Mangelberufe und Fachkräftelücke? – Nirgendwo lebenslange Jobgarantie!

Zum Abschluss ihres Schullebens stehen junge Menschen vor weitreichenden Entscheidungen und schwierigen Fragen: Soll ich studieren oder doch lieber eine Lehre machen? Soll ich einen „Mangel“-Beruf wählen oder doch lieber einen, der meinen Neigungen entspricht? In welchen Berufen habe ich die besseren Verdienstchancen und wo die größte Beschäftigungssicherheit? Lohnt es, in eine andere Region mit besseren Berufschancen zu ziehen und dort zu arbeiten? Auch die Wissenschaft kann jungen Menschen diese Entscheidung nicht abnehmen. Sie kann ihnen aber Informationen an die Hand geben, die ihnen die Entscheidung etwas leichter machen. Dem dient dieser Beitrag. (bart)

 

Von Stephan Brunow, Leiter der Arbeitsgruppe „Fachkräftebedarf“ im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung | 15. November 2015

Schauen wir uns zunächst einen Vergleich zwischen den verschiedenen Ausbildungsebenen an, bevor wir uns den einzelnen Berufsbereichen zuwenden. Immer mehr junge Menschen entscheiden sich inzwischen für ein Studium, immer weniger für eine Lehre. Dafür gibt es gute Gründe. Immerhin sind Akademiker im Regelfall seltener arbeitslos und verdienen im Schnitt deutlich besser als Menschen mit einer Berufsausbildung. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt: Über das gesamte Arbeitsleben hinweg verdienen Menschen mit einer Berufsausbildung im Schnitt etwa 30% mehr als Personen ohne Berufsausbildung. Haben diese Fachkräfte Abitur, beträgt der Einkommensvorsprung sogar 56%. Noch größer ist der Gehaltsvorsprung von Akademikern. Ihr Salär übersteigt das  Einkommen von Personen ohne Berufsabschluss um mindestens das Zweifache. Dabei benötigt man heute bis zum Bachelorabschluss im Regelfall nur noch drei Jahre. Schneller geht es bei einer Lehre auch nicht. Insoweit scheint einiges für ein Studium zu sprechen.

Stephan Brunow (Foto: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung)

Stephan Brunow (Foto: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung)

Doch auch eine Ausbildung hat ihre Vorteile. Sie ist in der Regel anwendungsorientierter als ein Studium und deshalb für Menschen mit eher praktischen Fähigkeiten/Fertigkeiten meist die bessere Wahl, zumal viele Berufe ohnehin keinen akademischen Abschluss erfordern. Im Übrigen gilt, keine Regel ohne Ausnahme. Zwar mögen Akademiker im Schnitt höhere Einkommen erzielen und seltener arbeitslos werden als Menschen mit einer Berufsausbildung. Generalisiert werden darf diese Aussage freilich nicht. So sind beispielsweise Fachkräfte mit einer Meisterqualifikation sogar noch etwas seltener von Arbeitslosigkeit betroffen als Akademiker und verdienen im Schnitt fast genauso viel wie Hochschulabsolventen. Eine Lehre kann also im Einzelfall durchaus eine ebenbürtige, teilweise sogar die bessere Alternative zum Studium sein.

Entscheidung für Mangelberufe birgt Risiken

 Einige Branchen beklagen einen Fachkräftemangel und werben deshalb massiv für bestimmte Berufe. Aber auch in sogenannten Mangelberufen gibt es keine lebenslange Jobgarantie. Als Begründung für einen solchen Fachkräftemangel wird häufig der sogenannte demografische Wandel angeführt. Damit soll darauf hingewiesen werden, dass künftig immer mehr ältere Beschäftigte in den Ruhestand gehen als junge Nachwuchskräfte nachrücken. Tatsächlich wird diese Entwicklung aber erst in den kommenden Jahren wirklich spürbar werden. Das heutige Klagen über fehlende Fachkräfte in einzelnen Berufen hat zumeist andere Ursachen.

So kann es beispielsweise daran liegen, dass der Beruf verglichen mit anderen Berufen schlecht bezahlt wird (vgl. auch Box 1). Generell ist anzumerken: Entscheiden sich (zu) viele junge Menschen für einen Beruf, kann der heutige „Mangel“ schon bald zu einer „Absolventenschwemme“ führen. In der Folge davon konkurrieren dann viele Bewerber um die geringere Zahl an ausgeschriebenen Stellen. Es ist dann gut möglich, dass die Löhne nicht steigen sondern sogar fallen.


Box 1: Arbeitsnachfrage und Marktprozesse
Ein Unternehmen bietet sein Produkt auf dem Markt zu einem niedrigen Preis an. Deshalb kann es von diesen Produkten eine große Menge verkaufen. Mit dem Erlös deckt es die Lohn- und alle anderen Produktionskosten. Aufgrund hoher Nachfrage muss die Firma viel produzieren und dazu viel Manpower einsetzen. Wenn sich das Arbeitskräftepotential aber etwa durch den demografischen Wandel verknappt, kann es die Arbeitsplätze nicht mehr besetzen und deshalb auch die bisherige Produktnachfrage nicht mehr befriedigen. Aus betrieblicher Sicht entsteht ein individuell empfundener Fachkräftemangel.

Nun konkurrieren verschiedene Unternehmen um die vorhandenen Arbeitskräfte. Eine Fachkraft wird sich für das Unternehmen entscheiden, das bei ansonsten vergleichbarer Attraktivität des Arbeitgebers die höheren Löhne zahlt. Auch unser Beispielunternehmen steht im Wettbewerb um Fachkräfte. Im Wettbewerb um die von allen begehrten Fachkräfte muss es die Löhne erhöhen. Dadurch steigen seine Gesamtkosten. Um Verluste zu vermeiden, muss das Unternehmen den Verkaufspreis für seine Produkte erhöhen. Steigende Preise führen zu einem Rückgang der Nachfrage. Folglich wird das Unternehmen weniger Manpower benötigen. Die Nachfrage an Arbeitskräften sinkt.

Wirtschaftswissenschaftler sprechen hier von einem Marktprozess, der mögliche Mangelsituationen ausgleicht. Der „Mangel“ an Arbeitskräften führt mittelfristig zu Lohnerhöhungen und Preissteigerungen. Als Folge davon geht die Nachfrage nach dem Produkt zurück und es wird weniger an Manpower benötigt. Ein „Fachkräftemangel“ ist somit ein eher kurzfristiges, berufsspezifisches und oft auch regional begrenztes Phänomen.

Dieser Marktmechanismus wirkt allerdings nicht in den Berufsbereichen, wo Preise und Leistungen zwischen den zumeist öffentlich-rechtlichen Kostenträgern mit den Leistungserbringern ausgehandelt werden. Dies ist zum Beispiel im Gesundheits- und Pflegebereich der Fall. Durch das Festschreiben der Preise können sich die Löhne für diese Berufe nicht frei anpassen. Das Außerkraftsetzen dieser zentralen Anreizwirkung kann dazu führen, dass sich weniger Menschen für einen solchen Beruf begeistern. Deshalb kann es gerade hier, wie gegenwärtig zu beobachten, zu einer verstärkten Anspannung kommen.


Berufliche Attraktivität ist vielschichtig

Welche Fachkräfte brauchen die Märkte von morgen (Foto: Fachkräfteoffensive/BMAS)

Welche Fachkräfte brauchen die Märkte von morgen (Foto: Fachkräfteoffensive/BMAS)

Es gibt neben Lohnunterschieden weitere Gründe, die die Beliebtheit einiger Berufe charakterisieren und Arbeitgeber von Mangelberufen sprechen lassen. So sind das Image, das Arbeitsklima, die körperliche Belastung, die Arbeitszeiten und ein möglicher Einsatz im Schichtbetrieb, das Vorhandensein von Weiterbildungs- und entsprechenden Aufstiegsmöglichkeiten sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso ausschlaggebend für die Attraktivität eines Berufes. Bei einigen Berufen mag die Entlohnung sehr gut sein. Sind aber andere Bedingungen nicht erfüllt, werden sich junge Menschen seltener für diesen Beruf entscheiden. Dann ist der Mangel an Bewerbern für diesen (unattraktiven) Beruf eine logische Folge. Unternehmen müssen dann Lösungen finden, wie sie die Attraktivität des Berufes durch andere als nur Lohnanreize steigern können. Gelingt ihnen das nicht, werden sie es schwer haben, die benötigten Fachkräfte zu rekrutieren. Für Interessierte werden weitere Ausgleichsmechanismen für „Mangel“-Situationen in Box 2 vorgestellt.


Box 2: Weitere Ausgleichsmechanismen bei „Fachkräftemangel“
Nicht jedes Unternehmen kann bei steigenden Löhnen im Wettbewerb um die Arbeitskräfte bestehen. Etwa weil es höhere Preise am Markt nicht durchsetzen kann und deshalb keine höheren Löhne zu zahlen vermag. In der Folge findet es keine Arbeitskräfte. Daraufhin muss das Unternehmen entweder den Betrieb einstellen oder die Produktion in Regionen verlagern, wo es günstigere Produktionsbedingungen, insbesondere niedrigere Löhne, vorfindet. Das kann auch das Ausland sein. Die entsprechenden Produkte werden dann nicht mehr in Deutschland hergestellt, sondern aus anderen Ländern importiert.

Es kann aber auch sein, dass innerhalb einer Branche zu viele Unternehmen auf dem Markt sind. Wenn in einem Land weniger Menschen leben, sinkt die Nachfrage nach Gütern und Produkten. Das verschärft den Wettbewerb. Nur die produktivsten Unternehmen werden am Markt bleiben. Denn nur sie können höhere Löhne zahlen und  damit die entsprechenden Fachkräfte an sich binden. Das ist durchaus erwünscht. Einen Mangel an Fachkräften beklagen also nur die Unternehmen, die mit den höheren Löhnen nicht mitzuhalten vermögen. Langfristig werden sie den Markt verlassen.

Diese Erklärung macht deutlich, dass es in einer Marktwirtschaft zu einem  Fachkräftemangel über längere Zeit kaum kommen kann. Kurzfristig können allerdings in einzelnen Berufen und Regionen durchaus Mangelerscheinungen auftreten. Die beschriebenen Marktmechanismen funktionieren im Übrigen unabhängig vom demografischen Wandel. Die Behauptung, durch die demografische Entwicklung entstehe ein Fachkräftemangel, ist deshalb nicht haltbar.


Ungeachtet aller genannten Einschränkungen kann der Einstieg in einen „Mangelberuf“ durchaus eine sehr sinnvolle Entscheidung sein. Man sollte sich aber wie bei allen Berufen vorher intensiv über Arbeitsbedingungen, Verdienstmöglichkeiten und Aufstiegschancen informieren. Vor allem aber sollten Bewerberinnen und Bewerber verantwortlich prüfen, ob das Berufsfeld ihren individuellen Interessen und Neigungen auch wirklich entspricht.

Arbeitskräftenachfrage regional unterschiedlich

Mangelberufe können, wie bereits erwähnt, auch ein zeitweiliges regionales Phänomen sein. So haben etwa Unternehmen  im Raum München vielfach einen sehr hohen Bedarf an Fachkräften und zahlen im Durchschnitt höhere Löhne als Unternehmen in anderen Regionen Deutschlands. Insgesamt ist das durchschnittliche Lohnniveau im Westen Deutschlands deutlich höher als im Osten und im Süden meist etwas höher als im Norden Deutschlands (siehe Karte). Ein ähnliches Bild ergibt sich für einzelne Berufe. Wenn man seinen Beruf nicht wechseln möchte, kann es sich zur Verbesserung der Verdienstchancen also durchaus lohnen, in ein anderes Bundesland zu ziehen. Das zahlt sich insbesondere für junge Fachkräfte aus, da die höheren Löhne über die Zeitdauer die Migrationskosten aufwiegen.

In Regionen mit geringem Lohnniveau fällt es Unternehmen schwer, beruflichen Nachwuchs an sich zu binden. Dadurch entsteht aus ihrer subjektiven Perspektive ein zumindest regionaler Fachkräftemangel. Das kann sich aber bereits 100 Kilometer entfernt ganz anders darstellen. Für Berufseinsteiger ist es deshalb sinnvoll, sich nicht nur nach Verdienstmöglichkeiten in der eigenen Umgebung zu informieren, sondern auch nach den Gehältern – freilich auch den Lebenshaltungskosten – in anderen Regionen. Durch Mobilitätsbereitschaft lassen sich Lohnunterschiede so individuell ausgleichen.

Persönliche Begabungen und Interessen zur Leitschnur machen

Für welchen Beruf sollten sich Berufswähler also entscheiden? Mangelberufe, so viel ist deutlich geworden, geben nur eingeschränkt Hinweise darauf, welche Berufe in Zukunft langfristig verstärkt nachgefragt werden.

Was fängt man mit dieser Erkenntnis an? Zu allererst, sich in seiner Berufswahl vor allem von den eigenen Interessen, den eigenen Stärken, Neigungen und Begabungen sowie seinen persönlichen Zielen leiten zu lassen. Die Berufswahl sollte alle diese Aspekte ausgewogen und angelehnt an die individuellen Rahmenbedingungen in die Entscheidung einbeziehen. Zu beantworten sind etwa folgende Fragen: In welchen Beruf kann ich meine Stärken am vollständigsten einbringen? Wo fallen meine Schwächen am wenigsten ins Gewicht? Welches berufliche Umfeld und welche Arbeitsbedingungen bin ich bereit zu akzeptieren? Entspricht das Gehaltsniveau meinen Ansprüchen? Bieten sich ausreichende Weiterbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen? Wie steht es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf?


Verdienstmöglichkeiten in einzelnen Berufen nach Tätigkeitsebenen (Median der Bruttotageentgelte)
Helfer Fachkraft Spezialist   Experte
Land-, Tier-, Forstwirtschaftsberufe 56 € 62 €    98 € 127 €
Gartenbauberufe, Floristik 65 € 72 €    91 € 106 €
Rohstoffgewinn,Glas-

,Keramikverarbeitung

78 € 93 €  133 € 190 €
Kunststoff- u. Holzherst.,-verarbeitung 69 € 83 €  109 € 157 €
Papier-,Druckberufe, tech.Mediengestalt. 78 € 95 €    90 € 102 €
Metallerzeugung,-bearbeitung, Metallbau 76 € 98 €  125 € 161 €
Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe 85 € 100 €  128 € 177 €
Mechatronik-, Energie- u. Elektroberufe 75 € 98 €  134 € 170 €
Techn.Entwickl.Konstr.Produktionssteuer. n.a. 108 €   138 € 176 €
Textil- und Lederberufe 69 € 71 €   108 € 133 €
Lebensmittelherstellung u. -verarbeitung 56 € 66 €     87 €   98 €
Bauplanung,Architektur,Vermessungsbe-

rufe

n.a. 105 €   125 € 132 €
Hoch- und Tiefbauberufe 73 € 88 €   120 € 147 €
(Innen-)Ausbauberufe 68 € 82 €     97 €   n.a.
Gebäude- u. versorgungstechnische

Berufe

85 € 88 €    113 € 154 €
Mathematik-Biologie-Chemie-,

Physikberufe

92 € 116 €     150 € 161 €
Geologie-,Geografie-,

Umweltschutzberufe

n.a. 93 €     113 € 137 €
Informatik- und andere IKT-Berufe n.a. 122 €     145 € 158 €
Verkehr, Logistik (außer Fahrzeugführ.) 66 €   88 €     111 € 123 €
Führer von Fahrzeug- u.

Transportgeräten

81 €   76 €     152 € 191 €
Schutz-,Sicherheits-,

Überwachungsberufe

49 €   76 €    108 € 157 €
Reinigungsberufe 52 € 59 €     88 €   n.a.
Einkaufs-, Vertriebs- und Handelsberufe  n.a. 102 €  134 € 186 €
Verkaufsberufe 51 €  68 € 100 € 118 €
Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe 49 €  56 €   76 €   92 €
Berufe Unternehmensführung,-

organisation

69 € 97 € 144 € 175 €
Finanzdienstl.Rechnungsw.,Steuerbera-

tung

 n.a. 125 € 117 € 172 €
Berufe in Recht und Verwaltung 88 € 101 € 125 € 153 €
Medizinische Gesundheitsberufe 77 €  82 €   85 € 163 €
Nichtmed.Gesundheit,Körperpfl.,Medizint. 57 €  67 €   92 € 138 €
Erziehung,soz.,hauswirt.Berufe,Theologie 63 € 92 € 106 € 112 €
Lehrende und ausbildende Berufe  n.a. 130 €   95 € 140 €
Geistes-Gesellschafts-Wirtschaftswissen. 111 € 105 € 133 € 120 €
Produktdesign, Kunsthandwerk  n.a.  75 €   91 € 128 €
Werbung, Marketing, kaufmännische und

redaktionelle Medienberufe

 n.a.  77 € 134 € 170 €
Darstellende, unterhaltende Berufe  n.a.  91 € 110 € 128 €
Hinweis: Datengrundlage ist die IAB-Beschäftigtenhistorik, Stichtag 31.12.2013. Berufe nach Hauptfeldern der deutschen Berufsklassifikation KldB 2010. Berichtet werden Median-Bruttotageentgelte. Bei der Angabe n.a. gibt es keine Beschäftigten innerhalb der Tätigkeitsebene und Berufsgruppe. Die Werte interpretiert man folgendermaßen: 50% aller Beschäftigten in dieser Gruppe verdienen maximal so viel, die anderen 50% verdienen mehr als der berichtete Wert. Man sollte beachten, dass die Löhne innerhalb einer Gruppe nochmals variieren, unter anderem nach den darin enthaltenen detaillierten Berufen, Branche, Region, Alter, Geschlecht, Vollzeit-Teilzeit. Die berichteten Werte sollten als Richtwerte gesehen werden.

 

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