Hausarzt – Gesundmacher, Wegweiser, Begleiter, Manager, Unternehmer

Von Hans-Martin Barthold | 15. November 2016

Susanne Schröder (Foto: privat)

Susanne Schröder (Foto: privat)

Hausärzte sind bei Erkrankungen stets die erste Anlaufstation, egal ob Kopfweh, eine Schnittwunde, ein verstauchtes Fußgelenk, Magenschmerzen, Schwindelanfälle, Herzrasen oder auch nur ein simpler Schnupfen. Und für alles erwarten die Patienten eine hilfreiche Therapie, mindestens aber eine klare Diagnose und wenn nicht anders möglich, die Überweisung an den richtigen Spezialisten, in dringenden Fällen auch die Einweisung ins Krankenhaus. Hausärzte sind deshalb von Berufs wegen typische Universalisten. Immer behandeln sie nicht nur einzelne Organe, sondern stets den ganzen Menschen. Das unterscheidet sie von Kardiologen, Gynäkologen, Neurologen, Dermatologen und den Kollegen sämtlicher anderer ärztlicher Fachgebiete (Zur Tätigkeit von Krankenhausärzten siehe den Beitrag: „Arzt – Heilen im Spannungsfeld von Moral und Gewinn“). „Als Hausarzt benötige ich ein breites Wissen und viel Erfahrung aus allen medizinischen Teilbereichen“, beschreibt Susanne Schröder folgerichtig eine der wichtigsten Anforderungen ihres Berufes. Und weil Hausärzte immer im unmittelbaren Patientenkontakt stehen, geht nichts ohne ein gerüttelt Maß an Einfühlungsvermögen. In jedem Augenblick sollte der Patient spüren, wie sehr ihm der Arzt zugewandt und kein bloßer Handwerker ist.

Doch gilt das nicht nur für Susanne Schröder. Die Mutter von drei Kindern ist Allgemeinmedizinerin und arbeitet halbtags als angestellte Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis in Goslar. Nein, es betrifft alle Hausärzte. Über 54.000 davon wies die Statistik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zuletzt aus. Damit sind sie die größte ärztliche Fachgruppe. Nahezu jeder sechste Arzt hat sich für dieses Fachgebiet entschieden. Nicht wenige sehen in der Allgemeinmedizin die Krönung ihres Faches. So vielfältig wie die Erkrankungen ihrer Patienten, so hoch die fachlichen Anforderungen an jeden von ihnen. Als Hausarzt können neben Allgemeinmedizinern auch Internisten zugelassen werden. Zwar sind viele Diagnosen eine Routineangelegenheit. Doch darf einem Hausarzt unter hundert hustenden Patienten der nicht entgehen, bei dem sich hinter dem Husten ein Lungenkrebs verbirgt. „Unsere Aufgabe ist es, die unterschiedlichen und nicht immer eindeutigen Symptome der Patienten in die richtigen Zusammenhänge einzuordnen“, beschreibt Susanne Schröder die tägliche Herausforderung eines Allgemeinmediziners.

Die Patientenversteher

Die Hausärztin bittet in den Behandlungsraum (Foto: flickr/Techniker Krankenkasse

Die Hausärztin bittet in den Behandlungsraum (Foto: flickr/Techniker Krankenkasse)

Die hat freilich noch ganz andere Seiten. Klaus Arnscheidt ist Teilhaber einer Gemeinschaftspraxis im ländlich geprägten Bad Münder. An normalen Arbeitstagen behandelt er meist 50 Patienten, manchmal auch mehr, darunter Produktionsarbeiter, Geschäftsführer, Jugendliche, Rentner, Frauen, Männer und Kinder, Menschen mit Bagatellerkrankungen, aber auch solche mit chronischen Beschwerden, einige mit nur noch geringen Heilungschancen. Die Fachleute sprechen von einem unselektierten Patientenaufkommen. Das heißt, 50 Mal volle Konzentration. Fachärzte haben dagegen einen anderen Fokus. Ihre Patienten kommen entweder per Überweisung und einem Diagnosehinweis oder haben bereits eine ausführliche Behandlungsakte. Klaus Arnscheidt aber muss auf alles gefasst sein, 50 Mal jeden Tag, fünf Mal die Woche. „An manchen Abenden“, erzählt er, „mag ich einfach nicht mehr reden.“ Seine Familie kennt das. Christian Wichers, niedergelassener Hausarzt in einer Einzelpraxis mitten im Zentrum Hannovers, geht es oft ähnlich. Er klagt zusätzlich über den hohen Zeitdruck, unter dem Patientengespräche geführt werden müssen.

Wichers weiß, dass die Sprechstundensituation für zahlreiche Menschen ungewohnt und deswegen gar nicht selten mit großem Stress verbunden ist. Oft verlieren sich seine Besucher in eher unbedeutenden Details und haben Mühe, konzentriert auf den Punkt zu kommen. „Da muss ich mich manchmal zum geduldigen Zuhören zwingen“, gibt er zu. Gleichwohl hat Christian Wichers Verständnis für die Aufregung seiner Patienten. Im Behandlungszimmer vor dem Arzt zu sitzen, erleben alle als Ausnahmesituation. Nur eben ist das Anamnesegespräch für jeden Hausarzt unverzichtbares Instrument zur Formulierung einer zutreffenden Diagnose. Allein das Gespräch eröffnet ihm die unbedingt nötigen Informationen über die Lebensverhältnisse des Patienten. Nicht selten nämlich verstecken sich hinter dem Behandlungsanlass, also den physischen Symptomen, psychosomatische Ursachen. In 90 Prozent der Fälle, ist Christian Wichers überzeugt, biete ihm schon das Anamnesegespräch maßgebliche Anhaltspunkte für die richtige medizinische Schlussfolgerung.

Vor dem Heilen kommt das Zuhören

Pressefoto der Techniker Hausarzt führen täglich viele Patientengespräche (Foto: flickr/TechnikerKrankenkasse)

Pressefoto der Techniker Hausarzt führen täglich viele Patientengespräche (Foto: flickr/TechnikerKrankenkasse)

„Hausärzte“, bestätigt Susanne Schröder, „müssen zuhören können und lernen, zielgenau zu fragen.“ Zur Bewertung der jeweiligen Patienteninformationen müssten sie darüber hinaus die Kunst beherrschen, dessen Persönlichkeit schnell und zutreffend einzuschätzen. Wie authentisch und wie präzise sind seine Angaben zu den körperlichen Symptomen? Beschränkt sich der Patient auf die Beschreibung des Tatbestandes oder ist das Gesagte bereits eigene Interpretation? Christian Wichers weist auf einen weiteren Aspekt seines Berufes. Könne der Orthopäde das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks mit der Kenntnis schon vieler gleicher Operationen stringent planen, stehe er dem Patienten als Hausarzt beim ersten Kontakt unvorbereitet gegenüber und müsse deshalb spontan entscheiden, oft sogar „um die Ecke“ denken. Trotz modernster Medizintechnik bleibe ärztliche Intuition im Beruf des Hausarztes deshalb unverzichtbar. Gemeint ist damit die Fähigkeit, Symptome aus naturwissenschaftlichem Wissen und im Spiegel beruflicher Erfahrungen zutreffend deuten zu können, um anschließend die beste Behandlungsstrategie zu finden.

Damit bewegen sich Hausärzte gar nicht selten in einem Grenzbereich. Schließlich hat es die Medizin nicht mit einem unbelebten Gegenstand, sondern stets mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun. Die Wirkung weicher Faktoren wie Vertrauen und Willensstärke lässt sich deshalb nur schwer quantifizieren. Nicht umsonst spricht der Volksmund von „Heilkunst“. Doch geht es in vielen Fällen nicht allein um die richtige Diagnose und Therapie. „Ich muss stets auch den abwendbar gefährlichen Verlauf der Erkrankung einschätzen“, gibt Klaus Arnscheidt zu bedenken. Was nichts anderes heißt, als rechtzeitig zu entscheiden, wie schnell und an welchen Facharzt er den Patienten weiterleiten muss. Bei einer zunehmenden Zahl multimorbider, also an mehreren Krankheiten gleichzeitig leidender Patienten ist das nicht selten ein Drahtseilakt. Denn auch in den Therapieleitlinien findet sich oft nichts darüber, welche Wechselwirkungen in welchem Stadium des Krankheitsverlaufes entstehen können. Eine immer komplexer werdende Medikation tut ihr Übriges. Entsprechend schwer wiegt die Last der Verantwortung.

Vertrauen gegen Vertrauen

Ärztin bei der Auskultation, das ist das diagnostische Erfassen von Körpergeräuschen über das Ohr (Foto: Wikipedia/Victor Santa Maria)

Ärztin bei der Auskultation, das ist das diagnostische Erfassen von Körpergeräuschen über das Ohr (Foto: Wikipedia/Victor Santa Maria)

Der Eindruck, Hausärzte seien bloß noch Lotsen im Labyrinth des Gesundheitswesens, täuscht allerdings. Im Gegenteil. 80 Prozent der Behandlungsfälle werden nach Aussage des Deutschen Hausärzteverbandes abschließend vom Hausarzt gelöst. Dahinter verbergen sich freilich auch die chronisch kranken Patienten, die der Hausarzt als sogenannter Disease-Manager dauerhaft betreut, und auch solche, über die niemand gerne spricht. Gemeint sind die beim Facharzt „austherapierten“ Patienten, für die der Hausarzt auf einer endlich werdenden Wegstrecke das größtmögliche Maß an Lebensqualität zu erhalten versucht. So sind Hausärzte nicht nur das erste Glied in der Behandlungskette, sondern angesichts einer alternden Gesellschaft immer öfter auch das letzte Glied. „Unsere Arbeit“, formuliert es Susanne Schröder, „findet nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens statt. Als Hausarzt sehe ich auch  eiternde Wunden, Verstümmelungen und Patienten, die sich in ihrem Leid selbst nur noch schwer aushalten können.“ Aber auch Patienten, die nicht wirklich krank sind, höchste Ansprüche haben und dem Arzt sowie den anderen Patienten die Zeit stehlen.

Wer die Rolle des strahlenden Helden anstrebt, sollte den Berufswunsch Hausarzt deshalb besser noch einmal überdenken. Gleichwohl, so versichern Susanne Schröder, Klaus Arnscheidt und Christian Wichers, empfinden sie in ihrer täglichen Arbeit trotz aller Intensität eine tiefe Genugtuung. „Gibt es Schöneres, als etwas Sinnvolles zu tun“, fragt Christian Wichers. Und liefert gleich selbst die Antwort. „Als Hausarzt bewirke ich nicht lediglich etwas. Ich gebe und teile mit dem Patienten.“ Die Geduld der Hoffnung, die Dankbarkeit über das Gesundwerden, manchmal aber wohl auch die ängstliche Verzagtheit, schließlich das getröstete Loslassen. Wie Hausärzten das gelingt? Mit fachlicher Kompetenz und einem Vertrauensverhältnis zu ihren Patienten. Das herzustellen, ist allerdings keineswegs leicht. Immerhin belohnt das Vergütungssystem gesetzlicher und privater Krankenversicherungen eine schnelle Diagnose, wie es umgekehrt den behutsamen Arzt bestraft, der die undifferenzierten Krankheitssymptome nicht vorschnell in einer Diagnose zusammenführen mag.

Riesige Fachkräftenachfrage

Christian Wichers (Foto: privat)

Christian Wichers (Foto: privat)

Zwar ist der Arztberuf ein sogenannter freier Beruf. Doch wird die Freiheit inzwischen von vielen Seiten bedroht. Das beginnt mit der normierenden Wirkung von Behandlungsleitlinien und endet bei gedeckelten Budgets noch lange nicht. In den Verträgen der gesetzlichen Krankenversicherungen mit dem Deutschen Hausärzteverband zur Durchführung der hausarztzentrierten Versorgung wird bis zur Größe der Praxisräume, der Breite der Patientenliege, der Software und den Öffnungszeiten nahezu jedes Detail reglementiert. Über eine große Macht verfügen darüber hinaus die Kassenärztlichen Vereinigungen. Gemeinsam mit den Gesetzlichen Krankenversicherungen entscheiden sie auf der Grundlage der sogenannten Bedarfsplanungsrichtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses als oberstem Beschlussgremium der ärztlichen Selbstverwaltung, in welcher Region die Versorgung ausreichend ist und das unternehmerische Grundrecht zur freien Niederlassung außer Kraft gesetzt wird. Zwar ist die Zahl der für Hausärzte gesperrten Bezirke stark rückläufig. Doch vergrößern sich die Ungleichgewichte zwischen Stadt und Land mit Überschallgeschwindigkeit.

Tatsächlich kommt vor allem auf dem Land ein weißer Fleck zum anderen. Viele Hausärzte, die das Rentenalter erreicht haben, suchen verzweifelt einen Nachfolger und finden keinen. Von den 5.321 Hausarztstellen in Niedersachsen sind schon jetzt 307 unbesetzt. Doch die Entwicklung könnte noch schlimmer werden, denn zwei von drei Hausärzten sind bereits älter als 50. In den übrigen Bundesländern sieht es kaum besser aus. In den Weiten Mecklenburg-Vorpommerns oder Brandenburgs ist der Mangel schon jetzt noch größer. Ohnmächtig müssen Gesundheitspolitiker, Kassen und Ärztevertreter zusehen, wie sich eine noch vor wenigen Jahren gut funktionierende ärztliche Infrastruktur binnen kurzem verflüchtigt. Daran, dass hoch bezahlte McKinsey-Berater vor Jahren den zuständigen Gremien in einer teuren Studie trotz schon deutlicher Warnsignale noch empfahlen, die Zahl der Medizinstudienplätze drastisch zu reduzieren, mag in deren Düsseldorfer Deutschlandzentrale heute niemand gerne mehr erinnert werden.

„Wir sind die Underdogs der Medizin“

Klaus Arnscheidt (Foto: gp-eimbeckhausen)

Klaus Arnscheidt (Foto: gp-eimbeckhausen)

Zwar stieg die Zahl der Facharztanerkennungen für die Allgemeinmedizin im letzten Jahr leicht an. Mit Blick auf die großen Lücken landauf landab aber sind 1.337 Berufsanfänger kaum mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. So werden jetzt alle daran erinnert, dass man Ärzte nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen kann.  Das Studium umfasst sechs Jahre, die Facharztausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin noch einmal fünf. Im Übrigen gibt es knochenharte Zulassungsbeschränkungen. Sechs Bewerber streiten sich derzeit statistisch um einen Studienplatz. „Es dauert lange, bis man ankommt“, beschreibt Susanne Schröder den Ausbildungsmarathon. Im Studium selbst kommt die Allgemeinmedizin trotz einiger Reformen noch immer nicht über ein Nischendasein hinaus. Nach wie vor verfügen lange nicht alle Universitäten über ein Institut oder eine Abteilung für Allgemeinmedizin. Viele halten eine einsame wissenschaftliche Stelle oder gar nur einen Lehrbeauftragten für ausreichend.

Mancher Medizinstudent begegnet während seines gesamten Studiums, das Praktische Jahr eingeschlossen, nicht einem einzigen Hausarzt. „Wir sind noch immer die Underdogs der Medizin“, formuliert es Klaus Arnscheidt. Doch ihn ficht das nicht mehr an. Mit gesundem Selbstbewusstsein weiß er, was er kann. Das ist anders als bei den spezialisierten Fachärzten. Während die sich in die letzten Verästelungen einer Krankheit vertiefen müssen, benötigt er Überblickswissen. Das mag auch die geringere Promotionsrate unter jungen Allgemeinmedizinern erklären. Noch etwas fällt auf. Es ist die Scheu, das unternehmerische Risiko einer Praxisübernahme zu schultern. Bis vor etwa zehn Jahren waren angestellte Hausärzte, wie Susanne Schröder eine ist, seltene Exoten. Heute steigt ihre Zahl. „Auch daran ist zu merken, dass die Medizin weiblicher wird“, glaubt Klaus Arnscheidt. Die Statistik gibt ihm Recht. 67 Prozent aller 2015 neu zugelassenen Hausärzte waren Frauen. Ein Trend, der sich fortsetzen dürfte. Immerhin sind rund zwei Drittel aller Studienanfänger in der Medizin junge Frauen.

Organisatorisches Talent und unternehmerischer Mut

Blutdruck messen – Auch das gehört zum Alltag eines Hausarztes (Foto: Wikipedia/Pia von Lützau)

Blutdruck messen – Auch das gehört zum Alltag eines Hausarztes (Foto: Wikipedia/Pia von Lützau)

Trotz immer wieder öffentlicher Kritik ist die Ausbildungsqualität deutscher Universitäten anerkannt gut. Gleiches gilt für die Facharztausbildung. In der verteilen sich drei Jahre auf die stationäre Basisweiterbildung in einem Krankenhaus und zwei Jahre auf den ambulanten Bereich. Dazu kommt ein 80stündiger Weiterbildungskurs „Psychosomatische Grundversorgung“. Christian Wichers rät allen Medizinabsolventen, die in die Hausarztpraxis streben, in möglichst viele medizinische Bereiche hinein zu schnuppern. „In der Praxis bleibt dafür später keine Zeit mehr“, sind seine Erfahrungen. Deshalb bedauert er den vor kurzem beschlossenen Wegfall der sogenannten kleinen Chirurgie während der Facharztausbildung. „In der Wundversorgung“, weiß er sich mit Susanne Schröder und Klaus Arnscheidt einig, „sind die Kenntnisse daraus ein für Hausärzte wichtiges Handwerkszeug.“ In einer Landarztpraxis mehr noch als im städtischen Raum, ergänzt Klaus Arnscheidt. Bleibt eine Lücke, die weder das Studium  noch die Facharztausbildung schließen. Immerhin aber kann ein Teil der Famulatur in einer Hausarztpraxis abgeleistet werden. Alle Hausarztpraxen sind Kleinunternehmen. Klaus Arnscheidt beschäftigt immerhin 16 Mitarbeiter.

Nicht jeder Hausarzt hat das Glück, wie Christian Wichers vor dem Studium erst eine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen zu haben. Er weiß also, wie man Arbeitsabläufe organisiert und jede Investition einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterzieht. „Dafür bieten sich zwar auch viele Berater an“, beobachtet er, „doch nicht alle halten, was sie versprechen.“ Ein Drittel seiner Arbeitszeit gehe für Dokumentation, Abrechnung, Datensicherung und die Sichtung des Postverkehrs drauf, schätzt Klaus Arnscheidt. Weder das eine noch das andere duldet Aufschub. Auf Laborbefunde und fachärztliche Behandlungsberichte muss er häufig sofort reagieren. Noch etwas. Seit geraumer Zeit drängen mächtige Konkurrenten auf den Markt der Hausärzte. Es sind die großen Klinikkonzerne, die mit Medizinischen Versorgungszentren aggressiv in den Markt drängen, um darüber ihre Operationssäle zu füllen. Hausärzte versuchen mit Gemeinschaftspraxen, auch fachübergreifenden, dagegenzuhalten. Wer das bessere Ende auf seiner Seite haben wird, bleibt spannend zu beobachten.

Gegen die Einsamkeit des Berufes

Eins aber ist bereits jetzt unbestritten. Die Neuentwicklung Medizinischer Versorgungszentren macht es deutlich. Auch die hausärztliche Tätigkeit unterliegt einer zunehmenden Ökonomisierung. Christian Wichers hofft, dass es die Freiheit seines medizinischen Denkens und seiner ärztlichen Entscheidungen nicht über Gebühr einschränkt. Freilich finden sich schon heute die „Verwalter“, wie sie in Kollegenkreisen

In dieser modernen Praxis arbeitet Klaus Arnscheidt (Foto: gp-eimbeckhausen)

In dieser modernen Praxis arbeitet Klaus Arnscheidt (Foto: gp-eimbeckhausen)

genannt werden, Hausärzte also, die ob der Rahmenbedingungen resigniert haben. Die nur noch die Medikation des Facharztkollegen weiterführen und die Arbeitsunfähigkeit bescheinigen. Patienten kennen das. Was sich hieran auch noch zeigt, ist die Einsamkeit eines Berufes, der doch wie kaum ein anderer von der Kommunikation lebt. Der Praxisalltag, wissen alle Hausärzte, lässt nur wenig Zeit zum kollegialen Austausch. Es gilt: ein Arzt, eine Entscheidung. Manch einer ist dann versucht, die Einsamkeit mit noch mehr Arbeit zu bekämpfen. Doch beginnen Hausärzte zu begreifen, für ihre Arbeit eine Organisationsform finden zu müssen, in der sie wenigstens zeitweilig ersetzbar sind. Immer öfter entscheiden sich junge Hausärzte deshalb für Gemeinschaftspraxen oder Ärztenetze. Ruhephasen verleihen der Motivation schließlich wieder neue Flügel.

 


Daten, Fakten & Links
(Stand: 31.12.2015; Quellen: Kassenärztliche Bundesvereinigung und Bundesärztekammer)

Berufstätige Hausärzte: 54.094 (Frauenanteil: 43 %). Davon sind:

  • 34.893 Fachärzte für Allgemeinmedizin (Frauenanteil: 44 %)
  • 14.061 hausärztlich zugelassene Internisten (Frauenanteil: 38 %)
  • Selbständige Hausärzte (sogenannte Vertragsätzte): 46.593 (Frauenanteil: 39 %)
  • Angestellte Hausärzte: 7.427 (Frauenanteil: 66 %)

Altersstruktur berufstätiger Hausärzte:  

  • bis 34 Jahre: 0,7 %
  • 35 – 39 Jahre: 4,3 %
  • 40 – 49 Jahre: 23,6 %
  • 50 – 59 Jahre: 38,5 %
  • 60 – 65 Jahre: 20,9 %
  • über 65 Jahre: 12,0 %

Arbeitslose Ärzte insgesamt: 197

Hausärzte und unbesetzte Hausarztstellen (in Klammern):

  • Baden Württemberg: 7.082 (396)
  • Bayern: 9.115 (134)
  • Berlin: 2.518 (0)
  • Brandenburg: 1.579 (128)
  • Bremen: 445 (11)
  • Hamburg (1.337 (0)
  • Hessen: 3.997 (112)
  • Mecklenburg-Vorpommern: 1.155 (117)
  • Niedersachsen: 5.014 (307)
  • Nordrhein: 6.199 (68)
  • Rheinland-Pfalz: 2.692 (93)
  • Saarland: 662 (25)
  • Sachsen: 2.704 (202)
  • Sachsen-Anhalt: 1.446 (142)
  • Schleswig-Holstein: 1.819 (22)
  • Thüringen: 1.449 (56)
  • Westfalen-Lippe: 4.881 (315)

Einkommen: 80.730 Euro (Quelle: OECD). Im Jahr 2011 erzielten die Hausärzte einen durchschnittlichen Honorarumsatz von 198.000 Euro. Der darauf entfallende Kostenanteil betrug knapp 52 %. Neuere Zahlen liegen derzeit nicht vor.

Studienmöglichkeiten Medizin: www.hochschulkompass.de ;

Informationen über Fördermöglichkeiten für Studierende der Medizin mit Berufsziel Hausarzt sowie approbierte Ärzte für die Eröffnung oder Übernahme einer Hausarztpraxis: Fördermöglichkeiten für Studium und Niederlassung

Weiterführende Informationen:

Hausarzt werden

und

Medizinstudium

und

Zahlen zum Beruf

und

Der Weg in die eigene Praxis

 

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