Journalist – Ermittler, Analyst und Welterklärer

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2015

Stephan Stuchlik, Redakteur von „Monitor“/WDR (Foto: WDR)

Stephan Stuchlik, Redakteur von „Monitor“/WDR (Foto: WDR)

Es ist eine Plattitüde, aber zugleich doch so wahr. Licht und Schatten liegen oft nur eine Daumenbreite auseinander. Darüber zu berichten, ist ihr täglicher Job. Immer öfter allerdings betrifft es sie inzwischen selbst. Glanz und Elend eines Berufes, kaum irgendwo sonst befinden sie sich so dicht beieinander wie im Journalismus. „Das ist ein großartiger Beruf. Ich erlebe täglich Neues, ich kann in so viele Lebensbereiche hineinschauen und werde für meine Neugier sogar noch bezahlt“, beschreibt Stephan Stuchlik, Autor zahlreicher Auslandsreportagen, dessen Sonnenseite. Ein anderer, der seinen Namen in diesem Bericht freilich nicht genannt sehen möchte, formuliert stattdessen die dunkle Seite des Berufes. „Das, was ich gelernt habe, gibt es derzeit im Überfluss. Alle meine Bewerbungen laufen deshalb ins Leere.“ Stephan Stuchlik, Grimme-Preisträger und zweimal mit dem Liberty-Award ausgezeichnet, arbeitet heute beim Westdeutschen Rundfunk als Redakteur im Magazin Monitor. Sein ungenannter Berufskollege ist arbeitslos.

Stuchlik war zuvor fünf Jahre Auslandskorrespondent im ARD-Studio Moskau. Er hat auch schon beim Politmagazin Panorama unter Vertrag gestanden, aus Brüssel berichtet und war Mitglied der Redaktion des ARD Morgenmagazins. Sein namenloser Kollege aus dem Printbereich, beruflich kaum weniger erfolgreich, wurde indessen vor Jahresfrist bei der Umstrukturierung eines großen Verlages überflüssig, gekündigt und hält sich nun als Freelancer über Wasser. Was ihm ein gequältes Lächeln abringt. „Frei? Vogelfrei! Ich muss jetzt auf jede Leimrute springen, die mir eine Redaktion auslegt.“ Sein Laptop steht je nach dem mal im Wohn- und mal im Schlafzimmer. Für ein eigenes Büro reichen die Honorare lange nicht. „Zum Sterben zu viel“, höre ich ihn sagen, „für ein normales Leben allerdings zu wenig.“ Tatsächlich bewegt sich das durchschnittliche Monatseinkommen freier Journalisten nach einer jüngsten Untersuchung des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) bei gerade einmal 2.180 Euro brutto.

Große Berufszufriedenheit trotz schwierigen Arbeitsmarktes

SWR-Reporter Frank Bräutigam vor dem Landgericht Mannheim (Foto:

SWR-Reporter Frank Bräutigam vor dem Landgericht Mannheim (Foto: Wikipedia/ltu)

Umso überraschender ist die allgemeine Berufszufriedenheit unter Journalisten trotz solcher Arbeitsbedingungen erstaunlich hoch, sogar unter den Freelancern. Drei Viertel der Freien sind trotz der damit verbundenen großen wirtschaftlichen Unsicherheiten zufrieden bis sehr zufrieden. Unabhängig davon steigt der Anteil der Freelancer beständig und erreicht nach Schätzungen des DJV gegenwärtig schon fast vierzig Prozent aller hauptberuflich tätigen Journalisten. Deren Zahl kennt keiner so ganz genau. Der DJV schätzt sie auf knapp 70.000. Die Bundesagentur für Arbeit beziffert die Berufsgruppe dagegen auf 95.000, schließt darin allerdings auch Fotojournalisten und vor allem PR-Fachkräfte mit ein. Die von der Bundesagentur offiziell errechnete Arbeitslosigkeit unter Journalisten gibt sie mit 5,3 Prozent als tendenziell unproblematisch an. Aufgrund der unsicheren Berechnungsgrundlage dürfte dieser Wert die Wirklichkeit indessen nur unzureichend abbilden. Geht man vom Zahlenwerk des DJV aus und stellt dem die offiziell als arbeitslos registrierten 5.200 Journalisten gegenüber, ist die Quote immerhin deutlich höher. Und da zeigt sich dann doch ein Problem.

Dafür, wie angespannt der journalistische Arbeitsmarkt gegenwärtig tatsächlich ist, spricht auch etwas anderes. Vor fünfzehn Jahren noch war die Freiberuflichkeit vor allem ein Phänomen unter Berufseinsteigern, vorübergehend bis sich eine feste Stelle gefunden hatte. Heute betrifft es vor allem Journalisten über vierzig. Der Anteil dieser Altersgruppe unter den Freelancern hat sich von 1998 bis jetzt fast verdoppelt und beträgt aktuell nahezu 70 Prozent. Bemerkenswert auch ist der Anstieg des Frauenanteils unter den auf eigene Rechnung arbeitenden Journalisten im gleichen Zeitraum von einem Drittel auf über die Hälfte. Für Stellenwachstum sorgt momentan allein der Onlinebereich. Zählte man 2007 dort erst 1.500 Redakteure, sollen es jetzt bereits 4.000 sein. Die Arbeitsplatzverluste andernorts kompensieren konnte das gleichwohl nicht. In Fachkreisen wird die Zahl von 10.000 verloren gegangenen Arbeitsplätzen genannt. Allein im Bereich der Tageszeitungen sank die Stellenzahl nach Berechnungen des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) von 15.000 auf 11.000.

Berufserfahrung wichtiger als akademische Abschlüsse

Gerda Theile/Deutscher Journalisten Verband (Foto: DJV)

Gerda Theile/Deutscher Journalisten Verband (Foto: DJV)

Nur auf den ersten Blick verwundert es da, dass die Zahl der Volontäre, also der journalistischen Azubis, dennoch um rund ein Drittel auf nunmehr 3.000 zugenommen hat. Davon lernt jeder Dritte das Handwerk in einer Zeitungsredaktion, dort wo die medialen Nöte ganz offenkundig am größten sind. Weil die Auflagen sinken, bleiben die Werbekunden aus, verringert sich der Gewinn, sparen die Verleger am Personal und stopfen die Lücken dann gerne mit Volontären. „Volontäre“, sagt Gerda Theile, beim DJV Referentin für den Printsektor, „sind für viele Redaktionsleiter preisgünstige Arbeitskräfte.“ Bewerber um ein Volontariat haben aus diesem Grund realistische Einstellungschancen auch nur, wenn sie zuvor gegen ein eher lumpiges Zeilenhonorar bereits ein bis zwei Jahre als freier Mitarbeiter tätig waren. Für sechs Monate schreibt der Tarifvertrag über das Redaktionsvolontariat an Tageszeitungen drei Pflichtressorts vor. Die restlichen achtzehn Monate verbringt der Volontär dann aber meist in nur einem einzigen Bereich, in dem er voll in die Blattproduktion eingebunden wird. Einige nicht mehr tarifgebundene Verlage haben die Ausbildungszeit für Volontäre inzwischen auf drei Jahre ausgeweitet.

Das wäre nie anders gewesen, kommentieren viele altgediente Journalisten achselzuckend. Der Weg in den Journalismus sei stets einer des learning by doing gewesen. Weshalb dem heute vielfach geforderten Studienabschluss in der Tat wohl eher psychologische Bedeutung zukommt. Noch immer zählen bei einer Bewerbung gute Arbeitsproben mehr als ein „summa cum laude“ in der Masterurkunde. Das bestätigen meine Gesprächspartner. Alle schrieben sie schon während Schule und Studium. Stephan Stuchlik gar machte in Heidelberg zusammen mit zwei Kommilitonen aus der eher biederen Studentenzeitung Schlagloch die inzwischen auflagenstärkste deutsche Studentenzeitung Ruprecht. Und tatsächlich lässt sich außer dem methodischen Handwerkszeug vieles, was einen guten Journalisten auszeichnet, über ein Studium nicht wirklich besser als durch praktisches Tun vermitteln. Schließlich wartet auf sie trotz unterschiedlicher Anforderungen in den einzelnen Medien tagtäglich die gleiche Aufgabe. Sie müssen Sachverhalte recherchieren, Informationen analysieren, komprimieren, häufig auch reduzieren, immer aber strukturieren und am Ende formulieren. Vor diesem Hintergrund haben Universitäten und Fachhochschulen in ihre Journalismusstudiengänge deshalb umfangreiche Praxisblöcke integriert. Die Journalistenschulen sind von jeher der Vermittlung anwendungsbezogenen Wissens verpflichtet.

Aufklären und Orientierung geben

Thomas Kerstan, bildungspolitischer Korrespondent der ZEIT (Foto: privat)

Thomas Kerstan, bildungspolitischer Korrespondent der ZEIT (Foto: privat)

Das Ziel seriösen Journalismus beschreibt Tom Heerdegen, seit 2003 Chef der Zentralen Nachrichtenredaktion beim NDR-Hörfunk, denn auch ganz klassisch. „Wir wollen unsere Zuhörer aufklären und dazu beitragen, dass sie mitreden können.“ Alle Informationen in den entsprechenden Kontext zu stellen, stehe deshalb für ihn und seine Mitarbeiter ganz oben. Ähnlich formuliert es der bildungspolitische Korrespondent der ZEIT, Thomas Kerstan. „In einer Flut von Informationen erwarten die Leser von uns Orientierung.“ Doch sitzen auch auf der anderen Seite des Tisches Profis, die wissen, wie Kommunikationsprozesse zielführend beeinflusst werden können. Journalisten bleibt deshalb die schwierige Aufgabe, immer wieder das Gemeinte unter dem Gesagten freizulegen. Dafür bedarf es weniger eines bestimmten Qualifikationsprofils als vielmehr einer klaren intellektuellen Haltung. Die definierte der Journalismuskritiker und Kommunikationsberater Klaus Kocks gegenüber Journalismusstudenten der Macromedia Hochschule in München vor einiger Zeit treffend so: „Wem vertraut der Journalist? Niemandem. Was glaubt er unverbrüchlich? Nichts. Was ist seine Kerntugend? Zweifel.“

Wie man solchen Ansprüchen gerecht wird? „Indem man Grenzen überwindet“, sagt Patrick Wiermer, Online-Redakteur beim Saarländischen Rundfunk, „zu allererst die eigenen.“ Und bescheiden bleibt! Schließlich ist das alles leichter gesagt denn getan. Bedeutet es doch nichts weniger, als dass ein Journalist viele Gegensätze in Einklang bringen muss. Emotionale Leidenschaft mit rationaler Logik, die Stringenz in der Recherche mit der Bereitschaft fürs zweifelnde Pro und Contra, die Bedingung um Genauigkeit mit der Forderung nach Aktualität, die Lust an der zuspitzenden Debatte mit der Fähigkeit zum aktiven Schweigen, die Verpflichtung auf eine klare Meinungsäußerung mit der Akzeptanz daraus erwachsender Verwundbarkeit, schließlich den Wunsch nach fachlicher Tiefe mit dem Erfordernis thematischer Breite. Im Anblick derartiger Anforderungen formuliert die Community humorvoll die eigene Unzulänglichkeit. „Das Wissen eines Journalisten“, heißt ein geflügeltes Wort, „ist so weit wie das Meer, aber nur so tief wie eine Pfütze.“

Neugier wichtigste Berufsqualifikation

Tom Heerdegen/Chef der Zentralen Nachrichtenredaktion des NDR-Hörfunk (Foto: NDR)

Tom Heerdegen/Chef der Zentralen Nachrichtenredaktion des NDR-Hörfunk (Foto: NDR)

Doch noch ist die Aufzählung dessen, was ein guter Journalist an Begabungen und Kompetenzen benötigt, nicht vollständig. „Natürlich muss er mit Sprache umgehen können“, verweisen Nachrichtenmann Heerdegen und Bildungsexperte Kerstan gemeinsam auf einen zentralen Punkt. Gewiss doch, denn Sprache ist wichtigstes journalistisches Handwerkszeug. Sich präzise ausdrücken zu können, unterscheidet den guten vom weniger guten Journalisten. „Ebenso müssen wir offen und ohne Vorfestlegung auf Menschen zugehen wollen“, nennt die in Köln arbeitende freie Journalistin Carmen Molitor eine weitere unabdingbare Fähigkeit für Ihresgleichen, gepaart mit der Kompetenz, das Verhalten des Gegenübers ebenso schnell wie zutreffend einschätzen zu können. „Wenn man über Sachverhalte aus einem unbekannten Umfeld berichtet“, lenkt Stephan Stuchlik den Blick auf einen weiteren Aspekt, „ist trotz bester Vorbereitung Lebenserfahrung zur Deutung menschlicher Verhaltensmuster durch nichts zu ersetzen.“

Bleiben zwei Dinge: innere Unabhängigkeit und Neugier, beides verbunden mit Respekt vor dem, um dessen Geschichte es gerade geht, damit Neugier nicht zum Voyeurismus wird und die Gesprächspartner vor dem Mob geschützt bleiben. Jeder, der für seine Berufswahl mit dem Journalismus liebäugelt, sollte darüber hinaus unbedingt prüfen, ob sein Berufsbild mit der heutigen Wirklichkeit noch übereinstimmt. Der Wandel der letzten Jahre könnte kaum tiefgreifender sein. Tageszeitungen und Zeitschriften als größte Arbeitgeber kämpfen nicht selten um ihre Existenz. Fusionen und die Implementierung von Zentralredaktionen prägen das Geschehen. „Journalismus wird hier immer öfter zur industriellen Produktion“, beobachtet Gerda Theile. Und wie in der Industrie üblich, gliedere man die Arbeitsprozesse mit dem Ziel einer stringenten Spezialisierung immer weiter auf. Da steuerten ein paar Kollegen am zentralen Newsdesk inzwischen 20 bis 25 Schreiber in mehreren Lokalredaktionen. „Die einen machen das Blatt“, beobachtet Gerda Theile vom DJV, „die anderen schreiben nur noch – wie Fließbandarbeiter.“

Im NDR-Funkhaus Hannover arbeiten viele Journalisten (Foto: hmb)

Im NDR-Funkhaus Hannover arbeiten viele Journalisten (Foto: hmb)

Was von ihren Texten übrig bleibt, entscheide sich im Newsroom, weit weg vom Ort des Geschehens, bedauert die Frau vom DJV. Das Argument, damit die lokale Kompetenz stärken zu wollen, trage deswegen noch nicht einmal vom Schreibtisch bis zur Bürotür. Es gehe allein um die Reduzierung von Personal und Kosten, ist Theile überzeugt. Kostenreduzierung, hört man hinter vorgehaltener Hand, gebe es freilich auch noch in ganz anderer Form. Gar nicht selten würden etwa Reisegeschichten, aber eben nicht nur diese, selbst in  Hochglanz-Magazinen „kalt“ geschrieben, wie es im Szenejargon heißt, also ohne dass der Redakteur je am Ziel der Träume oder der Geschehnisse gewesen wäre, bebildert mit Fotos von  PR- Agenturen. Der Journalist stets am Ort des Geschehens? Das gilt offensichtlich nicht mehr in jedem Fall. Und auch die textgleiche Übernahme von Pressemitteilungen unter dem Namenszug eines Redakteurs soll es geben. Wie viel Faszination bleibt dem Beruf unter solchen Bedingungen aber dann noch erhalten? Sinkende Bewerberzahlen um ein Volontariat geben die Antwort.

Nachrichtliche Beschleunigung erhöht fachliche Anforderungen

Obwohl die Online-Portale der Verlage vielfach nach wie vor nicht kostendeckend arbeiten, gewinnen sie doch zunehmend an Bedeutung. „Die Grenzen zwischen Print und Online lösen sich vielerorts bereits auf“, stellt der Onliner Patrick Wiermer fest. Während für ihn Online-Journalismus die schnellste und unmittelbarste Form der Berichterstattung ist, sprechen andere vom Internet als Geschwätzmedium. Tatsächlich ist das Internet eine stark personalisierte Kommunikationsplattform, bestätigt Wiermer ohne Einwände. Auch hat die journalistische Beschleunigung ebenso wie die wachsende Personalisierung im Online-Journalismus eine neue Qualität erreicht. Allerdings legt Wiermer Wert auf eine klare Abgrenzung von Berichten gegenüber Meinungen und PR-beeinflussten Texten, mit denen manche Blogger sehr großzügig umgehen.

Patrick Wiermer, Online-Redakteur beim Saarländischen Rundfunk (Foto: privat)

Patrick Wiermer, Online-Redakteur beim Saarländischen Rundfunk (Foto: privat)

„Doch nicht nur deswegen müssen Onliner wissen, wie Kommunikation im Internet funktioniert“, sagt Wiermer, und meint solche sozialen Netzwerke wie facebook, Twitter oder Instagram. Spätestens die Ukrainekrise zeigt, dass das auch die Kompetenz für den Umgang mit Kampagnen im World Wide Web einschließt. Hier scheint noch viel Nachholbedarf. Den Gefahren stünden freilich auch ungeahnte Chancen gegenüber. Kein anderes Medium biete so unkompliziert die Möglichkeit, fremde Inhalte, mit Video- und Audiodateien aber auch andere Formate, in die eigenen Texte einbinden sowie die User individuell ansprechen zu können, ist Wiermer überzeugt. Die informationelle Beschleunigung und die damit verbundene Verdichtung journalistischer Produktionsprozesse sind freilich nicht auf den Online-Bereich beschränkt, sondern haben alle journalistischen Arbeitsfelder erfasst.

„Mussten die ARD-Auslandskorrespondenten früher nur die 20:00 Uhr-Tagesschau beschicken“, erinnert Stephan Stuchlik, „hatte ich in meiner Moskauer Zeit im schlimmsten Fall schon neun Nachrichtensendungen mit dem jeweils aktuellsten Sachstand zu beliefern.“ Noch kürzer liegen die Takte beim Hörfunk. Tom Heerdegen trägt Verantwortung für täglich mehr als 100 Nachrichtenblöcke. Die größte Herausforderung für ihn und seine Leute formuliert er standesgemäß in zwei knappen Sätzen. „Das gesprochene Wort ist flüchtig.“ Und: „Radiojournalisten haben bei Live-Schaltungen keine Korrekturmöglichkeit, denn gesagt ist gesagt.“ Die komprimierten Formulierungen müssen deshalb sofort ins Schwarze treffen. Stephan Stuchliks wichtigste Aufgabe ist es indessen, die passenden Bilder zu finden und sie für den Zuschauer eineindeutig zu interpretieren. „Das macht sich natürlich in einer 45-Minuten-Reportage leichter als bei einem 2:30-Minuten-Einspieler für die Tagesthemen.“

Nähe suchen und Distanz wahren

Carmen Molitor/Köln, freie Journalistin (Foto: privat)

Carmen Molitor/Köln, freie Journalistin (Foto: privat)

All diesen Anforderungen müssen auch freie Journalisten gerecht werden. Doch liegen ihre Herausforderungen in hohem Maße abseits der beruflichen Kernkompetenzen. Die werden schlicht vorausgesetzt. „Ich musste lernen, unternehmerisch zu denken“, beschreibt Carmen Molitor die besondere Situation eines Freelancers. Das ist nicht einfach in einem Umfeld, das in ihnen meist nur diejenigen sieht, die es nicht bis zur Festanstellung geschafft haben. Dieses Vorurteil scheint bislang unausrottbar, obschon es auf die Kölnerin Carmen Molitor wie viele andere nicht zutrifft. Die studierte Bibliothekarin volontierte bei der Rhein-Zeitung in Koblenz und arbeitete im Anschluss daran mehrere Jahre erfolgreich bei verschiedenen Zeitschriften. Erst dann wagte sie den Schritt in die Selbständigkeit. Heute ist sie Expertin für die Themen Arbeit und Soziales und verfügt mittlerweile über stabile Auftraggeber. Inzwischen schreibt sie nicht nur, sondern konzipiert ganze Ausgaben, kann Projekt- oder Tagespreise vereinbaren und muss sich nicht mehr mit dürftigen Zeilenhonoraren abspeisen lassen.

Bleiben drei Fragen für jeden, der journalistisch arbeitet. Wie viel Nähe verlangt der Gegenstand seines Berichtes, die erste? Wie groß muss gleichzeitig die Distanz sein, die er diesem Gegenstand und den Menschen gegenüber zu wahren hat, die zweite? Die dritte, wie gelingt es, die Zerreißprobe zwischen beidem unbeschadet auszuhalten? Diese Fragen stellen sich nicht bloß beim Einsatz in Katastrophen-, Krisen- oder Kriegsgebieten, wenngleich hier am unmittelbarsten. Und wer meint, Lokaljournalisten seien davon am wenigsten betroffen, muss sich eines Besseren belehren lassen. Gerade dort ist man dem Geschehen am nächsten, den mächtigen Interessen der darin auftretenden Akteure wie den Klagen ihrer oft genug wehrlosen Opfern gleichermaßen. Doch bleiben die Fragen hier wie da unbeantwortet. Klar ist nur, sie begleiten Journalisten ein Berufsleben lang. In jeder Situation, bei jedem Bericht haben sie das eine gegen das andere neu abzuwägen. Auch darum sollte wissen, wer mit diesem Beruf liebäugelt. Und natürlich auch, dass der Freude der Recherche regelmäßig die Qual des Schreibens folgt, wie es Thomas Kerstan formuliert.

Beruf im Spannungsfeld mächtiger Interessen

Zeitungen – Ihre Redaktionen sind noch immer Arbeitgeber vieler Journalisten (Foto: hmb)

Zeitungen – Ihre Redaktionen sind noch immer Arbeitgeber vieler Journalisten (Foto: hmb)

Welche Zukunft wird der Journalismus und werden Journalisten haben? Die Optimisten in der Community glauben, man müsse sich lediglich für die geänderten Leser-, Hörer- oder Zuschauerbedürfnisse medientechnisch besser aufstellen. Dann sei alles wieder gut. Für Kritiker wie Klaus Kocks liegen die Gründe jedoch tiefer. Der Journalismus sei dabei, seine Seele zu verkaufen, ist er überzeugt. Was er damit meint? „Der Journalismus verliert seine Unberechenbarkeit“, so O-Ton Kocks. Ob er die aktuelle Entwicklung vorwegnehmend an die recht unverblümte Einflussnahme von Programmbeiräten und internen Kontrollgremien gedacht hat, die besonders während der Ukraineberichterstattung offenkundig wurden? Dabei praktizieren erfahrene Journalisten das Mehraugenprinzip seit Urzeiten, ist journalistisches Arbeiten stets Teamwork. Keine Veröffentlichung einer Information ohne eine bestätigende unabhängige zweite seriöse Quelle, oft auch erst nach einem kollegialen OK.

„Aber natürlich ist Wahrheit in der letzten Konsequenz immer subjektiv“, bestätigt Stephan Stuchlik die offene Flanke journalistischen Arbeitens. Doch Berichte im Stile diplomatischer Verlautbarungen, ebenso blut- wie inhaltsleer, nicht falsch aber auch nicht richtig, haben wohl mit Journalismus genau so wenig zu tun, wie die Mafia nicht als Beispiel für Gewaltlosigkeit taugt. Freilich gibt es Eingriffe in die Arbeit von Journalisten bereits von Beginn an. Schon John Swinton, in den Anfängen der berühmten New York Times deren Editorialschreiber, klagte vor mehr als 100 Jahren: „Wir sind nichts als intellektuelle Prostituierte. … Wir sind Werkzeuge und Hörige der Finanzgewalten hinter den Kulissen. Wir sind Marionetten, die hüpfen und tanzen, wenn sie am Draht ziehen.“ Sich dem entgegenzustellen, jeden Tag aufs Neue, ist mühsam, aber lohnenswert. Denn es ist das Lebenselixier einer demokratischen Gesellschaft. Prüfe deshalb jeder, ob er sich diesem beruflichen Marathon gewachsen fühlt.

Tom Heerdegen – zuhören, abwägen, argumentieren (Foto: NDR)

Tom Heerdegen – zuhören, abwägen, argumentieren (Foto: NDR)

Tom Heerdegen weiß jedenfalls, dass das nur mit Leidenschaft gelingt. „Schließlich müssen wir unser Wissen immer wieder auf Augenhöhe mit dem der Protagonisten bringen, von denen wir und über die wir berichten.“ Wohl wahr, denn nur das rettet vor der Grenzüberschreitung zur PR. Die Zukunft der Journalisten wird eine multimediale sein. Sie werden künftig vielleicht nicht mehr für eine bestimmte Zeitung oder einen bestimmten Sender arbeiten. Sie werden Fachleute für Themen sein, mit denen sie dann verschiedene mediale Plattformen bespielen.  Und was die Jobchancen angeht, zeigt sich Gerda Theile verhalten positiv. „Der Blick auf die starke Überalterung der Redaktionen von Zeitungen lässt in fünf bis sieben Jahren durchaus wieder Nachfrage erwarten“, ist sie überzeugt. Doch wie hieß es bei Klaus Kocks? „Was ist seine (des Journalisten, d. Red.) Kerntugend? Zweifel.“ Tatsächlich praktizieren die ersten Redaktionen Roboterjournalismus. So etwa die Nachrichtenagentur Associated Press in Teilen des Nachrichtengeschäfts und demnächst auch in der Sportberichterstattung, dort also wo es weniger auf Stilfragen ankommt. Zwar reicht die derzeitig verfügbare Software für Kommentare und Analysen noch nicht. Doch die Entwicklung entsprechender Algorithmen steht erst am Anfang.



Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.03.2015)

Berufstätige: rund 70.000 (Schätzung DJV).
Davon sind fest angestellt 43.500, die sich auf die einzelnen Medien wie folgt verteilen:

  • Tageszeitungen: ca. 13.500
  • Rundfunk/Fernsehen: ca. 9.000
  • Zeitschriften/Anzeigenblätter: ca. 9.000
  • Pressestellen: ca. 7.000
  • Online/Multimedia: ca. 4.000
  • Agenturen/Pressebüros: ca. 1.000

Die restlichen 26.500 Journalisten arbeiten als freie Journalisten.
Details unter: http://www.djv.de/startseite/info/themen-wissen/aus-und-weiterbildung/arbeitsmarkt-und-berufschancen.html
Arbeitslose Journalisten: 5.200
Zugang zum Beruf/Ausbildung: Journalismus ist ein sogenannter freier Beruf. Eine bestimmte Qualifikation für die Ausübung dieses Berufes ist nicht vorgeschrieben. Über zwei Drittel aller berufstätigen Journalisten verfügen über einen Hochschulabschluss. Mehr unter: http://www.djv.de/startseite/info/themen-wissen/aus-und-weiterbildung/journalistin-werden.html
Studiengänge an Universitäten und Fachhochschulen: http://www.journalismus.com/ausbildung/uni/index.html
Verzeichnis der Journalistenschulen: http://www.journalismus.com/ausbildung/journalistenschulen/
Vergütung Volontäre in Tageszeitungen (brutto):

  • 1. Ausbildungsjahr: 1.853 €
  • 2. Ausbildungsjahr: 2.149 €

Einkommen (brutto): je nach Berufserfahrung 3.155 € – 4.648 €. Zum Teil deutlich niedrigere Gehälter sowie Volontärsvergütungen zahlen Verlage, die nicht mehr dem Bund Deutscher Zeitungsverleger BDZV angehören und damit nicht mehr der Tarifbindung unterliegen.
(Details unter: http://www.djv.de/startseite/info/beruf-betrieb/uebersicht-tarife-honorare.html)
Weiterführende Informationen: http://www.djv.de/startseite/info/themen-wissen/aus-und-weiterbildung.html
Hinweis: Die arbeitsvertragliche Stellung von Journalisten ist eine besondere. Denn Zeitungsverlage genießen nach § 118 Betriebsverfassungsgesetz und Artikel 3 Grundgesetz „Tendenzschutz“. Auf diesem Hintergrund besitzen die Betriebsräte keine Mitbeteiligungsrechte bei Personalmaßnahmen. Sie müssen lediglich informiert werden. Auch erhalten die Betriebsräte keinen Einblick in Bilanzen, Investitionspläne, für bevorstehende Outsourcings oder Stilllegungsabsichten.

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.