Jugendanstalt Hameln – Trainingszentrum für einen Neustart

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2017

Die Fenstergitter erinnern täglich an den Grund des Hierseins (Foto: Jugendanstalt Hameln)

Die Gitter an den Zellenfenstern erinnern täglich an den Grund des Hierseins (Foto: Jugendanstalt Hameln)

Kein einziger, den es hierhin verschlägt, kommt freiwillig. Gemeint ist die Jugendstrafvollzugseinrichtung am Stadtrand von Hameln. Mit 750 Haftplätzen ist sie die größte ihrer Art in Deutschland. Eine andere Wahl aber bleibt den jungen Männern nicht mehr. Nach einer langen Reihe von Verfehlungen, gescheiterten eigenen und von außen vorgegebenen Reset-Versuchen stand am Ende ein Gerichtsurteil mit Freiheitsentzug. Für einen Blick auf die sanfte Schönheit des Weserberglandes besitzen die Neuankömmlinge daher nur selten Muße. Wer hier arbeitet, weiß, was das bedeutet. Wer hier arbeiten möchte, sollte es wissen. Zwar praktiziert die Jugendanstalt Hameln einen  Strafvollzug, in dem die Würde der jungen Menschen trotz ihrer zahlreichen Fehltritte ganz oben steht. Dieser „Philosophie“ folgend sind die Zellen und Gruppenräume funktional, die Klassenzimmer der anstaltseigenen Schule hell, der Maschinenpark der Ausbildungsstätten auf dem technisch neuesten Stand, präsentieren sich die Außenanlagen grün und großzügig. Ein Youth Hostel aber ist die Einrichtung dennoch nicht.

Seine Freiheit zu verlieren, nicht mehr selbst und spontan entscheiden zu können, wann man wohin geht und sich mit wem trifft, löst nachvollziehbar keine Glücksgefühle aus. Abwehr, Wut und Aggressionen sind deshalb die vorherrschenden Gefühlszustände. Mit denen müssen die 453 Beschäftigten in den 13 Vollzugsabteilungen und zwölf Fachbereichen lernen umzugehen. Bei jeder Neuaufnahme wieder ganz von vorne. Die Aufgabe, die die Mitarbeiter zu erfüllen haben, ist dabei eine doppelte. Und eine sehr ambivalente dazu. So sollen sie die Gefangenen einerseits befähigen, künftig ein Leben ohne die Verletzung von Gesetzen und in sozialer Verantwortung führen zu können. Zugleich aber müssen sie während der Haftzeit den Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten der Gefangenen gewährleisten. Beides gibt ihnen das Niedersächsische Justizvollzugsgesetz vor. Die Mühen der Ebene im täglichen Berufsalltag gestalten sich indessen weniger erhaben. Alle Kräfte erfordern sie dennoch. Da geht es zuerst und immer wieder um die einfachsten sozialen Verhaltensweisen.

Tagesablauf organisieren und Konflikte lösen

Der tägliche Job von Thorsten Weidemann - Reden, erklären, motivieren (Foto: Stefanie Huth/Jugendanstalt Hameln)

Der tägliche Job von Thorsten Weidemann – Reden, erklären, motivieren (Foto: Stefanie Huth/Jugendanstalt Hameln)

„Dem Tag eine Struktur geben, der respektvolle Umgang gegenüber Mithäftlingen und Mitarbeitern, ein zivilisierter Sprachgebrauch, all das fällt den uns anvertrauten Jugendlichen unendlich schwer“, beschreibt Thorsten Weidemann seine täglichen Herausforderungen. Der Tagesablauf der Häftlinge besitzt deshalb einen strikten Rhythmus. Nur an den Wochenenden ist die Taktung grobmaschiger. Es beginnt um sechs Uhr mit dem Wecken, im Amtsdeutsch Lebendkontrolle genannt. Schon das Aufstehen fällt vielen schwer. Schließlich gingen die meisten bis zu ihrer Inhaftierung zu dieser Zeit doch gerade einmal Schlafen. Eine Stunde später machen sie sich auf den Weg zu Schule, Ausbildung oder Arbeit, je nachdem was im Erziehungs- und Förderplan festgelegt ist. Dieser Plan wird zu Haftbeginn erstellt und alle vier Monate entsprechend der Entwicklungsfortschritte aktualisiert. Dann folgen Mittagessen und Freistunde, ab 12:45 Uhr für Schüler Arbeit, für Unbeschäftigte der Einschluss im Haftraum.

Zwischen 16 und 19 Uhr ist Zeit für Privates wie die Essensausgabe, Einkäufe, Besuche, den Wäschetausch, Arbeitsgruppen, die Postausgabe und, ganz wichtig, die Sprechstunden mit den Abteilungsleitern. Dann kommt der Einschluss in die Zelle. Ab 22 Uhr beginnt die Nachtruhe. Die reibungslose Umsetzung all dieser Dinge gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Justizvollzugsfachwirte, die Lösung der täglichen Konflikte eingeschlossen. Dabei kommt es immer mal wieder, wenn auch nicht tagtäglich, zu Extremsituationen. Manchmal schafft dann die Uniform, die die Männer und Frauen im direkten Vollzug anders als die in den Fachdiensten tragen müssen, nicht mehr ausreichend Distanz. Da helfen dann nur noch der körperliche Zugriff und die Anwendung entsprechender Selbstverteidigung- und Sicherheitstechniken. Sie werden regelmäßig geübt. Justizfachwirte sind Allrounder.

Fachkompetenz und ganz viel Persönlichkeit

Der Innenhof der Jugendanstalt Hameln ist weitläufig und parkähnlich (Foto: Jugendanstalt Hameln)

Der Innenhof der Jugendanstalt Hameln ist weitläufig und parkähnlich (Foto: Jugendanstalt Hameln)

Das Zusammenleben der Häftlinge auf engem Raum mit den immer gleichen Gesichtern ist für Insassen wie Mitarbeiter kein Zuckerschlecken. Die Regeln dafür sind in der Hausordnung, gleichsam dem Grundgesetz jeder Vollzugsanstalt, festgelegt. An die müssen sich alle halten, ohne Wenn und Aber, ohne Diskussion. Die immer wiederkehrende Rolle, die Thorsten Weidemann und seinen Kollegen aus dem Vollzug zukommt, heißt: mit Blick auf das Zusammenleben in einer Gemeinschaft das Gespür für Grenzüberschreitungen zu entwickeln. Zwar stehen ihnen dafür auch repressive Disziplinarmaßnahmen zur Verfügung. Doch wissen sie, das ist nur das allerletzte Mittel. Denn wer nachhaltige Verhaltensänderungen bewirken will, muss mit Argumenten, dem eigenen Vorbild, Konsequenz und Durchsetzungsstärke überzeugen. Ohne Mut gelingt das nicht. Die Kommunikation ist stets eine unmittelbare, eine von Person zu Person, von Angesicht zu Angesicht, Versteckmöglichkeiten Fehlanzeige.

So sind für eine Tätigkeit im Justizvollzugsdienst nicht nur eine hohe Fachkompetenz, sondern auch eine starke Persönlichkeit und eine solide Stresstoleranz unabdingbar. „Geradlinigkeit hilft, Verbindlichkeit herzustellen“, weiß die Psychologin Beate Kamala, „schließlich geht es im Verhältnis zwischen Häftlingen und Mitarbeitern immer zuerst und auf beiden Seiten um die Rollenklarheit.“ Tatsächlich müssen Gefangene oft mühsam lernen, für das Zusammenleben notwendige, wenngleich persönlich unangenehme Anordnungen zu akzeptieren. „Für Mitarbeiterdefizite an dieser Stelle“, sind die Erfahrungen Rebecca Knoches als Leiterin einer Vollzugsabteilung, „haben Häftlinge ein feines Gespür.“ Das bedingt Selbstdisziplin, die Fähigkeit zur Selbstkritik und Durchsetzungsstärke. Humor, die Gabe herzhaft auch über sich selbst lachen zu können, verbessert den Arbeitserfolg beträchtlich. Anders als vielleicht vermutet, müssen die Mitarbeiter im Justizvollzug Mannschaftsspieler sein, in der Jugendanstalt Hameln ganz besonders. Die Arbeit ist dezentral organisiert. In den Teams der einzelnen Häuser arbeiten Vollzugsbeamte, Sozialarbeiter und Psychologen zusammen. Auch der Kontakt zu Lehrern und den Werkmeistern in den Ausbildungswerkstätten ist eng.

Leistungsstarke Bewerber gesucht

Berufsausbildung an modernen Anlagen erleichtert die Arbeitsplatzsuche nach der Entlassung (Foto: Jugendanstalt Hameln)

Berufsausbildung an modernen Anlagen erleichtert die Arbeitsplatzsuche nach der Entlassung (Foto: Jugendanstalt Hameln)

Der berufliche Einsatz ist vielfältig: Vollzug, Sicherheitsabteilung, Backoffice mit der Finanzabteilung, der Versorgung sowie dem Personalmanagement, die Fachdienste. Überall geht es um das Ziel der gesellschaftlichen Wiedereingliederung, im Fachjargon Resozialisierung genannt. Manche sprechen gar von Sozialisierung, weil diese Jugendlichen noch nie soziale Kompetenzen erworben hätten. Bei genauem Hinsehen scheint die Aufgabe freilich noch viel schwieriger. Die Justizvollzugsbediensteten müssen es schaffen, die Gefangenen zu motivieren, ihre vormaligen sozialen Verhaltensweisen durch neue zu ersetzen. Vor dem Erfahrungshintergrund der Inhaftierten kein leichtes Unterfangen. Denn immerhin garantierten genau diese Kompetenzen, auch wenn von der Gesellschaft mit dem Bann des Strafrechts sanktioniert, ihr bisheriges Überleben im Dschungel der Straße und gegenüber der brutalen Macht der dort herrschenden Gangs. Wie gelingt den Mitarbeitern im Justizvollzugsdienst nun aber eine solche Umorientierung? Mit besten Ergebnissen. Immerhin kommen zwei von drei Entlassenen nicht wieder in Haft.

Was für Außenstehende eher nach biederem Durchschnitt klingt, ist angesichts der Vorgeschichte der Häftlinge, die im Einzelfall auch bis zum Mord reicht, eine große Leistung. Welche Qualifikationen brauchen die Mitarbeiter dafür? Zu allererst natürlich eine fachlich fundierte Ausbildung. Sowohl bei den Beamten des mittleren wie des gehobenen Dienstes wechseln sich praktische und theoretische Ausbildungsabschnitte inhaltlich fein aufeinander abgestimmt ab. „Neben fundierten theoretischen Grundlagen“, lobt der Sachbearbeiter im Vollzug Thorsten Weidemann, „brauchen wir für das Auflösen schwieriger Situationen viel praktische Erfahrung.“ Über zwei Drittel der in Hameln beschäftigten Mitarbeiter verfügen wie er über eine zweijährige Ausbildung zum Justizvollzugsfachwirt im sogenannten mittleren Dienst, heute etwas sperrig als Laufbahngruppe 1, 2. Einstiegsamt der Fachrichtung Justiz für den Justizvollzugs- und Verwaltungsdienst bezeichnet. Die Theorie vermittelt das  Bildungsinstitut des Niedersächsischen Justizvollzuges zentral in Wolfenbüttel. Die praktische Ausbildung erfolgt vor Ort in der Jugendanstalt Hameln.

Straftäter als Person ernst nehmen

Rebecca Knoche leitet eine Vollzugsabteilung (Foto: hmb)

Rebecca Knoche leitet eine Vollzugsabteilung (Foto: hmb)

Rebecca Knoche ist Leiterin einer Vollzugsabteilung und damit Thorsten Weidemanns Vorgesetzte. Sie schloss ihr Studium für die Laufbahn des gehobenen Dienstes, jetzt Laufbahngruppe 2, 1. Einstiegsamt der Fachrichtung Justiz, nach drei Jahren als Diplom-Verwaltungswirtin (FH) ab. In diesem Studium wechseln sich ebenfalls praktische Ausbildungszeiten in Hameln mit Studienabschnitten am Fachbereich Strafvollzug der Fachhochschule für Rechtspflege Nordrhein-Westfalen ab. „In meiner Funktion brauche ich umfangreiche Rechtskenntnisse“, begründet sie, „und die lehrt die Fachhochschule in Bad Münstereifel auf anspruchsvollem Niveau.“ Tatsächlich müssen alle Entscheidungen Rebecca Knoches gesetzeskonform und damit juristisch unangreifbar sein. Während der Bedarf an Bewerbern für den mittleren Vollzugsdienst hoch ist, allein in Hameln befinden sich derzeit 23 Anwärter in der Ausbildung, gibt es im gehobenen Justizvollzugs- und –verwaltungsdienst deutlich weniger Planstellen. In der Jugendanstalt Hameln sind es lediglich 17, in allen 13 Haftanstalten Niedersachsens nach Informationen des zuständigen Justizministeriums nur 180 von insgesamt 3.900 Bediensteten.

Diana Lilie, wie Thorsten Weidemann Justizvollzugsfachwirtin im mittleren Dienst, verweist auf einen weiteren Aspekt. „Weiterbildung besitzt in unserem Beruf einen hohen Stellenwert“, sagt sie. Auch wenn sich die Zahl der zu Haftstrafen verurteilten Jugendlichen in den letzten Jahren verringert hat, wird die Struktur der jugendlichen Straftäter zunehmend komplizierter. Die Handlungskompetenzen müssen sich dem anpassen. Dafür ein Beispiel. Was sonst ausschließlich von Akademikern in internationalen Konzernen erwartet wird, benötigen inzwischen auch die Mitarbeiter im Justizvollzugsdienst. Die Rede ist von den viel beschworenen interkulturellen Kompetenzen. Nicht weniger als 28 Prozent der in Hameln einsitzenden jugendlichen Straftäter sind derzeit nichtdeutsche Staatsbürger. Weitere 28 Prozent besitzen einen Migrationshintergrund. Die Sprachbarrieren sind da noch das geringste Übel. Denn dafür können Dolmetscher hinzugezogen werden. Die abweichende kulturelle Prägung, die andersartige Mentalität, das distanzierte Verhältnis gegenüber Staat und Autoritäten, dazu ein häufig archaisches Frauenbild bescheren den Mitarbeitern völlig neue Konfliktfelder. Sie müssen ihr Handlungsrepertoire erweitern – und tun es mit großem Engagement.

Erfolge und Niederlagen

Psychologin Beate Kamala (Foto: hmb)

Psychologin Beate Kamala (Foto: hmb)

Im modernen Justizvollzug arbeiten, heißt vor allem, erzieherisch tätig zu sein. Immerhin sollen die Gefangenen lernen, ihren Alltag besser, und wenn sie wieder in Freiheit sind, selbständig bewältigen zu können. „Eines der größten Defizite unserer Insassen ist ihre fehlende oder ihre allenfalls rudimentär ausgebildete Konfliktfähigkeit“, weiß die Psychologin Beate Kamala mit der Erfahrung vieler Begutachtungen und Therapien. Die Zeit der „Schließer“, wie man die Justizvollzugsfachwirte früher abfällig nannte, ist deshalb lange abgelaufen, auch wenn der eine oder andere dem vielleicht nachtrauern mag. „Wenn ich sehe, dass ein Häftling Meinungsverschiedenheiten endlich durch Reden zu lösen versucht und nicht gleich die Fäuste einsetzt, ist das für mich die Bestätigung meiner Arbeit“, beschreibt Thorsten Weidemann die Highlights, von denen er dann viele Wochen zehrt. Das „Steineklopfen“, wie es der diplomierte Sozialarbeiter Douglas Stratton formuliert, lohnt sich also. Freilich wissen sie in Hameln, dass die Zeit im Vollzug nicht mehr als eine Trockenübung ist. Die eigentliche Bewährungsprobe kommt nach der Entlassung. Dann erst wird sich zeigen, ob der ganze Einsatz gut genug auf die gesellschaftliche Wirklichkeit vorbereitet hat.

In der besonderen Bedeutung erzieherischen Handelns unterscheidet sich die Tätigkeit in einer Jugendstrafvollzugseinrichtung wie Hameln gegenüber der im allgemeinen Strafvollzug. In Hameln sitzen männliche Straftäter von 14 bis 24 Jahren ein. Weibliche Straftäter dieser Altersgruppe verbüßen ihre Haft im Frauengefängnis Vechta. Die Strafen liegen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Bei den sogenannten Heranwachsenden kann das Strafmaß sogar 15 Jahre betragen. Was die Arbeit in einer Justizvollzugsanstalt so spannend macht, ist deshalb nicht nur der Einsatz in ganz unterschiedlichen Funktionsbereichen, von der Führung einer Wohngruppe über die Verwendung im Sicherheitsdienst bis hin zu Stabsfunktionen in der internen Verwaltung. Es ist vor allem die Individualität der Inhaftierten. „Am schwierigsten“, erklärt Douglas Stratton vom Sozialdienst, „ist der Umgang mit den Kurzstraflern und den Untersuchungshäftlingen. Sie hoffen oder wissen, bald wieder frei zu sein und öffnen sich deshalb nur selten.“

Von Rückschlägen nicht entmutigen lassen

Ort aller Sehnsüchte – Der Haupteingang ist das Tor in die Freiheit

Ort aller Sehnsüchte – Der Haupteingang ist das Tor in die Freiheit (Foto: Jugendanstalt Hameln)

Wie die meisten Mitarbeiter hat auch Stratton Verständnis für die sehnsüchtigen Blicke der Häftlinge durch die Gitterstäbe ihrer Fenster auf die vis-à-vis neben dem Haupteingang gelegene „Kammer“. Dort mussten sie nach der Ankunft die Dinge ihres zivilen Lebens abgeben, dort möchten sie sie schnellstmöglich wieder in Empfang nehmen. Das ist auch Douglas Strattons und seiner Kollegen Ziel. Doch möchten sie, dass die Person in der Zeit dazwischen eine andere geworden ist. Oft gelingt ihnen das. Manchmal müssen sie allerdings auch Niederlagen einstecken. Beate Kamala, die auch psychotherapeutisch tätig ist, hat dafür eine Erklärung. „Einige Verhaltensmuster sind so verfestigt, dass sie selbst während der Haft nicht mehr aufzubrechen sind.“ Misserfolge sind deswegen keine persönliche Niederlage. Weh tun sie dennoch. Vor allem dann, wenn eine gute Entwicklung plötzlich, unerwartet und unerklärlich abbricht. Nicht selten sind dabei Drogen im Spiel. Die meisten Gefangenen besitzen einen entsprechenden Hintergrund.

Die jungen Straftäter von der Notwendigkeit eines Neustarts zu überzeugen, gelingt nur über Einsicht, Vertrauen und das Entwickeln eines zielorientierten festen Willens. Motivation gehört deshalb zur Königsdisziplin aller im Justizvollzug beschäftigten Mitarbeiter. Weil die Gefangenen Bauchentscheidungen bevorzugen und bildungsmäßig eher schlechte Voraussetzungen mitbringen, benötigen sie deshalb viel emotionales Fingerspitzengefühl. Wichtiger noch als der Schlüssel für die Zellentür ist der Schlüssel zu den Herzen der Gefangenen. Das gilt auch für die Lehrer in der anstaltseigenen Schule sowie die Werkmeister in den Ausbildungswerkstätten. Immerhin werden mit dem Erfolg hier wichtige Weichen für die Zeit nach der Entlassung gestellt, bei Misserfolgen der Rückfall in die alten Verhaltensmuster umso wahrscheinlicher. Nahezu zwei Drittel der in Hameln einsitzenden Jugendlichen sind ohne jeden Schulabschluss, so gut wie keiner verfügt über eine Berufsausbildung. Werkmeister müssen für die halbjährige Ausbildung über den Meisterbrief verfügen. Die Fachrichtungen korrelieren mit den von der Anstalt angebotenen Ausbildungsmöglichkeiten (siehe Unternehmenssteckbrief).

Kollegialer Zusammenhalt bewahrt vor Resignation

Bild mit Symbolcharakter – Die Vollzugsbeamtin Diana Lilie (r.) und Sozialarbeiter Douglas Stratton vom Sozialdienst arbeiten eng zusammen (Foto: hmb)

Bild mit Symbolcharakter – Die Vollzugsbeamtin Diana Lilie (r.) und Sozialarbeiter Douglas Stratton vom Sozialdienst arbeiten eng zusammen (Foto: hmb)

Etwas auf den Weg zu bringen, darin sehen Diana Lilie, Thorsten  Weidemann, Rebecca Knoche, Douglas Stratton und Beate Kamala den Reiz ihrer Arbeit und erleben im Erfolgsfall eine tiefe Befriedigung. Über 100 Schulabschlüsse, dazu zahlreiche berufliche Teilqualifikationen, aber auch über 20 Gesellenbriefe jedes Jahr sprechen für sich. Demgegenüber sind die Möglichkeiten im allgemeinen Strafvollzug mit den Perspektiven älterer oder alter Straftäter anders gelagert. Vergleichbar sind indessen die beschäftigungsmäßigen Rahmenbedingungen. Als wichtigstem Aspekt sollte auf die Belastungen durch Schicht- und Wochenenddienst hingewiesen werden. Für Thorsten Weidemann freilich nichts Neues. Er hat in seinem ersten Berufsleben in der Altenpflege gearbeitet. Da ein Mindestalter von zwanzig als Zugangsvoraussetzung für alle Ausbildungsberufe im Justizvollzug vorgeschrieben ist, besitzt die Mehrheit der Beschäftigten schon zu Ausbildungsbeginn anderweitige Berufserfahrungen. Auch eine Affinität zu jeder Art von Sport hilft. Für die Gefangenen ist es eine beliebte Freizeitbeschäftigung und unbemerkt zugleich eine hervorragende Gruppentherapie.

Rebecca Knoche schloss zuvor eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten ab, Diana Lilie als Fahrzeuglackiererin, Beate Kamala ein duales Studium der Betriebswirtschaft . Alle drei sehen das als Bereicherung. „Man gewinnt dadurch Lebenserfahrung“, erklären sie. „Und die“, ergänzt Diana Lilie, „braucht jeder von uns, der eine mehr als der andere, doch ohne kommt niemand aus.“ Wohl wahr, schließlich müssen sie am Tag viele Male Entscheidungen treffen, jetzt und sofort und ohne sich beim Vorgesetzten rückversichern zu können. Im Übrigen müssen sie neben den Eltern oder anderen Sorgeverantwortlichen mit vielen ganz unterschiedlichen Partnern außerhalb der Haftanstalt zusammenarbeiten. Trotz hoher Arbeitsbelastungen erlebe ich Gesprächspartner, die eine große Zufriedenheit ausstrahlen, der Welt freundlich zugewandt sind und sich ein positives Menschenbild bewahrt haben. „Wir müssen Menschen mögen“, formuliert es Douglas Stratton überzeugt, „und zwar so, wie sie sind. Nicht nur, wie wir sie gerne hätten.“ Die kollegiale Arbeitsatmosphäre hilft, daran auch bei Enttäuschungen fest zu halten. „Wir passen aufeinander auf“, sagt Thorsten Weidemann zum Abschied.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.08.2017)

Gründung: Juni 1980.

Anschrift: Tündernsche Straße 50, 31789 Hameln.

Zweigstellen: Abteilungen für offenen Strafvollzug sind in Hamelns Innenstadt sowie in Göttingen.

Haftplätze: 749.

Haftgründe:

  • Delikte mit Gewaltanwendung oder Gewaltandrohung: 52 % (darunter: Körperverletzung 25 %, Raub 17 %, Erpressung 9 %)
  • Diebstahl, Betrug, anderes 32 %
  • Sexualdelikte 6 %
  • Drogendelikte 4 %
  • Brandstiftung 3 %
  • Tötungsdelikte 3 %.

Häftlingsstruktur:

  • 99 % ohne Berufsabschluss
  • 62 % ohne Schulabschluss
  • 6 % verfügen über eine erhebliche psychiatrische Auffälligkeit (die Anzahl der Psychopathologien wird auf 90 % geschätzt).

Mitarbeiter: 453 (Frauenanteil: ca. 34 %).
Darunter sind:

  • 378 Beamte und Tarifbeschäftigte im mittleren allgemeinen Vollzugsdienst, Werksdienst und in der Verwaltung (darunter 23 Werkmeister und 23 Anwärter/Auszubildende)
  • 28 Mitarbeiter im höheren und gehobenen Sozialdienst
  • 17 Mitarbeiter im gehobenen Vollzugs- und Verwaltungsdienst
  • 10 Lehrer
  • 14 Psychologen
  • 1,5 Psychiater
  • 1,5 Anstaltsärzte
  • 3 Mitglieder der Anstaltsleitung im höheren Justizvollzugsdienst (1 Psychologe, 2 Juristinnen).

Ausbildungsmöglichkeiten:

Duales Studium:

Einstellungen anderer Berufe:

Bewerbungen: siehe Berufsbeschreibungen

Schülerpraktika: nein

Kontaktmöglichkeiten: JAHM-Poststelle@justiz.niedersachsen.de

Internet: https://www.jugendanstalt-hameln.niedersachsen.de/startseite/

 

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