Maskenbildner – Meister der Illusionen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2015

Volle Konzentration: Jörg Müller in der Maske mit dem Tänzer Robert Robinson (Foto: Staatstheater Stuttgart)

Volle Konzentration: Jörg Müller in der Maske mit dem Tänzer Robert
Robinson (Foto: Staatstheater Stuttgart)

Jörg Müller ist Chefmaskenbildner für Oper und Ballett der Staatstheater Stuttgart. Der Plural ist offizieller Hinweis darauf, dass das Haus am Oberen Schlossgarten in der Hauptstadt des Ländle mit der Oper und dem Ballett auch das Schauspiel unter einem Dach vereint. Mit fünf Bühnen sowie 1.300 Mitarbeitern, davon 38 Maskenbildner, ist es eines der größten Drei-Sparten-Theater weltweit. Für das Gespräch über seinen Beruf bittet Jörg Müller mich um einige Tage Aufschub. Er ist gerade auf dem Weg zum Flughafen, von wo er zusammen mit der Ballettcompagnie schon in wenigen Stunden zu einem einwöchigen Gastspiel nach Muscat im Königreich Oman aufbrechen wird. Für ihn und seine Kollegen vom Maskenbild sind solche Reisen nichts Außergewöhnliches, treten die Stuttgarter Ensembles doch in fast allen großen Spielstätten dieser Welt auf. Immer öfter führt sie ihr Weg über Europa hinaus in Richtung Asien, die letzten Stationen Peking, Shanghai, Bangkok. Zeit für intensives Sightseeing und ausgelassenes Vergnügen bleibt allerdings nur selten, denn im Maskenbild wird unabhängig vom Ort überall hart gearbeitet.

So schreiben die Verträge der Theater zu allermeist eine 6-Tage-Arbeitswoche vor, bestimmen sie den Urlaub auf die Sommerferien, verpflichten zu Sonn- und Feiertagsarbeit und, sofern erforderlich, auch zu Überstunden, zu Dienstreisen sowieso. Im Filmgeschäft, dort wo Julia Baumann ihr Geld verdient, sind die Bedingungen noch einmal verschärft. Schon der Manteltarifvertrag sieht für die Beschäftigten eine 50-Stundenwoche vor. Und so manche Produktionsgesellschaft legt selbst diese großzügige Vereinbarung nur als Empfehlung aus. „Viele meiner Arbeitstage zählen zwölf, vierzehn, gar nicht selten auch sechzehn Stunden“, erzählt die aus Aschaffenburg stammende, aber heute in Berlin lebende Maskenbildnerin. Wie beim Film üblich, ist sie anders als am Theater nicht fest angestellt, sondern arbeitet seit ihrem Abschluss als Diplom-Maskenbildnerin an der Bayerischen Theaterakademie (Hochschule für Musik und Theater in München) freischaffend, also auf eigenes Risiko, überwiegend in zeitlich befristeten Projektverträgen, hin und wieder aber auch auf Honorarbasis.

Keine Maske ohne aufwendige Haararbeit

Maskenbildnerin Katrin Westerhausen (Foto: Roman Novitzky)

Maskenbildnerin Katrin Westerhausen (Foto: Roman Novitzky)

Angesichts dessen werden Azubis an kaum einem Theater ohne vorheriges Probepraktikum eingestellt. „Sie sollen sehen, worauf sie sich einlassen“, begründet Jörg Müller diese Praxis. „Schließlich ist unser Beruf kein nine-to-five Job.“ In der Tat bestimmen am Theater, wo die Arbeitstage im Gegensatz zum Film allerdings straff durchgetaktet sind, Teildienste den Arbeitsalltag. „Feierabend ist dann erst nach dem Abschminken der Darsteller“, erinnert sich die Absolventin der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Katrin Westerhausen, ihrer Zeit am Theater. Bis Mitternacht ist es dann regelmäßig nicht mehr lange. Nur wer in keiner Vorstellung und stattdessen in der Werkstatt eingesetzt ist, kann den Abend privat nutzen. Sehr oft aber kommt das nicht vor. „Unsere Dienstpläne“, erklärt der Theatermann Müller, „werden durch den Spielplan bestimmt.“ Aus diesem Grund sieht keine Woche wie die andere aus. Freilich sind auch die Werkstattdienste alles andere als ein Kuraufenthalt. Denn acht Stunden Perücken knüpfen zu müssen, geht auf den Rücken, die Finger und die Augen.

„Doch mindestens zwei Drittel unserer Arbeitszeit knüpfen wir nun mal Perücken“, gibt der Stuttgarter Chefmaskenbildner allen einseitig schminkorientierten Berufsinteressenten zu bedenken. Im Stuttgarter Fundus lagern inzwischen über 4.000 Perücken, die meisten aus Echthaar, einige auch aus den Bauchhaaren tibetischer Yaks geknüpft. In jeder stecken zwischen vierzig bis fünfzig Stunden Arbeit. Ihr Wert beträgt je nach Haarlänge zwischen 1.500 bis 2.500 Euro. Und die Preise für Echthaar erhöhen sich im Steigflug. Perücken müssen im Übrigen nicht nur mühsam geknüpft, sondern auch regelmäßig aufwendig gepflegt werden. Die große Bedeutung des Hairstyling macht verständlich, weshalb fast ausnahmslos alle ausbildenden Theater, obwohl gesetzlich nicht vorgeschrieben, nach wie vor auf einer abgeschlossenen Friseurlehre als Zulassungsvoraussetzung für die Ausbildung bestehen. Jörg Müller hat sie gemacht, Julia Baumann ebenfalls und auch Jens Bartram mit einer dann folgenden Ausbildung am Theater Köln ist diesen Weg gegangen. Die gesamte Ausbildungsdauer summiert sich so auf nicht weniger als sechs Jahre!

Friseurlehre unverhandelbares Eintrittsbillet

ARD-Spielfilm „Grzimek“: Jens Bartram legt letzte Hand an Ulrich Tukur (Foto: Jens Bartram)

ARD-Spielfilm „Grzimek“: Jens Bartram legt letzte Hand an Ulrich Tukur (Foto: Jens Bartram)

Jörg Müllers Begründung für eine so lange Lehrzeit ist einfach: „Der Ausbildungsplan für den Maskenbildner ist aufgrund immer neuer Techniken insbesondere bei den Special Effects so voll gestopft, dass schlicht keine Zeit bleibt, auch diese Kenntnisse noch ausreichend zu vermitteln“, begründet er auf dem Hintergrund seiner langjährigen Ausbildungserfahrung. „Deshalb müssen die Leute das bereits mitbringen.“ Wer denkt, das sei im Film anders, liegt falsch. Zwar ist die Bedeutung von Perücken je nach der Epoche, in der der Film spielt, größer oder kleiner. „Dennoch nimmt die Arbeit mit Haaren auch im Film einen großem Umfang ein“, erklärt Maskenbildner Bartram, „bei weiblichen Darstellern natürlich mehr als bei den Männern.“ Seine Aussage hat Gewicht, schließlich blickt Bartram auf über dreißig Jahre Berufserfahrung zurück. Seine letzten Engagements als Chefmaskenbildner hatte er in  der TV-Serie „Weißensee“ sowie zuvor im Fernsehfilm „Die Spiegel-Affäre“. Für den letzteren wurde er sogar von der Deutschen Akademie für Fernsehen ausgezeichnet.

Was die Bedeutung friseurhandwerklicher Fertigkeiten angeht, erhält Bartram Unterstützung von seiner jungen Kollegin Julia Baumann. „Man muss wissen, wie man Haare teilt und legt, damit nachher alles genauso aussieht wie gewünscht“, sagt die ehemalige bayerische Landesmeisterin im Friseurhandwerk. Im Übrigen gehe es nicht allein um die Form, sondern auch die Haltbarkeit. Eine aufwendige Rokokofrisur dürfe nicht schon nach einer halben Stunde ins Rutschen kommen, die Zopfverlängerung der Primaballerina bei der erstbesten Pirouette nicht in den Orchestergraben fliegen. Ärgerlich das eine, weil es den Dreh unnötig verzögert, peinlich das andere, weil das Publikum weiß, dass der Regisseur das so nicht vorgesehen hatte. Schauspieler, Opernsänger und Balletttänzer wollen sich auf die Professionalität ihrer Maskenbildner verlassen können, denn nur so fühlen sie sich sicher.

Gleichermaßen Handwerk und Kunst

Lea Seydoux mit Perücke von Jens Bartram in der deutsch-französischen Koproduktion „La belle et la bête“ (Foto: Jens Bartram)

Lea Seydoux mit Perücke von Jens Bartram in der deutsch-französischen Koproduktion „La belle et la bête“ (Foto: Jens Bartram)

Bartram weist in diesem Zusammenhang noch auf einen anderen Aspekt. Zu den Aufgaben eines Maskenbildners gehöre ganz selbstverständlich auch das Haareschneiden. Gleichwohl ist Bartram viel mehr als nur Friseur, denn als Maskenbildner benötigt er die Fähigkeit, sowohl die bereits abgedrehten als auch die erst noch zu produzierenden Bilder aus seinem visuellen Speicher abrufen zu können. Das ist wichtig, denn Filmprojekte dauern manchmal mehrere Monate – und die eigenen Haare wachsen. „Die Anschlüsse von einer Szene zur anderen, die oft nicht in chronologischer Abfolge aufgenommen werden, müssen hundertprozentig passen. Da dürfen die Strähnen nicht plötzlich fünf Zentimeter länger oder kürzer sein“, erklärt Bartram den Sachverhalt. Andernfalls gibt es Ärger mit dem Continuity-Kollegen, einer mächtigen Person im Produktionsteam, der im Übrigen zu allermeist eine Kollegin ist. Ähnlichen Anforderungen unterliegt das Schminken. Auch hier ist handwerkliches Können eine wichtige Grundlage.

Wie beim Visagisten in der Beautybranche, der freilich kein Maskenbildner und kein anerkannter Ausbildungsberuf ist, sind dafür eine uneingeschränkte Feinmotorik ebenso wie eine stabile Gesundheit frei von Allergien unabdingbare Voraussetzungen. Für Entwurfsskizzen müssen die Make-Up Artists, wie die Maskenbildner im englischen Sprachraum heißen, darüber hinaus gute Zeichenfertigkeiten besitzen, benötigen sie ein Gefühl für Formen und Farben. Zuletzt brauchen Maskenbildner, was sie vom Visagisten unterscheidet, Stücke- und Literaturkenntnisse, oder mindestens doch die Begeisterung zur Recherche selbiger. „Nur auf diesem Hintergrund“, ist die Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Maskenbild, Regine Hergersberg, überzeugt, „können sie der zu formenden Figur den gewünschten Charakter geben.“ Tatsächlich ist jede Maske nur eine Illusion. Und gerade deswegen muss sie perfekt sein, so perfekt, dass sie den Betrachter  die Wirklichkeit vergessen lässt.

Dienstleister für Regisseur und Schauspieler

„Lore“: Katrin Westerhausen gab der Schauspielerin Saskia Rosenthal ein von den Nöten der Nachkriegszeit gezeichnetes Gesicht (Foto: Katrin Westerhausen)

„Lore“: Katrin Westerhausen gab der Schauspielerin Saskia Rosenthal ein von den Nöten der Nachkriegszeit gezeichnetes Gesicht (Foto: Katrin Westerhausen)

Stets nämlich geht es im Theater wie im Film um die Darstellungen von Gefühlen, um Freude und Ärger, Lebenslust und Todesangst, Liebe und Hass, Tatendrang und Erschöpfung, Werden und Vergehen. Eine Leiche darf nicht wie das blühende Leben aussehen. Diese dramaturgischen Vorgaben passend zur Individualität des jeweiligen Schauspielers visuell zu unterstützen, darin besteht der künstlerische Part des Berufes. Georg Korpás, international anerkannter und mehrfach ausgezeichneter Special Effects-Maskenbildner aus München, bringt es auf seiner Website treffend auf den Punkt: „Im Zentrum unserer Arbeit stehen nicht die falschen Zähne oder die modellierte Wunde, sondern immer der Charakter der Figur.“ Das durchzuhalten ist nicht so einfach. Der Kostendruck im Filmgeschäft ist hoch, die Zeitfenster deshalb eng bemessen, die Hektik am Set riesig. Da müssen Maskenbildner ihre Arbeit gut organisieren und mit den übrigen Akteuren koordinieren.

„Ich muss die Leute am Drehtag auf die Minute genau fertig kriegen“, sagt Bartram, „und beim Umschminken zwischen den Szenen sollte der erste Versuch sitzen, denn ich habe meist keine Zeit für einen zweiten.“ Aber genau diese kreative Anarchie am Set ist es, die Bartram, Baumann und Westerhausen an ihrem Job so lieben. „Ohne Flexibilität und Einfühlungsvermögen geht man unter“, sind die Erfahrungen Bartrams. Die Zusammensetzung der Teams wechselt von Film zu Film, nicht selten sogar von Drehtag zu Drehtag. „Ob du dich in diesem Umfeld professionell bewegen kannst“, ergänzt Julia Baumann, „entscheidet oft darüber, ob du das Engagement erhältst oder nicht.“ Berufsanfänger müssen sich deshalb erst bei kleineren Projekten beweisen. Theater, Oper und Ballett bieten da deutlich mehr Kontinuität, wenigstens für eine Spielzeit, mindestens aber für ein Stück oder eine Inszenierung, und darüber hinaus Zeit, sich beruflich behutsam entwickeln zu dürfen.

Viele Maskenbildner arbeiten als Freischaffende

Francis Fulton Smith als Franz Josef Strauß und Otto Mellies als Konrad Adenauer in „Die Spiegel Affäre“ – Maskenbildner: Jens Bartram (Foto: Jens Bartram)

Francis Fulton Smith als Franz Josef Strauß und Otto Mellies als Konrad Adenauer in „Die Spiegel Affäre“ – Maskenbildner: Jens Bartram (Foto: Jens Bartram)

Umgekehrt bleibt jedoch weniger Raum, individuelle Ideen einbringen zu können. „Beim Film haben Maskenbildner dagegen fast immer einen direkten und unmittelbaren Draht zum Regisseur und werden teilweise eng in die Konzeptplanung eingebunden“, sind die Erfahrungen Katrin Westerhausens. Doch auch hier gilt es zu differenzieren. Starregisseure pflegen bei den ganz großen Filmprojekten in der Regel ihre Spartenchefs gleich mitzubringen, auch für das Maskenbild. „Da schminke ich dann eventuell als Maskenbildnerin Nr. 14 den Komparsen Nr. 187“, erzählt Julia Baumann. Für das nächste Engagement aber zählten tatsächlich vor allem die Namen der Regisseure, mit denen man bislang zusammengearbeitet habe, bedeutet sie. Je bekannter, desto besser. „Obwohl ich in mancher Low-Cost-Produktion, deren Regisseur noch niemand kennt, fachlich viel mehr geleistet habe.“ So müssen denn Maskenbildner wie Julia Baumann, Jens Bartram und Katrin Westerhausen auch unternehmerisch denken lernen, etwas was keine Ausbildung und kein Studium vermittelt.

Da sind Verträge auszuhandeln und muss das Equipment angeschafft, eventuell auch eine Werkstatt angemietet werden. Da gilt es zu entscheiden, ob man lieber das Nullachtfünfzehnprojekt annimmt, oder mit klopfendem Herzen auf das Traumangebot X hofft, um am Ende doch mit leeren Händen da zustehen und weder das eine noch das andere zu haben. Wie lange warte ich, bis ich mich selbst irgendwo anbiete und deshalb eine niedrigere Gage akzeptieren muss? Das alles gelte es auszuhalten, weist Julia Baumann stellvertretend für die Mehrzahl der Maskenbildner auf wichtige Voraussetzungen in diesem Beruf. „Im letzten Jahr hatte ich bis Ende Februar noch kein einziges Angebot“, erzählt sie, „aber ab dann blieb mir bis Weihnachten kein freier Tag mehr und war ich 25 Wochen nicht zu Hause.“ Ohne ein gesundes Selbstbewusstsein und ohne Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit ist man da schnell verloren. Auch Jens Bartram kennt solche schwierigen Situationen. „Nach meinem ersten Kinofilm dauerte es zwei Jahre bis zum nächsten Angebot“, erinnert er sich.

Arbeitsfelder für jeden Geschmack

Beauty-make-up Auge von Julia Baumann (Foto: Julia Baumann)

Beauty-make-up Auge von Julia Baumann (Foto: Julia Baumann)

Da ist Geduld gefragt und die Fähigkeit zur Improvisation, ohne die man auch im Berufsalltag nicht auskommt. Bartram nahm Aushilfsjobs am Theater an und hielt sich mit Aufträgen aus der Werbung über Wasser. Heute braucht er das nicht mehr. Vier Filme im Jahr sichern ein gutes Auskommen. Julia Baumann stopft Auftragslücken ebenfalls mit Werbeeinsätzen. „Da wird gut bezahlt“, berichtet sie, „fachlich aber bringt es einen meist nicht viel weiter.“  Wer als Maskenbildner wirtschaftliche Planungssicherheit sucht, findet sie beim Fernsehen, in Produktionsgesellschaften von TV-Serien wie etwa der „Lindenstraße“, oder bewirbt sich bei der Stage Entertainment GmbH für eines deren Musicals. Der Preis, den Maskenbildner hier zu zahlen haben, ist Arbeit nach strengen Vorgaben und wie am Fließband – nichtsdestotrotz auf fachlich höchstem Niveau. Beim Fernsehen heißt es stets nur schönschminken, in den Musical“fabriken“ trimmen die Maskenbildner acht Mal an sechs Tagen pro Woche die immer gleiche Figur für die immer gleiche Show. Das weltweite Copyright sowie der vom Publikum erwartete Wiedererkennungswert zwingen sie zu höchster Präzision, muss doch etwa bei „Cats“ auch das fünfte Barthaar von Grizabella immer denselben Krümmungswinkel aufweisen. Das alles bei großem Erfolg Jahr um Jahr um Jahr … Für fachlichen Input ist da wie dort kaum Gelegenheit.

Für meine Gesprächspartner war so etwas keine Alternative. Sie suchen täglich die Herausforderung. Im Film ist es vor allem die akribische Genauigkeit. In der „Spiegelaffäre“, erzählt Jens Bartram, sollten die Gesichtsmasken zwar keine Originaltreue erreichen, aber doch Assoziationen zu den historischen Personen herstellen. „Beim Kleben der Nase von Franz Josef Strauß etwa musste ich über die Zeit den Alterungsprozess seines Gesichts beachten.“ Mehr noch wird bei den immer höher auflösenden Kameras absolute Präzision erforderlich. Das hat Auswirkungen bis auf die Wahl der Körnungsgröße des Puders. „Der Teint“, erklärt Katrin Westerhausen, „soll schließlich auch in der Nahaufnahme natürlich aussehen.“ Manches kann zwar in der digitalen Nachbearbeitung, dem sogenannten Colourgrading korrigiert werden, doch sollte ein Maskenbildner auch technisch immer auf dem neuesten Stand sein. Heute ist das die Airbrush-Technik. Diese Dinge sind in der Oper von geringerer Bedeutung. „Wir schminken für den dritten Rang und die letzte Reihe“, formuliert es Jörg Müller salopp. Soll heißen, etwas derber.

Reife Persönlichkeit macht den Unterschied

Julia Baumann beim Touch-up in einer kurzen Drehpause (Julia Baumann)

Julia Baumann beim Touch-up in einer kurzen Drehpause (Julia Baumann)

Die Herausforderungen für Maskenbildner am Theater, in der Oper und beim Ballett liegen in den Besonderheiten eines Liveauftritts. Bei vielen Aufführungen stehen sie unmittelbar hinter dem Vorhang, bleibt ihnen für notwendige Korrekturen an der Maske oft weniger als eine Minute. Schon der Weg zur Garderobe würde zu viel Zeit kosten. Da muss dann jeder, aber wirklich jeder Handgriff sitzen. Anders als die Kostümbildner, deren Arbeit bis auf eventuelle Reparaturen bereits vor der Premiere abgeschlossen ist, sind Maskenbildner immer auch Teil der Performance, wenngleich nicht auf der Bühne und vor der Kamera, sondern stets namenlos im Hintergrund. „In diesem künstlerischen Umfeld benötigen wir viel Kunstverständnisn, unsere Arbeit ist aber eher handwerklich bestimmt“, betont Julia Baumann. In den internen Arbeitsabläufen ist die Abstimmung des Maskenbildners mit dem Kostümbildner ein neuralgischer Punkt. Schließlich ist das Ziel beider eine Figur wie aus einem Guss. Da ergeben sich nicht selten intensive Diskussionen. Mit Blick auf die Schauspieler und den Regisseur, der sich im Zweifelsfall immer die letzte Entscheidung vorbehält, kommt Maskenbildnern eine Dienstleistungsfunktion zu. Dabei bewegt sich der Maskenbildner in einem hoch sensiblen Bereich. „So nah wie wir kommt dem Schauspieler sonst nur noch der Arzt“, weist Julia Baumann auf einen wichtigen Punkt. Tatsächlich präpariert das Maskenbild auch für intime Ganzkörperaufnahmen.

Maskenbildnern wächst dadurch ungefragt eine Art Vertrauensstellung zu. Die Garderobe ist für die Darsteller sowohl beim Film wie beim Theater der einzige Rückzugsort, bevor es auf die Bühne oder vor die Kamera geht, der Maskenbildner der, mit dem man den zeitlich ausgedehntesten Kontakt hat. Manch einer schüttet da auch schon mal sein Herz aus, ohne es allerdings am nächsten Tag auf dem Marktplatz der Eitelkeiten ausgebreitet sehen zu wollen. So müssen denn Maskenbildner viele Gegensätze in sich vereinen: eine überdurchschnittliche Kommunikationsfähigkeit mit absoluter Verschwiegenheit, die Fähigkeit, dynamisch auf andere zugehen zu können, wie umgekehrt die Weisheit, im richtigen Moment die notwendige Distanz zu wahren, vor allem jedoch fachlichen Ehrgeiz mit der Bereitschaft zu verbinden, ohne Neid auf den im Rampenlicht stehenden Darsteller hinter den eigenen Erfolg zurückzutreten. Meine Gesprächspartner können das – und sind genau deswegen beruflich so erfolgreich!

Eins mit dem Beruf

Silikon Dummy von Katrin Westerhausen (Foto: Katrin Westerhausen)

Silikon Dummy von Katrin Westerhausen (Foto: Katrin Westerhausen)

Freilich gibt es auch nirgendwo sonst eine qualitativ so hochwertige Ausbildung zum Maskenbildner wie in Deutschland. Sie genüge international allerhöchsten Standards, wagt Jens Bartram nach zahlreichen internationalen Erfahrungen den Vergleich. Ihr Leitbild ist der Spezialist mit Breitenkenntnissen für eine ganzheitliche Arbeitsweise. In Ländern wie den USA oder Frankreich sind Haar und Haut stattdessen strikt getrennte Kompetenzbereiche. „Vor allem haben wir gelernt, das eigene Tun immer wieder selbstkritisch zu reflektieren, um es beim nächsten Projekt noch besser hinzubekommen“, beschreibt es Katrin Westerhausen. Auslandsengagements gelingen deshalb gut. So sind zum Beispiel die Chefmaskenbildner der Bastille-Oper in Paris und des Royal Opera House in London Deutsche.

„Eine unserer letzten Auszubildenden“, berichtet Jörg Müller, „ist vor wenigen Monaten für drei Jahre an die Oper nach Oslo gewechselt.“ Freilich ist der Beruf des Maskenbildners auch einer, der tief ins Privatleben hineinreicht. Da sind die wenig familienfreundlichen Arbeitszeiten, im Film häufig wechselnde Arbeitsorte, Außendrehs bei Wind und Wetter. Und dennoch lieben sie ihren Beruf. Ihn aufzugeben, daran verschwendet kaum einer einen Gedanken. Schon viel eher daran, wie man noch besser werden kann. So hat Julia Baumann vor einiger Zeit mit fünf weiteren Maskenbildnerinnen ein eigenes Atelier aufgebaut. Das ermöglicht nicht nur einen unkomplizierten fachlichen Austausch, sondern bietet potentiellen Auftraggebern auch eine größere Leistungsdichte maskenbildnerischer Kompetenzen.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 30.04.2015)

Berufstätige: ca. 2.200 (Schätzung der Bundesvereinigung Maskenbild)

  • Theater: ca. 1.200
  • Film und Fernsehen: ca. 1.000

Ausbildung:

  • betriebliche Ausbildung an Theatern oder beim Fernsehen
  • schulische Ausbildung an privaten Berufsfachschulen (auf staatliche Anerkennung achten!)

Ausbildungsplätze:

  1. 50 pro Jahr.

Ausbildungsvergütung: 531 Euro (1. Ausbildungsjahr) – 707 Euro (3. Ausbildungsjahr)
Einkommen:

  • Theater: Berufsanfänger ab 1.650 Euro; Berufserfahrene ca. 2.500 Euro.
  • Film und Fernsehen: Mindestgage 1.235 Euro pro Woche (bei 50 Arbeitsstunden).

Studienmöglichkeiten:

Aufnahme an beiden Hochschulen nur bei Nachweis besonderer künstlerischer Befähigung.
Studienplätze: 15 – 20 pro Jahr.
Weiterführende Informationen:

 

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