-Meldungen schüchtern ein und halten viele davon ab, sich auch nur gedanklich mit einem Medizinstudium zu befassen, geschweige denn, einen  Bewerbungsversuch zu unternehmen.

Die geschickten Hände eines Orthopäden bei der Rekonstruktion eines vorderen Kreuzbandes (Foto: Wikimedia/Phalinn Ooi)

Die geschickten Hände eines Orthopäden bei der Rekonstruktion eines vorderen Kreuzbandes (Foto: Wikimedia/Phalinn Ooi)

In gleicher Weise verunsichern die Spekulationen über den künftigen Ärztebedarf. Nur noch ungern möchten die smarten Berater von McKinsey heute daran erinnert werden, dass sie Anfang der neunziger Jahre eine einschlägige Überversorgung ausmachten und empfahlen, die Zahl der Studienplätze zu verringern. Spitze Zungen sprechen gar von einem Gefälligkeitsgutachten. Immerhin kam es den klammen Finanzministern der Länder sehr gelegen. Und in der Tat, was von diesem Gefälligkeitsgutachten heute zu halten ist, weiß jeder, der schon einmal einen Termin bei seinem Hausarzt oder im Krankenhaus für eine Operation vereinbaren wollte. Zwar sind auch in der Medizin jüngst die Zahlen der Studienanfänger und Studierenden gestiegen. Der Trend zur Akademisierung aber machte um das Gesundheitswesen insgesamt und die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses im Besonderen einen weiten Bogen, wie die nachfolgende Übersicht zeigt.

 

Jahr Studierende Studierende (Medizin)
  Gesamtzahl Studienanfänger
absolut Anteil an allen Studierenden (in Prozent)  
1975   836.002 43.368 5,2   7.316
1980 1.036.303 68.773 6,6 11.222
1985 1.336674 84.063 6,3 12.019
1990 1.712.608 84.700 4,9 10.368
1995 1.857.906 84.958 4,6 11.638
2000 1.868.331 80.200 4,3 12.181
2005 1.985.765 79.866 4,0 12.846
2010 2.217.294 80.574 3,6 14.489
2015 2.757.799 89.998 3,3 16.043
Quelle: Statistisches Bundesamt

Hinweis: Die Zahlen beziehen sich jeweils auf ein Kalenderjahr. Einige Universitäten nehmen Studienanfänger nur zum Wintersemester auf. Die Zahl der Studienanfänger im Sommersemester fällt deshalb gegenüber dem Wintersemester niedriger aus.

Zahl der Studienplätze weiterhin nicht am Bedarf ausgerichtet

Bei der Betrachtung der Zahlen ist wichtig zu beachten, dass die Wiedervereinigungseffekte noch nicht einmal berücksichtigt sind. Soll heißen, dass die Studienplatzkapazität 1990 wegen des Hinzukommens der Medizinischen Fakultäten der ostdeutschen Universitäten hätte deutlich höher ausfallen müssen. Das Gegenteil war der Fall und erst zehn Jahre nach dem Sturz der Mauer wurde wieder das Studienanfängerniveau von 1985 erreicht. Auch wenn Niedersachsen nicht der Nabel der Welt ist, weisen die Zahlen dieses Bundeslandes doch auf das ganze Elend. Betrug die Zahl der Studienanfänger Medizin im Studienjahr 1990/1991 noch 785 Studierende, wurden 2009/2010 nur noch 550 zugelassen. 2016/2017 kletterte die Zahl der Erstsemester geringfügig auf 596. Mit anderen Worten, auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt ist derzeit Ähnliches zu beobachten wie es die Direktoren aller Schulen landauf landab schon seit Jahren erleben. Die Lehrer, die nicht ausgebildet worden sind, kann man jetzt nicht einstellen. Physiker und Germanisten als Quereinsteiger einzustellen, mag in den Schulen schon problematisch sein. Einen Maschinenbauingenieur anstelle eines Chirurgen an den OP-Tisch zu stellen und am zweiten Arbeitstag ein Herz transplantieren zu lassen, wäre der Worst Case und deshalb undenkbar.

Das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke ist Lehrkrankenhaus der privaten Universität Witten/Herdecke (Foto: Wikipedia/WernerHerdecke)

Das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke ist Lehrkrankenhaus der privaten Universität Witten/Herdecke (Foto: Wikimedia/WernerHerdecke)

Die Versäumnisse und Fehlentscheidungen der Vergangenheit mit der Schließung ganzer Fachbereiche erweist sich in der Gegenwart freilich als schwere Hypothek, die abzutragen noch lange dauern wird. Auch weil die Medizin weiblicher wird und weil die Erwerbsbiografien vieler Ärztinnen oft keinen linearen Verlauf aufweisen. Ende März 2017 hat nun das Bundesministerium für Bildung und Forschung in einer geradezu euphorischen Presseerklärung den Masterplan Medizin 2020 verkündet. Allein der Begriff schürt hohe Erwartungen. Tatsächlich proklamiert er gleichzeitig Veränderungen bei der Studienstruktur, bei den Ausbildungsinhalten, beim Stellenwert einzelner medizinischer Fachrichtungen und last but not least beim Zulassungsverfahren. Ein gewaltiges Ding also! Werfen wir an dieser Stelle vor allem einen Blick auf das, was der Masterplan zur Problematik der Zulassung ins Medizinstudium sagt. Klar scheint schon einmal so viel, dass nicht beabsichtigt ist, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen, sondern die vorhandenen Studienplätze nur anders zu verteilen. Insbesondere sollen die Auswahlverfahren die sozialen und kommunikativen Kompetenzen und eine besondere Motivation für das Medizinstudium feststellen.

Landarztzulassung verfassungskonform?

Wer allerdings diese Gespräche führen soll, was darin zu erheben ist und wie sie zu führen sind, lässt der Masterplan offen. Dabei sind genau das wichtige Aspekte. Schließlich gilt es festzulegen, welche Begabungen und Kompetenzen jemand braucht, der ein guter Arzt werden will. Darüber hinaus muss ein Auswahlverfahren transparent und vor allem gerichtsfest sein. Immerhin ist davon auszugehen, dass abgelehnte Bewerber vor die Verwaltungsgerichte ziehen, um die Rechtmäßigkeit der Entscheidung von einer unabhängigen Instanz überprüfen zu lassen. Eine Personalaufstockung für die Hochschulen zur Kompensation des damit verbundenen Mehraufwandes ist ebenfalls nicht vorgesehen. Konkreter wird es, dass Ausbildungen in medizinischen Berufen stärker berücksichtigt werden sollen. Doch ist das ein alter Hut, wird es doch bereits heute im AdH-Verfahren praktiziert. Eine einschlägige Berufsausbildung ist das häufigste Bonus-Kriterium überhaupt, auch Auswahlgespräche gibt es schon. Freilich klagen die Hochschulen über den dadurch ausgelösten hohen Personalaufwand.

Die einzige spektakuläre Neuheit, die sich im Masterplan findet, ist die sogenannte Landarzt-Zulassung. Bis zu zehn Prozent der Studienplätze sollen an Bewerber vergeben werden, die sich schon vor dem Studium verpflichten, später über einen bestimmten Zeitraum als Allgemeinmediziner in ländlichen und strukturschwachen Regionen zu arbeiten. Allein erheben viele Fachleute genau dagegen erhebliche Bedenken! Ist es verfassungsrechtlich wirklich zulässig, einem 18jährigen Bewerber, der um einen Studienplatz in Medizin kämpft, eine rechtlich verbindliche Verpflichtungserklärung abzuverlangen, wo er später einmal arbeiten wird. Oder ist damit nicht die grundgesetzlich verbriefte Freiheit der Berufswahl entscheidend eingeschränkt? Und was ist, wenn er später nachweisen kann, dass er ein viel besserer Kardiologe, Urologe oder Augenarzt sein würde als eben ein Allgemeinmediziner?

Außer Ankündigungen wenig Hoffnungsvolles

Seminar- und Vorlesungsgebäude der privaten Medizinischen Hochschule Brandenburg (Foto: Wikipedia/Gregor Rom)

Seminar- und Vorlesungsgebäude der privaten Medizinischen Hochschule Brandenburg (Foto: Wikimedia/Gregor Rom)

Doch damit noch nicht genug. Müssen sich die Menschen auf dem flachen Land zukünftig mit Ärzten zufrieden geben, die aufgrund schlechterer Abiturnoten und einer geringeren Eignung zum Medizinstudium nur wegen ihrer Bereitschaft zugelassen wurden, dort arbeiten zu wollen, wo sonst niemand hingehen möchte? Bisher hat allein das Bundesland Bayern erklärt, ab 2020 fünf Prozent der Studienplätze nach der Landarztquote vergeben zu wollen. Alle anderen Bundesländer halten sich bedeckt. Überhaupt ist die Skepsis gegen den Masterplan bislang groß. In enger Absprache mit den Länderfinanzministern weigert sich die Kultusministerkonferenz bislang jedenfalls beharrlich, dem Masterplan zuzustimmen, jedenfalls so lange, bis Klarheit über die Kostenverteilung herrscht. Und wie immer, wenn man nicht mehr weiter weiß, ist eine Expertenkommission gegründet worden. Unter der Leitung der ehemaligen Generalbundesanwältin Monika Harms soll sie bis Mitte nächsten Jahres ermitteln, welche Auswirkungen der Masterplan auf die Studienplatzsituation und die Kosten haben wird. Bis dahin – und vielleicht auch noch länger – ist dieser Masterplan vor allem eines: heiße Luft!

Werfen wir noch einen Blick auf die Reaktion des Medizinischen Fakultätentages (MFT) als eines unmittelbar betroffenen Akteurs. Am 6. Juni gab er zusammen mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) eine Erklärung zum Thema Medizinzulassung ab (http://www.mft-online.de/medizinzulassung).  Weltbewegendes findet sich darin nicht. Geschmeidig heißt es, man nehme die im Masterplan geäußerten politischen Wünsche auf, folgt ihm in zentralen Punkten gleichwohl nicht. Ein paar bürokratische Abläufe will man optimieren. Zu mehr jedoch kann oder will man sich nicht aufraffen. Eine Forderung für mehr Studienplätze? Fehlanzeige! Die Persönlichkeit des Bewerbers intensiver in den Blick nehmen? Grundsätzlich ja, aber nur wenn es den Fakultäten keinen Mehraufwand beschert. Stattdessen eine Ausweitung preiswerter Testverfahren. Assessment Center? Lieber Mini-Interviews. Anrechnung einschlägiger berufspraktischer Erfahrungen? Nur ein wenig, höchstens 12 Monate, mehr nicht. Ein flammendes Plädoyer aber für die hohe Bedeutung der Abiturnote und eine Absage an die Wiederbelebung einer eigenen TMS-Besten-Quote, wie es sie in grauer Vergangenheit schon einmal gab. Es waren immerhin zehn Prozent,

Alternative Zugangsmöglichkeiten

Die Mayo-Klinik – Der Traum vieler junger Ärzte (Foto: Wikimedia/lenarc)

Die Mayo-Klinik – Der Traum vieler junger Ärzte (Foto: Wikimedia/lenarc)

Was also bis zu einer eventuellen Neuregelung tun, wenn das Berufsziel Arzt heißt? Welche Alternativen gibt es? Da ist als erstes die Bundeswehr. Offiziersanwärter für den Sanitätsdienst bietet die Bundeswehr die Möglichkeit, Medizin im Rahmen einer Verpflichtungszeit von siebzehn (!) Jahren an einer zivilen Universität zu studieren. Zurzeit stellt die Bundeswehr hierfür ca. 250 Studienplätze jährlich zur Verfügung. Das Auswahlverfahren gilt als sehr hart. Und trotz der oben beschriebenen Rahmenbedingungen, zu denen auch die Bereitschaft für Auslandseinsätze gehört, gibt es noch immer mehr Interessenten als Studienplätze! Für finanzstarke Bewerber rücken sodann private Studienanbieter in den Fokus. 1983 bot als erste private Universität die Universität Witten/Herdecke eine alternative Studienmöglichkeit für Medizin gegen Gebühren an. Mittlerweile sind weitere private Hochschulen dazu gekommen, auch in Kassel/Southampton, in Nürnberg/Salzburg, in Hamburg (Asklepios Campus) und in Brandenburg/Neuruppin gibt es Angebote.

Zumindest in Witten/Herdecke ist die Nachfrage groß. Auch hier muss um einen Studienplatz gekämpft werden. Die jährlichen Studiengebühren betragen zwischen 10.000 € in Witten/Herdecke und knapp 15.000 € bei den anderen privaten Universitäten pro Jahr. Witten Herdecke bietet dabei den Vorteil nachgelagerter Studiengebühren. Die Studierenden bezahlen also erst nach dem Studium, wenn sie bereits in Lohn und Brot stehen. Insgesamt aber ist die Studienplatzkapazität der Privaten ebenfalls  nur ein Tropfen auf dem heißen Studienplatz-Stein. Die Gesamtzahl der Plätze für Studienanfänger an diesen Hochschulen erreicht noch nicht einmal 300 Zulassungen. Als dritte Möglichkeit bieten sich deutschsprachige Studiengänge ausländischer Universitäten an. Schon 1983 offerierte die Semmelweis-Universität in Budapest (Ungarn) zum ersten Mal einen deutschsprachigen Studiengang Humanmedizin. Nach Angaben der Universität bewerben sich dort etwa zehn Interessenten um einen Studienplatz

Ausländische Unis teuer und nicht immer besser

Die Studiengebühren in Budapest belaufen sich derzeit auf 14.400 € pro Jahr. Ähnliche Studienangebote gibt es an den ungarischen Universitäten in Szeged und Pécs. Daneben gibt es zahlreiche englischsprachige Studienangebote. Rumänische Universitäten sind momentan mit einem Jahresbetrag von 6.000 bis 8.000 € am günstigsten. Viele weitere Angebote gibt es für Beträge zwischen 8.000 und 16.000 € pro Jahr in Litauen, Lettland, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn und Bulgarien. Oftmals wird damit geworben, dass der Notendurchschnitt im Abitur nicht von besonderer Bedeutung ist, gelegentlich werden aber auch Aufnahmeprüfungen durchgeführt. Inzwischen bieten Vermittlungsagenturen Hilfen für die Suche nach derartigen Studienplätzen an. Sie übersetzen und erklären die Bewerbungsformulare, geben Tipps für die Formulierung eventueller Motivationsschreiben und bereiten oft auch auf eine Aufnahmeprüfung vor. Allerdings sind sie keine Vermittler und entscheiden nicht über die Vergabe der Studienplätze. Im Erfolgsfall Gebühren verlangen sie ein Honorar in Höhe einer Jahresstudiengebühr.

Rettungsort für viele deutsche NC-Flüchtlinge – Das Klinikum der Semmelweis Universität Budapest –(Foto: Wikimedia/Illustratedjc)

Rettungsort für viele deutsche NC-Flüchtlinge – Das Klinikum der Semmelweis Universität Budapest (Foto: Wikimedia/Illustratedjc)

Bei unseren österreichischen Nachbarn werden zwanzig Prozent der Medizinstudienplätze EU-Ausländern zur Verfügung gestellt. Voraussetzung für eine Bewerbung ist die Teilnahme am österreichischen Medizinertest, ebenfalls gegen Gebühr und nur in Österreich abzuleisten. Allein das Ergebnis dieses Testes, der dem hiesigen TMS ähnelt, entscheidet über die Zulassung. Dafür ist das Studium auch für EU-Ausländer gebührenfrei! In den Niederlanden gibt es ein sehr vielfältiges Medizin-Angebot. Es setzt allerdings voraus, dass die Bewerber in der Oberstufe durchgehend alle Naturwissenschaften belegt haben müssen. Andernfalls muss die naturwissenschaftliche Kompetenz in einem Nachholkurs erworben werden. Der wird auch von privaten deutschen Schulen angeboten. Kostenpunkt: ca. 3000 €. Die Studienplätze in den Niederlanden werden ausgelost (Numerus fixus). Die Studiengebühren in den Niederlanden betragen 2000 € jährlich. In der Schweiz sind die Chancen für Nichtschweizer entgegen allen Gerüchten extrem gering. Hier benötigt man eine dauerhafte Aufenthalts- und Studienerlaubnis, die für EU-Europäer in der Regel nicht zu erhalten ist.

Klagen haben immer seltener Erfolg

Was bleibt noch? Natürlich eine Klage vor den Verwaltungsgerichten. In der Vergangenheit waren Klagen gegen die Hochschulkapazitätsberechnungen ziemlich erfolgversprechend. Der Kläger musste der Universität nachweisen, dass sie ihre Studienplatzkapazität nicht voll ausgeschöpft hatte. Das hat sich gewandelt. Deutsche Universitäten verlieren kaum noch Klageverfahren. Was auch daran liegen kann, dass immer mehr Hochschulen gerade die Rechtsanwälte, gegen die sie bis dahin regelmäßig verloren hatten, als Prozessbevollmächtigte angestellt haben. Heutzutage muss eine Klage gut vorbereitet sein. Die auf solche Prozesse spezialisierten Rechtsanwälte empfehlen dringend, mit ihnen schon Kontakt vor der Bewerbung aufzunehmen, um das komplette Bewerbungs- und Klageverfahren gemeinsam abzustimmen. Außerdem wird häufig empfohlen, mehrere Hochschulen gleichzeitig zu verklagen. Da die Gerichte, auch um die Klageflut einzudämmen, die Streitwerte bei Verfahren um einen Studienplatz in Medizin massiv hochgesetzt haben, kostet mittlerweile eine erfolglose Klage gute 7.000 €. Da lohnt dann vielleicht doch die Anstrengung für ein gutes Abitur.

 


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