Hebamme – Die Starthelferinnen

Von HansMartin Barthold | 15. Februar 2018

Hebamme hilft bei der natürlichen Geburt eines Säuglings (Foto: Wikimedia/Graham Richter)

Kaum jemand sonst liebt seinen Beruf so sehr, wie Hebammen es tun. „Den Beginn eines neuen Lebens ohne Komplikationen zu ermöglichen und anschließend das Glück einer Familie eine Zeit lang begleiten zu dürfen“, sagt die langjährig berufserfahrene Hamburger Hebamme Rita Hülsmann, „beschenkt mit einer tiefen Zufriedenheit.“ Das mag für manche Ohren kitschig klingen, doch könnte wohl nichts die Faszination für ihr und ihrer Kolleginnen Tun zutreffender beschreiben als dieser Satz. Auf den ersten Blick scheint damit alles bestens, auch aus der Gesamtschau der Community. Und tatsächlich gab es noch nie so viele Hebammen wie heute. Gut 23.000 sind es nach Angaben des Deutschen Hebammenverbandes (DHV). „Aber dennoch“, weiß Yvonne Bovermann als Beirätin für den Bildungsbereich des Verbandes, „fehlen Hebammen an allen Ecken und Kanten, ist die Nachfrage nach ihnen riesengroß.“ Was ist die Begründung für diesen Widerspruch? Vielleicht doch keine Berufsidylle bei der Geburtsvorbereitung, im Kreißsaal und am Wochenbett?

Auf meine Nachfragen höre ich oft von fehlender Anerkennung, Arbeitsverdichtung, ärztlicher Arroganz, fragilen Beschäftigungsverhältnissen sowie einer eher mäßigen Bezahlung. So finden sich beim zweiten Hinsehen doch dunkle Wolken über dem schönsten Beruf der Welt. Ein Blick auf Zahl und Struktur der Beschäftigten hilft, die Gegensätze dieses Berufes besser zu verstehen. Deutlich mehr als die Hälfte der Hebammen sind nach einer Studie des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) inzwischen freiberuflich tätig oder verbinden die Freiberuflichkeit mit einer Teilzeitanstellung. Nicht fest angestellt, sondern auf eigene Rechnung zu arbeiten, ist für die Frauen aus der Geburtshilfe nichts Unübliches und prägt diesen Beruf schon seit langem. Neu daran ist allerdings die ebenfalls von IGES ermittelte Tatsache, dass noch nicht einmal mehr jede vierte freiberufliche Hebamme auch unter der Geburt tätig wird. Die übrigen beschränken sich auf die Geburtsvorbereitung, Wochenbettbetreuung und nachgeburtliche Kurse für die Ernährungs- und Stillberatung.

Schwieriger Berufsalltag

Vorsorgeuntersuchung einer Schwangeren (Foto: Wikimedia/nih.gov)

Warum aber verabschieden sich so viele freiberufliche Hebammen von dem Teil ihres Berufes, der ihnen das größte Glücksempfinden beschert? Der erste Grund, so lasse ich mir erklären, ist ein finanzieller. Zwar hat sich das Problem exorbitant hoher Prämien für die Berufshaftpflicht inzwischen entschärft. Doch liegen sie mit gut 7.600 Euro pro Jahr noch immer über zwanzig Mal höher als zwei Jahrzehnte zuvor. Gewiss, für andere Freiberufler wie etwa niedergelassene Ärzte ist eine solche Größenordnung keiner Erwähnung wert. Doch selbst wenn Hebammen über den sogenannten Sicherstellungszuschlag Prämienanteile zurückerhalten können (bis zu 5.000 Euro), wird die Brisanz beim Blick auf die Entgelte der freiberuflich tätigen Hebammen schnell deutlich. Immerhin erhalten sie für eine sechs Stunden dauernde Krankenhausgeburt nur 373 Euro. Für eine Geburt im häuslichen Umfeld sind es 638 Euro. Eine Vorsorgeuntersuchung schlägt mit läppischen 31 Euro und ein Wochenbettbesuch mit lediglich 38 Euro zu Buche. Alles wohlgemerkt noch vor Abzug der Steuern.

Jeder Unternehmer würde ob derartiger Preise die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und das Weite suchen. Hebammen bleiben. Die zweite Erklärung für den Exodus freiberuflicher Hebammen aus den Kreißsälen gründet in den Rahmenbedingungen ihrer Arbeit. Schließlich lässt sich der Beginn einer natürlichen Geburt nicht planen. Weshalb freiberuflich tätige Hebammen an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr erreichbar sein müssen. Setzen die Wehen um 1 Uhr in der Nacht ein, heißt es aufstehen und losfahren. Genauso, wenn das Handy während eines Konzertbesuchs oder beim gemeinsamen Frühstück klingelt. Das zehrt an den Kräften. Allzumal dann, wenn man auch noch in der eigenen Familie gebraucht wird. Gar nicht wenige Partnerschaften zerbrechen daran. Die Lösung könnten Gemeinschaftspraxen sein wie die, zu der Rita Hülsmann gehört. Zusammen mit fünf Kolleginnen betreibt sie in Hamburg die Hebammenpraxis am Alsterlauf. Arbeitsspitzen verteilen sich hier auf mehrere Schultern. Das lässt die Belastungen des Berufs leichter ertragen.

Möglichkeit für ganzheitliches Arbeiten

Rita Hülsmann (vorne rechts) mit ihren Kolleginnen von der Hamburger Hebammenpraxis am Alsterlauf (Foto: Hebammenpraxis am Alsterlauf)

Die in den Krankenhäusern fest angestellten Hebammen plagt nicht so sehr die Sorge ums Einkommen, so  wenig attraktiv es auch ist. Es sind vor allem die Arbeitsbedingungen, die ihnen das Leben schwer machen. Wobei der Schichtdienst mit Nacht- und Wochenendarbeit noch das geringste Übel zu sein scheint. Schwerer wiegt, dass die Kliniken wie im Pflegebereich auch in den Kreißsälen das Personal bis an die Schmerzgrenze ausgedünnt haben. Was dazu führt, dass eine Hebamme nicht selten drei, manchmal sogar vier Gebärende gleichzeitig betreuen muss, im ungünstigsten Fall alle schon mit Wehen. Für seelischen Beistand bleibt bei solchen Arbeitsbedingungen dann nur wenig Raum. Und Frauen unter der Geburt wünschen sich gerade von Hebammen beides, die medizinisch kompetente Betreuung ebenso wie eine professionelle emotionale Begleitung. Immer wieder verlassen Hebammen aus diesen Gründen die sichere Anstellung und nehmen das Wagnis der Freiberuflichkeit auf sich.

Was die freiberuflichen Hebammen, jedenfalls die mit dem Angebot für Geburtshilfe, ihren fest angestellten Kolleginnen in den Krankenhäusern voraus haben, ist die Ganzheitlichkeit ihrer täglichen Berufspraxis. Gemeint ist die Betreuung der Frau nicht nur in den Monaten der Schwangerschaft, sondern auch unter der Geburt, während des Wochenbetts und in der Nachsorge. Das ist keineswegs nur romantische Folklore. Dafür gibt es gute medizinische Gründe. Rita Hülsmann, die vor ihrem Schritt in die Freiberuflichkeit in der Hebammenschule Hamburg und davor in der Geburtsabteilung des Universitätsklinikums arbeitete, kennt sie. Komme es zu Komplikationen, müsse eine Hebamme sofort handeln. „In dieser Situation die Symptome richtig deuten zu können“, so ihre Erfahrungen, „gelingt viel besser, wenn ich die Schwangere bereits aus der Vorbereitung kenne, als wenn ich sie im Kreißsaal zum ersten Mal sehe.“ Für die nachgeburtliche Betreuung gilt das Gleiche. Und im Übrigen sei Vertrauen eine Währung, die in der Betreuung von Schwangeren, besonders natürlich unter der Geburt, durch nichts zu ersetzen sei.

Ohne Hebammen geht nichts

Yvonne Bovermann vom Deutschen Hebammenverband (Foto: privat)

Auch Yvonne Bovermann erachtet das heute weit verbreitete, wie sie es nennt, fraktionierte Arbeiten in der Geburtshilfe für überaus problematisch. Doch lasten die Sparzwänge schwer auf den Kliniken, von denen im Übrigen nicht wenige zu geringe Fallzahlen erreichen, um betriebswirtschaftlich eine schwarze Null schreiben zu können. Daneben zählen die Geburtshilfeabteilungen per se nicht zu den Gewinnbringern. Viele Kliniken haben sie deshalb geschlossen. Im Zeitraum der letzten 25 Jahren sind von ehemals 1.200 Krankenhäusern mit Geburtshilfe noch gerade einmal 700 übrig geblieben. Genauso bemerkenswert, drei Viertel der dort tätigen Hebammen arbeiten inzwischen in Teilzeit oder sind nur geringfügig beschäftigt. 1990 war es erst eine von dreien. Die immer längeren Wege der Gebärenden in die Kreißsäle sind gleichsam Symbol für die wachsende Distanz im Verhältnis der Hebammen zu den Schwangeren. Noch verhallt die Kritik beider an dem Versuch, die Abläufe rund um die Geburt industriemäßig organisieren zu wollen, ungehört.

Doch wird die Kritik zahlreicher und lauter. Nahezu jede dritte der zuletzt 737.575 Geburten war eine Kaiserschnittgeburt. Jede vierte Geburt wird medikamentös eingeleitet. Insider bezeichnen Kreißsäle deshalb spöttisch auch als Legehennenbatterien. Gewiss steigen das Alter der Erstgebärenden und damit das objektive Erfordernis für solche Eingriffe. Jede vierte Gebärende ist inzwischen älter als 35. Oft aber sei es einfach nur ein Zeitproblem, sagen erfahrene Hebammen. Denn in den allermeisten Fällen gelinge eine Geburt mit der nötigen Geduld auch ohne jegliches Zutun. Bloß eben ist Zeit für die Krankenhäuser bares Geld wert. Was die Gelegenheit bietet, auf das Verhältnis der Hebamme zum Arzt als einen weiteren wichtigen Aspekt des Hebammenberufes hinzuweisen. Zwar ist eine Geburt ohne Arzt zulässig. Eine Hebamme aber muss stets zugegen sein, ebenso wie die Zuständigkeit für die Physiologie allein bei ihr liegt. Daraus auf ein Verhältnis zwischen gleichberechtigten Partnern zu schließen, wäre freilich ein Trugschluss.

Mangelnde gesellschaftliche Anerkennung

Der Kaiserschnitt ist Sache des Arztes – Eine Hebamme ist aber auch hier immer dabei (Foto: Wikimedia/MediaJet)

„Erscheint ein Arzt im Kreißsaal“, beobachtet Rita Hülsmann, „tritt die Hebamme stets und meistens sogar unaufgefordert ins zweite Glied und lässt sich auf die pflegerischen Tätigkeiten reduzieren.“In der Berufshierarchie steht der Arzt also noch immer ganz oben. Sichtbares Zeichen dafür, die Leitung deutscher Kreißsäle liegt, anders als etwa in Skandinavien, landauf landab überwiegend in ärztlichen Händen. Die einzige Ausnahme bilden die sogenannten Hebammenkreißsäle (HKS). Sie liegen als Alternative Wand an Wand neben den konventionellen Kreißsälen, aber werden von Hebammen geleitet. Für die Gebärenden bieten sie eine 1:1 Betreuung. Kommt es zu Komplikationen, erfolgt die unproblematische Überleitung in die herkömmlichen Strukturen sowie die Hinzuziehung eines Arztes. Allerdings ist ihre Zahl mit lediglich 17 kaum der Erwähnung wert. Was den Frauen gut tut, rechnet sich für die Kliniken leider nicht. Schließlich müssen sie die Planstellen der HKS dem Budget der normalen Kreißsäle entziehen.

Vor ähnlichen Problemen stehen die Geburtshäuser. Auch ihre Zahl sinkt. Von 128 im Jahr 2012  sind aktuell nur 116 übrig geblieben. Wohl garantiert das Sozialgesetzbuch V allen Frauen die freie Wahl des Geburtsortes. Aber gerade einmal 1,5 Prozent entscheiden sich für eine Hausgeburt oder eine Geburt mit einer Hebamme in einem Geburtshaus. Die Lage da wie dort könnte sich weiter verschärfen. Immerhin gilt seit Jahresbeginn eine neue Vorschrift. Beleghebammen, die freiberuflich in einem Kreißsaal tätig werden, dürfen nur noch zwei Frauen parallel betreuen. Wie der dadurch entstehende Mehrbedarf an ausgebildeten Fachkräften gedeckt werden soll, steht in den Sternen. Der Markt jedenfalls gibt schon jetzt nichts mehr her. Beispiel dafür: Obwohl jede Mutter Anspruch auf eine Hebamme zur nachgeburtlichen Betreuung hat, mündet die Suche zunehmend öfter in völliger Frustration. „In Hamburg“, schätzt Rita Hülsmann, „geht derzeit nahezu jede zweite Frau leer aus.“

Ausbildung im Umbruch

So sehr freute sich die australische Schauspielerin Saskia Burmeister auf ihr erstes Kind (Foto: Wikimedia/Eva Rinaldi)

Wie sehr Image und Reputation dieses Berufes unter miesen Arbeitsbedingungen leiden, zeigt auch ein Blick auf die Bewerberzahlen an den einschlägigen Ausbildungseinrichtungen. Standen die Bewerber noch vor Jahren Schlange um einen Ausbildungsplatz, gestaltet sich die Suche nun bei jedem neuen Aufnahmetermin schwieriger. Und nicht alle Bewerberinnen genügen den Ansprüchen, denn die sind hoch. Die Theorie ist ebenso umfangreich wie anspruchsvoll. Auch die Praxis, insgesamt 3.000 Stunden, fordert dem Nachwuchs alles ab. Schließlich werden die angehenden Hebammen vom ersten Tag ihrer Ausbildung an am Geschehen im Kreißsaal beteiligt, arbeiten sie auf der Kinderintensiv-, Säuglings-, Wochenbett- und Risikoschwangerenstation mit. Bis zur Abschlussprüfung müssen sie 40 Spontangeburten selbst geleitet haben. In den praktischen Ausbildungsabschnitten erleben die angehenden Hebammen allerdings auch die Kehrseite des Berufs. Dann, wenn es zu Frühgeburten und Todesfällen kommt oder der Traum von einem gesunden Kind wegen einer angeborenen Behinderung zerplatzt.

Die schon 1986 erfolgte Öffnung des Berufes für Männer hat keine Steigerung der Bewerberzahlen bewirkt. Ganze vier Entbindungspfleger üben heute den Beruf aus, zwei befinden sich derzeit in der Ausbildung. Dass Yvonne Bovermann statt der Berufsbezeichnung Entbindungspfleger deshalb lieber den Begriff „Männliche Hebamme“ verwendet sähe, ist somit allenfalls eine Randnotiz. Von ungleich größerer Bedeutung sind die Konsequenzen, die sich aus der EU-Verordnung 2013/55/EU ergeben. Die schreibt nämlich allen Mitgliedsländern ins Stammbuch, ab 2016 die Hebammenausbildung auf ein Niveau anzuheben, das einen vorherigen zwölfjährigen Schulbesuch erforderlich macht. Das bedeutet die Verlagerung der Berufsausbildung an Fachhochschulen und damit die Akademisierung des Berufs. Deutschland erhielt für die Umsetzung eine Gnadenfrist bis 2020. Dass eine Unachtsamkeit deutscher ministerialer Beamter die Anerkennung derer gefährdet, die in den Jahren zwischen 2016 und 2020 eine Ausbildung in der bisher gültigen Form begonnen haben, sei hier nur am Rande vermerkt.

Das eigene Tun reflektieren

Die Stillberatung ist eine wichtige Aufgabe für Hebammen (Foto: Wikimedia/Petr Kratochvil)

Studienmöglichkeiten Hebammenkunde, Geburtshilfe oder Midwifery (Hebammenwissenschaft) gibt es bereits seit längerem. Praktiziert werden gegenwärtig drei Modelle. Das erste ist das Studium nach Abschluss einer einschlägigen Ausbildung, von der die Hochschulen Teile auf das Studium anerkennen. Das zweite kombiniert das Studium mit der konventionellen Ausbildung an einer Hebammenschule und verleiht beide Abschlüsse. Das dritte Modell eines grundständigen Studiums nutzt eine Modellklausel im Berufsgesetz, nach der auch Hebammen, die nur an einer Hochschule eingeschrieben sind, zur staatlichen Prüfung und anschließend zum Beruf zugelassen werden müssen. Für den Deutschen Hebammenverband, bedeutet Yvonne Bovermann, ist letzteres das Modell der Zukunft, vorausgesetzt es gelingt, das bisherige Niveau der praktischen Handlungskompetenzen aufrecht zu erhalten. Was dann aus den bisherigen schulischen Ausbildungseinrichtungen wird, vermag momentan niemand vorherzusagen. Ebenso, ob die Akademisierung der Ausbildung zu einer Entspannung der Fachkräftesituation führen wird. Solange die Höherqualifizierung nicht gleichzeitig zu einer Anhebung der Gehälter führt, scheint Skepsis immerhin angebracht.

Eher schon dürfte die Akademisierung die fachliche Stellung der Hebammen in der beruflichen Hierarchie eines Krankenhauses verbessern helfen und sie langfristig auf gleiche Augenhöhe zu den Ärzten bringen. Während die Anbieter grundständiger Studiengänge nun auch die Verantwortung für die Fachtheorie übernehmen (müssen), fokussieren sich die übrigen Hochschulen auf grundlegende wissenschaftsmethodische Aspekte. „Unser Ziel ist die Ausbildung reflektierter Praktikerinnen“, formuliert es die Osnabrücker Professorin und Studiengangsleiterin Claudia Hellmers. Ihre Hochschule besitzt mit dem Studiengang Midwifery (Hebammenwissenschaft) die längste Erfahrung in der akademischen Ausbildung von Hebammen. Hellmers ist überzeugt, dass die Fähigkeit zur Reflexion und zur Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis die Berufskompetenz von Hebammen signifikant stärkt. Und das nicht allein nur bei der von Schwangeren immer öfter nachgefragten Interpretation ärztlicher Informationen und Diagnosen.

Von der Einzelkämpferin zum Teamplayer

Claudia Hellmers – Professorin und Studiengangleiterin Midwifery an der Hochschule Osnabrück (Foto: HS Osnabrück)

Tatsächlich zeichnet sich die Tätigkeit von Hebammen durch ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Verantwortung aus. Deshalb müssen Hebammen als Weiteres lernen, sorgsam mit der Macht umzugehen, die sie kraft ihrer Stellung als Hebamme im Kreißsaal besitzen. „Wir dürfen nie vergessen“, weist Rita Hülsmann auf einen zentralen Punkt, „dass im Kreißsaal stets die Gebärende die Hauptperson ist, nicht die Hebamme.“ So bedürfen denn Hebammen in immer stärkerem Maße der Fähigkeit, ihre Beziehung zur Schwangeren professionell gestalten zu können, muss es ihnen gelingen, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu wahren. „Bei aller Empathie“, erklärt die Osnabrücker Professorin Hellmers, „können wir nie zu persönlichen Freunden der Familie werden.“ Das eigene Tun immer wieder neu zu reflektieren, sollte Hebammen in Fleisch und Blut übergehen. Das gilt in besonderer Weise für Berufsanfängerinnen. Immerhin stehen sie häufig Frauen gegenüber, die älter sind als sie selbst und teilweise bereits Geburtserfahrungen besitzen.

Hebammen, die sich für den Beruf erst nach einer Ausbildung in der Krankenpflege entschieden und deshalb die Ausbildungszeit um ein Jahr verkürzen können, verfügen an dieser Stelle zweifelsohne über einen Erfahrungsvorsprung. „Am Ende aber zählt nur die Persönlichkeit“, ist Rita Hülsmann überzeugt. Und die sollte sich durch eine gute Kommunikationsfähigkeit und den Willen zur Teamarbeit auszeichnen. Die Tage der Hebamme als Einzelkämpferin sind gezählt. Die Zukunft gehört Gemeinschaftspraxen und auch die Wochenbettbetreuung könnte wirtschaftlicher Überlegungen wegen zunehmend in Hebammenambulatorien verlagert werden. Zum guten Schluss noch eines. Hebammen sollten das, was sie täglich tun, von ganzem Herzen lieben. Denn eine Karriere im klassischen Sinn gibt es für sie kaum. Die Funktion der leitenden Hebamme, ein Wechsel in die Pflegedienstleitung oder eine Lehrtätigkeit, mehr bietet sich außer dem Schritt in die Selbständigkeit mit allen Gestaltungsspielräumen nicht an. Der Übergang in eine wissenschaftliche Laufbahn wird nach dem nun möglichen Erwerb eines Masters und der Promotion vermehrt zu einer Option werden, aber doch Einzelnen vorbehalten bleiben.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand:15.12.2017; Quelle: Deutscher Hebammenverband DHV)

Berufstätige: ca. 23.000 (2015)

  • 10.919 Hebammen erbringen in Krankenhäusern Geburtshilfeleistungen. Davon sind 9.081 fest angestellt und 1.838 Belegkräfte. Einige fest angestellte Hebammen bieten Leistungen für Schwangere, Gebärende und junge Mütter zusätzlich auch freiberuflich an.
  • Von den in Krankenhäusern tätigen Hebammen arbeiten 73% in Teilzeit oder sind geringfügig beschäftigt (Zum Vergleich: 1991 waren es nur 29%).
  • 60% aller berufstätigen Hebammen arbeiten freiberuflich.
  • Von den freiberuflich tätigen Hebammen erbringen lediglich 21%-25% Geburtshilfeleistungen. Die übrigen freiberuflich tätigen Hebammen beschränken sich auf Leistungen in der Vorsorge sowie der Wochenbettbetreuung und/oder Nachsorge.

Altersstruktur berufstätiger Hebammen:  keine Angaben verfügbar.

Arbeitslose Hebammen: keine Angaben verfügbar.

Einkommen:

(In Kliniken) angestellte Hebammen: Einstiegsgehalt (brutto nach TVöD P8) 2.796,54 €.

Freiberuflich tätige Hebammen erhalten:

  • für eine sechs Stunden dauernde Geburt im Krankenhaus 372,69 €
  • für eine Geburt im Geburtshaus 526,38 €
  • für eine Geburt im häuslichen Umfeld 638,75 €
  • für eine Vorsorgeuntersuchung 30,92 €
  • für einen Wochenbettbesuch 38,46 €

Ausbildungsmöglichkeiten: Eine Ausbildung zur Hebamme kann derzeit an 61 schulischen Ausbildungseinrichtungen aufgenommen werden. Eine Aufstellung dieser Ausbildungsmöglichkeiten findet sich unter: https://www.hebammenverband.de/beruf-hebamme/ausbildung/hebammenschulen/.

Studienmöglichkeiten:

Die überwiegende Zahl von Hochschulen bietet das Studium Hebammenkunde/Geburtshilfe in ausbildungsintegrierter dualer Form an. Die Ausbildung an einer Hebammenschule und das Studium an der Hochschule werden also parallel absolviert. Nur wenige Hochschulen nutzen eine Modellklausel des überarbeiteten Berufsgesetzes und bieten das Studium in grundständiger Form ohne parallele Ausbildung an. Ebenfalls wenige Hochschulen setzen für Studienanfänger eine abgeschlossene Ausbildung zur Hebamme als Zulassungsvoraussetzung voraus. Einige Hochschulen wiederum bieten Hebammen mit Berufspraxis den Einstieg in ein höheres Fachsemester an. Eine Übersicht der Hochschulen findet sich unter: https://www.hebammenverband.de/beruf-hebamme/studium/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&g=0&t=1520176032&hash=4afa07cab51419025e8d3c1c37626f1103eaafb4&file=/fileadmin/user_upload/pdf/Aktuelles/Beschreibung_Studienprogramme-Hebammen-Deutschland-Bachelor_150706.pdf

Weiterbildung:

  • Hebammen sind durch das Berufsgesetz zur Fortbildung verpflichtet. Sofern die einzelnen Bundesländer nicht davon abweichende Regelungen getroffen haben, müssen Hebammen innerhalb von drei Jahren 40 Stunden Fortbildung nachweisen.
  • Die Universität Halle/Wittenberg, die Medizinische Hochschule Hannover, die Hochschule für Gesundheit Bochum und die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg bieten Hebammen mit Bachelorabschluss die Möglichkeit eines Masterstudiums.

Weiterführende Informationen:

 

 Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.

 

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie dem Autor eine Mail: info@berufsreport.com