Josef Kraus – Wenn einer Bildung als Recht und Pflicht denkt

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2017

Josef Kraus (Foto: privat)

Josef Kraus (Foto: privat)

Es ist erst wenige Wochen her, da ging eine Ära zu Ende. Dreißig Jahre stand der Bayer Josef Kraus dem Deutschen Lehrerverband (DL) als dessen Präsident vor. Streitbar war er, aber kein Ideologe. Er wusste stets, wovon er sprach. War es anders, schwieg er. Plädierte er für etwas, tat er es nie, ohne seine Forderungen zuvor einem Praktikabilitätscheck unterzogen und Kompromisslinien ausgelotet zu haben. Nun ist der Achtundsechzigjährige Privatier. Bleiben aber und noch lange Nachhallen wird sein bildungspolitisches Vermächtnis. Schule als bloßer Zulieferbetrieb von Facharbeitern, Kaufleuten und Ingenieuren für die Wirtschaft war ihm ein Horror – und wird es bleiben. Unter Bildung verstand er Zeit seines Lebens mehr, als nur Vokabeln und Formeln herunterbeten zu können, so wichtig auch dies ist. Den Begriff der Funktionseliten mag er deshalb nur ungern in den Mund nehmen. „Bildung“, bekennt er stattdessen, „ist vor allem Persönlichkeitsentwicklung.“ Und bleibt überzeugt, dass es für gute Facharbeiter, Kaufleute und Ingenieure keine bessere Vorbereitung gibt.

Wie er es geschafft hat, die in vier Bundesfachverbänden organisierten 160.000 Lehrer des Deutschen Lehrerverbandes über drei Jahrzehnte unter einen Hut zu bekommen, darüber staunt wohl keiner mehr als er selbst. Dabei ist die Antwort eine ganz einfache. Stets diskutierte er hart am sachlichen Problem. Kaum einer aber kann sich an einen Josef Kraus erinnern, der sich zu persönlich verletzenden Attacken hinreißen ließ. An seinen Argumenten feilte er mitunter lange. Wer ihm fachlich Paroli bieten wollte, hatte deshalb nur eine Chance, wenn er ähnlich fleißig war, wie der langjährige Leiter des Maximilian-von-Montgelas-Gymnasiums in Vilsbiburg. Das aber ist erst die halbe Begründung des Krausschen Erfolgs. Der Respekt bei Freund und Feind gründet noch in einem anderen Aspekt. Als Sportler hatte er gelernt, trotz größter eigener Anstrengungen die bessere Leistung eines anderen ohne jede Einschränkung anzuerkennen. Genauso hielt er es als Lehrer, Schuldirektor und Verbandspräsident.

Bildung als Erkenntnis von Zusammenhängen

Freilich schärfte der Sport auch Josef Kraus‘ Sensibilität für Fairness, Anstand und Bodenhaftung. Als Hammerwerfer wurde er bei den deutschen Jugendmeisterschaften fünfter. Eine Zeit lang war er mit dem späteren Weltrekordler Walter Schmidt in einer Trainingsgruppe des bundesdeutschen Förderkaders. Als der Trainer dem1,84 Meter großen und 90 Kilogramm schweren Kraus bedeutete, er müsse zur Leistungsverbesserung auf mindestens 120 Kilogramm Gewicht zulegen, aß er, was der Kühlschrank hergab. Doch kletterte die Waage nur langsam. Dem Trainer reichte das nicht. Er solle sich von seinem Hausarzt Dianabol verschreiben lassen, dann ginge es schneller. Natürlich wusste Kraus, was sich hinter dem Handelsnamen Dianabol verbarg, nämlich ein anaboles Steroid. Nicht nur war er klug genug zu ahnen, dass das seiner Gesundheit wenig zuträglich sein würde. Doping empfand er als Wettbewerbsbetrug. Weshalb er beschloss, diese rote Linie nicht zu überschreiten. In den Hammerwurfkreis steigt er noch immer und gehört in seiner Altersklasse wieder zu den besten.

Josef Kraus (Foto: privat)

Josef Kraus (Foto: privat)

Eine gewisse rebellische Veranlagung begleitet Josef Kraus seit Kindertagen. Sie paart sich mit einem unerschrockenen Optimismus. Er war gerade mal drei Jahre alt, als seine Eltern von Kipfenberg im damals noch unberührten Altmühltal nach München in den Stadtteil Sendling zogen. Auch wenn der Krieg inzwischen bereits ein Jahrzehnt zurück lag, war die Stadt doch noch immer von dessen Spuren gezeichnet. Zerbombte Häuser, überflüssig gewordene Wegweiser zum nächsten Luftschutzbunker, Kriegsversehrte, Menschen in zerschlissenen Kleidern säumten seinen täglichen Weg zur Schule. Am Gymnasium gab es ein um die andere Woche Vormittags- und Nachmittagsunterricht, weil seine Schule sich das Gebäude mit einer zweiten teilen musste. Der kleine Josef Kraus suchte nach der Erklärung all dessen, was er da sah und erlebte. Das Bestreben, die Zusammenhänge der Zeitgeschichte verstehen zu wollen, prägt ihn und bewahrte ihn zugleich davor, zum kauzigen Einzelgänger zu werden.

Sich der Wirklichkeit stellen

Mitten in der gymnasialen Schulzeit ziehen die Eltern ein weiteres Mal um. Es geht zurück ins Altmühltal. Das neue Zuhause heißt Eichstätt. Der Vater erhält an der dortigen Pädagogischen Hochschule, der heutigen Universität, eine Professur. Obschon innerhalb des gleichen Bundeslandes, verlangt der Schulwechsel dem heranwachsenden Josef einiges an Nachlernen ab. Er muss kämpfen. Dass das Können der Lehrer an der Erfolgsquote ihrer Schüler zu bemessen ist, gehörte damals noch nicht zum Repertoire von Kultusministern. Doch Kraus beißt sich durch. Von ursprünglich 42 Schülern bleiben 9 übrig, die 1969 das Abitur bestehen. Josef Kraus ist einer davon. Sich als Klassensprecher für das Funktionieren der Gemeinschaft zu engagieren, muss ihn niemand besonders motivieren oder gar belobigen. Er macht es, weil er es für selbstverständlich hält. Und er nimmt die damit übertragene Verantwortung sehr ernst.

Der Entschluss, selbst Lehrer werden zu wollen, steht mit dem Abitur fest, die Wahl der Unterrichtsfächer ebenfalls. Er folgt seinen Vorlieben. Es sollen Sport und Deutsch sein. Doch zuvor muss Kraus den Bundeswehrgrunddienst ableisten. Er wird zum Fliegerhorst Neuburg an der Donau einberufen und in der Flugplanung des hier stationierten Starfighter-Geschwaders eingesetzt. Er lernt nicht nur präzises Organisieren, sondern auch wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod ist. Der Starfighter ist für sein schwieriges Handling bekannt. Immer wieder kommt es zu Unfällen. Während seiner Dienstzeit gibt es in Neuburg drei Abstürze. Zwei Piloten bezahlen mit ihrem Leben. Er kannte sie. 1971 dann der Studienbeginn an der Universität Würzburg. Zwar ist die Bischofsstadt kein Zentrum der 68iger Studentenbewegung. Die Auswirkungen sind dennoch zu spüren, weniger im Sport, umso mehr in der Germanistik.

Trotz Hindernissen seinen Weg gehen

Josef Kraus (Foto: privat)

Josef Kraus (Foto: privat)

Die Einseitigkeit der Literaturkritik lässt Kraus an seiner Studienwahl zweifeln und nach Alternativen Ausschau halten. Ein Jahr später bewirbt er sich für Medizin und Psychologie. Mit Erfolg. In beiden Studienfächern erhält er eine Zulassung. Die Entscheidung liegt schwer auf seinen Schultern. Auch wenn die Finanzierung des Studiums seine Eltern nicht in finanzielle Bedrängnis bringt, möchte Josef Kraus doch keine Zeit verlieren und so schnell als möglich auf eigenen Füßen stehen. Was also tun? Er lotet alle Optionen aus und wägt die Argumente des Dafür und des Dagegen. Am Ende entscheidet er sich für den schwierigen Weg. Er wird das Lehramtsstudium fortsetzen und sich gleichzeitig in Psychologie einschreiben. Das Psychologie-Diplom und das Lehramtsstaatsexamen eröffnen ihm immerhin drei Berufsmöglichkeiten: Lehrer, Psychotherapeut und eine Tätigkeit als Schulpsychologe. Von nun ab ist Stehvermögen gefragt. 32 Semesterwochenstunden und mehr sind schließlich kein Pappenstiel. Dazu kommt ein Nebenjob in der Unibibliothek. Josef Kraus‘ Tage sind ausgefüllt.

Gleichwohl bleibt Zeit, seine große Liebe zu finden. Sie heiraten, er Student und 25, sie Inspektorenanwärterin im Notariatsdienst, gerade 20 geworden. Für damalige Zeiten ist das eher ungewöhnlich. „Doch wir hatten den Wunsch, unser Leben zu teilen“, sagt Kraus und scherte sich nicht um das, was die Altvorderen darüber dachten. Die Symbiose von Liebe und Verantwortung, ist er noch heute überzeugt, tat ihm gut. Nach nur dreizehn Semestern schließt er das Lehramtsstudium mit dem Staatsexamen und das Psychologiestudium mit dem Diplom ab. Die Freude darüber verbindet sich mit der Dankbarkeit über die Geburt des ersten Kindes. Die Universität Würzburg signalisiert ihr Interesse, ihn nach dem Referendariat gerne als Doktorand wiederbegrüßen zu können. Kraus findet das ein spannendes Angebot. Seine Frau möchte dem nicht im Wege stehen und ist bereit, für die Zeit des schulischen Vorbereitungsdienstes eine Wochenendehe zu akzeptieren. Das Glück scheint nahezu vollständig.

Um das wirklich Wichtige wissen

Doch dann kommt der Tag, der alles verändert. Der Sohn des Ehepaars Kraus, erst wenige Wochen alt, stirbt kurz vor dem Beginn des Referendariats. Die ärztliche Diagnose: früher Kindstod. Josef Kraus wird schnell klar, jetzt müssen alle persönlichen Karrierewünsche zurückstehen, jetzt ist seine Stelle ganz eng an der Seite seiner Frau. Sie ziehen nach Ingolstadt, wo wenig später ihr zweiter Sohn geboren wird. Auch wenn es niemand ausspricht, ist beiden klar, ihm vor allem, dass die Träume einer wissenschaftlichen Karriere damit zu Ende sind, bevor sie begonnen haben. Ein vierstündiger Lehrauftrag für Schulpsychologie an seiner Heimatuniversität Würzburg und der Blick auf die andere Seite des Unibetriebes noch während des Referendariats mildert die Wehmut. Im Übrigen ist Kraus Pragmatiker. Schule wird der Ort, Unterricht und Bildung werden die Themen sein, die seinen Berufsweg von nun an bestimmen. Er blickt nicht zurück, schon gar nicht im Zorn und verbittert. Er will die Zukunft (mit)gestalten.

Josef Kraus (Foto: privat)

Josef Kraus (Foto: privat)

Die Arbeit mit den Schülern bereitet ihm sichtlich Freude. Die Anleitung seiner Mentoren könnte freilich besser sein. Doch gibt er ihnen Pardon. Immerhin ist die Schule erst bei seinem Eintreffen zur Ausbildungsschule ernannt worden. Wie er, sind seine Mentoren deshalb oft selbst noch Suchende. Wer Josef Kraus verstehen will, kann es an solchen Punkten wie diesem. Sein Motto ist nicht, mach das Beste aus der Situation. Was doch immer nur heißt, hole für dich ganz persönlich das meiste heraus, egal wie es die Gesellschaft schädigt. Nein, sein Blick ist ein anderer und reicht weiter. Er denkt an künftige Referendare und möchte, dass sie günstigere Ausbildungsbedingungen vorfinden. Er engagiert sich berufspolitisch und wird Vorsitzender der bayerischen Referendarsvertretung, anschließend sechs Jahre Vorsitzender der Jungen Philologen Deutschlands. Schnell wird klar, Kraus kann nicht nur Schüler begeistern. Das spricht sich bis in Regierungskreise herum. 1991 wird er in den Beirat für Innere Führung des Bundesministers der Verteidigung berufen und diesem Beratungsgremium 22 Jahre lang angehören.

Fairness vor Erfolg

Nach Abschluss des schulischen Vorbereitungsdienstes folgt der Berufseinstieg im niederbayerischen Landshut – zu zwei Dritteln des Stundenkontingents als Lehrer, zu einem Drittel als Schulpsychologe. In dieser Funktion ist Josef Kraus erst der elfte seiner Art in Bayern. Die damit verbundenen Perspektivenwechsel, sich Schule nicht allein aus der Sicht von Lehrern, sondern in gleicher Weise aus der eines Schülers oder betroffener Eltern zu nähern, empfindet er als Bereicherung und Privileg. „Es hat mir geholfen, nicht zum Exekutor wirklichkeitsfremder Beschlüsse irgendwelcher gesichtsloser Kultusbürokraten zu werden“, beschreibt er es. Auch als Schulleiter, der er zwanzig Jahre war, habe er immer Anwalt seiner Lehrer, Schüler und deren Eltern sein wollen. Unbekanntes Terrain erkunden und neue Wege gehen, das mag er. Bis heute. Vor zwei Jahren erwarb er den Motorradführerschein. Seitdem erfährt er die Welt als Biker.

Wie als Sportler war Josef Kraus auch als Lehrer ehrgeizig. Worauf er allerdings zu allen Zeiten Wert legte, war, wie es in seiner Heimat mundartlich heißt, die Erdung mit der Basis. Die Leiter großer Schulen sind in Bayern mit gutem Grund von jeglichen Unterrichtsverpflichtungen entbunden. So auch Kraus. Um auf die Verbindung zu seinen Schülern nicht verzichten zu müssen, bot er für die Schüler der 12. und 13. Klassen Jahr für Jahr einen Grundkurs Psychologie an. Das Echo, das heißt die Nachfrage aus der Schülerschaft, war jedes Mal riesig, mehr als fünfzig Anmeldungen keine Seltenheit. Auch wenn er zugibt, nicht frei von Eitelkeit zu sein, empfindet er das doch als Lob. Zumal ihm vieles vorausgegangen sein mag, aber gewiss nicht der Ruf, gute Noten für lau zu vergeben. Noch etwas wussten die ihm anvertrauten Schüler zu schätzen. Es ist sein Einsatz für Schüler in Not. Jene, die sich stark genug fühlten, Schwächere zu mobben, lernten einen Josef Kraus kennen, der zu ihnen face to face in die Arena stieg und keinen Zweifel daran ließ, dass er solches Verhalten um nichts in der Welt und nur über seine Leiche dulden werde.

Niemals aufgeben

Josef Kraus (Foto: Cord Santelmann)

Josef Kraus (Foto: Cord Santelmann)

Ja, der fröhliche und umgängliche Lehrer Kraus konnte und kann noch immer sehr robust werden. Wenn es um Regelverletzungen geht, bei Illoyalität, gegenüber Schönfärbern, wenn die Zukunft auf dem Spiel steht, die von Kindern, Jugendlichen und Schülern besonders. Auch wer seine inhaltlichen Positionen nicht teilt, möchte sein leidenschaftliches Engagement nicht in Abrede stellen. Auch nicht, dass er keiner Diskussion, und mag sie noch so kontrovers geführt worden sein, je aus dem Weg ging. Sogar, wenn die Ergebnisse hinter den Kulissen schon zuvor festgezurrt sein mochten. Was gar nicht selten der Fall war. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes hatte zur Bildung etwas zu sagen. Er hatte eine Stimme und die hatte Gewicht. Kein Wunder, dass die Hessische CDU ihn vor der Wahl 1995 als Kultusminister in ihr Schattenkabinett holte. Dass er es am Ende nicht wurde, mag ihm vieles erspart haben. „Es hätte mich sehr gereizt“, sagt er zum Schluss eines langen Gespräches. „Allerdings weiß ich nicht, wie lange ich das ausgehalten hätte.“

Woran er sich als Verbandspräsident gerieben hat, was ihm in punkto Bildung am schwersten auf der Seele liegt, möchte ich noch von ihm wissen. Auf seine Antwort muss ich nicht lange warten. Es sei der fehlende pädagogische Impetus der Kultusminister, sagt er noch immer voller Leidenschaft. Er bezeichnet es als empirische Wende der Bildungspolitik. „Das oberste Ziel sind schöne Bilanzen.“ Überhaupt bedauert er die Verkürzung des Bildungsbegriffs auf eine eindimensionale ökonomistische Dimension. „Bildungspolitik verkommt je länger je mehr zur Nebenwirtschaftspolitik“, und erstmals schwingt so etwas wie Resignation in seiner Stimme. „Ich fürchte“, ergänzt er seinen Ausblick, „wir gehen amerikanischen Bildungsverhältnissen entgegen.“ Was er damit meint? Viel Mittelmaß, daneben ein kleiner Hochleistungssektor für die Reichen. Ich spüre es. Das ist nicht seine Welt. Und ich bin mir sicher, Josef Kraus würde sich dagegen stemmen und stünde er allein gegen alle sechzehn deutschen Kultusminister.

 

Zu den Anforderungen und Arbeitsbedingungen des Lehrerberufs siehe auch: „Lehrer – Pausenlose Interaktion“ (http://www.berufsreport.com/lehrer-pausenlose-interaktion/)


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