Lohnt Berufsberatung – Ja, aber …

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2015

B - 1Stefan ist einer von vielen, die sich demnächst ihren Prüfern stellen müssen. In wenigen Wochen wird er und werden weitere 375.000 deutsche Gymnasiasten die Abiturklausuren schreiben. Angst macht ihm das freilich nicht. Er weiß, was von ihm gefordert wird, und er weiß, wie er sich darauf vorzubereiten hat. Wie bisher auch werden ihm und seinen Mitschülern hierbei keine Richtung weisenden Entscheidungen abverlangt, sind die Dinge in der Abiturprüfungsordnung doch klar geregelt. Druck macht Stefan etwas ganz anderes. Für das, was danach kommt, wie es anschließend beruflich weitergehen soll, gibt es keine Wegweiser und keine Leitplanken mehr und auch keine Möglichkeit, die entsprechenden Entscheidungen auf Dritte zu delegieren. Denn die Verantwortlichkeit der Schule endet mit der Aushändigung der Abschlusszeugnisse und erstmals üben sich auch die Eltern in Zurückhaltung. Das ist für Stefan eine völlig neue Erfahrung. Was also tun? Lohnt eine Berufsberatung?

Das fragen sich in dieser Situation viele Schüler, ebenso viele Eltern. Wir waren neugierig und wollten wissen, welche Erkenntnisse die Leser des „Berufsreport“ bei ihren Kontakten mit der Berufsberatung der örtlichen Arbeitsagenturen gewonnen haben. Die Ergebnisse repräsentieren die Meinung unserer Leser, nicht mehr und nicht weniger. Sie sind sehr unterschiedlich, so viel sei schon einmal an dieser Stelle verraten. Das überrascht nicht, gehen doch die Meinungen zu Qualität und Service der Arbeitsagenturen als wichtigstem Dienstleister für Berufsberatung weit auseinander. Auf die Nennung von Namen und eine Veröffentlichung von Bildern werden wir im Folgenden verzichten. Wir haben allen Befragten Anonymität zugesichert. Das gilt selbstverständlich. Im Übrigen geht es bei einem solchen Thema um Sachverhalte, nicht um Personen. Eine 360°-Perspektive zu gewährleisten, haben wir auch mit zahlreichen Akteuren auf der anderen Seite, also Berufsberatern gesprochen, sie mit den Antworten unserer Leser konfrontiert und um Erklärung gebeten. Eine erste wichtige Feststellung lautet: Die Erwartungen der Beteiligten sind vielfältig und sehr unterschiedlich.

Gute Noten von Schulen und Lehrern

Beginnen wir mit den Schulen und Lehrern. Ihr Echo über die Berufsberatung ist bis auf wenige Ausnahmen ein überaus positives. Die Zusammenarbeit verlaufe reibungslos. Die Berufsberater seien kooperativ, hielten Terminabsprachen verlässlich ein, man sei alles in allem sehr zufrieden. So hörten wir es oft. Ein Teil der Schulen hat die Kontakte mit den Berufsberatern der Arbeitsagenturen nach zwischenzeitlichen Intermezzi mit anderen Partnern sogar intensiviert. Auffällig ist freilich, dass das Feedback von Schulen und Lehrern über die Informationsveranstaltungen der Berufsberatung vorrangig auf den formalen Rahmen fokussiert. Aussagen zur fachlichen Qualität der Arbeit von Berufsberatern fehlen nahezu vollständig. Doch die, die Schule von innen heraus kennen, verwundert das kaum. Gewiss, ein inkompetenter Referent, heißt es hinter vorgehaltener Hand, sei schlimm. Eine Schulveranstaltung aber, zu der der Referent unentschuldigt nicht erscheine, sei viel schlimmer. Der Laden müsse schließlich laufen und die Alternativen seien begrenzt.

Hinter diesem Pragmatismus von Schulen und Lehrern versteckt sich freilich ein viel tiefer gehendes Problem. Zwar ist die Bundesagentur für Arbeit nach dem Sozialgesetzbuch III (§ 29) zur Vorhaltung einer flächendeckenden Berufsberatung verpflichtet, eine Leistungsmessung und Wirkungsüberprüfung aber hat der Gesetzgeber nicht vorgesehen. Um die Spreu vom Weizen trennen zu können, wäre in Zeiten von Deregulierung und Entstaatlichung eine solche Qualitätssicherung jedoch für Schulen und Lehrer, ebenso für Schüler und Eltern dringend erforderlich. Immerhin haben die Arbeitsagenturen seit 1998 kein Monopol mehr auf die Berufsberatung, stehen sie seitdem im Wettbewerb mit anderen Anbietern. Was wenige wissen: Ärzte, Rechtsanwälte oder Psychotherapeuten können ihren Beruf nur bei Nachweis vom Gesetzgeber definierter fachlicher Qualifikationen ausüben. Berufsberatung aber darf heute jeder, ein einschlägiger Befähigungsnachweis ist nicht erforderlich. Doch wer mag schon gerne vom Gärtner mit der Heckenschere operiert werden, ohne dass der weiß, wo Herz, Lunge, Milz und Leber liegen?

Berufsberatung eine Spielwiese für Laiendarsteller?

So beraten denn heute neben den Arbeitsagenturen die Jobcenter, die Industrie- und Handels- sowie die Handwerkskammern, kommunale Stellen, Bildungsträger, Arbeitgeber und kommerzielle private Berater. Zwar bietet die Bundesagentur für Arbeit an ihrer Hochschule einen Studiengang Beschäftigungsorientierte Beratung und Fallmanagement für einen Einsatz in der Berufsberatung an. Zwingende Voraussetzung für den Job als Berufsberater aber ist dieser Abschluss nicht einmal in ihren eigenen Geschäftsstellen. Nach einer kostengünstigen Schnellbleiche in Form einiger weniger Lehrgänge finden sich dort auch Verwaltungsbeamte aus der Kindergeldabteilung, Gleichstellungsbeauftragte und Arbeitsvermittler. Genauso gibt es ehemalige Teamleiter, oder solche, die genau das werden und darüber eine steile Karriere starten wollen. Da sind Fachangestellte für Arbeitsförderung als Aufsteiger aus dem ehemaligen mittleren Dienst. Da finden sich schließlich aber auch solche, die über viele Jahre nur geduldig, vor allem jedoch ohne kritische Wiederworte ausharrten und sich aus Sicht ihrer Vorgesetzten deshalb nun einfach mal eine Beförderung verdient haben. Andere Berufsbereiche achten da deutlich mehr auf die Wahrung ihrer Professionalität. So verlangt man etwa der Krankenschwester, die zukünftig als Arzt arbeiten möchte, oder der Erzieherin, die als Lehrerin unterrichten will, das jeweils komplette Medizin- beziehungsweise Lehramtsstudium ab.

Das alles ist kein Qualitätsurteil, schon gar kein negatives. Denn ohne Zweifel entwickeln sich von diesen Verwaltungsbeamten und Fachangestellten für Arbeitsförderung viele zu engagierten und leistungsfähigen Berufsberatern. Ein strukturelles Handicap aber bleibt. Die individuellen beruflichen Erfahrungen dieser Berufsberater beschränken sich auf die Arbeitswelt einer Verwaltung, entsprechend ihr Blick auf Beschäftigung und Beruf. Genau an diesem Punkt setzt auch die Kritik einiger Schulen an. Im Internetzeitalter seien den Schülern alle Informationen zu Ausbildung, Studium und Beruf jederzeit zugänglich, so ihre Argumentation. Da benötigten sie kaum noch Hilfe. Worauf es ankomme, wäre die fachmännische Analyse, Bewertung und Verknüpfung dieser vielfältigen Informationen entsprechend der jeweiligen Schülerbedürfnisse. Genau darum geht es, um die größtmögliche Übereinstimmung von persönlichen Begabungen, Werthaltungen und Lebenszielen mit den Anforderungen dieses oder jenes Berufes.

Viele Schüler und Eltern enttäuscht

Natürlich können in dieser frühen Phase noch keine endgültigen Entscheidungen erwartet werden. Worum es aber geht, ist,  das Ende des berüchtigten roten Fadens in die Hand zu bekommen. Auch viele Berufsberater sehen das so. Und erinnern sich der Zeiten, in denen sie und ihre Kollegen wegen der erforderlichen Transferfähigkeiten für eine Tätigkeit in der Sekundarstufe I zuvor eine Berufsausbildung, für einen Ansatz in der Sekundarstufe II ein Universitätsstudium abgeschlossen haben und Zeiten einer entsprechenden Berufstätigkeit nachweisen mussten. „Das berufliche Herkommen unserer Community war so bunt wie ein Herbstblumenstrauß, reichte vom Lehrer über den Kapitän und Maschinenbauingenieur bis hin zum Diplom-Kaufmann“, formuliert es einer. Entsprechend intensiv sei der fachliche Austausch gewesen. Das ist Vergangenheit. Die Ziele der Berufsberatung haben sich verändert – und mit ihr die Berufsberater. Ohne Kenntnis im Detail scheinen die Kunden genau das zu spüren. Viele Rückmeldungen von Schülern und Eltern weisen in diese Richtung.

Hier eine Auswahl: „Das hat mir nichts gebracht“, „Wir fanden die Beratung unserer Tochter sehr enttäuschend“, „Unsere Erfahrungen sind negativ“, „Die hat mir meinen Berufswunsch schlecht geredet“, „Über die Agentur bekam mein Sohn Vorschläge für Ausbildungsangebote ohne Sinn und Verstand“. Auch diese Reaktionen sind für Berufsberater nichts Neues, ihre Erklärungen vermitteln gleichwohl einen tiefen Blick ins Innere der Arbeitsverwaltung. Stand in der Vergangenheit die Befähigung der Schüler zur selbstverantwortlichen Entscheidung ihres Berufsweges im Mittelpunkt, so wie es das Nationale Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung auch noch immer fordert, heißt die Marschroute der Arbeitsagenturen heute: Integration in den Arbeitsmarkt um jeden Preis. Die mit diesem Paradigmenwechsel eingeführten Zielvereinbarungen diktieren den Fachkräften eine Jahr für Jahr niedrigere Zahl unversorgter Schüler. Auch wenn dies vor allem politisch motiviert ist, spricht nichts dagegen. Außer einem, wenn sich solchen Vorgaben alles andere unterzuordnen hat und die Kollateralschäden nicht tragfähiger Berufsentscheidungen billigend in Kauf genommen werden.

Berufsberatung nur noch das fünfte Rad am Wagen

Auf den enormen Bedeutungsverlust der Berufsberatung in den Dienststellen der Bundesagentur für Arbeit weist ein anderer Tatbestand. „Während die Gehälter von Ärzten und Psychologen in unseren einschlägigen Fachdiensten angehoben wurden“, erzählt eine Berufsberaterin, „sind wir um ganze zwei (!) Lohngruppen heruntergestuft worden.“ Kosten einzusparen, mag gewiss auch ein Motiv gewesen sein. Wichtiger aber scheint ein ganz anderer Aspekt. „Mit der zeitgleichen, wenn auch manchmal etwas unrunden, Implementierung zahlreicher Testverfahren“, vermutet ein weiterer Berufsberater, „wird die Entpersonalisierung der Berufsberatung eingeläutet.“ Die Rolle des Berufsberaters beschränke sich dann allenfalls noch darauf, zu Beginn des Prozesses vom Schüler einen Befund zu erheben. Das neue Beratungskonzept BEKO betone diese Kompetenz schon jetzt überdurchschnittlich stark. Hoch qualifizierte und deshalb teure Berufsberater wären dann in der gegenwärtigen Personalstärke nicht mehr erforderlich.

Genau darauf allerdings setzen private Premiumanbieter – und bestätigen damit nachdrücklich die durch nichts zu ersetzende Notwendigkeit individueller persönlicher Beratung. Sie bieten für gutes Geld eine gediegene Kombination von standardisierten Analysen und personalintensiven Gesprächen an. Doch welche Eltern können für die Berufsberatung eines ihrer drei Kinder schon locker einmal bis zu 1.700 Euro oder mehr ausgeben? Bleiben also den Berufswählern in der Holzklasse nur billige Tests statt persönlicher Zuwendung? Viele Anzeichen deuten darauf hin. Das entmündigt Berufsberater ihrer fachlichen Kompetenz ebenso wie es die Schüler der Individualität ihres Anliegens beraubt. Für leistungsstarke und ehrgeizige, damit freilich auch kritische und über den Tellerrand blickende Hochschulabsolventen verliert solch ein Job endgültig jede Anziehungskraft. Das dürfte die Berufsberatung der örtlichen Arbeitsagenturen fachlich wie intellektuell weiter auszehren.

Nicht Eltern und Schülern, aber doch der kommerziellen Konkurrenz wird es recht sein. Schließlich beschert ihr das einen ungeahnten Wettbewerbsvorteil nun auch für ein Engagement im Massengeschäft unterhalb des Premiumsegments. Mit ebenfalls nur mittelmäßig qualifiziertem, dafür aber preiswertem Personal und somit niedrigen Kosten könnte sie ganz ohne eigenes Zutun plötzlich gleiche Augenhöhe mit den Agenturberatungen erreichen, wenn auch beide dann nur noch auf bescheidenem Niveau. Bereits jetzt bringen sich vor allem Verlage in Stellung. Ganz vorne der Meramo Verlag Nürnberg. Pikant dabei: Herausgeber der Print- und Online-Medien dieses Verlages ist kein anderer als die Bundesagentur für Arbeit. In der Privatwirtschaft kennt man solche Kannibalisierungsszenarien. Hier allerdings geht es darüber hinaus. „Während dieser Verlag offene Unterstützung erhält, werden die eigenen Leute mit Kalkül im Regen stehen gelassen“ empfindet es einer meiner Gesprächspartner. Passt die Berufsberatung also bloß noch als Annex der Vermittlungsabteilung ins Portfolio der Arbeitsagenturen?

Wenig Input sorgt für Qualitätsverlust und Resignation

„Ich liebe meinen Beruf und ich möchte, dass Schüler wie Eltern zufrieden nach Hause gehen“, formuliert es ein anderer Berater, „aber die Rahmenbedingungen verschlechtern sich im Hochgeschwindigkeitsmodus.“ Die überwiegend negativen Voten von Eltern und Schülern bei unserer Umfrage zeigen, auf Dauer reicht allein persönlicher Einsatz zur Sicherstellung der Kundenzufriedenheit nicht aus. Nur jede Ausbildungsstelle zu besetzen und alle Bewerber irgendwie unterzubringen, mag die Statistik aufhübschen und die Arbeitsmarktpolitiker zufriedenstellen. Schülern und Eltern ist es eindeutig zu wenig. Gleiches hatte vor Jahren schon die Zeitschrift Finanztest bemängelt. Die Entscheidung für einen Beruf ist ein höchst individueller Prozess. Ihn zum Erfolg zu führen, bedarf es nicht nur großer beratungsmethodischer Kompetenzen, dafür braucht es unbedingt umfangreicher Berufs- und Betriebskenntnisse. Beides vermissten die Kunden. „Das, was die Berufsberaterin mir über den Beruf sagen konnte, hatte ich alles schon im Internet gelesen“, schreibt eine Schülerin frustriert, „und über die Ausbildungsbetriebe konnte sie mir gar nichts erzählen.“ In der umgekehrten Konstellation, berichten eher unvorbereitete Schüler, heiße es: „Bevor ich dir das jetzt alles erzähle, lies dir das im Internet durch.“

Wie auch sollen wir dieses Wissen aufbauen, entschuldigen sich viele Berater. Als die nadelstreifenuniformierten Söldner von Roland Berger und McKinsey die guten alten Arbeitsämter vor Jahren auf modern trimmten, seien mit Blick auf die Kosten auch die internen Zuständigkeiten neu geschnitten worden. One face to the customer heiße die Parole seitdem. Pech für die Berufsberater. Für die Kontakte zu den Ausbildungsbetrieben sind nun nicht mehr sie, sondern die Mitarbeiter des sogenannten Arbeitgeberservice zuständig. Damit fühlen sich die Berufsberater einer wichtigen Grundlage beraubt. So als wenn ein Literaturkritiker das jüngste Werk von Günter Grass besprechen soll, ohne aber dessen Buch lesen zu dürfen, weil der Feuilletonchef das dem Sportredakteur übertragen hat. Pech also auch für die Kunden. Noch schwerer falle jedoch ins Gewicht, berichtet eine Beraterin, dass ein systematischer Aufbau berufs- und wirtschaftskundlicher Kompetenzen strukturbedingt kaum noch stattfinde. Die einschlägigen Referate in den Regionaldirektionen sowie in der Nürnberger Zentrale seien vielerorts jedenfalls bis zur Schwindsucht ausgedünnt. Ökonomen bezeichnen so etwas als Überlastung der Infrastruktur. Einfacher ausgedrückt: es wird fachlich auf Verschleiß gefahren.

Vor diesem Hintergrund fühlen sich zahlreiche Berufsberater in ihren schlimmsten Befürchtungen bestärkt. Ihr Arbeitgeber, so die Erkenntnis vielerorts, wolle einfach nicht in der Moderne ankommen. Tatsächlich gibt es für einen Beratungsdienst keinen wichtigeren Rohstoff als Informationen. Ohne sie und deren zielorientierte Erschließung gibt es keinen Erfolg, in der modernen Wissensgesellschaft allzumal. Nur höfliche Umgangsformen und ein verständnisvolles Gesicht reichen jedenfalls nicht aus. Von Informationen abgeschnitten zu werden oder sie doch fahrlässig unbeachtet zu lassen, sie nicht zusammenzuführen, muss früher denn später in die Agonie führen. Dabei besäßen die Arbeitsagenturen mit ihrer bundesweiten Infrastruktur allerbeste Voraussetzungen zur Hebung dieser berufs- und wirtschaftskundlichen Ressourcen. Stattdessen überträgt man die Aufgabe fachlich unqualifizierten Dritten. Die Kompetenzen der eigenen Leute vor Ort aber liegen brach und bleiben ungenutzt. Das ist unverständlich, das ist unternehmerisch russisches Roulette, das ist gesellschaftspolitisch eine Bankrotterklärung. Oder eben doch langfristige Strategie?

Berufsberatung ist ein Höllenjob

Die Arbeitsagenturen halten es für unzulässig, aus all dem Qualitätseinbußen abzuleiten und verweisen auf die guten Noten, die ihre Berufsberater bei eigenen Umfragen regelmäßig erreichen. Tatsächlich werden die im Gegensatz zu den Ergebnissen unserer Befragung dort mehrheitlich positiv beurteilt. Gibt es eine Erklärung für diesen Widerspruch? Während wir Schüler und Eltern nach der Entscheidung und deren Realsierung ergebnisorientiert um eine Einschätzung baten, stellen die regelmäßigen Telefonumfragen der Bundesagentur für Arbeit vorrangig auf die kurzfristige Zufriedenheit mit den Rahmenbedingungen des Beratungsumfeldes ab. Motto: auch wenn die Hüfte weiter zwickt, war doch der OP-Saal absolut keimfrei und der Chirurg voll nett. Gerüchte wissen darüber hinaus von Agenturen zu erzählen, wo in den Datensätzen unzufriedener Kunden vorsorglich die Telefonnummern getilgt würden. Alles klar? Keine Telefonnummer, keine Befragung, kein negatives Feedback. So etwas würde man sonst eher bei Sepp Blatter und der FIFA verorten. Vielleicht sind es aber auch nur böse Phantasien frustrierter Berufsberater. Wir wissen es nicht.

Was wir aber gesehen haben, bis auf ein paar Wünschelrutengänger und eine allerdings steigende Zahl resignierter Fachkräfte machen die meisten Berufsberater einen guten Job. Und der ist weiß Gott nicht einfach. Die Träume junger Menschen mit den Zwängen eines unerbittlichen Arbeitsmarktes konfrontieren zu müssen, die Würde eines Schulabbrechers sowohl mit den vielfach komplexen beruflichen Anforderungen wie den hohen Erwartungen der Ausbildungsbetriebe in Einklang zu bringen, brauchte es in den Zeitvorgaben von nur 45 Minuten und bei täglich sechs bis acht Kunden wohl oft magische Fähigkeiten oder vieler Sternstunden. Die scheinen öfter vorzukommen, als es die Gesetze der Wahrscheinlichkeit unter solchen Voraussetzungen erwarten lassen. Eine Schülerin berichtete uns voller Begeisterung von ihrer Begegnung: „Der Berater war ein absoluter Profi. Er hat mich ernst genommen. Ich würde seine Hilfe jederzeit erneut in Anspruch nehmen.“ Andere lobten die strikte Neutralität der Berater. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass er mir irgendwelche Mangelberufe aufschwatzen wollte.“

Den Stier mutig bei den Hörnern packen

Dennoch bleiben Fragen. Eine Lehrerin bringt es auf den Punkt. „Das Angebot ist ausreichend, doch es könnte verbessert werden.“ Warum und wie? Es geht um das persönliche Glück junger Menschen, um den volkswirtschaftlichen (Mehr)Wert von Berufsberatung und damit auch um ein Stück sozialen Frieden. Dass eine, wie immer geartete, bloße Berufslenkung nicht funktioniert, lehrt ein Blick in die Geschichte der ehemaligen DDR. Freilich hat Qualität ihren Preis. Doch geht es nicht nur ums Geld, es bedürfte auch stringenter Konzepte und einer hohen Fachlichkeit! Gegenwärtig fehlt es bis auf ein paar Aktionen für die Galerie an allen drei Dingen. Ob die Arbeitsagenturen die Kraft, mehr noch den Willen aufbringen, der Zukunft besser vorbereitet begegnen zu wollen, als sie die Gegenwart zu bewältigen versuchen, bleibt eine offene Frage. Zweifel sind erlaubt. Entwicklungen wie die zentralistische Jugendberufsagentur im Stadtstaat Hamburg lassen nichts Gutes erwarten. Die bereits bekannte Zielvorgabe, junge Menschen unter allen Umständen schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wird mit Institutionen wie dieser endgültig für alternativlos erklärt.

Man kann es auch anders formulieren: Eine Berufsentscheidung in Freiheit und das Anrecht junger Menschen, aus Fehlern lernen zu dürfen, haben sich, je länger je mehr, der allgegenwärtigen Kostenreduzierung unterzuordnen. Die Berufsberatung dem freien Spiel interessengeleiteter Lobbyisten zu überlassen, wäre freilich fatal und könnte am Ende teuer werden. Man kennt das. Unternehmen beschwören den Fachkräftemangel und denken doch nur an die nächsten Einstellungsgespräche und Gehaltsverhandlungen. So sind Neutralität und Objektivität bereits jetzt gefährdet, dann würden sie ganz auf der Strecke bleiben. Damit ein letztes Mal zurück zum Alltag. Schülern und Eltern ist angesichts all dessen eine gute Vorbereitung des Kontakts mit der Berufsberatung zu empfehlen. Je besser die Analyse der eigenen Wünsche, je konkreter die Fragen, desto effizienter die Antworten. Und immer sollten sie Begründungen verlangen. Gleichwohl ist eine Berufsentscheidung nicht nur für Berufsberater harte Arbeit, sondern auch für Schüler. Und sie braucht Zeit, vielleicht sogar mehrere Gespräche mit dem Berufsberater. Oder einem zweiten, wenn man mit dem ersten unzufrieden ist.

Der Berufsberatung eine Zukunft geben

Freilich gilt auch, dass Schüler wie Eltern diesen Prozess zielgerichtet gestalten und trotz mancher Mühsal geduldig bis zur selbstgeleiteten Entscheidung führen wollen. Wer glaubt, das Problem allein durch Handauflegen lösen lassen zu können, sollte statt zur Berufsberatung lieber zum Wunderheiler oder in die Kirche gehen. Aber auch die Berufsberater müssen sich dem Wandel stellen. Die Banken machen es vor. Kundenberater bieten ihre Dienste dort entsprechend deren Wünschen auch außerhalb der bislang üblichen Arbeitskorridore und nicht mehr im Korsett starrer Öffnungszeiten an. Und nicht jeder Kontakt muss ein persönlicher sein. Eine flexible Online-Beratung, eine verbesserte Kooperation mit den Eltern und deren gewählten Vertretern als den wichtigsten Multiplikatoren in der Berufswahlentscheidung etwa mit dem Angebot spezieller Elternberatungen könnten Entlastung schaffen. Denn unstrittig ist, wirtschaftlicher Erfolg verlangt die besten Köpfe. Die auf den jeweils für sie passenden Beruf aufmerksam zu machen, geht allerdings nur mit einer hochleistungsfähigen Berufsberatung – und Berufsberatern, die wissen (können), wovon sie sprechen!