Karriere in der Wissenschaft – Der steinige Weg zur Professur

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2018

Anja Karliczek – Als Bundesministerin für Bildung und Forschung setzt sie die Rahmenbedingungen für Wissenschaftskarrieren (Foto: Wikimedia/Foto-AG Gymnasium Melle)

Die Promotion, Habilitation und anschließende Eroberung eines universitären Lehrstuhls, kurzum eine Karriere in der Wissenschaft, sind gerade für leistungsstarke Hochschulabsolventen der Gipfel aller Berufswünsche. Und wie im Hochleistungssport bedarf es bis zum erfolgreichen Zieleinlauf nicht nur eines entsprechenden Talents, sondern auch eines harten Trainings, Ausdauer, großer Selbstdisziplin, dazu der Bereitschaft, bis an die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit und nicht selten sogar darüber hinaus gehen zu wollen. Denn die Wettkampfbedingungen erweisen sich oft genug als dem Vorhaben wenig förderlich. Darauf weist der Deutsche Hochschulverband als Interessenvertreter von Professoren, Juniorprofessoren und Habilitanden schon seit Jahr und Tag hin. Freilich ohne dass sich an den Zuständen substantiell etwas verändert hätte. Jüngst kam nun auch der „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 (BuWiN)“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu einem ganz ähnlichen Ergebnis.

Ziel unseres Beitrages ist es nicht, jungen Akademikern oder denen, die es werden wollen, von einer wissenschaftlichen Karriere abzuraten. Im Gegenteil. Doch sollte jedem vor der Entscheidung klar sein, wie groß der Aufwand, wie hart die Konkurrenz, wie eingeschränkt die Erfolgsaussichten und wie wenig planbar der Weg auf den Olymp wissenschaftlichen Arbeitens am Ende ist. Laut BuWiN gab es 2014 lediglich 872 professorale Neuberufungen auf eine Dauerstelle. Bei insgesamt 45.378 Bewerbungen war also nur jede 52. Bewerbung erfolgreich. Das sind gerade einmal zwei Prozent! Es scheint, Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit avancieren unter solchen Bedingungen zu wichtigen persönlichen Voraussetzungen. Immerhin erweist sich der Flaschenhals für die wissenschaftlichen Nachwuchskräfte, das sind Promovierende und Postdocs, als überaus eng und oft genug wenig durchlässig. Einer hohen und beständig steigenden Anzahl an Bewerbern steht eine vergleichsweise niedrige Zahl vakanter oder künftig frei werdender Professuren gegenüber.

Zahl des wissenschaftlichen Nachwuchses an Hochschulen verdoppelt

Ort für Wissenschaftskarrieren: Hauptgebäude und SuperC der RWTH Aachen (Foto: RWTH Aachen/Peter Winandy)

Obschon das Gefahrenpotential für eine wissenschaftliche Karriere weniger in der geringen Zahl an Professuren liegt, sei ein kurzer Blick darauf erlaubt. Die Summe hauptberuflicher Professoren und Professorinnen erreichte im Jahr 2014 den Wert von 45.749 Personen. Davon lehrten 26.773 an Universitäten (59 %) und 18.976 an Fachhochschulen/Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Verwaltungshochschulen (41 %). Das Reservoir, aus dem sich die Professoren der Zukunft unmittelbar rekrutieren, speist sich aus 144.927 wissenschaftlichen Nachwuchskräften (Promovierende und Postdocs) mit einem Lebensalter bis zu 45 Jahren (die Gesamtzahl aller wissenschaftlichen Mitarbeiter bemisst sich auf 177.528 Personen), 3.431 Dozenten und Assistenten sowie 9.656 Lehrkräften für besondere Aufgaben. 94 % dieser wissenschaftlichen Nachwuchskräfte, das sind 136.516 Frauen und Männer, arbeiten an Universitäten.

Die Fachhochschulen verfügen bekanntlich über keinen akademischen Mittelbau und die wenigen dort tätigen wissenschaftlichen Mitarbeiter haben nur in Ausnahmefällen die Möglichkeit zur Promotion. Eine Habilitation ist gänzlich unmöglich, weil den Universitäten vorbehalten. Die Berufung auf eine Professur an Fachhochschulen folgt anderen Regeln als eine Berufung an Universitäten. Als Wichtigstes schreibt sie statt einer Habilitation eine mehrjährige Berufspraxis außerhalb des Wissenschaftsbetriebes vor. Das große Angebot an wissenschaftlichen Nachwuchskräften, das sich in den letzten Jahren nochmals stark erhöht hat, beeinflusst deren Karrierechancen in besonderer Weise. Seit 2000 ist der Bestand in der Altersgruppe unter 35 Jahren um nicht weniger als 91 % gestiegen. In der Gruppe der 35- bis unter 45- Jährigen nahm der Bestand um immerhin ebenfalls noch 41 % zu.

Zusätzliche Konkurrenz aus außerschulischen Forschungseinrichtungen

Armutsforscher Christoph Butterwegge lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Köln (Foto: Wikimedia/Raimond Spekking)

Im Vergleich dazu erhöhte sich die Zahl der Planstellen für Professoren lediglich um 21 %. Dabei lässt sich ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Universitäten und Fachhochschulen beobachten. Erhöhte sich die Zahl der Professorenstellen an Universitäten nur um moderate 12 %, war der Zuwachs an Fachhochschulen mit 37 % deutlich größer.  Prognosen gehen davon aus, dass an den Universitäten im Zeitraum von 2015 bis 2024 durch das Erreichen der Altersgrenze 7.866 Professoren, also knapp jeder dritte Lehrstuhlinhaber, aus dem Arbeitsleben ausscheiden wird. Doch erklärt sich die schwierige Konkurrenzsituation im Wissenschaftsbetrieb nicht allein aus der für sich bereits absurden Relation zwischen frei werdenden Professuren und der Summe des an den Hochschulen tätigen wissenschaftlichen Nachwuchses. Zum Kreis möglicher Bewerber gehören auch die wissenschaftlichen Nachwuchskräfte der deutschen außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie die ausländischer Hochschulen. Diese beiden Bewerbergruppen werden oft vernachlässigt und sind auch in den nachfolgenden Zahlenbeispielen des BuWiN nicht berücksichtigt.

Während die Zahl ausländischer Wissenschaftler an deutschen Hochschulen mit 21.513 Personen angegeben wird, das ist jede sechste wissenschaftliche Nachwuchskraft, beziffert der BuWiN die Zahl der Nachwuchswissenschaftler (Promovierende und Postdocs) an außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit 38.406 Frauen und Männern. Die meisten arbeiten in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung, der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz und der grundlagenorientierten Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Auch hier hat sich die Zahl wissenschaftlicher Nach-wuchskräfte seit 2000 um nicht weniger als 27 % erhöht. Wie eng die dort tätigen wissenschaftlichen Nachwuchskräfte im Übrigen mit den Hochschulen vernetzt sind, zeigt eine weitere Zahl. Rund 10 % der Promotionen werden von den außeruniversitären Forschungseinrichtungen und den Universitäten gemeinsam betreut. Keine Angaben liegen über die Bewerbungen ausländischer wissenschaftlicher Nachwuchskräfte vor, die zum Zeitpunkt ihrer Bewerbung nicht an einer deutschen Hochschule arbeiten.

Situation von Fach zu Fach unterschiedlich

In den Teleskopen auf dem 4.200m hohen Mauna Kea/Hawai forschen Astronomen (Foto: Wikimedia/Bob Linsdell)

Freilich stellt sich die Situation für den wissenschaftlichen Nachwuchs in den einzelnen Fachbereichen sehr unterschiedlich dar. Insgesamt zählte das statistische Bundesamt im Mikrozensus 2014 insgesamt 772.000 Promovierte im erwerbsfähigen Alter, wovon 345.000 Personen (46 %) jünger als 45 Jahre waren und damit laut offizieller Definition zur Gruppe der wissenschaftlichen Nachwuchskräfte gehörten. Die meisten Promovierten finden sich mit 284.000 Personen traditionell in der Fächergruppe Medizin/Gesundheitswissenschaften. Es folgen die Fächergruppe Mathematik/Naturwissenschaften mit 191.000 Personen, die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit 100.000, die Sprach- und Kulturwissenschaften mit 85.000  sowie die Ingenieurwissenschaften mit 77.000 Personen. Mit 15.000 beziehungsweise 12.000 Personen entfallen die wenigsten Promovierten auf die Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften sowie die Kunst/Kunstwissenschaft.

Für die Einschätzung der Karrierechancen in der Wissenschaft ist die Analyse der Promotionsquote indessen ein viel aussagekräftigerer Indikator als die bloße Gesamtzahl der Promovierten. Und auch darin unterscheiden sich die einzelnen Fachbereiche beträchtlich, was selbstverständlich auch für die Zahl berufstätiger Professoren gilt. Beides bestimmt die Erfolgschancen einer angestrebten wissenschaftlichen Karriere ganz wesentlich. Die folgende Übersicht (Stand: 2014) zeigt die aktuelle Situation an den Universitäten.

Fachbereich Promotionsquote (in Prozent) Professoren Altersabgänge bis 2024
absolut Prozent
Sprach- u. Kulturwissenschaften 13 5.798 1.735 30
Sport 7 245 79 32
Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 9 4.226 879 21
Mathematik u. Naturwissenschaften 40 6.691 1.865 28
Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften 63 3.333 1.034 31
Veterinärmedizin 52 k.A. 73 k.A.
Agrar-, Forst- u. Ernährungswissenschaften 22 448 169 38
Ingenieurwissenschaften 19 2.610 952 36
Kunstwissenschaften 4 2.825 991 35

Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle ein anderer Aspekt auf die Karrierechancen von Nachwuchswissenschaftlern bleiben, nämlich der des Sozialprofils. Tatsächlich kommen viele Forscher aus bessergestellten Familien. Eine Studie der Münchner Soziologin Angela Graf aus dem Jahr 2016 bestätigt, dass sich in der Wissenschaft erwartungsgemäß die soziale Selektivität des Bildungssystems widerspiegelt. Etwa zwei Drittel der Wissenschaftselite stammen danach aus dem gehobenen und dem Großbürgertum, mehr als die Hälfte aus Akademikerfamilien und 14 Prozent haben sogar einen Professor zum Vater. Doch zeigen sich auch Veränderungen. 36 Prozent der Leibnizpreis-Preisträger stammen inzwischen aus der Mittelschicht oder Arbeiterschaft. Unter den Nobelpreisträgern und den Wissenschaftsmanagern, der sogenannten Positionselite, ist es aber immer noch nur ein Viertel.

Alternativen abseits der Hochschulen

In der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) in Meyrin/Schweiz arbeiten 3.200 wissenschaftliche Mitarbeiter und an einzelnen Projekten 10.000 Gastwissenschaftler – Hier: Linearbeschleuniger (Foto: Wikimedia/Florian Hirzinger)

Trifft das, was für die Chancen einer wissenschaftlichen Karriere zu sagen ist, auch ganz allgemein für die grundsätzlichen Beschäftigungsmöglichkeiten von Promovierten in und außerhalb der Hochschulen zu? Die klare Antwort heißt nein. Denn insgesamt betrug die Erwerbsquote dieser wissenschaftlichen Nachwuchskräfte immerhin stolze 94 %. Auffällig aber ist, dass von allen erwerbstätigen Promovierten nur jeder Siebte (15 %) an Hochschulen beschäftigt ist. Bei den unter 45jährigen Promovierten ist diese Zahl erwartbar höher. In dieser Altersgruppe arbeitet immerhin noch jeder Fünfte (19 %) an der Hochschule. Trotz der laut BuWiN unsicheren Quellenlage lässt das zwei Schlüsse zu. Zuerst: Ganz offensichtlich nicht alle Promovenden promovieren mit dem klaren Ziel einer anschließenden wissenschaftlichen Karriere. Ein großer Teil verspricht sich durch die Promotion ganz allgemein verbesserte Beschäftigungs- und Karrierechancen außerhalb der Wissenschaft.

Die zweite Schlussfolgerung: auch von denen, die das Ziel einer wissenschaftlichen Karriere bis hin zur Professur oder auch nur einer dauerhaften Beschäftigung im Hochschulbereich verfolgen, wechseln viele früher oder später von der Hochschule in die Wirtschaft. Über die Motive da wie dort gibt der BuWiN leider keine Auskunft. Die Wissenschaftlerbefragung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zeigt freilich, dass dieser Wechsel vielfach keine freiwillige Entscheidung, sondern vielmehr den Zwängen des Arbeitsmarktes für Wissenschaftler geschuldet ist. Immerhin strebten entsprechend der Wissenschaftlerbefragung des DZHW ursprünglich 20 Prozent der 5.000 befragten Wissenschaftler eine Professur an. Weitere 30 Prozent nannten eine andere Funktion in Forschung und Lehre als Karriereziel. Infolge struktureller Voraussetzungen, so das DZHW, blieben allerdings 82 Prozent der Nachwuchswissenschaftler ihr Karriereziel in der Wissenschaft verwehrt.

Implizit bestätigt das auch der BuWiN. Arbeitet von den unter 45jährigen nämlich noch ein Drittel der Promovierten an den Hochschulen, sind von allen Promovierten nicht weniger als vier von fünf außerhalb der Hochschulen beschäftigt. Für die These einer nicht freiwilligen Aufgabe wissenschaftlicher Karrierepläne spricht ein weiteres Indiz. Die am nächsten liegende Alternative für die an einer wissenschaftlichen Karriere interessierten Frauen und Männer sind naturgemäß die außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die dem Öffentlichen Dienst als Wirtschaftszweig zugeordnet werden. Sind bei den unter 45jährigen noch 16 % im Öffentlichen Dienst angestellt, sinkt der Anteil aller dort tätigen Promovierten auf nur noch 12 %. Die Erklärung ist so einfach wie einleuchtend. Auch in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen enden die zumeist befristeten Verträge bei ausbleibendem Karriereerfolg früher denn später.

Wissenschaftlicher Karrieregipfel gleicht einem Sechser im Lotto

Beispiel für eine Wissenschaftskarriere: Der Senat der Universität Paderborn wählte am 24. Januar 2018 die Professorin Birgitt Riegraf zur neuen Präsidentin (Foto: Uni Paderborn)

Als wichtiges Ergebnis bleibt damit festzuhalten, dass die Mehrzahl der Promovierten langfristig in einer Beschäftigung außerhalb der Hochschulen einmündet. Noch wichtiger: lediglich 17 % der außerhalb der Hochschulen berufstätigen Promovierten arbeitet später einmal in Forschung und Entwicklung. Einer Untersuchung der Universität Kassel zufolge sinkt der Anteil mit fortschreitender Beschäftigungsdauer. Tatsächlich fanden die hessischen Statistiker im Kooperationsprojekt Absolventenstudien heraus, dass eineinhalb Jahre nach der Promotion noch wenigstens jeder zweite Promovierte dort tätig war. Der BuWiN weist freilich darauf hin, dass dieses Ergebnis durch den großen Anteil Promovierter aus dem Fachbereich Medizin/Gesundheitswissenschaften verzerrt wird, da sie eher selten forschungsorientiert arbeiten. Darüber hinaus betont er, wie bedeutsam eine wissenschaftliche Qualifikation offenbar aber auch für nichtforschende Tätigkeiten sei. Einschlägige Studien, die diese Annahme empirisch belegten, existieren indessen nicht.

Noch bedrohlicher als für die Promovierten stellt sich die Situation in der vorletzten Stufe einer Wissenschaftskarriere für die dar, die es bis zur Habilitation geschafft haben, aber am Ende des Tages keine Berufung auf eine Professur erhalten. Zwar ist die Habilitation nicht der einzige Weg zur Professur, zahlenmäßig aber noch immer der wichtigste. Juniorprofessuren mit oder ohne Tenure-Track-Verfahren bilden nach wie vor nur einen Sonderweg. Und dieses Risiko ist, wie bereits erwähnt, höher als hoch. Nur jede 52. Bewerbung auf eine Neuberufung war zuletzt von Erfolg gekrönt. Eine Entspannung zeichnet sich nicht ab. Denn die Zahl der Habilitationen steigt weiter. 2017 habilitierten sich 1.589 Nachwuchswissenschaftler. Das waren 0,5 Prozent mehr als 2016. Auch wenn nahezu jede zweite Habilitation in der Humanmedizin und den Gesundheitswissenschaften erfolgte, ergibt sich daraus keine Entwarnung. Schließlich ist dieses Verhältnis bereits seit Jahrzehnten so. Der Frauenanteil unter den Habilitierten beträgt 29,2 Prozent.

Die Brisanz für nicht erfolgreiche Bewerber liegt freilich auf einem anderen Feld. Im Durchschnitt wird die Habilitation hierzulande mit nunmehr 42 Lebensjahren erreicht. Die Berufung auf eine Professur erfolgt in der Regel etwa drei Jahre nach der Habilitation – oder eben nicht. Das ist ein riesiges Problem, wie auch der Wissenschaftsrat (WR) schon seit langem bemängelt. Die Berufung erfolge mit Blick auf die Berufsbiografie in der Regel viel zu spät, heißt es da. Für abgelehnte Bewerber sei dann eine Karriere auf ausbildungsadäquatem Niveau außerhalb der Wissenschaft nicht mehr ohne Weiteres erreichbar, so die diplomatische Formulierung. Dass vor diesem Hintergrund die Zahl der abgeschlossenen Habilitationen in den letzten fünfzehn Jahren um ein Viertel rückläufig war, verwundert deshalb nicht. Die Juniorprofessuren, die keine Habilitation voraussetzen, spielen bei der Besetzung frei gewordener Professuren bislang nur eine untergeordnete Rolle.

Gefahr für den Wissenschaftsstandort Deutschland

So spannend kann Wissenschaft sein – Biologische und geowissenschaftliche Feldforschung im Dallmann-Labor des Alfred-Wegener-Instituts auf King Georg Island (Foto: Wikimedia/AWI, Hannes Grobe)

Mit Mitte 40, mittels einer Habilitation wissenschaftlich zwar hoch qualifiziert, mangels einer Berufung aber beruflich vor einem zwangsverordneten Neuanfang zu stehen, ist kein Zuckerschlecken. Untersuchungen über den Berufsweg dieser Personengruppe gibt es bislang freilich nicht. Warum eigentlich? Denn die Sprengkraft dieser Entwicklung ist kaum zu überschätzen. Langfristig und in einigen Fachbereichen bereits heute beobachten Insider einen spürbaren Qualitätsverlust für den Wissenschaftssektor. Immerhin ist der Weg bis zur Habilitation gepflastert mit einer Reihe nicht enden wollender, oft sogar nur kurzfristiger Zeitverträge. 80 % des wissenschaftlichen Hochschulpersonals sind nur befristet beschäftigt. Die Angst um einen Anschlussvertrag wird zum ständigen Begleiter. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz gibt den Hochschulen dafür alle Macht und degradiert den wissenschaftlichen Nachwuchs zu Leibeigenen. Weiter kommen eine zeitlich hohe wie fachlich intensive Arbeitsbelastung dazu, dürftige Gehälter, nicht selten vielfache Ortswechsel und eine überdurchschnittliche persönliche Abhängigkeit vom wissenschaftlichen Betreuer. Wer will, dass nicht nur Hasardeure oder die zweite Garnitur auf die Karte einer wissenschaftlichen Karriere setzen, der muss bei all diesen Dingen ansetzen. Möglichst, bevor es zu spät ist. Die für 2019 geplante Ausgliederung der Graduiertenschulen als eines wichtigen Zweiges der Spitzenforschung zur Ausbildung von Doktoranden aus der Exzellenzinitiative lässt allerdings nichts Gutes erwarten.

Zwar dürften sich die Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Zukunft etwas verbessern. Als gut können sie aber auch dann noch immer nicht bezeichnet werden.  René Kremkow, Geschäftsbereichsleiter am Hannoveraner HIS-Institut für Hochschulentwicklung, setzt die Zahl frei werdender Professuren hilfsweise mit der Zahl der Promovierten sowie derjenigen in Relation, die angaben, zielgerichtet eine Professur anzustreben. Danach stehen die Chancen in den Ingenieurwissenschaften am besten, in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften am ungünstigsten. Nach Kremkow darf sich in den Ingenieurwissenschaften jeder fünfte Nachwuchswissenschaftler (Promovierte) Hoffnungen auf eine Berufung machen, in den Sprach- und Kulturwissenschaften jeder achte, der Mathematik und den Naturwissenschaften jeder dreizehnte, in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften indessen nur noch jeder zwanzigste. Das gilt freilich nur, wenn an den Universitäten alles so bleibt, wie gehabt. Wenn nicht, dann … dann könnten die schlimmen Nachrichten ganz schnell auch noch ungünstiger werden. Schließlich sind die Universitäten die Hauptträger der wissenschaftlichen Nachwuchsqualifizierung.

 


Weiterführende Informationen

 Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs: https://www.bmbf.de/files/buwin_2017.pdf

Jörg Neufeld/David Johann, Wissenschaftlerbefragung 2016 des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung: http://www.forschungsinfo.de/Publikationen/Download/DZHW_WB_2016_Methoden-v1.pdf

FLÖTHER, Choni: Karrierewege Promovierter innerhalb und außerhalb der Wissenschaft – Ergebnisse der KOAB-Absolventenstudien. In: Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (Hg.): Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013. Statistische Daten und Forschungsbefunde zu Promovierenden und Promovierten in Deutschland. Bielefeld: wbv, S. 288-295. https://www.pedocs.de/volltexte/2014/8552/pdf/Konsortium_Bundesbericht_Wissenschaftlicher_Nachwuchs_2013_Bundesbericht_Wissenschaftlicher_Nachwuchs_2013.pdf

 

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