Jeder Studienabbruch hat seine eigene Geschichte

Von Rainer Hoppe | 15. Mai 2016

Mark Zuckerberg brach ein Studium der Psychologie und Informatik in Harvard ab (Foto:

Mark Zuckerberg brach ein Studium der Psychologie und Informatik in Harvard ab (Foto: Wikipedia/Presidência do México)

Nach vielen Jahren in meinem Job als Studien- und Berufsberater habe ich gelernt, dass das Scheitern im Studium unabhängig von Zeit und Raum erfolgt. Zu mir kommen Studenten kurz nach Beginn ihres Studiums. Das ist die Mehrzahl. Doch es kommen auch solche aus den mittleren Semestern. Und es kommen sogar einige, die kurz vor dem Abschluss stehen. Sie alle plagt ein Problem, es geht nicht mehr weiter. Klagen die einen über zu hohe fachliche Anforderungen und eine nicht zu bewältigende Stoffmenge, ächzen andere in den mittlerweile stark verschulten Studienstrukturen unter einem dauerhaften Prüfungsdruck, der kaum Zeit zum Luftholen lässt. Wieder andere fühlen sich in der Anonymität der immer größer werdenden Hochschulen schlicht allein gelassen. Nirgendwo in Europa fällt die Relation von Professoren zu Studenten so schlecht aus wie an deutschen Hochschulen. Viele tun sich darüber hinaus schwer, Ihren Lernprozess eigenverantwortlich und vorausschauend zu planen. Fast alle Studienabbrecher haben ein Motivationsproblem.

Oft wird auch das Geld als Grund für das Studienversagen genannt. Die finanzielle Situation von Studierenden ist längst nicht so rosig, wie man das an den Stammtischen oft meint. Weniger als 40 Prozent der Studierenden erhalten eine Förderung durch das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG), aber nur ein Drittel den Höchstsatz. Da wird die Versuchung groß, die studentische Haushaltskasse durch einen Nebenjob aufzufüllen. Das aber geht bei prall gefüllten Bachelor-Studienplänen auf die Knochen oder die Studienleistungen oder auf beides. Damit ist die Aufzählung der Gründe für einen Studienabbruch noch immer nicht vollständig. Nicht selten beklagen Studierende die mangelnde Berufsrelevanz der Studieninhalte. Zuletzt entdeckt der eine oder andere Studierende in Praktika oder einem seiner Nebenjobs Interessen, Fähigkeiten und Talente, die er/sie bis dahin gar nicht kannte oder sich nicht zugetraut hätte. Und manchmal entwickeln sich daraus völlig neue sowie abseits des Studienfachs liegende Möglichkeiten.

Studienabbrecher sind keine Versager

Günther Jauch brach sowohl ein Jurastudium wie auch ein zweites Studium der Politik und Neueren Geschichte ab (Foto:

Günther Jauch brach sowohl ein Jurastudium wie auch ein zweites Studium der Politik und Neueren Geschichte ab (Foto: Wikipedia/Basthi01)

Günther Jauch ist bestes Beispiel dafür, dass ein Studienabbruch für den Einzelnen kein Weltuntergang und schon gar nicht das Ende aller beruflichen Karriereträume sein muss. Nicht alle, aber eine zunehmende Zahl von Arbeitgebern, abhängig von Branche und Größe des Unternehmens sowie der Fachrichtung des Abbrechers und dem Zeitpunkt des Abbruchs, suchen solche Bewerber inzwischen ganz gezielt. Sie sind gebildet, haben selbständiges und Teamarbeiten gelernt. Sie gelten als entscheidungsfähig, motiviert und zielstrebig. Schließlich wollen sie sich und ihrem Umfeld beweisen, dass der Abbruch des Studiums ein „Unglücksfall“, aber keine Störung der Persönlichkeit war. Im Übrigen erweisen sich die meisten als überdurchschnittlich leistungs- und aufstiegsorientiert. Das alles imponiert Arbeitgebern. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag  formuliert es folgendermaßen: „Da sie häufig schnell komplexe Sachverhalte erfassen können, sind Studienabbrecher aus Firmensicht in besonderem Maße für anspruchsvollere Berufsbilder … geeignet.“ (Position. Das IHK-Magazin für Berufsbildung, 2. Quartal 2016) Gleichwohl ist jeder Studienabbruch ein in höchstem Maße individueller Prozess, der von jedem Einzelnen alleine durchlebt, oft auch einsam durchlitten wird.

Tatsächlich hat jeder Studienabbruch seine eigene Geschichte. Ich weiß, wovon ich spreche. Da ist der, der nach einem Semester Ägyptologie feststellt, dass das Fach sich doch anders darstellt, als von ihm gedacht und erhofft. Da ist der, der in vierzehn Semestern Informatik-Studium schon zum zwölften Mal durch die Mathematik-Klausur gefallen ist und dem langsam dämmert, dass er sie wahrscheinlich auch im dreizehnten Anlauf nicht schaffen wird. Was verbindet diese beiden Studienabbrecher außer der Tatsache ihres Scheiterns? Hat der erste alle Rechte dieser Welt, sich und seine Entscheidung auf Tragfähigkeit überprüfen zu dürfen, leidet der andere unter dem Versäumnis der Universität, die in ihrer Prüfungsordnung – warum eigentlich? – die Anzahl der Prüfungsversuche nicht auf ein sinnvolles Maß begrenzt hat.

Zielorientierte Vorbereitung minimiert Risiko

Claudia Roth brach das Studium der Theaterwissenschaften vorzeitig ab (Foto:

Claudia Roth brach das Studium der Theaterwissenschaften vorzeitig ab (Foto: Wikipedia/Sven Teschke)

Im Folgenden werde ich mich auf die zahlenmäßig größte Gruppe der Studienabbrecher konzentrieren, die also, die das Handtuch in den ersten Semestern werfen. Zwar sollte man schon erwarten, dass sich Studieninteressierte mit den Inhalten ihres Wunschstudienfachs auseinandergesetzt, die entsprechenden Studien- und Prüfungsordnungen eingesehen, die Studienbedingungen und die Wohnverhältnisse vor Ort erkundet, mit Studierenden des Fachs geredet und Beschreibungen späterer Beschäftigungsmöglichkeiten studiert haben. Leider aber klaffen hier Anspruch und Wirklichkeit zu oft auseinander. Doch auch bei bester Vorbereitung gibt es natürlich keine vollständige Sicherheit oder gar Garantie auf einen Studienerfolg. Und wie sollen junge Menschen auch Entscheidungen über etwas treffen, für das es keine Entsprechung zu den bisherigen Schulfächern gibt? Da bleibt manchmal nur der Sprung ins kalte Wasser und die Hoffnung, darin nicht unterzugehen.

Das anerkennt auch der Gesetzgeber. Deshalb erlaubt das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) unter engen Bedingungen einen zweiten Versuch. Dann nämlich, wenn Studierende nach einem Semester zu der Erkenntnis gelangen, sich wegen fehlender Eignung mit dem gewählten Fach vertan zu haben. Sie erhalten für den Neustart noch einmal die volle Förderung. Darin schwingt freilich die Hoffnung mit, dass der zweite Anlauf besser vorbereitet ist. Bei einem späteren Fachwechsel wird die Begründung für eine nochmalige BAföG-Förderung zunehmend schwieriger. Schon ab dem dritten Semester tendieren die Chancen gegen Null. Dabei pflegte mein ehemaliger Kollege Rolf Hagedorn zu sagen: „Wer Umwege läuft, lernt die Stadt kennen.“ Und in der Tat zünden Fehler oft den Turbo. Gespräche mit Studienabbrechern erreichen in aller Regel eine hohe Intensität und Konkretheit, die ich bei so manchem Schüler noch vermisse. Der erste Studienversuch war deshalb nicht umsonst und nur in den seltensten Fällen verschwendete Zeit. Man hat sich selbst kennengelernt! Endlich weiß man um seine Interessen, Stärken und Schwächen.

Kritische Phase in den ersten Wochen

Herbert Grönemeyer studierte 23 Semester lang Musik- und Rechtswissenschaften ohne Abschluss (Foto:

Herbert Grönemeyer studierte 23 Semester lang Musik- und Rechtswissenschaften ohne Abschluss (Foto: Wikipedia/Superbass)

Es mag überraschend klingen. Doch es wiederholt sich jedes Jahr. Der höchsten Gefährdung, die Brocken hinzuwerfen, sind Studierende in den ersten Wochen unmittelbar nach Studienbeginn ausgesetzt. Alles ist neu, alles ist unbekannt, nichts und nirgendwo etwas Vertrautes. Für viele Studienanfänger ist das ein Schock. Immer mehr Hochschulen bemühen sich deshalb inzwischen gerade in dieser Zeit ganz besonders um die „Erstis“. Trotzdem bleibt es für die meisten eine Zeit voller Ängste. Eine Uni ist keine Schule, die in ein oder zwei Gebäuden einen für alle Jahrgänge und ein ganzes Schulhalbjahr geltenden Stundenplan umsetzt! Allein die nicht gerade große Universität Osnabrück mit ihren 13.000 Studierenden verfügt über 69 Hochschulgebäude, die über die ganze Stadt verstreut sind. Professoren sind keine Lehrer und wollen es auch nicht sein. Das Vokabular ist fremd, das Tempo der Wissensvermittlung nicht mehr mit dem in der Schule vergleichbar. Jeder ist für seinen Erfolg selbst verantwortlich.

Zum ersten Mal sind die jungen Menschen ganz auf sich zurück geworfen. In der Wohnung – allein. In den Vorlesungen, im Seminar, in der Mensa – fremde Gesichter. Naheliegend wäre, das Gespräch mit anderen Erstsemestern zu suchen. „Bist du auch ganz neu?“ oder „Ich fühle ich mich hier manchmal ziemlich einsam!“ Und schon wäre der Kontakt hergestellt. Aber wer traut sich das schon? Man ist ja stark. Und so cool, dass es sogar im Hochsommer um einen herum schneit! Diese Nöte sind auch den Hochschulen nicht verborgen geblieben. So gibt es vielerorts Einführungs- und Erstsemesterwochen. Manchmal organisieren die Studierendenvertretungen sogar Stadtführungen. Dennoch bleibt: Je größer die Hochschule und die Hochschulstadt, desto stärker die Vereinzelung. Und dieses Gefühl des Alleinseins kann den Eindruck verstärken, dass man völlig fehl am Platz ist, dass die Entscheidung für ein Studium die falsche war.

Klarheit über die eigenen Ziele gewinnen

 

Tom Enders (CEO Airbus Group), Katrin Göring-Eckardt (MdB, Fraktionsvorsitzende, Auch Kathrin Göring-Eckardt verlies die Universität nach einem erfolglosen Theologiestudium ohne Abschluss (Foto:

Auch Kathrin Göring-Eckardt verlies die Universität nach einem erfolglosen Theologiestudium ohne Abschluss (Foto: Wikipedia/Heinrich-Böll-Stiftung Berlin)

Viele Abiturienten entscheiden sich vor diesem Hintergrund erst einmal für eine Zwischenstation: work & travel, au pair, einen Sozialen Dienst im Ausland, ein Freiwilliges Soziales/Ökologisches/Kulturelles oder Wissenschaftliches Jahr, den Bundesfreiwilligendienst, das Niedersachsentechnikum, die Bundeswehr, für Praktika oder irgendwelche Jobs. Auf jeden Fall nicht gleich ins Studium! Tatsächlich sind zahlreiche G8-Abiturienten bei Studienbeginn noch nicht einmal volljährig. Und können deswegen weder ihre eigene Immatrikualtion an der Hochschule noch den Mietvertrag im Studentenwohnheim unterschreiben. Ich möchte hier nicht gegen diese Zwischenstationen polemisieren. Der Gewinn für die Persönlichkeitsentwicklung ist in aller Regel hoch. Gleichwohl fällt auch in dieser Zeit die Studienwahlentscheidung nicht vom Himmel. Wer aus dieser Hoffnung in die Parkposition geflüchtet sein sollte, ist zwar um ein Jahr älter, aber nicht wirklich klüger geworden. Irgendwann jedoch gilt es, den Sack zuzubinden.

An der Aufgabe, die eigenen fachlichen wie persönlichen Voraussetzungen zu analysieren, seine Wünsche nach Wichtigkeit zu ordnen und alles dann mit den einschlägigen Studienganginformationen abzugleichen, führt weiter kein Weg vorbei. Neu sind diese Dinge alle nicht. Sie betrafen schon ungezählte Studentengenerationen zuvor. Und es gab vielfältige Versuche der Hochschulen, dem zu begegnen. Schließlich gab es während der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts insbesondere an den zahlreichen Hochschulneugründungen, den sogenannten Reformuniversitäten, die Erkenntnis, die Probleme von Studienanfängern betreffen jeden Einzelnen ganz individuell, und doch betrifft es alle. Deshalb richtete man Orientierungswochen, gelegentlich ganze Orientierungssemester (Studium orientale) ein. Die Erstis sollten zielorientiert, aber doch behutsam an die Hochschule, deren Studienanforderungen, die Strukturen wissenschaftlichen Arbeitens, einer sinnvollen Nutzung der Universitätsbibliothek sowie natürlich auch der neuen Prüfungssystematik herangeführt werden.

Suche nach Orientierungshilfen

Studienabbrüche gab es auch schon früher – Heinrich von Kleist scheiterte in Mathematik und Physik (Foto:

Studienabbrüche gab es auch schon früher – Heinrich von Kleist scheiterte in Mathematik und Physik (Foto: Wikipedia/scanned by Michael Schönitzer unknown)

Diese Orientierungsphasen waren äußerst erfolgreich, sind aber allesamt dem Diktat eines vorrangig aus Kostengründen komprimierten Bachelor-Studiums zum Opfer gefallen. Am Ende des ersten Semesters warten bereits Klausuren! Nur einzelne Hochschulen konnten Reste dieser Orientierungs-Idee bewahren. Die Universität Lüneburg etwa wirbt mit den von ihr gebotenen Möglichkeiten der systematischen Studieneinführung. Andere Hochschulen bieten Einführungswochen an. Im Unterschied zu Lüneburg allerdings vor Semesterbeginn, um die ohnehin vollgepackten Curricula nicht noch weiter aufzublähen. Das inzwischen freilich organisatorisch, programmatisch und finanziell in die Jahre gekommene Leibniz-Kolleg Tübingen bietet in Zusammenarbeit mit der gegenüberliegenden Universität als einziger überlebender Dinosaurier ein zehnmonatiges Studium Generale an. Die Hochschulen, mehr noch die Bildungspolitik, müssen sich fragen lassen, warum sie auf diesem Problemfeld nicht endlich mehr tun. Die Kosten sollten kein Argument sein. Denn immerhin sind Studienabbrüche allemal die teurere Lösung.

Darüber hinaus besitzen die Hochschulen mit den Zentralen Studienberatungen, den Fachstudienberatern sowie den Psychosozialen Beratungsstellen bereits eine entsprechende Infrastruktur. Es mangelt allerdings an Geld, Planstellen, dem Willen und nicht selten auch den erforderlichen Qualifikationen. Pathos ersetzt nur selten Fachkompetenz. Fast immer aber fehlt es am Problembewusstsein der Hochschulleitungen, die die Zentralen Studienberatungen häufig als bloßes Marketinginstrument missbrauchen. Viele der Schüler, die nach einem Kontakt mit der Zentralen Studienberatung in mein Büro kommen, äußern sich tief enttäuscht. Sie suchen keine Werbeveranstaltung, sondern seriöse Informationen und eine neutrale Entscheidungshilfe. Potentielle Studienabbrecher wiederum klagen über die Arbeitsmarktferne so mancher Professoren, die in ihren Augen Realitätsferne ist, auch wenn sie natürlich wissen, dass diese Aufgabe nicht zum Tätigkeitskatalog eines Professors gehört. Nur wenige Studienanfänger verstehen, dass ein Studium keine simple Berufsausbildung ist.

Fehlende persönliche Zuwendung

Kai Pflaume scheiterte in Informatik (Foto:

Kai Pflaume scheiterte in Informatik (Foto: Wikipedia/Frank Schwichtenberg)

Dürfte ich Vorschläge zur Reduzierung der viel zu hohen Studienabbrecherquoten unterbreiten, müsste ich zunächst auch offen bekennen, kein Patentrezept zu besitzen. Wohl aber würde ich ein enges Netz von studentischen und professoralen Coaches für Erstsemester – und vielleicht auch die höheren Semester – empfehlen. Nicht um jeden und alle irgendwie bis zum Examen tragen zu können. Nein, nein. Sondern um denen, die die richtige Studienwahl getroffen haben, optimale Fördermöglichkeiten zu garantieren, und den anderen frühzeitig bei der unumgänglichen Kurskorrektur helfen zu können. Das Weiterstudium nach dem zweiten Semester vom Nachweis eines Beratungsgesprächs abhängig zu machen oder es auch nur freiwillig anzubieten, so wie es einige Hochschulen mittlerweile tun, kommt viel zu spät und ist kaum mehr als ein Ausdruck von Hilfslosigkeit. Studium war stets ein Prozess intensiver Diskussion. Dafür braucht es Professoren, die erreichbar sind, und Studierende, die den fachlichen wie persönlichen Austausch suchen.

Ich sehe schon das mitleidige Lächeln auf den Gesichtern der Protagonisten auf allen Seiten. Dabei habe ich Verständnis für die Zwänge, in die sich die Hochschulen gestellt sehen. Doch kann ich mich gleichzeitig nicht des Eindrucks erwehren, dass sich der eine und andere darin gut eingerichtet haben. Hat man je lautstarke Proteste von Professoren gegen die Unsitte der Überbuchung von Studiengängen in den ersten Semestern gehört? Vereinzelt, gewiss. Doch die Mehrheit hat mit den Überlastquoten schnell seinen Frieden gemacht und das getan, was die Präsidenten zwar nicht laut anordnen, aber erwarten, nämlich die Zahl der Studierenden zügig zu reduzieren. Weniger durch fieses Herausprüfen. Viel mehr, indem man die jungen Menschen sich selbst überlässt, statt sich ihnen als Gesprächspartner zur Verfügung zu stellen und eine Brücke in eine ihnen noch unbekannte Welt zu bauen. Zugegeben, manche Studienanfänger und Studierende wollen das nicht. Doch die Mehrzahl wäre dankbar, da bin ich mir nach unzähligen Gesprächen mit Studienabbrechern sicher.

Bill Gates gilt als einer der berühmtesten Studienabbrecher – Er verließ die Harvard University nach einigen Semestern Mathematik ohne Abschluss und gründete das Unternehmen Microsoft (Foto:

Bill Gates gilt als einer der berühmtesten Studienabbrecher – Er verließ die Harvard University nach einigen Semestern Mathematik ohne Abschluss und gründete das Unternehmen Microsoft (Foto: Wikipedia/DFID – UK Department for International Development)

Gezielte Hilfen für den Neustart

Meine Kollegen und ich von den Arbeitsagenturen sind vor allem gefragt, wenn Studierende grundsätzliche Alternativen zu ihrem derzeitigen Status suchen und lieber eine Perspektive ohne einen akademischen Abschluss anstreben wollen, etwa in einer betrieblichen oder einer Ausbildung an Berufsfachschulen. Noch öfter werden Möglichkeiten für eine berufliche Orientierung gesucht. Wir haben zwar die Instrumente der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BVB) sowie der Einstiegsqualifikation (EQ), auf die entsprechenden Applikationen für den Personenkreis der Studienabbrecher aber warten wir bislang vergebens. Die latenten Ängste, derartige Angebote hätten Aufforderungscharakter und würden die Zahl der Studienabbrecher zusätzlich in die Höhe treiben, sind unbegründet. Niemand beginnt ein Studium aus Jux und Tollerei, und niemand bricht es leichtfertig ab. Manches Unternehmen ist da, wie eingangs schon geschildert, bereits viel weiter und bietet im Einzelfall speziell auf Studienabbrecher zugeschnitte Ausbildungsangebote.

 

Studienabbrecher mit Prüfungsängsten benötigen nicht selten therapeutische Hilfe. Leider sind die Psychosozialen Beratungsstellen (PSB) der Hochschulen ebenso hoffnungslos unterbesetzt wie überlaufen. Nicht selten allerdings liegen die Gründe für einen Studienabbruch auch nur in mangelnder Motivation. Und die wiederum speist sich aus dem mit der praktischen Anwendung unverbundenen theoretischen Übergewicht. Auch da halten die Hochschulen mit den Career Centern entsprechende Strukturen bereit. Aber auch deren Dimensionierung ist nicht ausreichend. Im Übrigen fehlt eine zielführende Abstimmung zwischen dieser Institution und den Fachbereichen. Und ja, die Curricula lassen für solcherlei Bedürfnisse kaum Raum. So liegt die Hauptlast also weiter auf den Schultern der Studierenden. Es bleibt noch viel zu tun, bis die Zahl der Studienabbrüche ein tolerables Niveau erreicht haben wird.

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