Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig – Das kulturelle Herkommen bewahren

Von Hans-Martin Barthold | 15. Februar 2017

Haupteingang des Herzog Anton Ulrich-Museums (Foto: Claus Cordes/Wikipedia)

Haupteingang des Herzog Anton Ulrich-Museums (Foto: Claus Cordes/Wikipedia)

Muße ist für Mitarbeiter in Museen ein rares Gut. Das Braunschweiger Herzog Anton Ulrich-Museum (HAUM) macht da keine Ausnahme. Während die Schar der Beschäftigten überschaubar (geworden) ist, wächst die Zahl der Ausstellungen, Projekte und Termine beständig. Es sind gegenwärtig nicht mehr als siebzig Mitarbeiter, die unter der Leitung von Jochen Luckhardt den Betrieb eines der ältesten Kunstmuseen Europas am Laufen halten. Davon sind vierzig fest angestellt, dreißig verfügen nur über befristete oder Projektverträge. Zwar besitzt das Herzog Anton Ulrich-Museum Bestandschutz. Der Erhalt von Kunst und Kultur genießt in Niedersachsen immerhin Verfassungsrang. Das verpflichtet die Landesregierung zum finanziellen Unterhalt des Museums. Doch wissen Luckhardt und seine Mitarbeiter, dass solche Privilegien nicht in Stein gemeißelt sind. Museen müssen bei ihren Geldgebern und in der Öffentlichkeit Widerhall auslösen. Andernfalls geraten sie schnell in die Gefahr, zuerst den ideellen Rückhalt und anschließend die materielle Daseinsgrundlage zu verlieren.

Freilich greift es zu kurz, den hohen Einsatz der Braunschweiger Museumsleute nur auf das eigene berufliche Überleben reduzieren zu wollen. Nein, es ist viel mehr. Ihre Liebe zum Arbeitsort Museum und ihren Berufen gründet ebenso in persönlicher Überzeugung wie einer überdurchschnittlichen fachlichen Motivation. „Immerhin bewahren wir das kulturelle Herkommen unserer Gesellschaft“, formuliert es Jochen Luckhardt selbstbewusst. Und in der Tat weiß kaum einer so gut wie er, dass Kunstwerke nicht nur Geschichten und Geschichtchen, sondern vor allem Geschichte erzählen. Neben ihrer künstlerischen Provenienz sind sie auch Ausdruck des Lebensbewusstseins einer bestimmten Epoche und damit ein Dokument der Zeit- und Sozialgeschichte. Diesen Schatz der Erkenntnis nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sammeln, bewahren, dokumentieren und forschen die Mitarbeiter des HAUM, stellen sie aus und tragen diese Botschaften in die Öffentlichkeit. Ihr Auftrag ist mithin ein Bildungsauftrag.

Ein Museum als Dienstleister

Jochen Luckhardt - Der Chef des Herzog Anton Ulrich-Museums (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

Jochen Luckhardt – Der Chef des Herzog Anton Ulrich-Museums (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

Das Herzog Anton Ulrich-Museum wurde 1754 als „Kunst- und Naturaliencabinett“ eröffnet. Heute beherbergt es eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen alter Meister, die größte Sammlung italienischer Majolika-Keramik nördlich der Alpen, über 200 Exemplare französischer Emailmalerei, dazu eine beachtliche Kollektion ostasiatischer Kunstwerke. Es mag vielleicht Zeiten gegeben haben, wo es den Museen reichte, ihre Türen aufzusperren und die Menschen strömten in Massen. Genauso wie die Geldbörsen der Mäzene selbst dann noch weit geöffnet blieben, wenn sich die wenigen Besucher in den Ausstellungshallen an den Fingern einer Hand abzählen ließen. Vielleicht aber sind das alles auch nur Legenden. So oder so hat sie die Sicht der Außenstehenden auf das Museum als Arbeitsort geprägt. Weit verbreitet ist die Meinung, für eine Berufstätigkeit im Museum reichten eine gute Erziehung, Kunstinteresse, Intelligenz sowie eine solide akademische Bildung. Das Museum also eine Fluchtburg für Menschen, die zu sensibel sind für einen Job im Vertrieb und zu wenig durchsetzungsstark für eine Karriere als Lehrer?

Jochen Luckhardt weiß es besser. Seit 1990 ist er Chef des Herzog Anton Ulrich-Museums. „Die aktuelle Wirklichkeit“, sagt er, „ist eine andere. Heute müssen wir zu den Menschen gehen, sie einladen, sie begeistern, mit ihnen in einen Dialog treten, möglichst in aller Munde sein.“ Das Herzog Anton Ulrich-Museum hat deshalb seine Organisationsstrukturen entsprechend modernisiert. Früher übernahm einer der Kuratoren die Öffentlichkeitsarbeit zusätzlich zu seinen sonstigen Aufgaben. Heute kümmern sich fünf Mitarbeiter, das sind eine Historikerin, eine Kunsthistorikerin, eine Assistentin und zwei Volontärinnen, hauptberuflich um die Kommunikation nach draußen. Jochen Luckhardt lässt an der Bedeutung ihrer Aufgabe keinen Zweifel. „Das Museum für alle gibt es nicht mehr. Wir sind ein Museum für viele. Und diese unterschiedlichen Zielgruppen versuchen wir, mit hohem Aufwand zu erreichen.“ Immer wieder aufs Neue. Dafür nutzen die Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit inzwischen alle Informationskanäle, von Printprodukten bis zu Social Media.

Museumspädagogik als Teil der Öffentlichkeitsarbeit

Thomas Döring führt mit dem Kupferstichkabinett die größte graphische Sammlung der Welt (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

Thomas Döring führt mit dem Kupferstichkabinett die größte graphische Sammlung der Welt (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

Aber nicht nur die Verantwortlichen für die Öffentlichkeitsarbeit suchen den Kontakt nach draußen. Mit Hilfe zweier Museumspädagogen, auch sie studierte Kunsthistoriker, wollen die Braunschweiger Museumsleute vor allem Kinder und Jugendliche frühzeitig mit ihrem Haus und seinen kulturellen Schätzen in Kontakt bringen. Dabei streben sie stets eine Kombination von Unterricht und Kunstpraxis an. Der passive Kunstgenuss, das wissen die Macher in Braunschweig, ist besonders in dieser Altersgruppe schon seit langem out. Selbst aktiv werden dürfen, heißt die moderne Botschaft. Gleichwohl halten die Museumspädagogen an der Beschäftigung mit Originalkunstwerken fest. Aber auch sonst ist man im HAUM auf der Höhe der Zeit. Die Digitalisierung der Bestände ist bereits weit fortgeschritten. Die Werke der Gemäldegalerie können inzwischen ebenso wie die Bestände des Kupferstichkabinetts online eingesehen werden. Beides in einer Bildqualität, „die es dem Betrachter erlaubt, die Linienkunst von Meistern wie Dürer und Cranach gewissermaßen ‚unter der Lupe‘ zu studieren“, drückt es der Leiter des Kupferstichkabinetts Thomas Döring aus.

Kunsthistoriker mit dem Arbeitsziel Museum sollten sich angesichts dieser Entwicklungen bereits frühzeitig um solide informationstechnische Grundkenntnisse bemühen. In der kunsthistorischen Spezialbibliothek des HAUM und für deren Leiterin, eine diplomierte Bibliothekarin, gehört das indessen schon seit langem zu den beruflichen Basics. Mehr als 75.000 Bände sind den Mitarbeitern sowie der wissenschaftlich interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Die sind fachlich natürlich an den Sammlungsschwerpunkten des Museums ausgerichtet. Jährlich kommen rund 1.000 neue Medieneinheiten hinzu. Diesen Fundus nutzen Jochen Luckhardt, Thomas Döring und der Leiter des Münzkabinetts, Wolfgang Leschhorn, besonders intensiv. Alle drei besitzen die Venia Legendi, sind also Hochschulprofessoren. Jochen Luckhardt lehrt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Thomas Döring an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Wolfgang Leschhorn an der Technischen Universität Braunschweig.

Mit den Augen der Besucher sehen

Kunst auf Papier (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

Kunst auf Papier (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

So präsentiert sich das Herzog Anton Ulrich-Museum auch als Kompetenzzentrum für die kunstgeschichtliche Forschung. Seine Schwerpunkte sind das Mittelalter und die Frühe Neuzeit. Alle fünf wissenschaftlichen Abteilungsleiter sind promoviert. 17 Kunsthistoriker beschäftigt das HAUM insgesamt.  Ähnlich wie die Forscher in den Natur- und Technikwissenschaften müssen sie ihre Forschungsaktivitäten mit den Interessen der Besucher in Einklang bringen. „Wir dürfen uns deshalb“, beschreibt es Thomas Döring, „einem Sachverhalt niemals nur mikroskopisch nähern.“ Die Promotion als Ausdruck wissenschaftlicher Exzellenz und die Bereitschaft zum kundenorientierten Service sind deshalb die zentralen Voraussetzungen für eine Bewerbung als Volontär. Das Volontariat ist die Ausbildung zum Kurator. Dauer: zwei Jahre. Freilich ist selbst bei besten Ergebnissen eine anschließende Übernahme nicht gesichert. Oft kann Jochen Luckhardt zunächst nur Projekt- oder Werkverträge anbieten. Da die Kuratoren häufig auf bestimmte Regionen spezialisiert sind, avancieren gute Fremdsprachenkenntnisse zu einem weiteren Pluspunkt.

Da hilft bloß eines: der Wille zum Durchhalten. Das gilt auch für die sechs Restauratoren, die durch ein Fachhochschulstudium berufstypisch hoch spezialisiert sind. Auf das Restaurieren von Gemälden, Möbeln/Holz und Lacke, Papier, Textil oder, wie Ine Schuurmans, auf Keramik. Die Belgierin ist das Küken im Team. Ihr Weg kann als typisch für den Werdegang von Restauratoren gelten. Das Studium der Kunstgeschichte war ihr zu theoretisch. „Es fehlte mir die praktische Anwendung“, erklärt sie ihre Entscheidung, nach dem Studienabschluss einen anderen Weg einzuschlagen. Sie blieb zwar in Antwerpen, wechselte aber von der Universität an die Hogeschool und von der Kunstgeschichte zur Konservierung und Restauration. Nach dem Masterabschluss ging sie für ein Praktikum zunächst nach Frankfurt, bewarb sich dann in Braunschweig um ein Volontariat, wurde eingestellt und noch vor dessen Abschluss für die Neueinrichtung der Dauerausstellung als Projektmitarbeiterin übernommen. Sie fühlt sich wohl in der niedersächsischen Provinz, mehr noch auf ihrem Arbeitsplatz. „Das Material Keramik fasziniert mich schon seit Schülerzeiten“, sagt sie und ihre Augen strahlen.

Den Blick immer zwei Schritt voraus

Auch die Befestigung der Exponate gehört zu den Aufgaben der Restauratorin Ine Schuurmans (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

Auch die Befestigung der Exponate gehört zu den Aufgaben der Restauratorin Ine Schuurmans (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

Gute Restauratoren zeichnen sich nicht lediglich durch geschickte Fingerfertigkeiten aus, so wichtig die sind. Gute Restauratoren wissen, was hinter den Kunstwerken steht, oder können es im Dialog mit den Kuratoren doch schnell in allen Details erfassen. „In einem Museum wie dem unseren muss man sehr systematisch und mit einem weiten Blick voraus arbeiten“, weist Thomas Döring auf eine weitere wichtige berufliche Voraussetzung für alle wissenschaftlichen Mitarbeiter hin. Spontane und vom Bauchgefühl geleitete Problemlösungsmuster werden den historischen Arbeitsgegenständen indessen nicht gerecht. Gleichwohl gilt aber auch, was Thomas Döring eingängig so formuliert. „Trotz des unbedingten Forschungsinteresses benötigen wir auch ein gerüttelt Maß an Pragmatismus.“ Soll heißen, die Fachleute für die schönen Künste sollten keine Berührungsängste gegenüber Tischlern, Elektronikern oder Informatikern haben. Sie sollten erklären können, weshalb der Schließmechanismus einer Tür so und nicht anders funktionieren muss. Nämlich so, dass weder das Raumklima zusammenbricht noch sich die Besucher durch lautes Klappern gestört fühlen.

Darüber hinaus wird auf allen Ebenen Organisationsfähigkeit verlangt. Genauso wie die Fähigkeit, mit immer wieder wechselnden Mitarbeitern schnell zu Zielvereinbarungen und guten Arbeitsergebnissen zu gelangen. Museumsarbeit ist vor allem Projektarbeit. Thomas Döring etwa, dessen Kupferstichkabinett eine der weltweit größten graphischen Sammlungen ist, trägt momentan Verantwortung für 15 Mitarbeiter. Aber nur drei, davon zwei Halbtagskräfte und eine Volontärin sind fest angestellt. Die zwölf anderen finanziert er über Drittmittel. Das Einwerben dieser Gelder ist ein schwieriges Geschäft. Am Anfang steht die Projektidee, aus der ein Konzept werden muss. Dann gilt es, das Projekt mit einem Stellenraster zu hinterlegen. Das bestimmt den Kostenrahmen. Erst dann können die Anträge geschrieben werden und kann Döring sich auf die Suche nach Sponsoren machen. Nur wenn er mit deren Augen auf sein Projekt schaut, es entsprechend erklärt und sich nicht im Elfenbeinturm der Kunstgeschichte einschließt, wird er erfolgreich sein.

Bestandskenntnisse und Sponsorenerfahrungen

Studiensaal des Kupferstichkabinetts (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

Studiensaal des Kupferstichkabinetts (Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum)

Welche Berufe finden sich noch im Herzog Anton Ulrich-Museum? Zuerst für die Digitalisierung der Bestände und die Pflege der einschlägigen Datenbanken ein Fotograf und eine Fotolaborantin. Bleibt das Management mit den klassischen Ressorts Haushalts- und Rechnungswesen, Innerer Dienstbetrieb, Sicherheit und Haustechnik sowie Personal. An der Spitze steht eine Verwaltungsjuristin, der von Beamten des gehobenen Landesdienstes zugearbeitet wird. Die wichtige Haustechnik wird von einem Bauingenieur geleitet. Nicht zu vergessen die Mitarbeiter in der Aufsicht sowie für Besucherführungen. Sie sind für die Besucher das Gesicht des Herzog Anton Ulrich-Museums.  Wohl nur eine Frage der Zeit dürfte es sein, wann die ersten, vorwiegend an Fachhochschulen ausgebildeten Museologen auch im Herzog Anton Ulrich-Museum ankommen werden. „Bei Aufgaben wie der Katalogisierung“, blickt Thomas Döring voraus, „sind sie sehr gut einsetzbar.“

Freilich mangelt es Jochen Luckhardt schon jetzt nicht an Bewerbern. Das Verhältnis bei den Volontariatsstellen liegt gegenwärtig bei 1:50. Viele Interessenten haben allerdings nur geringe Kenntnisse von der Arbeit in einem Museum. Luckhardt überrascht das nicht. Um die Plätze für Studentenpraktika steht nämlich niemand Schlange. Dabei kann man hier gute Einblicke gewinnen und wichtige praktische Erfahrungen sammeln. Den fest angestellten Fachkräften bieten sich interessante Karrieremöglichkeiten – vom Kurator über den Oberkurator bis hin zum Direktor. Aber auch in zeitlich befristeten Projekten und Ausstellungen lässt sich fachliche Exzellenz aufbauen. Bestandskenntnisse, Personal- und Sponsorenerfahrung, sind es vor allem, die zählen. Kooperationen mit anderen Museen sowie ausgewiesene Fachleute für das eine oder andere Projekt zu finden, gelinge schließlich nur, wenn die eigene Reputation genügend groß sei, bedeuten Luckhardt und Döring.

 


Unternehmenssteckbrief
(Stand: 01.12.2016)

Eröffnung: 1754. Von 2009 – 2016 für 35,6 Millionen Euro umgebaut.

Anschrift: Museumsstraße 1, 38100 Braunschweig

Ausstellungsfläche: 4.000 m²

Mitarbeiter: 40 (fest angestellt), 30 (befristet angestellt)

Ausbildungsmöglichkeiten: zweijähriges Volontariat für eine Tätigkeit als Kurator.

Bewerbungen: bei Stellenausschreibungen

Studentenpraktika: ja, Bewerbungen jederzeit möglich

Kontaktmöglichkeiten: unter http://www.3landesmuseen.de/Jobs-Praktika.870.0.html

Internet: http://www.3landesmuseen.de/Herzog-Anton-Ulrich-Museum.304.0.html

Informationen über Studiengänge, zum Volontariat und zu Weiterbildungsmöglichkeiten: www.museumsbund.de/aus_und_weiterbildung

Stellenangebote (bundesweit): www.museumsbund.de/aktuelles/jobboerse

 

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