Kindertagesstätte „Edith Stein“ – Ein Ort für frühkindliche Bildung

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2017

Logo (Rechte bei: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Logo der Kindertagesstätte „Edith Stein“ in Wolfsburg (Rechte bei: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Es sind ganz zufällige, gleichwohl typische Beobachtungen, die ich bei meinem Besuch der Kindertagesstätte „Edith Stein“ im Wolfsburger Ortsteil Reislingen an diesem Vormittag mache. Zwar fehlen als Folge der gerade umgehenden Grippewelle einige Kinder. Als Erklärung für den geringen Lärmpegel taugen die Lücken in der Gruppenbesetzung freilich nicht. Weder hört man wütende Schreie noch das Weinen unglücklicher Kinderseelen. Später begegne ich drei kleinen Knirpsen, die einen Wagen mit Tellern und vier vollen Suppenschüsseln gemeinsam durch den Flur steuern – ganz alleine, mit freudigen Gesichtern, aufmerksam, konzentriert, vorsichtig, ohne Streit. Die Kurven nehmen sie ebenso souverän wie sie verschiedene Zwischentüren, die es auf dem Weg zu ihrem Gruppenraum zu passieren gilt, ohne anzuecken durchqueren. Die Erzieherin erwartet sie gelassen und ohne ängstliche Blicke, ob denn auch ja alles gut gegangen ist. Man hat den Eindruck, hier vertraut man einander. Alles scheint einem von allen akzeptierten Plan zu folgen.

Die Kindertagesstätte „Edith Stein“ ist eine ganz normale Kita, wie es sie tausendfach im Land gibt. Allenfalls die modernen Gebäude mit ihren hellen Räumen und das weitläufige naturbelassene Außengelände scheint sie von anderen Kitas zu unterscheiden. 170 erwartungsvolle Kinder werden jeden Morgen von ihren Eltern in die Nelly-Sachs-Straße gebracht, wo schon 43 Mitarbeiterinnen gespannt auf sie warten. Die meisten von ihnen, genau gezählt 28, sind ausgebildete Erzieherinnen, einige mit einer Weiterbildung für Heilpädagogik und/oder Psychomotorik. Aber auch Sozial- und Heilpädagoginnen, eine Kindheits-Pädagogin, Kinderpflegerinnen dazu Hauswirtschafterinnen, Reinigungsfachkräfte sowie ein Hausmeister sind hier tätig. Und doch ist einiges anders in der „Edith Stein“-Kita. Sichtbarer Hinweis dafür sind sieben englisch- und chinesischsprachige Native-Speaker. Sie kommen aus Großbritannien, Kanada, Indien, Hongkong und China und besitzen einen Bachelor- oder Masterabschluss in Vorschul-Pädagogik. Fast alle Kindergartengruppen „arbeiten“ bilingual. Das Angebot ist freiwillig! Ob das Kind seine Antworten in Deutsch oder Englisch formuliert, entscheidet es völlig selbstbestimmt.

Lernfreude der Kinder aufnehmen

Sport macht Spaß (Foto: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Sport macht Spaß (Foto: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Alle Gruppen sind als Ganztagsangebote konzipiert. Das gilt sowohl für die drei Kinderkrippengruppen als auch die sechs Gruppen des Kindergartenbereichs. Die Gruppengröße umfasst in der Kinderkrippe 15, im Kindergarten 20 bis 25 Kinder. In den Integrationsgruppen mit bis zu vier Förderkindern erreicht die Gruppenstärke nur 18 Kinder. Jeder Gruppe sind zwei Erzieherinnen zugeordnet, dazu entweder eine Kinderpflegerin, eine Heilpädagogin oder eine Vorschulpädagogin/Native-Speaker. Doch unterscheidet sich die Arbeit in der „Edith Stein“-Kindertagesstätte nicht allein durch die Mehrsprachigkeit. Auch in einigen anderen pädagogischen Grundsätzen verlässt die Einrichtung den deutschen vorschulischen Mainstream. Sofort ins Auge fällt, dass Kita-Leiterin Doris Heubach statt altersgemischter Gruppen eine altershomogene Gruppenstruktur praktiziert. Fachkräfte, die hier arbeiten wollen, sollten sich mit dieser Entscheidung und den dahinter stehenden pädagogischen Prinzipien identifizieren können.

So ist die diplomierte Sozialpädagogin Heubach nach fast dreißig Berufsjahren überzeugt, dass der Orientierungsplan des Niedersächsischen Kultusministeriums dem Spiel eine stark überhöhte Bedeutung zumisst. „Spielen ist wichtig“, formuliert Heubach diplomatisch, „aber es ist nicht alles.“ Es zur allein selig machenden Lernform zu erheben, hält sie für falsch. Die Erzieherinnen in der „Edith Stein“-Kita bevorzugen ein anderes Vorgehen. Mit einem reduzierten Spielzeugeinsatz sowie der Betonung von Dialog und Kommunikation setzen sie gezielte Kontrapunkte zur sonstigen Lebenswelt der Kinder. Die nicht selten geprägt ist von einem Übermaß an Spielsachen und von Beziehungen, in denen kaum mehr vorgelesen und viel zu wenig miteinander gesprochen wird. „Wir nehmen stattdessen die Lernfreude der Kinder auf und versuchen, ihnen mit unseren vielfältigen interaktiven Angeboten, darunter zahlreiche Rollenspiele, tägliche Erfolgserlebnisse zu ermöglichen.“ Das verlangt den Erzieherinnen viel ab. Umgekehrt beschert es ihnen aber auch zahlreiche Glücksmomente.

Persönlichkeit des Kindes ist Maß aller Dinge

Doris Heubach, Leiterin der Edith Stein-Kita (Foto: privat)

Doris Heubach, Leiterin der Edith Stein-Kita (Foto: privat)

Etwa, wenn ein Kind wieder einen Entwicklungsschritt gemacht hat und auf eine englisch formulierte Frage nicht mehr wie bisher auf Deutsch, sondern auf Englisch antwortet. Der Tagesablauf in der „Edith Stein“-Kita besitzt eine klare Struktur. „Kinder möchten wissen, was kommt“, begründet Doris Heumann. „Das gibt ihnen Sicherheit.“ Die Gruppenphase erstreckt sich von 8 bis 16 Uhr. Im Früh- und Spätdienst, ab 6:30 Uhr und bis 17:30 Uhr, erfolgt die Betreuung gruppenübergreifend. Die Einführung in den Tag beginnt um 9 Uhr mit dem Morgenkreis, das heißt mit Gesprächen, Spielen, Liedern und Sprechversen. Gegen 10 Uhr folgt das gesunde Frühstück, von 10-11 Uhr die Angebotsphase. Kleingruppen von zwei bis vier Kindern erhalten eine Aufgabe aus dem Umfeld des jeweiligen Wochenplans. Ist diese Aufgabe gelöst, steht die verbleibende Zeit zum freien Spiel zur Verfügung. Es gibt Spielzonen als Werkstätten wie etwa eine Schreibwerkstatt, eine Zahlenwelt, einen Experimentierbereich und ein Atelier. Von 11-12 Uhr geht es in den Naturspielgarten.

Danach ruft das Mittagessen. Wie beim Frühstück gibt es auch hier keine gleitende Mahlzeit. „Die Kinder sollen zur Ruhe kommen. Im Übrigen legen wir großen Wert auf das Gemeinschaftserlebnis“, erklärt Heubach diese Festlegung, „und warten deshalb, bis auch der letzte aufgegessen hat.“ Der Nachmittag gliedert sich in die Story-Time, das Freispiel und zum Ausklang des Kindergartentages in die Zeit zum Snoezelen. Die Arbeit der Erzieherinnen erschöpft sich freilich in der täglichen Gruppenarbeit noch lange nicht. Ein zentrales Element ihrer Tätigkeit ist die Elternarbeit, die auch regelmäßige Hausbesuche einschließt. Eine große Bedeutung kommt den jährlichen Entwicklungsberichten zu. Sie sind Ausdruck für die hohe Wertschätzung der Individualität jedes Kindes und zwingt die Gruppenbetreuerinnen zu genauem Hinschauen. „Unser Ziel sind selbstbewusste Kinder“, formuliert Doris Heubach ihr erzieherisches Credo.

Dialog und altersentsprechende Kommunikation

Mitarbeiter der Kita Edith Stein (Foto: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Mitarbeiter der Kita Edith Stein (Foto: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Für genauso wichtig wie die pädagogische Qualifikation hält sie deshalb einen Aspekt, den sie Haltung nennt. Man könnte es auch anders umschreiben. „Die Liebe zu Kindern ist für Erzieherinnen eine der wichtigsten beruflichen Voraussetzungen.“ Alles andere sei erlernbar. Die zweijährige Ausbildung zur Sozialassistentin hält sie allerdings für unzureichend. Den Auftrag einer Kindertagesstätte verstehen die Erzieherinnen, Heil-, Sozial- und Vorschulpädagogen in der Wolfsburger Nelly-Sachs-Straße als Bildungsauftrag. Durch gemeinsame Handlungsfelder wollen sie Raum für Kommunikation und Beziehungsarbeit zwischen den Kindern untereinander genauso wie zwischen Mitarbeitern und Kindern schaffen. „Wir sprechen deshalb so oft es geht, intensiv und ausgiebig miteinander“, weist Heubach auf einen Zentralpunkt des Erziehungsverständnisses ihrer Einrichtung. Gleichwohl geht es nicht nur um intellektuelle Bildung, sondern auch um das soziale Lernen. Jede Woche wird ein Kind ausgezeichnet, das sich in besonderer Weise für andere Kinder eingesetzt hat. Und natürlich geht es auch um Toleranz.

Die Persönlichkeit des Kindes bestimmt das Handeln der Erzieher. Von zentral vorgegebenen, starren Pflichtcurricula für Kitas, wie beispielsweise in England üblich, hält Doris Heubach deshalb wenig. In der „Edith Stein“-Kindertagesstätte spricht man stattdessen lieber von Zielen. „Unsere Mitarbeiter machen sich gemeinsam mit ihrer Gruppe auf den Weg“, formuliert es Doris Heubach. Dieses gleichzeitig situationsbezogene wie zielorientierte Arbeiten  bedeutet einen Spagat von Flexibilität und Prinzipientreue. „Deshalb suche ich Erzieherinnen“, verrät sie, „die es nicht als Belastung empfinden, ihr Tun jeden Tag neu zu reflektieren, die authentisch und entscheidungsstark sind, die Freude an Musik und Bewegung haben, die sich gut organisieren können, die ihren Berufswunsch plausibel zu begründen vermögen.“ So sieht sie es gerne, wenn Bewerber nach ihrer Ausbildung zusätzliche (Lebens-)Erfahrungen als Au Pair oder in anderen Freiwilligendiensten gesammelt und auch ihre Englischkenntnisse vervollkommnet haben.

Erfahrungen in ein Konzept gegossen

Natur erleben ist in der Kita Edith Stein ein wichtiger Bildungsbaustein (Foto: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Natur erleben ist in der Kita Edith Stein ein wichtiger Bildungsbaustein (Foto: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Die Karriere einer Erzieherin in der „Edith Stein“-Kita beginnt als sogenannte Springerin, je nach dem in welcher Gruppe eine Fachkraft ausgefallen ist. „Dadurch“, ist Doris Heubach überzeugt, „lernt man unser Haus und wie wir hier arbeiten am besten kennen.“ Fachkraft mit Verantwortung für eine feste Gruppe ist der nächste Entwicklungsschritt. Dann bleibt nur noch der Schritt in die Kita-Leitung, zumeist nach außerhalb. „Der gelingt unseren Erzieherinnen häufig“, beobachtet Heubach und ist stolz darauf. Die fachliche Entwicklung ihrer Mitarbeiterinnen liegt ihr am Herzen. Sie weiß, nur wer sich wohl fühlt, liefert fachlich gute Arbeitsqualität. Bonuszahlungen verwehrt ihr der Tarifvertrag. Bleibt die Belohnung über eine Förderung der Weiterbildung und eine angenehme Arbeitsatmosphäre. „Unsere Mitarbeiter“, erklärt sie, „sollen sich in ihrer erzieherischen Arbeit möglichst uneingeschränkt verwirklichen können.“ Allerdings bedeutet die Arbeit mit Kindern stets auch, selbst Lernender zu sein.

Die Arbeitsstrukturen der „Edith Stein“-Kita sind Ergebnis solcher Lernprozesse. Das Konzept altersgemischter Gruppen berge hohe Verlustzeiten, ist eine Erkenntnis. Es sei denn, man betrachtet Kitas vorrangig als Betreuungseinrichtung. Jedes Jahr sind bei altersgemischten Gruppen schließlich neue Kinder zu integrieren wie zu verabschieden. „Unser letztes Kindergartenjahr ist indessen eine konsequente Vorbereitung auf die Schule und besteht deshalb ausschließlich aus einschlägigen Lernelementen“, so Doris Heubach. Einen Vormittag pro Woche sind die Kinder im Gruppenverband in der benachbarten Schule und „üben“ Unterricht. Allerdings wird die Persönlichkeit der Kinder auch hier gewahrt. „Wir arbeiten binnendifferenziert“, weist Heubach auf ein wichtiges Prinzip. Die Zusammenstellung der Kleingruppen erfolgt unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Lernniveaus. Ein Kindergarten für Eliten sei man nicht. Eine letzte Besonderheit. Die Gruppen wechseln geschlossen in die beiden kooperierenden Grundschulen und bilden dort einen Klassenverband. Das erübrigt eine lange Eingewöhnung.

Immer auf Personalsuche

Gleich doppelt lernen - Mathematik und Englisch (Foto: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Gleich doppelt lernen – Mathematik und Englisch (Foto: Kita Edith Stein/Wolfsburg)

Persönlichkeiten sucht Doris Heubach auch bei der Besetzung ihrer freien Stellen. Zurzeit sind es deren drei. Dass alle Personallücken geschlossen sind, kommt selten vor. Zu groß ist die aktuelle Personalknappheit an sozialpädagogischen Fachkräften. Die Einstellung der Native-Speaker gestaltet sich kaum weniger schwierig, wenn auch aus anderen Gründen. Das niedersächsische Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder (KiTaG) schreibt für eine Kita-Tätigkeit eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung als staatlich anerkannte Erzieherin oder Sozialpädagogin vor. Diese formale Qualifikation besitzen ausländische Fachkräfte natürlich nicht, obschon hoch qualifiziert. Der Kampf mit dem Kultusministerium in Hannover um eine Ausnahmegenehmigung erfordert jedes Mal vollen Einsatz. Strahlende Kinderaugen sorgen für das Vergessen dieser Mühen. Dann, wenn sie am Montag den übrigen Kindern ihrer Gruppe erzählen, welche Erlebnisse sie mit dem Gruppen-Kuscheltier übers Wochenende hatten. Das besucht jedes Wochenende ein anderes Kind.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.02.2017)

Gründung: 02. Mai 1995

Träger: Katholische Kirchengemeinde St. Christophorus Wolfsburg

Anschrift: Nelly-Sachs-Straße 25, 38446 Wolfsburg

Mitarbeiter: 43 (Planstellen: 46)

  • Erzieher/Erzieherinnen
  • Sozialpädagogen/Sozialpädagoginnen BA
  • Heilpädagogen/Heilpädagoginnen
  • Erziehungswissenschaftler (BA, MA)
  • Erziehungswissenschaftler (BA, MA) mit Muttersprache
  • Englisch
  • Chinesisch (Mandarin)

Ausbildungsmöglichkeiten: Praktika für Auszubildende/Studierende der Fachrichtung Sozialpädagogik und Heilpädagogik

Bewerbungen: jederzeit an die Leiterin der Einrichtung Frau Doris Heubach

Schülerpraktika: ja

Kontaktmöglichkeiten: info@kita-edith-stein.de

Internet: www.kita-edith-stein.de

 

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