Hörakustiker – Für den richtigen Ton sorgen

Von Hans-Martin Barthold | 15. Mai 2016

Die Menschen der modernen Industriegesellschaften bekommen viel zu oft „etwas auf die Ohren“. Vom nie endenden Verkehrslärm, vom dumpfen Dröhnen der Produktionsanlagen, vom Stampfen der Baumaschinen. Lärmquellen überall und kein Ende. Doch als ob damit die akustische Belastungsgrenze noch immer nicht erreicht wäre, folgt an den Wochenenden mit dem Besuch von Clubs, Discos oder Festivals eine weitere, nun allerdings freiwillige akustische Marter. Regelmäßig erreichen die Schallpegel hier Werte von 100 Dezibel und mehr! Kein Wunder, dass Schwerhörigkeit inzwischen zu den zehn häufigsten Erkrankungen in Deutschland gehört. Nach Schätzungen sollen mittlerweile 14 Millionen Menschen davon betroffen sein. Tendenz steigend. Was viele wissen, aber ignorieren: Schwerhörigkeit ist eine Verschleißerscheinung. Die Sinneshärchen im Innenohr nutzen sich ab, je höher die Beanspruchung umso schneller. Was freilich schlimmer ist, sie können sich nicht regenerieren. Seltener sind Infektionskrankheiten die Ursache für schlechtes Hören.

Hinter-dem-Ohr-Hörgerät der Firma KIND Hörgeräte GmbH & Co.KG im Größenvergleich zu einer 1-Cent-Münze (Foto: KIND Hörgeräte GmbH & Co.KG )

Hinter-dem-Ohr-Hörgerät der Firma KIND Hörgeräte GmbH & Co.KG im Größenvergleich zu einer 1-Cent-Münze (Foto: KIND Hörgeräte GmbH & Co.KG )

Da bleibt für die Betroffenen am Ende oft nur der Weg zum Hörakustiker, der bis vor kurzem noch Hörgeräteakustiker hieß. 2,5 Millionen Menschen tragen schon heute ein Hörsystem. Der Gesamtumsatz der Branche wird von Fachleuten auf etwa 1,4 Milliarden Euro geschätzt. Über 14.000 Hörakustiker erwirtschaften ihn in rund 6.000 Fachgeschäften. So makaber es aus Sicht der akut oder irgendwann einmal Betroffenen klingen mag, Hörakustiker ist deshalb ein Beruf mit Zukunft. Die demographische Entwicklung wird ihr Übriges tun. Doch nicht nur die prognostizierten guten Beschäftigungsmöglichkeiten machen diesen Job für Berufswähler zu einer interessanten Alternative. „Der Beruf bietet eine große Vielfalt“, ist Sonja König überzeugt. Und sie weiß, wovon sie spricht. Immerhin leitet die promovierte Pädagogin bei der KIND Hörgeräte GmbH in Großburgwedel nördlich von Hannover die Aus- und Weiterbildung. Zuletzt stellte sie für die 580 Fachgeschäfte ihres Unternehmens 250 neue Hörakustiker-Auszubildende ein, über 500 sind es insgesamt.

Wissensbasierter Dienstleistungsberuf

„Der Beruf des Hörakustikers“, beschreibt König dessen wichtigste Aspekte, „verbindet Medizin und Technik, ist kundenorientiert und schließt etwa für die Abrechnung mit den Krankenkassen als den Kostenträgern auch organisatorisch-kaufmännische Aufgaben mit ein.“ Was im Übrigen auch für die Anfertigung von präventivem Hörschutz gilt, auch wenn der mit Blick auf den Umsatz nur eine untergeordnete Rolle spielt. Einfühlungsvermögen wird ebenso notwendig wie Feinhandgeschick und die Bereitschaft für genauestes Arbeiten. Die Entscheidung für den Beruf des Hörakustikers ist eine Entscheidung für einen wissensbasierten Dienstleistungsberuf. Der Lohn dafür steht nicht allein auf dem Gehaltskonto, sondern sind auch die zahlreichen Glücksmomente. So wenn ein Kunde überschwänglich davon berichtet, was für ein wundervolles Gefühl es doch sei, zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder die Vögel in seinem Garten zwitschern zu hören. Oder wenn ein Konzertliebhaber endlich noch einmal auch die leisen Passagen von Bachs Brandenburgischen Konzerten genießen kann. Und was ist das Rauschen des Meeres für ein sinnliches Erlebnis.

Anpassen eines Hörsystems – Hier: Ansetzen der Tamponade (Foto: Bundesinnung der Hörgeräteakustiker/Sascha Gramann)

Anpassen eines Hörsystems – Hier: Ansetzen der Tamponade (Foto: Bundesinnung der Hörgeräteakustiker/Sascha Gramann)

Jürgen Matthies, Hörakustikermeister aus der niedersächsischen Kleinstadt Nienburg, geht noch einen Schritt weiter. „Hören, Verstehen und Begreifen“, sagt er, „sind unauflösbar miteinander verbunden.“ Wohl wahr, denn vor der Erkenntnis steht immer die akustische Wahrnehmung. So verhelfen Hörakustiker Menschen zu einer zweiten Chance, zu einer nochmaligen aktiven Teilhabe am Leben. Was viele Hörakustiker darüber hinaus an ihrem Beruf schätzen, ist die Tatsache, dass sie nicht nur Lösungen für, sondern auch stets mit den Menschen finden (müssen). Immerhin ist der Hörsinn so individuell wie jeder Fingerabdruck einmalig. „Hörsysteme sind keine Massenprodukte“, weist Jürgen Matthies auf einen wichtigen Punkt, „jedes einzelne muss am Patienten individuell angepasst werden.“ Das ist ein wichtiger Unterschied etwa zum Beruf des Zahntechnikers. Der hat in aller Regel keinen Kontakt zum Kunden, sondern fertigt nach dem Abdruck und den Vorgaben des Zahnarztes fernab im Labor.

Medizin, Handwerk und moderne Technik

Die moderne Hörakustik beinhaltet inzwischen viel Elektronik. Erst dadurch gelingt es, den komplexen Hörsinn und die äußerste Präzisionsarbeit, die das Ohr bei der Verarbeitung akustischer Signale leistet, immer besser nachzubilden. Schallsignale können nun digitalisiert und so in der erforderlichen Frequenzdichte auf verschiedene Kanäle verteilt werden. Dadurch wird es möglich, die Ausfälle im individuellen Hörprofil des Kunden optimal zu kompensieren. Inzwischen besitzen zahlreiche Hörsysteme bereits eine Bluetooth-Schnittstelle. Das erlaubt eine direkte Verbindung mit Radio, Fernsehen und Telefon. Zugleich können die Einstellungen des Hörsystems damit über ein iPhone angesteuert und den umgebungsabhängigen Geräuschkulissen angepasst werden. Hörakustiker sollten deshalb keine Berührungsängste gegenüber diesen neuen Techniken haben, in denen der Physik eine besondere Bedeutung zukommt.

Hörakustikerin beim Fräsen (Foto: Bundesinnung der Hörgeräteakustiker/Sascha Gramann)

Hörakustikerin beim Fräsen (Foto: Bundesinnung der Hörgeräteakustiker/Sascha Gramann)

Freilich ist der Beruf des Hörakustikers auch Handwerk und bedarf einer entsprechenden feinwerktechnischen Geschicklichkeit. Etwa wenn nach der Ermittlung der persönlichen Hörgewohnheiten, des individuellen Hörbedarfs sowie der Erstellung eines Ton- und Sprachaudiogramms die Ohrpassstücke beziehungsweise die Schalen für Im-Ohr-Geräte, die sogenannten Otoplastiken, anzufertigen sind. Dafür nimmt der Hörakustiker als erstes mit einer halbviskosen Masse eine Abformung des Gehörgangs in 3D. Mit dessen Hilfe werden die Negativform und anschließend die Otoplastik gegossen. Oft aber ist eine nachbearbeitende Anpassung erforderlich, müssen hier oder da noch einige Millimeter für den perfekten Sitz abgefräst werden – mit absoluter Genauigkeit. Denn  nur die richtige Passform gewährleistet eine optimale Schallübertragung ebenso wie den vom Kunden gewünschten hohen Tragekomfort.

Einfühlungsvermögen und Beratungskompetenz

Breite handwerklich-technische Fertigkeiten sind im Beruf des Hörakustikers jedoch nur die Pflicht. Die Kür sind Einfühlungsvermögen, dazu die Fähigkeit, dem Kunden die medizinisch beste Lösung verständlich und zugewandt kommunizieren zu können. „Das Handwerkliche ist erlernbar“, formuliert es Sonja König, „die Kontaktfreude allerdings muss jemand schon mitbringen.“ Weil die Kundenfrequenz bei Hörakustikern hoch ist, erhält genau diese Begabung eine ganz besondere Bedeutung. Schon bei einer Neuanfertigung sind drei Termine die Regel. Darüber hinaus gilt es in Abständen, die Ohrpassstücke zu reinigen, die Batterien und bei Hinter-dem-Ohr-Geräten auch den Schallschlauch zu wechseln, gegebenenfalls die Otoplastik nachzubearbeiten oder komplett zu erneuern, das Gerät bei Bedarf akustisch neu zu justieren. „Als Hörakustiker hat man engen Kontakt zu seinen Kunden, die man über das Jahr verteilt immer wieder einmal betreut“, weiß Sonja König. Tatsächlich sind Hörsysteme überaus beratungsintensive medizinische Hilfsmittel.

Studenten der Hörtechnik und Audiologie der Jade-Hochschule Oldenburg bei einer praktischen Übung (Foto: Jade-Hochschule Oldenburg)

Studenten der Hörtechnik und Audiologie der Jade-Hochschule Oldenburg bei einer praktischen Übung (Foto: Jade-Hochschule Oldenburg)

Das beginnt bereits bei der Geräteauswahl. Kann es ein Hinter-dem-Ohr-Gerät sein? Bevorzugt der Kunde stattdessen ein Im-Ohr-Gerät? Oder muss es wegen der medizinischen Diagnose sogar ein Knochenleitungshörsystem sein? Jürgen Matthies weist auf zwei weitere Punkte, über die sich jeder Berufswähler möglichst noch vor der Bewerbung Klarheit verschaffen sollte. „Gerade für Berufsanfänger ist der Altersabstand zu den Kunden oft groß“, weist er auf den ersten hin. Zwar gäbe es auch hörbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche, in der überwiegenden Mehrzahl aber bestehe die Kundschaft aus älteren Menschen. „Damit muss man ohne Ängste umgehen können“, formuliert er seine langjährigen Erfahrungen. Der zweite Aspekt ist die Arbeitszeit. Die reicht, wie im Einzelhandel üblich, bis in die Abendstunden, schließt die Samstage mit ein und ist deshalb ebenso wenig familienfreundlich wie freizeitkompatibel.

Aufstieg zum Meister

Bleibt eine letzte persönliche Voraussetzung für diesen Beruf. Die heißt Selbstbewusstsein – dem Kunden gegenüber, aber auch mit Blick auf den behandelnden Arzt. Der muss am Ende schließlich das angefertigte Hörsystem medizinisch abnehmen und für zweckmäßig befinden. Da verwundert es nicht, dass jeder zweite Hörakustiker-Azubi über das Abitur verfügt und viele Ausbildungsbetriebe auch Studienabbrechern aufgeschlossen gegenüberstehen. Es sind vor allem ihre größere Lebenserfahrung, ihre umfangreicheren Sozialkompetenzen sowie der souveräne Umgang mit Kunden, die sie für Ausbildungsbetriebe interessant machen. „Wir haben Azubis in einem Alter von 16 bis 40 Jahren“, bestätigt die Ausbildungsleiterin Sonja König. Der Berufsschulunterricht findet übrigens für alle bundesdeutschen Azubis in Blockform im brancheneigenen Bildungszentrum Lübeck statt. Wie es nach der Ausbildung weitergehen kann? Natürlich mit der Meisterprüfung. Bei KIND Hörgeräte stehen 1.000 Gesellen knapp 600 Meister gegenüber, meist in der Funktion eines Betriebsleiters. Genauso handhabt es Jürgen Matthies in seinen fünf Geschäften.

Auch manche Kinder benötigen ein Hörsystem (Foto: Bundesinnung der Hörgeräteakustiker/Sascha Gramann)

Auch manche Kinder benötigen ein Hörsystem (Foto: Bundesinnung der Hörgeräteakustiker/Sascha Gramann)

Der Sprung in die Selbständigkeit will indessen verantwortlich überlegt sein. Die betriebswirtschaftlich ergiebigen Standorte sind meistens schon besetzt. Hinzu kommt, dass eine zunehmende Zahl von Betrieben inzwischen zweispartig geführt wird und damit auch dem Hörakustiker eine Doppelqualifikation abverlangt. „Etwa jeder sechste Betrieb“, schätzt Jürgen Matthies, „bietet gleichzeitig augenoptische und hörsystemakustische Dienstleistungen an.“ So wie er selbst. Matthies ist im Besitz beider Meisterbriefe, des Augenoptiker- wie des Hörakustikerhandwerks. Auch die großen bundesweit agierenden Augenoptiker-Ketten beginnen, dieses Geschäftsmodell für sich zu entdecken. Wer statt der Meisterprüfung eine fachliche Spezialisierung bevorzugt, findet sie in der Funktion des Pädakustikers. Über entsprechende Fortbildungen erwerben Hörakustiker eine besondere Handlungskompetenz für Kinder. Spezialisierungen sind aber auch für die Tinnitus-Versorgung sowie die Nachsorge für elektronische Hörprothesen (Cochlea Implantate) möglich. In einem Filialunternehmen wie KIND Hörgeräte bieten sich darüber hinaus Funktionen in der Zentrale als Produktmanager, Referent oder Coach an.

Ein Studium für die Forschung

Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb des Handwerks finden sich kaum. In den Hörsystem produzierenden Unternehmen ist die Nachfrage bislang eher gering. So beschäftigt KIND Hörgeräte in seinem Fertigungswerk im thüringischen Kölleda nach Auskunft Sonja Königs Königs eher feinwerktechnisch ausgebildete Quereinsteiger wie z.B. Elektroniker, Zahntechniker, Goldschmiede und andere als Hörakustiker. Bleiben an den Fachhochschulen in Lübeck, Aalen und Oldenburg Studienmöglichkeiten wie Hörakustik, Augenoptik und Hörakustik sowie Hörtechnik und Audiologie. Die Absolventen kehren nach dem Bachelor- oder Masterabschluss nur in Ausnahmefällen ins Handwerk zurück. Das Ausbildungsprofil führt eher in die Forschung und Entwicklung der Hörsystemehersteller, in die akustische Planung und Optimierung öffentlicher Räume wie Konzerthallen und Theatern oder in die Unterhaltungselektronik, gar nicht so selten auch in den Automobilbau. Die Aufgaben unterscheiden sich kaum. Hier wie dort ist das Ziel, alle Töne hörbar zu machen und für einen guten Klang zu sorgen.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 01.04.2016)

Berufstätige: über 14.000 (Angaben der Bundesinnung für Hörgeräteakustiker).
Auszubildende: ca. 3.000 (Quelle: Bundesinnung für Hörgeräteakustiker). Davon befinden sich 1.228 Auszubildende im ersten Ausbildungsjahr. Im Übrigen sind:

  • männlich: 1.200 (40%)
  • weiblich: 1.800 (60%).

Bildungsabschlüsse der Auszubildenden:

  • Abitur: 46%
  • Mittlerer Bildungsabschluss: 45%
  • Hauptschulabschluss: 8%.

Fachbetriebe: ca. 6.000 (Angaben der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker). Die Zahl der Ausbildungsstätten beträgt 2.067 (Quelle: Zentralverband des Deutschen Handwerks).
Einkommen:

  • Berufsanfänger: ca. 1.750 €
  • Meister/Betriebsleiter: 2.990 €
  • Auszubildende: 450 € (1. Lehrjahr), 550 € (2. Lehrjahr), 650 € (3. Lehrjahr)

Studienmöglichkeiten:

  • Hochschule Aalen: Augenoptik und Hörakustik (B.Sc. und M.Sc.)
  • Fachhochschule Lübeck: Hörakustik (B.Sc; ein Masterstudiegang mit dem Abschluss M.Sc ist geplant)
  • Jade Hochschule Oldenburg: Hörtechnik und Audiologie (BEng)
  • Carl von Ossietzky Universität Oldenburg: Hörtechnik und Audiologie (MSc)

Weiterführende Informationen: https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index?path=null/kurzbeschreibung&dkz=2973

 

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