Informatiker – Analysten, Werkzeugbauer und Kümmerer

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2014

Informatik-Pionier Konrad Zuse entwickelte 1941 den ersten vollautomatischen, programmgesteuerten und frei programmierbaren, in binärer Gleitkommarechnung arbeitenden Rechner Z3 (Foto: Wikipedia/Wolfgang Hunscher, Dortmund)

Informatik-Pionier Konrad Zuse entwickelte 1941 den ersten
vollautomatischen, programmgesteuerten und frei programmierbaren, in binärer Gleitkommarechnung arbeitenden Rechner Z3 (Foto: Wikipedia/Wolfgang Hunscher, Dortmund)

Frage: Woran erkennt man einen extrovertierten Informatiker? Antwort: Er schaut beim Reden statt auf die eigenen auf die Schuhe seines Gegenübers! Ähnliche solcher Witze über ungelenke Informatiker gibt es viele. Doch manche beschwören inzwischen ein Berufsbild, das durch die stürmische Entwicklung der Informatik in den letzten dreißig Jahren längst überholt ist. Wenn es denn überhaupt je gestimmt hat. Meine Gesprächspartner jedenfalls bestätigen dieses Bild nicht. Sie sind aufgeschlossen, redegewandt und geübt, komplizierte Sachverhalte sogar einem Laien verständlich zu erklären. Freilich können sie genau deswegen auch schweigen, wenn es sein muss gleichermaßen intensiv wie anhaltend. Denn vor dem Reden steht bekanntlich konzentriertes Zuhören. Und das beherrschen sie ohne Einschränkungen. Dummschwätzen, so viel wird schnell klar, ist in der Community der Informatiker verpönt. Immerhin verlangt ihnen ihr Beruf tagtäglich absolute Präzision und damit eine punktgenaue Konzentration auf oft komplexe Problemstellungen ab.

Diesen Anforderungen unterliegen Informatiker in allen ihren zahlreichen Arbeitsfeldern. Und überall müssen sie damit professionell, vor allem aber zielorientiert umzugehen verstehen. Denn keineswegs finden sie Beschäftigungsmöglichkeiten nur in Unternehmen der Informationstechnologie. Im Gegenteil, auch wenn sich die Schwerpunkte ihrer Aufgaben sowie die fachlichen Anforderungen unterscheiden, ist doch mit Blick auf mögliche Jobs kaum ein Beruf so vielseitig wie der des Informatikers. Neben den großen und kleinen IT-Firmen sind sie auch andernorts heiß begehrt, in der Industrie ebenso wie im Handel, der Finanzwirtschaft, dem Logistikbereich, auch der öffentlichen Verwaltung als den Anwendern von Informationstechnologie und in der Unternehmensberatung. Weniger im Kernbereich als genau in den Unternehmen, die IT nicht entwickeln, sondern deren Hard- und Softwareprodukte einsetzen, erwarten die Fachleute denn auch zukünftig deutliche Arbeitsplatzzuwächse für diese Berufsgruppe.

Steigender Bedarf in der Anwendung

Simone Rehm/TRUMPF (Foto: TRUMPF Gruppe)

Simone Rehm/TRUMPF (Foto: TRUMPF Gruppe)

Simone Rehm, promovierte Informatikerin, hat sich bereits früh für die Anwenderbranche entschieden. Über Stationen in der Pharmaindustrie sowie beim Südwestrundfunk kam sie 2001 zum Fertigungsspezialisten TRUMPF in Ditzingen unweit von Stuttgart. Dort nimmt sie die Funktion eines Chief Information Officers wahr, leitet also den Zentralbereich IT und Prozesse. „Ich bin mit meinem Bereich zuständig für die betriebliche IT“, erklärt sie. Kaum ein Geschäftsprozess läuft heute bei TRUMPF ohne IT-Unterstützung. Diese so zu gestalten, dass die Anwender mit den IT-Lösungen problemlos arbeiten und damit Effizienz- wie Effektivitätsvorteile erzielen können, ist Aufgabe der Informatiker in der betrieblichen IT. Davon unterscheiden sich die Aufgaben von Informatikern in der Produkt-IT. „Ihr Job besteht vorwiegend aus der Entwicklung von Software“, beschreibt es Simone Rehm.

Die Informatiker in der Produktentwicklung bei TRUMPF tragen eine hohe Verantwortung. Immerhin beeinflussen sie mit der Gestaltung einer Maschinensteuerung oder der Erstellung von CAD/CAM-Software die späteren Produktionsprozesse beim Kunden ganz unmittelbar. Nicht weniger anspruchsvoll sind die Anforderungen an Zuverlässigkeit und fachliche Kompetenz bei den Informatikern in der betrieblichen IT. Sie kümmern sich nicht nur um die informationstechnische Infrastruktur des Unternehmens, sondern auch um die Abbildung von Prozessen. Informatiker hier benötigen vor allem die Fähigkeit, die Besonderheiten der Geschäftsprozesse erfassen und in entsprechende IT-Systeme umsetzen zu können. Denn ihre Aufgabe besteht zuerst darin, „die Realität des Anwenders in ein Modell zu überführen“, wie es Simone Rehm formuliert, „und anschließend die auf dem Markt angebotenen standardisierten Softwarepakete für das Personalmanagement, das Rechnungswesen, die Finanzwirtschaft, den Einkauf oder den Vertrieb an die spezifischen Strukturen und Abläufe des eigenen Unternehmens anzupassen.“

Gratwanderung zwischen Standardisierung und Individualität

Willi Gotthard/IBM Deutschland Research & Development GmbH (Foto: IBM Deutschland)

Willi Gotthard/IBM Deutschland Research & Development GmbH (Foto: IBM Deutschland)

„In diesem Prozess“, deutet Simone Rehm auf einen neuralgischen Punkt, „müssen Informatiker standardisieren.“ Das stehe der vom Anwender gewünschten Individualisierung entgegen und führe beständig zu Enttäuschungen auf Seiten der Anwender und oft genug auch zu einem negativen Image der IT. Damit teilen die Informatiker das Los aller Schnittstellenberufe. Sowohl in der Produkt- wie auch in der betrieblichen IT stehen Informatiker immer zwischen der Informationstechnik und ihrem Einsatz in ganz unterschiedlichen Bereichen. Müssen die einen deshalb die technische Funktion einer Maschine verstehen, benötigen die anderen Kenntnisse über die Arbeitsprozesse im Unternehmen. Muss die Software einer Biegemaschine den optimalen Zielpunkt des Hinteranschlag-Fingers genau berechnen können, hat etwa ein Lohnabrechnungssystem die Besonderheiten von fixen und variablen Gehaltsbestandteilen unter Berücksichtigung der speziellen Gepflogenheiten des Unternehmens korrekt und zuverlässig umzusetzen.

Ortswechsel. Böblingen, IBM Deutschland Research & Development GmbH. Willi Gotthard ist Leiter des Kundenzentrums und wie Simone Rehm promovierter Informatiker. IBM steht für den Kernbereich der Informationstechnologie, das ist die Entwicklung von Hard- und Software sowie die Erbringung von Beratungs- Implementierungsdienstleistungen für Unternehmenskunden. „Unsere Geschäftsfelder in Böblingen umfassen die Entwicklung von Highend-Systemen, also Großrechnern, sowie die Softwareentwicklung unter anderem für Datenbanken und Datenanalyse, Cloud Computing, Web-Portale und Geschäftsprozess-Management und Transaktionssysteme“, beschreibt Gotthard die Aufgaben des IBM-Entwicklungszentrums Böblingen, unternehmensintern Entwicklungslabor genannt. Mit 1.700 Mitarbeitern ist das Entwicklungszentrum Böblingen das größte E-Lab von IBM in Europa. Weltweit betreibt der IT-Riese über hundert solcher Entwicklungszentren, für Hardcore-Informatiker so etwas wie das gelobte Land.

Mathematik latent immer vorhanden

Hochleistungsrechner IBM Blue Gene (Foto:

Hochleistungsrechner IBM Blue Gene (Foto: Wikipedia/Argonne National Laboratory’s Flickr page)

Vermutungen, dass Informatiker in der Entwicklung besonders hohen mathematischen Anforderungen ausgesetzt sind, mag Gotthard so pauschal nicht bestätigen. „Die Mathematik als unmittelbares Arbeitsmittel“, erklärt er, „brauchen wir in den meisten Fällen nur noch selten.“ Als Verständnishintergrund, und da ist er sich unabgesprochen mit Simone Rehm aus der Anwendung einig, aber sei sie natürlich unverzichtbar. „In der Entwicklung von bestimmten Hardwarekomponenten und für Datenanalyseverfahren, wo es um die Suche nach entsprechenden Algorithmen geht“, differenziert er freilich, „nimmt die Bedeutung der Mathematik als Handwerkszeug deutlich zu.“ Und dann betont auch Gotthard die Wichtigkeit kommunikativer Fähigkeiten für Informatiker. „Nicht nur arbeiten die Entwickler immer und überall in Projektteams mit häufig wechselnden Gesichtern, in der Regel zusammen mit Kollegen aus dem weltweiten Entwicklungsverbund“, begründet der IBM-Mann, „sondern setzen wir heute in der Softwareentwicklung auf das Prinzip agiler Methoden.“ Weniger formale Regeln aber bedeuten einen erhöhten Abstimmungsbedarf zwischen den Teammitgliedern.

Und natürlich, betont Gotthard, müsse auch ein Entwickler bei IBM für die Projektierung eines Hardware- oder eines Software-Produktes das Einsatzumfeld seiner Kunden verstehen. „Nur nach einer detaillierten Aufnahme der vom Kunden gewünschten Anforderungen“, erklärt er, „können wir Produkte mit dem gewünschten Leistungsumfang in einem optimalen Kosten-Nutzen-Verhältnis entwickeln.“ Für das entsprechende Design, die Implementierung, Testung sowie die Inbetriebnahme und den anschließenden Support als der wichtigsten Aufgaben im Prozess der Softwareerstellung bevorzugt IBM einen ganzheitlichen Ansatz. Andere Unternehmen schwören dagegen auf die Spezialisierung ihrer Mitarbeiter für jeden einzelnen Teilbereich. Ob der Informatiker sich mit Blick auf seine allgemeine Karriere lieber für eine Fach- oder doch eher eine Führungslaufbahn entscheidet, muss indessen jeder ganz persönlich abwägen.

Zahlreiche Probleme harren noch einer Lösung

Andreas Oberweis, Professor für Angewandte Informatik am Karlsruher Institut für Technologie KIT (Foto: privat)

Andreas Oberweis, Professor für Angewandte Informatik am Karlsruher Institut für Technologie KIT (Foto: privat)

Erneuter Ortswechsel. Der Berufsweg von Andreas Oberweis führte weder in die Entwicklung noch in die Anwendung. Andreas Oberweis entschied sich stattdessen für die Forschung und eine akademische Karriere. Heute ist der gelernte Wirtschaftsingenieur am Karlsruher Institut Technologie (KIT) und am Forschungszentrum Informatik Karlsruhe (FZI) Professor für Angewandte Informatik. „Die Aufgabe von Informatikern“, sagt er, „ist es, mit Hilfe der Informations- und Kommunikationstechnologie Lösungen, besser vielleicht: Werkzeuge für praktische Anwendungsprobleme zu entwickeln.“ Das könne in der Energieversorgung, im Verkehrswesen, dem Maschinen- und Anlagenbau, der Medizin, kaufmännisch-verwaltenden Funktionen genauso wie in der Haustechnik sein. „Wie ein Ingenieur beschäftigt sich der Informatiker mit der Planung und dem Bau von Systemen.“ Daneben sei er auch „Handwerker“, der die Systeme überwacht, wartet und, falls erforderlich, repariert.

Womit sich ein Informatiker wie er in der Forschung beschäftigt, möchte ich von Andreas Oberweis wissen. Bislang, sagt er, sei die Informatik sehr stark technologieorientiert und einseitig auf die Funktionalität der Systeme ausgerichtet gewesen. „Schritt für Schritt tritt nun aber die Usability, die Anwender- und Benutzerfreundlichkeit in den Vordergrund“, weist er auf einen ersten Bereich hin. Als Zweites nennt er das Problem der Korrektheit. Soll heißen, erfüllt die Software genau das, was sie aus Sicht des Entwicklers auch erfüllen soll? Für große und komplexe Systeme sei der Nachweis dafür noch immer nicht überzeugend zu führen. Die Zuverlässigkeit von Systemen sei ein weiterer wichtiger Forschungsbereich. Hier geht es um die Interaktion des Computers mit einer Maschine oder Anlage entsprechend der programmgemäßen Vorgaben. Bleiben als Letztes Fragen nach der Sicherheit. Wie angreifbar sind die Netze? Wie leicht ist es Dritten, Anwendungen manipulieren zu können? „An diesem Punkt muss der Informatiker eine Gefahren-Nutzen-Analyse vornehmen“, bedeutet Oberweis, „und entscheiden, ob er das Programm in die Anwendung entlassen will.“

Zwischen Perfektionismus und Praxistauglichkeit

Marion Kremer/Capgemini (Foto: privat)

Marion Kremer/Capgemini (Foto: privat)

Ein letztes Mal Ortswechsel. Marion Kremer, Informatikerin und ebenfalls promoviert, leitet in Offenbach beim Beratungs- und IT-Dienstleister Capgemini die interne Forschungs- und Entwicklungsabteilung für Software-Engineering und Architektur. Capgemini ist ein europäisch geprägter internationaler IT-Dienstleister. Er bietet die gesamte Wertschöpfungskette von der IT-Beratung, über die Software-Einführung und –Entwicklung bis zum Betrieb sowie dem Outsourcing ganzer Geschäftsprozessketten an. Auf den Lohnlisten von Capgemini stehen mehr als 100.000 Mitarbeiter, darunter sehr viele Informatiker. „Als Informatiker“, formuliert es Kremer, „bin ich zu allererst Ingenieur. Ich befasse mich also mit konkreten Lösungen für ein Problem meines Kunden, nicht jedoch mit jedem Woher und Wohin dieser Welt.“ Als Unternehmensberaterin sei es ihre Aufgabe zu schauen, wie vorhandene Anwendungen mit individuellen Bausteinen so ergänzt werden können, dass die Unternehmenszwecke des Kunden bestmöglich unterstützt werden.

So weit, so gut. Aber was ist das Besondere des Jobs eines Informatikers in der Unternehmensberatung, möchte ich von ihr wissen. Kurzes Überlegen, dann die Antwort. „Die Informatik durchdringt inzwischen alle Unternehmensbereiche“, erklärt Marion Kremer. „Das führt zu einer immer stärkeren Strukturierung in den Arbeitsprozessen. Die Aufgabe des Informatikers ist der Transfer von der abstrakten Struktur in die Sprache des Anwenders.“ Sie nennt ein Beispiel. Für die Abwicklung von Geschäftsprozessen finden häufig Fallunterscheidungen statt. Dabei werden die möglichen Eingangswerte in sogenannte Äquivalenzklassen aufgeteilt. Gleichartige Eingangswerte werden gleichartig verarbeitet. „Die Herausforderung für den Informatiker besteht darin, gemeinsam mit dem Kunden diese Äquivalenzklassen zu identifizieren und in geeigneter Form zu beschreiben.

Intel HM55 chipset (Foto: Wikipedia/Köf3)

Intel HM55 chipset (Foto: Wikipedia/Köf3)

„Auch wenn man die Mathematik in unserem Beruf nicht immer sofort bemerkt“, weist Marion Kremer auf einen wichtigen Punkt, „ist sie doch stets da, wenn auch vielfach nur im Hintergrund.“ Daneben komme ihr die Arbeitsweise in einer Unternehmensberatung mit ihrem hohen, obschon stets anwendungsbezogenem Abstraktionsgrad sehr entgegen. „Meine Aufgabe ist es, effiziente informationstechnische Lösungen für konkrete Kundenherausforderungen zu finden.“ Im Unterschied zum Wissenschaftsbereich bleibe allerdings für Literaturrecherchen nur bedingt Raum, gebe es straffe Zeitvorgaben und müsse man stets den unternehmerischen Kostenkontext im Blick behalten. Andreas Oberweis formuliert diesen Aspekt, der für manchen engagierten Informatiker ein Widerspruch ist, etwas provokativer, aber durchaus zutreffend. „Informatiker müssen es akzeptieren, mit kostenmäßig passenden, aber technisch unfertigen Lösungen leben zu können.“

Von der Dialektik des Konkreten und Abstrakten

Ein Blick auf vier Informatiker, die in den vier bedeutendsten Arbeitsfeldern Anwendung, Entwicklung, Wissenschaft und Forschung sowie der Unternehmensberatung ganz unterschiedlichen Aufgaben und Anforderungen gegenüberstehen. Und doch gibt es zahlreiche verbindende Elemente. Alle meine Gesprächspartner weisen auf den hohen Mathematikanteil im Studium. Dem sollte ein entsprechendes Interesse ebenso wie eine einschlägige Begabung gegenüberstehen. „Ganz ohne Mathematik geht es nicht“, formuliert es Andreas Oberweis zurückhaltend. Marion Kremer wird mit dem Hinweis, Mathematik sei ein zentraler Teil des Studiums, deutlicher. Doch da mag sich jeder sein eigenes Bild machen. Die mathematischen Teilgebiete Analysis, Stochastik, lineare Algebra und diskrete Mathematik gehören jedenfalls zum Curriculum jeder Hochschule. Dazu kommen dann mit Algorithmen und Datenstrukturen die ebenfalls sehr mathematiklastigen zentralen Lehrveranstaltungen der Informatik.

TruBend 3100: Computergesteuerte Abkantmaschine von TRUMPF (Foto: TRUMPF Gruppe)

TruBend 3100: Computergesteuerte Abkantmaschine von TRUMPF (Foto: TRUMPF Gruppe)

Informatikbegeisterten kommt dieses Themenspektrum naturgemäß entgegen. Denn sie wissen, dass das Beherrschen auch der exotischsten Programmiersprache noch lange keinen Informatiker macht. Das wäre wie ein Chirurg, der das Skalpell zwar richtig zu halten weiß, allerdings keine Ahnung von der „Bauweise“ innerer Organe wie Herz, Lunge, Leber, Nieren etc. besitzt. Ein Informatiker muss Strukturen und Algorithmen erfassen können. Das geht nicht ohne einen mathematischen Unterbau. Typischerweise waren deshalb alle meine Gesprächspartner schon als Schüler mathematikbegeistert, gleichwohl vor allem an ihren Anwendungen interessiert. Weshalb sie sich für das Studium der Informatik entschieden und nicht für das der (theoretischen) Mathematik. Der Stellenwert der Mathematik hat freilich auch seine Schattenseite. Nur jeder zweite Studienanfänger schafft einen Abschluss. Die andere Hälfte scheitert an der Logik mathematischer Modelle und der Herausforderung, von konkreten Dingen ausgehend übergeordnete Prinzipien abstrahieren zu müssen. Und umgekehrt übergeordnete Prinzipien auf die praktische Anwendung herunter zu brechen.

Große Chancen, Große Herausforderungen

Auch wenn derzeit in der Programmierung durch den Einsatz entsprechender Tools viel Zeit gewonnen wird, präsentiert sich der Arbeitsmarkt aktuell als überaus aufnahmefähig. Viele Unternehmen differenzieren bei der Einstellung nach Bachelor- und Masterabschluss, weniger ob diese Abschlüsse an einer Fachhochschule oder Universität erworben wurden. Besondere Zuwächse werden von den Fachleuten vor allem in der Anwendung erwartet. Schließlich steige der IT-Anteil in allen technischen Produkten. „Das moderne Auto und die Verkehrssysteme der Zukunft“, ist Andreas Oberweis überzeugt, „sind nur zwei Beispiele für viele.“ Und auch in den Fertigungsprozessen produzierender Unternehmen scheinen die informationstechnischen Potentiale noch lange nicht ausgeschöpft. Darüber hinaus entsteht gegenwärtig großer Personalbedarf durch den App-Boom. Gesucht sind weiterhin, auch wenn öffentlich oft weniger thematisiert, Cyber-Experten. Allein die US-Regierung will dafür 6.000 (!) neue Stellen schaffen. Den guten Beschäftigungsmöglichkeiten gegenüber stehen eine kurze Wissenshalbwertszeit und in der Folge ein hoher Weiterbildungsaufwand, steigender Zeitdruck und zunehmende Ressourcenknappheit bei fast allen Projekten.

Von Informatikern entwickelt: Microchip (Foto: IBM)

Von Informatikern entwickelt: Microchip (Foto: IBM)

Der Konkurrenz indischer oder chinesischer Informatiker wird von vielen Experten inzwischen keine allzu große Bedeutung mehr beigemessen. „Entwickler und Anwender brauchen eine räumliche Nähe, wenn etwas Gutes herauskommen soll“, begründet Andreas Oberweis. Im Übrigen sei nur eine kleine Zahl von Spitzenleuten in Indien oder China besser qualifiziert als deutsche Absolventen. Marion Kremer indessen verweist auf den allgegenwärtigen Kostendruck in der IT sowie die deshalb weiterhin attraktive Verlagerung von Arbeitsleistungen in aufstrebenden Ländern mit niedrigerem Lohnniveau, so auch nach Indien. Der Berufsalltag von Informatikern werde somit  durch eine zunehmende Kooperation über Ländergrenzen hinweg geprägt sein.

Ändern könnten sich außerdem die Beschäftigungsbedingungen. „Die Freiberuflichkeit wird erkennbar an Bedeutung gewinnen“, weist Marion Kremer auf einen wichtigen Punkt. „Denn es wird immer einfacher, IT-Dienstleistungen über entsprechende Plattformen anzubieten. Als Beispiel verweist sie auf die rasant steigende Zahl von Apps in den einschlägigen App-Stores. Die Informationstechnik ist ein globales Geschäft, Englisch und die Bereitschaft zu häufigen Dienstreisen deshalb unbedingt notwendige Voraussetzungen. Willi Gotthard schwärmt noch heute von einem mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt im amerikanischen Silicon Valley. Umgehen lernen müssen Informatiker zuletzt mit einem eher schlechten Ruf. Aus der Perspektive von Geschäftsleitung und Anwendern gilt die IT häufig nur als Kostenfaktor und Spaßbremse. Entsprechend ausgeprägt sollte die Frustrationstoleranz sein.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.10.2014; Quellen: Informationssystem Studienwahl & Arbeitsmarkt, Statistisches Bundesamt)

Berufstätige: 255.000 (Frauenanteil: 15 %).
Altersstruktur berufstätiger Informatiker:  

  • jünger als 30 Jahre: 18 %
  • 30 bis 40 Jahre: 40 %
  • 40 bis 50 Jahre: 26 %
  • älter als 50 Jahre: 16 %

Arbeitslosenquote: 3,5 %
Studienanfänger: 45.000 (2012); davon an Universitäten: 22.000, Fachhochschulen: 23.000)
Absolventen: 15.600 (2012); davon Universitäten: 6.800, Fachhochschulen: 8.800. Eine Differenzierung nach Bachelor- und Masterabschlüssen wird nicht ausgewiesen!
Einkommen: ca. 3.400 Euro (abhängig von Berufserfahrung, Branche, Unternehmensgröße und Region)
Informationen zu Studium und Beruf: http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/resultList.do?resultListItemsValues=93944&duration=&suchweg=begriff&searchString=%27+Informatiker*+%27&doNext=forwardToResultShort
und
https://www.uni-due.de/isa/fg_naturwiss/informatik/informatik_hs_frm.htm
Studienmöglichkeiten:
http://www.hochschulkompass.de/studium/studieren-in-deutschland-die-fachsuche.html?tx_szhrksearch_pi1[search]=1&genios=&tx_szhrksearch_pi1[fach]=Informatik&tx_szhrksearch_pi1[studtyp]=3

 

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.