Heiner Brand – Eine Karriere aus der Macht des Willens

Von Hans-Martin Barthold | 15. August 2013

Heiner Brand (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Heiner Brand (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Sollte es irgendwann noch einmal das Remake des klassischen Western geben, die Rolle des positiven Helden wäre ihm sicher. Groß gewachsen, breite Schultern, muskulöse Arme, kluge, dabei etwas melancholisch blickende Augen, schließlich lässige, doch konzentrierte Bewegungen. Und dann die Hände. Ein lebendes Kunstwerk! Es sind Hände, die schier unüberwindbare Gegensätze vereinen – unbändige Kraft und sensibles Feingefühl. Doch statt einen Colt streichelten die Hände von Heiner Brand einen Ball, waren seine Bühne nicht der staubige Platz vor dem Saloon, sondern die Handballfelder der kleinen und großen Arenen in und außerhalb Deutschlands. Sein „Brand“zeichen über all die Jahre hinweg: der buschige Schnauzbart. Gewandelt hat sich nur dessen Farbe, von schwarz zu grau.

Die Karriere des Heiner Brand ist unerreicht und wird es lange bleiben. Er hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gab – als Spieler wie als Trainer. Nur ein Olympiasieg blieb ihm verwehrt. „Dabei hatte ich die Trainerkarriere nie geplant“, formuliert er mit einem noch immer ebenso ungläubigen wie staunenden Blick zurück. „Sie ergab sich eher zufällig.“ Und währte als Trainer der deutschen Nationalmannschaft dann vierzehn lange Jahre! Ihr Beginn mag tatsächlich ungeplant gewesen sein, der damit verbundene Erfolg anschließend war es nicht. Für den steht die Person Heiner Brand, die sich bei genauem Hinsehen als Symbolfigur für die Macht des Willens erweist. Brand hatte viel Talent in die Wiege gelegt bekommen, gewiss. Ein Zauberer, Magier oder gar Überirdischer aber war er nicht. Er war keiner, der Unmögliches möglich machen konnte, wohl aber einer, der sein und seiner Spieler Potential voll auszuschöpfen wusste. Einer, der bis an die Grenzen seiner eigenen Leistungsfähigkeit und darüber hinaus ging, einer, der später gleichwohl lernte, mit den Grenzen seiner Spieler und seiner Mannschaft umzugehen.

Wenn ein Kleiner groß werden will

Heiner Brand als Spieler: gleich zappelt der Ball im Netz (Foto: unbekannt)

Heiner Brand als Spieler: gleich zappelt der Ball im Netz (Foto: unbekannt)

Wenn Handballbegeisterte auf Heiner Brand zu sprechen kommen, fehlt nie der Hinweis auf sein großes Kämpferherz. Tatsächlich ist seine Prägung durch den Handball unübersehbar. Immerhin kann bei diesem schnellen Spiel durch nachlassende Konzentration noch in den allerletzten Sekunden ein bereits sicher geglaubter Sieg zur Niederlage werden, darf man dem Kampf Mann gegen Mann in keiner Phase des Spiels ausweichen. Brand verinnerlichte das schon in Kindertagen, drehten sich zu Hause doch viele Gespräche um den Handball. Vater Erwin sowie seine zehn beziehungsweise acht Jahre älteren Brüder Klaus und Jochen waren sehr erfolgreiche Spieler, Jochen lange vor ihm auch in der Nationalmannschaft, und die bergische Kleinstadt Gummersbach war eine Handballhochburg.

„Was meine Brüder geschafft hatten, wollte ich auch erreichen“, lässt Brand noch einmal den kleinen sechsjährigen Steppke in ihm lebendig werden, „und es wurde mir schnell klar, das würde ich nicht ohne Anstrengung schaffen.“ So setzte sich der Schüler Heiner Brand Ziele, erst kleine, dann immer größere. Mit viel Stehvermögen ging er seinen Weg Schritt für Schritt. Und hatte am Ende den angestrebten Erfolg. Was nur ganz wenigen zuteil wird, Brand erhielt die Wertschätzung dafür schon zu seiner aktiven Zeit als Trainer. 2007 wurde er in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Selbstbewusst und auf das Ziel konzentriert

Ich erlebe im Gespräch einen Heiner Brand, der selbstbewusst ist, aber nicht arrogant, der keiner Frage ausweicht und nicht um den heißen Brei herumredet, der eine klare Meinung hat zu den Dingen, von denen er etwas versteht. Das hat er als Aktiver so gehalten, wie er es als Übungsleiter beherzigte. Es gab Spieler, Trainer, aber vor allem Funktionäre, die sich an dieser direkten, manchmal vielleicht auch sperrigen Art störten. Wer den ehrgeizigen Handballfachmann Brand wollte, bekam ihn nur so oder gar nicht. Die Klugen nahmen es hin und gewannen mit Brand mehr als sie aufs Spiel setzten, der Deutsche Handballbund nach vielen Jahren des Niedergangs wieder internationale Reputation und die Weltmeisterkrone. Doch konnte nicht jeder der Versuchung widerstehen, später nachzutreten. Heiner Brand hat das verletzt, weniger die andere Meinung als der fehlende Mut seiner Gegenüber zur Auseinandersetzung von Angesicht zu Angesicht. Doch wäre das Bild unvollständig ohne den Schweiger Heiner Brand. Der immer dann stumm bleibt, wenn es um Sachverhalte geht, die außerhalb seiner Profession liegen. So etwa zögerte er 2009 lange, ob er die Nominierung zum Wahlmann für die Bundespräsidentenwahl annehmen sollte.

Heiner Brand: wird es gut gehen? (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Heiner Brand: wird es gut gehen? (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Angesprochen auf die Menschen, die ihn besonders prägten, nennt Brand die Trainer Petre Ivanescu (VfL Gummersbach) und Vlado Stenzel (Nationalmannschaft). „Ivanescu war streng“, erinnert sich der Mann mit dem markanten Schnauzbart, „aber er hatte bei aller Härte immer einen klaren Weg.“ Da trafen offensichtlich zwei verwandte Seelen aufeinander. „Es ging immer um die Sache, auch wenn wir uns manchmal richtig gefetzt haben“, erinnert sich Brand dieser Zeit. Was er lernte? Sich durch nichts vom Ziel abbringen zu lassen, das Ziel aber immer wieder zu überprüfen und wenn nötig, neu zu justieren.

Volle Konzentration aufs Teamplay

Der andere, Vlado Stenzel, lehrte ihn das Teambulding. Dass eine erfolgreiche Mannschaft Hierarchien benötigt, dass die Kunst des Trainers vor allem darin besteht, den richtigen Mann auf die richtige Position zu stellen – sportlich wie charakterlich. Für den Spieler Brand war das der zentrale Rückraum, dort wo der „Laden“ mit Übersicht und Mut zusammenzuhalten ist, wo man ein Spiel „lesen“ können muss, das Spiel des Gegners wie das der eigenen Mannschaft. Wo man gedanklich immer schon seinen Händen einen Schritt voraus sein muss. Wo Räume zuzustellen sind, damit es für den Gegner kein Durchkommen gibt. Wo es gilt, Mitspieler so in Szene zu setzen, dass sie Tore erzielen können – und man ihnen trotz des eigenen genialen Anspiels den Beifall der Halle nicht neidet. Das alles beherrschte Heiner Barnd wie kaum einer sonst.

Spiele „lesen“ konnte Brand freilich auch auf anderen Feldern, oft lange bevor die negativen Folgen auch den Heißluftschwätzern und Unbekümmerten auf die Füße fielen. Etwa wenn es um die Nachwuchsarbeit der Bundesligavereine oder die fehlende Strategie für die Nationalmannschaft als Aushängeschild des deutschen Handballs, zuletzt auch personelle Entscheidungen im Verband ging. Die, die ihn nicht verstanden, oft wohl auch nicht verstehen wollten, gaben ihm gerne das Image des Hitzkopfes, bewusst und mit Hintersinn. Dabei ist trotz aller zum Sport dazugehörigen Emotionen kaum einer so kontrolliert wie Brand, so leidenschaftlich sachlich. Als Spieler, aber auch als Trainer hat man ihn selten zornig, gar gefühlsmäßig außer Kontrolle gesehen. Heiner Brand ist nicht Jürgen Klopp. Ein einziges Mal nur vergaß er die Welt um sich herum, als er bei der Weltmeisterschaft 2009 in einem Spiel denkwürdiger Fehlentscheidungen nach Spielschluss in ohnmächtiger Wut auf den slowenischen Schiedsrichter zustürmte und ihn seiner erbärmlichen Leistung zieh. Wenig später beschäftigten sich in Deutschland und anderen Ländern Sport- und Zivilgerichte mit Spielmanipulationen unter Beteiligung auch von Männern in Schwarz.

Über die eigene Stiefelspitze hinausschauen

Heiner Brand als Nationalmannschaftstrainer: ein Energiebündel (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Heiner Brand als Nationalmannschaftstrainer: ein Energiebündel (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Viele hätten ob solch eines Erlebnisses hingeworfen. Immerhin bedeutete es das frühe Ausscheiden aus dem Turnier, war es verbunden mit vielen unangenehmen Fragen von Berufenen und Unberufenen bei der Rückkehr nach Deutschland. Nicht so Brand. Er war Handballspieler, Mannschaftssportler also. Da weiß man um die Notwendigkeit von Kompromissen, wenn man zum Ziel kommen will, genau so wie um die Erkenntnis, dass der Erfolg eines langen Atems bedarf. So schnell gibt ein Mann wie Brand nicht auf. Mehr noch wollte er der Verantwortung, die er für Mannschaft und Trainerstab trug, nicht davon laufen. Er hatte sein Wort bis 2013 gegeben. Nein, die tiefe Enttäuschung über so viel Unsportlichkeit machte er ganz allein mit sich aus. Jammern, Selbstmitleid und faule Ausreden, womöglich noch in den Medien ausgebreitet, sind Heiner Brands Sache nicht. Seine Devise lautet stattdessen: noch konzentrierter vorbereiten, noch weniger Fehler machen, noch besser werden. In Hinterzimmern netzwerken müssen nur die Schwächlinge.

Schon als langjähriger Führungsspieler lernte Brand, Probleme stets von mehreren Seiten zu betrachten – aus der Perspektive des Spielers, des Trainers genauso wie aus der der sogenannten Offiziellen. „Ich fühlte mich immer dem Handball als Ganzem verpflichtet“, war es, was ihn dabei leitete. Und deshalb drückte er sich nie vor einer klaren Stellungnahme, mal für den einen, mal für den anderen, je nachdem, wie er es fachlich für geboten hielt. Macht in Händen zu haben, war ihm Verpflichtung zur Fairness gegenüber denen, für die er Verantwortung trug, nie aber Chance, sich selbst einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Den Kompass auch für unübersichtliche Situationen hatten ihm die Eltern mit auf den Weg gegeben: Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Bodenhaftung, Toleranz. Noch heute erinnert sich Brand mit einem anerkennenden Schmunzeln an die Konsequenz seiner Mutter. Sie entsorgte ohne Zögern alle Bierkrüge, die ihr dritter Sohn von weiten Reisen mitbrachte und von denen sie ahnte, dass er sie, wie unter jungen Leuten damals üblich, ohne Absprache mit dem Wirt über ein paar Lagen Bier als irgendwie schon mitbezahlt glaubte. Brand verstand das Signal auch ohne viele Worte.

Es geht um die Menschen

Heute ist Heiner Brand in zahlreichen Unternehmen ein oft und gern gesehener Redner zu Themen wie Teammanagement, Teambuildung oder Umgang mit Kritik. „Im Handball zählen die gleichen Dinge wie im Arbeitsleben“, ist er überzeugt. In beiden Bereichen gehe es vor allem um den Umgang mit Menschen und würden oft Kleinigkeiten über Sieg oder Misserfolg entscheiden. „Auch die Ersatzspieler müssen das Gefühl haben, zur Mannschaft zu gehören, ein wichtiger und unverzichtbarer Teil von ihr zu sein.“ Wenn jemand eine Minute vor Schluss eingewechselt werde, brauche er den unbedingten Willen, das Siegtor werfen zu wollen, und dürfe nicht missmutig über seinen erst späten Einsatz gesenkten Kopfes über das Feld schleichen. Bei Auszeiten sollten die Ersatzspieler ihren Mannschaftskollegen auf dem Feld zeigen, dass sie alle eine verschworene Gemeinschaft seien. Brand freut sich, dass diese Werte wieder neu entdeckt werden – im Sport und im Arbeitsleben.

Heiner Brand vor großem Publikum: Werte vermitteln (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Heiner Brand vor großem Publikum: Werte vermitteln (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Freilich weiß keiner so gut wie Heiner Brand, dass dies nur auf dem Boden ebenso ehrlicher wie authentischer Kommunikation gedeiht und dass es dazu der Größe bedarf, anderen die Freiräume zuzugestehen, die Menschen für ihre Entwicklung benötigen. Das hat er als Spieler genauso gehalten wie als Trainer und Vater. Anders formuliert, der Handballfachmann Brand wusste ebenso um seine Grenzen wie der Mensch Brand. Die persönliche Unversehrtheit anderer, darüber ließ er nie mit sich diskutieren, stand immer und steht noch heute über dem Erfolg. Dafür hat er es auch akzeptiert, von manchem als knorrig abgetan zu werden. Die mit der Informationsschnelligkeit einhergehende Oberflächlichkeit, die Gier nach der reißerischsten Schlagzeile, die Ohnmacht, in einem solchen Umfeld komplexe Sachverhalte nicht mehr ausreichend erklären zu können, sieht er mit Unbehagen. „Nicht jede Niederlage ist eine Pleite, ein dritter Platz keine Katastrophe“, wirbt er um Sachlichkeit. Und hat die Hoffnung auf Besserung nicht aufgegeben. „Auch in den Unternehmen beginnt man inzwischen wieder zunehmend, die Ressource Mitarbeiter nicht mehr nur als Kostenfaktor, sondern in all ihren Bezügen wahrzunehmen“, beobachtet er.

Ein ganz Großer mit Bodenhaftung

Heiner Brand weiß freilich auch um die Kehrseite des Erfolgs. Die heißt Selbstdisziplin, Konzentration, Verzicht, Demut und Beharrlichkeit. Ein Sportler müsse im täglichen Training immer wieder neu bereit sein, ans Limit zu gehen, auch wenn es mühselig sei. „Dann aber wird er gerade in einer Mannschaftssportart wie dem Handball die Erfahrung machen, dass man sogar bei der härtesten Vorbereitung viel Spaß und Freude miteinander haben kann“, weiß Brand auch um das damit verbundene Glücksempfinden. Ein Leistungssportler müsse sich voll und ganz auf sein Ziel konzentrieren, und das sei nun mal der Erfolg. Brand erinnert sich Situationen, wo ihm das alles abverlangte. So als sein Mannschaftskamerad Joachim Deckarm nach einem Zusammenprall mit seinem Gegenspieler mit schwersten Kopfverletzungen auf dem Hallenboden liegen blieb und erst am 131. Tag wieder aus dem Koma erwachte. „Diese Gefahr hat man viele Spiele vor Augen“, erinnert er sich, „und das lässt dich die entscheidenden zwei Zehntelsekunden zu spät reagieren.“ Brand schaffte irgendwann wieder beides, die erneute volle Konzentration aufs Spiel und die bis heute bleibende Fürsorge für seinen ehemaligen Mannschaftskameraden. Brand ist seit vielen Jahren Mitglied im Verwaltungsausschuss des Deckarm-Fonds.

Heiner Brand als Redner: die Zukunft fest im Blick (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Heiner Brand als Redner: die Zukunft fest im Blick (Foto: Maxplay/DHM Sportsmarketing)

Ein stabiles soziales Umfeld erleichtert das Leben eines Spitzensportlers. Brand wechselte nie den Verein, sein Lebensmittelpunkt blieb bis heute Gummersbach, seine Frau war ihm unersetzlicher Rückhalt in guten wie in schlechten Tagen. Wichtig sei schließlich eine solide Berufsausbildung, empfiehlt er den jungen Nachwuchsspielern. Brand selbst schloss noch während seiner aktiven Zeit ein Studium der Betriebswirtschaft ab und führte später eine Versicherungsagentur. Sein Berufswunsch Steuer- und Wirtschaftsberater fiel allerdings dem Job als Nationalmannschaftstrainer zum Opfer.

Ich habe eine letzte Frage. Welches waren die wichtigsten Dinge in seiner Karriere? Titel und Siege als sichtbarer Ausdruck von Können und Fleiß, formuliert Brand ohne Zögern. Nach einer kurzen Pause macht er allerdings einen Zusatz. Wichtiger noch seien die Menschen gewesen, denen er in all den Jahren begegnen und von denen er lernen durfte. Ich verabschiede mich von einem Mann, der eins wurde mit seinem Weg. Einem Weg, der Höhen und Tiefen, Aufstiege, Gipfel und Abstiege kannte. Ich verabschiede mich von einem Mann, der die Gewissheit verbreitet, etwas (mit)gestaltet haben zu dürfen, einem Mann, der mit sich im Reinen ist – und der um das Glück weiß, das ihn begleitete.

 


Weiterführende Informationen
Homepage Heiner Brand: www.heiner-brand.de

 

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